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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Doro
Eingestellt am 24. 06. 2009 21:13


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raggedy
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Doro

Doro und ich saßen jahrelang nebeneinander: dritte Bank, Fensterreihe. Die Kleopatraaugen malte sie sich mit schwarzem Kajalstift und fetter Wimperntusche. Aber die kastanienbraunen Wuschellocken waren Natur. Ein breiter Schildpattring zog sie straff aus dem Gesicht; vom Hinterkopf aus fielen sie dann ungebĂ€ndigt bis auf Doros Schultern. Das Kinn auf die HĂ€nde gestĂŒtzt, mit dem ĂŒbergeschlagenen Bein wippend, trĂ€umte Doro vor sich hin. Beim Sprechen hielt sie sich an ihrem goldenen AnhĂ€nger fest, einem prallen Herzchen mit funkelndem Strassstein in der Mitte. Im Mini und Rippentop sah sie super aus: Kleine spitze BrĂŒste, lange Beine, hochansetzender runder Po. Ich hĂ€tte wer weiß was getan, um so wie sie auszusehen.
Und dumm war sie auch nicht. Das Abitur hĂ€tte sie locker geschafft, aber ein halbes Jahr vorher wurde sie schwanger und flog von der Schule. FĂŒr mich hieß es pauken bis zum Abi; Doro war erst einmal vergessen. Aber zum Abschlussball luden wir sie ein. Trotz allem. Sie kam aber nicht. Es ging ihr ziemlich schlecht— irgendwas mit den Nieren, glaub’ ich.
Mit Claudia und Ute aus unserer Klasse besuchte ich sie jeden Mittwoch im Krankenhaus. Wir brachten ihr Multivitaminsaft, Bananen und Schmöker. Dann kam ihr Baby zur Welt: tot. Meine Eltern meinten, es sei wohl doch das Beste fĂŒr Doro gewesen, und Mutters Rat, ich solle sie erst einmal in Ruhe lassen, kam wie gerufen. Was tut und sagt man denn in so einer Situation?
Ich rief sie nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus noch ein paar Mal an. Na ja, der Kontakt schlief halt ein. Zog mich alles so runter! Als ich zum Studieren nach Manchester ging, war’s dann ganz aus. Die Idee Doro zu schreiben, hatte ich schon. Aber, wie’s eben so geht 

Ich sah Doro wieder nach meiner RĂŒckkehr aus England bei einem Klassentreffen. Sie hatte eben eine Therapie beendet und wir wollten ihr ‘ne Chance geben. Abgemagert und zitternd saß sie da mit ihrer dicken Schminke. Trank den ganzen Abend nichts als Kaffee und
rauchte eine Camel nach der andern. In der Pause zwischen zwei Zigaretten fingerte sie nervös an ihren Ohrreifen rum. Sie sprach kein Wort. Nur ihre unnatĂŒrlich großen und fiebrigen Augen folgten der Unterhaltung, schauten von Sprecher zu Sprecher.
Wir saßen uns am Tisch gegenĂŒber. Neben ihr saß keiner. Ich ahnte nur zu gut, wie es in ihr aussah. War das ihre Chance? Sich von einer verlassenen Insel von der GrĂ¶ĂŸe eines Stuhlsitzes aus prahlerische Geschichten ĂŒber geplanten Dissertationen und geglĂŒckten Ehen anzuhören?
Ich hÀtte mich zu ihr setzen sollen. Wenigstens ein paar Worte 

Sie trug eine dunkelgrĂŒne Seidenbluse. LangĂ€rmelig – bei fast 30 Grad – und zog stĂ€ndig an der linken Manschette. Dabei wußten es doch alle! Die dunklen Augenringe konnte sie aber nicht verstecken. Komisch sahen die aus: blĂ€ulich-rot, fast lila. Ihre HĂ€nde zitterten stark, und je spĂ€ter es wurde, desto mehr MĂŒhe hatte sie eine Zigarette oder Tasse zum Mund zu fĂŒhren. Einmal fiel die Zigarettenglut ab und brannte ein Loch in die weiße Tischdecke. So gegen halb zehn ging sie, dicke Schweißperlen auf der Stirn und am ganzen Körper zitternd. Den gelben Brandfleck sah man da schon nicht mehr zwischen den braunen Kaffeeflecken und grauen Ascheresten an ihrem Platz. Uns Andern war das furchtbar peinlich.
Im Herbst sah ich sie wieder. In der einen Hand eine Rotweinflasche, in der andern Zigaretten und Feuerzeug. Um zehn Uhr morgens stakste sie auf unsicheren Beinen zwischen
halbverblĂŒhten rosa Geranien und angeketteten weißen PlastikstĂŒhlen in der FußgĂ€ngerzone herum. Ich bog so schnell es ging in die Brunnengasse ein.
Damals als sie mit Kai und diesen KifferbrĂŒdern heimlich von der Party verschwand und eine Stunde spĂ€ter zurĂŒckkam, mit glasigem Blick und auf wackligen
Beinen, hĂ€tte ich was tun mĂŒssen. Aber die Andern haben ja auch den Mund gehalten. Wer wollte denn schon vor Kai als prĂŒde dastehen? Schließlich war die halbe Klasse in ihn verknallt.
Zum nĂ€chsten Treffen konnte man sie bei bestem Willen nicht mehr einladen. Sie war total verkommen: abgebrochene SchneidezĂ€hne, verfilztes Haar, entzĂŒndete Augen, schlurfender Gang 
 War schon unangenehm genug, wenn sie ihr »Hallo!« ĂŒber die Straße rief, umringt von glotzenden Clochards, vollgestopften, verschmierten PlastiktĂŒten und leeren Flaschen. Und was, wenn sie gar einen dieser PennbrĂŒder aus der FußgĂ€ngerzone mitgebracht hĂ€tte? Unmöglich.
Irgendwann war Doro von der BildflÀche verschwunden. Ich hörte fast drei Jahre nichts mehr von ihr. Dann traf ich zufÀllig ihre Mutter in der Stadt. Die Arme! Tat mir wahnsinnig leid mit ihren Gramfalten, und dem verschÀmten Blick.
»Ich trau mich fast nicht mehr unter die Leute«, sagte sie, und dass sie Doro schon lange aufgegeben habe. »Nicht so sehr wegen der Drogen. Mehr wegen der andern Sache.« Sie winkte ab. »GefĂ€ngnis, Entzug, Geschlossene 
 das war alles zu ertragen 
 Aber das?« Mir könne sie’s ja sagen, ich sei doch immer Doros beste Freundin gewesen. Sie schaute an mir vorbei, und ihre Augen fĂŒllten sich mit TrĂ€nen, als sie mir erzĂ€hlte, dass Doro in S. anschaffen ginge.
In dieser Nacht habe ich kaum geschlafen. »Ihre beste Freundin«, hÀmmerte es in meinem Kopf.

In ihrer Todesanzeige stand: »plötzlich und unerwartet ...«



Version vom 24. 06. 2009 21:13

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Retep
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Morgen raggedy,

deine Geschichte hat mich berĂŒhrt und nicht nur, weil ich auch mal eine "Doro" kannte.
Sehr bildhaft und mit viel EinfĂŒhlung zeigst du Doro in ihrer jeweiligen Lebenssituation.
Ich konnte mich gut einfĂŒhlen und mitfĂŒhlen.

quote:
Doro und ich saßen jahrelang nebeneinander: dritte Bank, Fensterreihe. Die Kleopatraaugen malte sie sich mit schwarzem Kajalstift und fetter Wimperntusche. Aber die kastanienbraunen Wuschellocken waren Natur. Ein breiter Schildpattring zog sie straff aus dem Gesicht; vom Hinterkopf aus fielen sie dann ungebĂ€ndigt bis auf Doros Schultern. Das Kinn auf die HĂ€nde gestĂŒtzt, mit dem ĂŒbergeschlagenen Bein wippend, trĂ€umte Doro vor sich hin. Beim Sprechen hielt sie sich an ihrem goldenen AnhĂ€nger fest, einem prallen Herzchen mit funkelndem Strassstein in der Mitte. Im Mini und Rippentop sah sie super aus: Kleine spitze BrĂŒste, lange Beine, hochansetzender runder Po.
- das finde ich ganz hervorragend beschrieben, an anderen Stellen deines Textes ebenfalls.

quote:
Aber zum Abschlussball luden wir sie ein. Trotz allem.
- das "trotz allem" wĂŒrde ich streichen, finde es passt hier nicht

Dann ist Doro im Krankenhaus, man weiß eigentlich nicht genau, was sie hat, schreibst du. Der Kontakt scheint ein wenig abgebrochen zu sein. Den Übergang zu "Claudia, Ute und ich besuchten sie jeden Mittwoch" finde ich zu plötzlich.

quote:
Meine Eltern meinten , es sei wohl doch das Beste fĂŒr Doro gewesen,

uns Andern - uns Andren ?

quote:
In ihrer Todesanzeige stand: »plötzlich und unerwartet ...«
- sehr guter Schluss!

Gerne gelesen, bin gespannt auf weitere Texte von dir.

Gruß

Retep
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>Die Kritiker nehmen eine Kartoffel, schneiden sie zurecht, bis sie die Form einer Birne haben, dann beißen sie hinein und sagen: „Schmeckt gar nicht wie Birne.“< (Max Frisch)

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raggedy
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Hi nach Germany!

((Retep)): vielen Dank fuer die konstruktiven Kommentare. Ich werde die Aenderungen, wie vorgeschlagen, vornehmen.

((suzah)): die Unklarheit bzgl. des Erzaehlers ist mir bisher ueberhaupt nicht aufgefallen. Ich denke, ich fuege der Beschreibung Doros eine Bemerkung ueber meine Eifersucht auf ihr Aussehen hinzu. VD

Zur story: Doro ist ein Charakter, den ich aus drei verschiedenen Personen gebildet habe. Die Idee zur story kam mir beim Anschauen alter Klassenbilder. Man fragt sich dann ja oft, was wohl aus dem oder der geworden sein mag. Von den drei Maedels hatte ich immer wieder mal was gehoert; aus den spaerlichen Einzelheiten ueber ihr jeweiliges Schicksal ergab sich jedoch fuer keine von ihnen ein vollstaendiger Lebensweg. Gab man die Einzelheiten aber alle in einen Topf, dann entstand das Bild eines Lebens, das in dieser Form haette stattgefunden haben koennen.

rag


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raggedy
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Danke ((suzah)). Beobachtungen, wie die Deinen, helfen wirklich beim Schreiben. Irgendwie setzt man doch hÀufig voraus, dass der Leser weiss, was man sagen moechte und dann etwas schlampig wird.

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