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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Dornrosis und die Hecken
Eingestellt am 16. 07. 2003 17:08


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Dornrosis
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Dornrosis und die Hecken

Dornrosis und die Hecken

Dornrosis war im besten Alter, weder zu jung noch alt. Den ganzen Morgen war sie mit dem Zug durch dichten Nebel gefahren, um schlie├člich ihr Schiff zu besteigen. Auf dem Schiff angekommen, blieb sie lange an der Reeling stehen und lie├č sich den Wind um die Nase wehen. Endlich konnte sie wieder tief durch atmen. Am Horizont versuchte die Sonne sich einen Weg durch den sich lichtenden Nebel zu bahnen. Dornrosis genoss den Geruch des Meeres, den Wind auf ihrer Haut und das Gel├Ąchter der M├Âwen. Schon bald w├╝rde sie ihre Insel erreichen. Die kleine blaue Fischerh├╝tte wartete auf sie.

F├╝r ein paar Wochen wollte sie der Hektik des st├Ądtischen Alltags mit seinen st├Ąndig aufeinander folgenden Terminen und Verpflichtungen entfliehen. Lange Spazierg├Ąnge am Strand warteten auf sie. Endlich konnte sie ihren Gedanken freien Lauf lassen, die normalerweise wie aufgeregte Spatzen immer wieder vertrieben werden mussten, um den t├Ąglichen Ablauf der zu erledigenden Dinge nicht zu st├Âren. Fern vom Alltag durften sie ihren Platz behaupten, sich breit machen, laut und geh├Ârt werden. In ein paar Tagen w├╝rde ihr M├Ąrchenprinz zur Insel folgen. Auch darauf freute sie sich. Es war nun schon viele Jahre her, dass er sie aus ihrem Dornr├Âschenschlaf geweckt hatte.

Die Kinder waren inzwischen gro├č, lebten ihr eigenes Leben. Trotzdem war Dornrosis Leben nicht ruhiger geworden. Sie hatte eine interessante, vielseitige Arbeit und immer noch den Kopf voller Ideen, die ungeduldig darauf warteten, verwirklicht zu werden.
Manchmal fragte sie sich, wie sie all das in den verbleibenden Lebensjahren noch verwirklichen wollte. Es war an der Zeit, genau hinzuschauen. Was war ihr besonders wichtig?

Auf der Insel war es einsam. Ihre Fischerh├╝tte lag abseits vom Dorf nah bei den D├╝nen. Von den Fenstern auf der Gartenseite konnte Dornrosis ├╝ber die D├╝nen hinaus auf das sich st├Ąndig ver├Ąndernde Meer schauen.

Seitw├Ąrts des kleinen Gartens ├Âffnete sich eine blauget├╝nchte T├╝r hin zu einem schmalen Weg, der zum Strand f├╝hrte.Dornrosis konnte in Gedanken schon den nassen Sand unter ihren F├╝├čen sp├╝ren. Sie w├╝rde den M├Âwen zuschauen, die Ruhe des weiten Horizonts genie├čen und Strandgut sammeln.

Der kleine verwilderte Garten war von einer aus einheimischen B├╝schen bestehenden Hecke umgeben. In einer Ecke bildeten ein Holzapfelbaum und Holunderb├╝sche eine nat├╝rliche Laube, unter der eine alte Holzbank stand. Die gr├╝ne Farbe bl├Ątterte langsam ab. Es war ein zauberhafter Platz an dem man, gutgesch├╝tzt gegen den st├Ąndig vom Meer her blasenden Wind, warme Sommerabende verbringen konnte.

Trat sie aus der Haust├╝r schaute sie auf eine sich in die Ferne windende Steinmauer.
Wenn sie es sich richtig ├╝berlegte, war die Fischerh├╝tte am Meer durchaus mit dem ÔÇ×M├ĄrchenschlossÔÇť ihrer Kindertage zu vergleichen. Damals, erinnerte sie sich, hatte die dichte Dornenhecke den Zugang zur Au├čenwelt verwehrt. Wie eingeengt hatte sie dort vor sich hingelebt, voller Wut und Zorn war sie gewesen, weil es ihr nicht gelingen wollte die Hecke zu durchdringen. Den Menschen um sie herum hatte sie mit ihrer ├ťbellaunigkeit heftig zugesetzt. Jung wie sie war, wusste sie nicht wohin mit all ihre Energie. Und sie war neugierig und voller Lebenslust auf all das was sich hinter der
Hecke abspielte. St├Ąndig suchte sie in rastlosem Eifer nach einer L├╝cke in der Hecke, durch die sie wenigstens einen Blick auf das ihr Verborgene erhaschen konnte.

Als sie eines Tages endlich eine L├╝cke in der Hecke entdeckte, sp├Ąhte sie vorsichtig hindurch. Das was sie sah bereitete ihr zwiesp├Ąltige Gef├╝hle: Einerseits zog es sie magisch an, andererseits machte das viele Neue ihr Angst. Sie steckte einen Finger durch die Hecke; es f├╝hlte sich merkw├╝rdig an. Sie hatte noch nie etwas Derartiges gef├╝hlt. Ein kleiner Schmerz durchzuckte sie, als sie den Finger zur├╝ckziehen wollte. Sie hatte sich an einem Dorn gestochen. Dornrosis leckte das warme Blut von ihrem Finger und beschloss, abzuwarten. Von diesem Tag an war das Leben im M├ĄrchenschlossÔÇť einfacher. Sie f├╝hlte sich nicht mehr so eingesperrt. Immer wenn sie voller Unrast war, ging sie zum Ausguck in der Hecke und schaute hinaus. Gleichzeitig schmiedete sie Pl├Ąne. Sie suchte nach geeigneten Werkzeugen, um das Loch in der Hecke zu vergr├Â├čern und von Dornen zu befreien. Was sie durch ihr Guckloch zur Welt beobachtete, machte ihr mit der Zeit immer weniger Angst.

Und eines Tages war es so weit: Das Loch war nun gro├č genug, um hindurch zu schl├╝pfen, alle Dornen waren beseitigt und ihre Angst war verschwunden. Sie wagte es und kroch hinaus. Auf der anderen Seite streckte und reckte sie sich. Wie ein Schmetterling war sie zur rechten Zeit aus ihrem Kokon geschl├╝pft.
Ein Gef├╝hl von Freiheit machte sich in ihr breit. Ein Schwindel erfasste sie, als sie an die unendlichen M├Âglichkeiten dachte, die von nun an offen stehen w├╝rden. Noch ahnte sie nicht, dass sie in ihrem Leben noch viele ÔÇ×Dornenhecken" durchdringen w├╝rde, nicht immer ohne Verletzungen.

Das war nun schon lange her. Das Schiff n├Ąherte sich dem kleinen Hafen und legte an. Die Schiffsmannschaft vertaute das Schiff sorgf├Ąltig an den dicken gr├╝nen Hafenpollern. Dornrosis schulterte ihren Rucksack und nahm die Reisetasche in die Hand. Mit den wenigen anderen Passagieren verlie├č sie das Schiff und eilte im zunehmenden Sonnenlicht der H├╝tte zu. Wieder hatte sie dieses unglaubliche Gef├╝hl von Freiheit. Diesmal w├╝rde die Reise nicht in das pralle, ├Ąu├čerlich sichtbare Leben f├╝hren, diesmal sollte es eine Reise nach innen werden. Das Meer umschloss die Insel, wie die Dornenhecke das M├Ąrchenschloss, aber es war ein selbstgew├Ąhlter R├╝ckzug, den sie jeden Tag aufs Neue beenden konnte, denn einmal am Tag kam das Schiff. Noch nie im Leben war Dornrosis allein auf einer Insel und allein in dieser H├╝tte gewesen.

Erst vor wenigen Monaten hatte sie diese H├╝tte gekauft. Ein lang gehegter Wunsch hatte sich damit erf├╝llt. Im letzten Urlaub hatte sie die Insel entdeckt. Auf Streifz├╝gen mit ihrem M├Ąrchenprinzen wurde Dornrosis von der Magie der Insel mit dem unbeschreiblichen Licht verzaubert. Als sie die blaue Fischerh├╝tte entdeckte, war es um sie geschehen. Die H├╝tte schien sie zu rufen und zu locken. Von diesem Augenblick war sie von der Vorstellung besessen, das blaue ÔÇ×RefugiumÔÇť zu besitzen. Es kostete Dornrosis wenig Energie herauszufinden, wem diese H├╝tte geh├Ârte und ob sie zu verkaufen war. Der Besitzer schien froh, das H├Ąuschen zu einem vern├╝nftigen Preis in gute H├Ąnde abzugeben. Es ging alles leicht und der Kaufvertrag war schnell unterschrieben.

Gemeinsam mit ihrem M├Ąrchenprinzen gestaltete sie die H├╝tte wohnlich. Das wenige lebensnotwendige Inventar kaufte sie fast ausschlie├člich auf Flohm├Ąrkten und in Tr├Âdell├Ąden der n├Ąheren Umgebung. Es hatte ihr Spa├č gemacht, die teilweise recht alten, sch├Ân gestalteten Alltagsgegenst├Ąnde in die Hand zu nehmen, mit den H├Ąndlern zu feilschen und sich vorzustellen, wie alle erworbenen Dinge in der Fischerh├╝tte zu einem einheitlichen Ganzen zusammenwachsen w├╝rden. Zum Schluss kaufte sie noch h├╝bsche alte Spitzengardinen und matt gl├Ąnzende Leinenbettw├Ąsche, die sorgf├Ąltig gearbeitet und mit Hohls├Ąumen bestickt war. Ein feiner k├╝hler Duft nach Lavendel erreichte ihre Nase.

Dornrosis hatte getr├Ąumt, wie es sein w├╝rde, allein in der H├╝tte zu leben und Zeit f├╝r innere Reisen zu haben. In ihrem Kopf hatte sie sich bereits eine Liste aller Dinge, die sie tun wollte, zurechtgelegt.

R├╝ckzug brauchte sie dringend. In den letzten Jahren hatte das Leben um sie herum getost, wie die Brandung den Felsen umsp├╝lte. Selten hatte es Augenblicke der Ruhe und Entspannung gegeben. Sie hatte ihr Leben immer als lebendig und voller ├ťberraschungen erlebt und konnte im Gro├čen und Ganzen eine positive Bilanz ziehen.

Jetzt wo die Kinder aus dem Haus waren, wollte sie Dinge tun, f├╝r die sie bisher keine Zeit gefunden hatte. Noch war sie gesund, kr├Ąftig und voller Elan. Aber sie wurde ├Ąlter und es w├╝rde vielleicht nicht immer so bleiben. Die ihr noch verbleibende vitale Zeit wollte sie nutzen, um ihr weiteres Leben zu planen. Es war an der Zeit, ma├čvoll und ruhig in diesen neuen Lebensabschnitt hineinzuwandern und zu genie├čen, was das Leben an sinnlichen Gen├╝ssen zu bieten hatte. Sie wusste, dass sie lernen musste, den Augenblick zu genie├čen, wie man den Biss in den ersten frischgepfl├╝ckten Apfel des Sp├Ątsommers genie├čen konnte.

So sehr sie sich einerseits nach Ruhe und Entspannung sehnte, hatte sie andererseits aber auch Angst vor dieser Ruhe. Es war ein neues Abenteuer, in das sie sich vorsichtig hineintastete. W├╝rde sie Ruhe, Alleinsein und Mu├če aushalten k├Ânnen? Was w├╝rde sie mit sich selbst anfangen k├Ânnen, wenn keinerlei ├Ąu├čere Ereignisse sie zum Agieren auffordern w├╝rden? In ihrem bisherigen Leben waren immer viele Menschen um sie herum gewesen, die ihr als Spiegel dienten und mit denen sie einen engen Austausch pflegte. Wie w├╝rde es sein, wenn sie zeitweise nur in ihren eigenen Spiegel schauen konnte?

In der Fischerh├╝tte gab es weder Telefon noch Fernsehen. Auch die t├Ągliche Tageszeitung hatte sie noch nicht abonniert. Lediglich ein altes Radio w├╝rde ihr den Zugang zur Au├čenwelt erm├Âglichen.Nat├╝rlich hatte sie die M├Âglichkeit im nahegelegenen Dorf ihre Eink├Ąufe zu erledigen und im Notfall konnte sie dort ein Telefon benutzen oder einen Arzt aufsuchen. Sicher lie├čen sich mit der Zeit auch Kontakte mit den ├╝brigen Bewohnern der Insel herstellen,
aber das war nicht das Hauptziel ihrer Reise.

Mit Bedacht hatte sie ihr Gep├Ąck gew├Ąhlt: Neben drei neuen B├╝chern hatte sie Schreib- und Malmaterial mitgenommen. Ein Patiencespiel lag zwischen ihrer Kleidung. Die Kamera hatte sie auch nicht vergessen.

Mit zaghaften Schritten n├Ąherte sie sich ihrer H├╝tte. Der Haust├╝rschl├╝ssel lag schwer in der Hand. Nun stand sie vor der T├╝r, steckte ihn ins Schloss; drehte um und betrat durch die blaue T├╝re ihr neues Domizil. In der kleinen Diele stellte sie ihr Gep├Ąck ab, zog die Jacke aus und h├Ąngte sie an die Garderobe. Sie ├Âffnet die T├╝r zur ger├Ąumigen Wohnk├╝che. Ein geheimnisvolles Licht erleuchtete den Raum. Vorsichtig tastete sie sich zum Fenster, zog die Vorh├Ąnge zur Seite und ├Âffnete das Fenster. Vom Fenster aus sah sie die D├╝nen und dahinter das weite Meer. Ein Schiff schaukelte ├╝ber die Wellen. Sie atmete tief durch und ein angenehmes, behagliches Gef├╝hl durchstr├Âmte ihren K├Ârper.

Sie war angekommen. Die Reise zu sich selbst konnte beginnen.

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Rainer
???
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hallo dornrosis,

dein text gef├Ąllt mir ausnehmend gut, da steht der sommer doch gleich im raum (auch wenn das nicht dein thema ist).
du verwendest sch├Âne und einfache bilder, vielleicht auch deswegen von mir als sommerlekt├╝re empfunden.

drei kleinigkeiten:
reeling mit doppel-e,

"...dass er sie aus ihrem Dornr├Âschenschlaf geweckt wurde..",

"Seitw├Ąrts des kleinen Gartens f├╝hrte die Gartent├╝r auf einen Weg, der sie in k├╝rzester Zeit zum Strand brachte."

eine etwas schr├Ąge formulierung. mal abgesehen von der dopplung "garten"; es wird klar, was du ausdr├╝cken willst, aber bei mir war der zweite satzteil eine stolperstelle.
der weg BRINGT sie nicht an den strand (das machen ihre f├╝├če und beine), sondern f├╝r meine begriffe F├ťHRT der weg z.b. an den strand.

was mir beim lesen noch aufgefallen ist:
die zeitkonstruktion ist etwas ungl├╝cklich. es wird am anfang nicht klar, da├č sie sich erinnert. das solltest du vielleicht in einem nebensatz erw├Ąhnen. ich war jedenfallls sehr ├╝berrascht, als sie sich pl├Âtzlich wieder auf dem schiff befand.


trotzdem, ein sch├Âner text, den ich gern gelesen habe.

gr├╝├če

rainer
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ist meine, und damit nur EINE Meinung

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Dornrosis
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Dornrosis und die Hecken

Hallo Rainer,

Danke f├╝r deine Antwort.
Die Hinweise sind berechtigt und ich werde die Kurzgeschichte unter Ber├╝cksichtigung der Hinweise ├╝berarbeiten.

Ich w├╝nsche dir noch einen wundersch├Ânen Sommertag, Gru├č DORNROSIS

P.S. Kann ich meinen Text oben ver├Ąndern, und wie muss ich das machen?

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Rainer
???
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hallo dornrosis,

da es sich um kleinigkeiten handelt, kannst du ruhig den originaltext ver├Ąndern (mit dem edit/delete-button unter deinem text).
wenn, bei einem anderen text, gr├Â├čere ├Ąnderungen notwendig sind ist es meines erachtens nach besser, den ├╝berarbeiteten text als antwort zu posten. das macht den thread nachvollziehbarer. oder, das original wird von dir gel├Âscht, und die ├╝berarbeitete version als neues thema ver├Âffentlicht.


viele gr├╝├če

rainer
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Dornrosis
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Dornrosis und die Hecken

Danke, Rainer f├╝r die schnelle Antwort. Das hilft mir Neuling in der LL, mich besser zurechtzufinden.
Gru├č DORNROSIS

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