Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92255
Momentan online:
258 Gäste und 9 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Dort unten bei den Weiden
Eingestellt am 08. 01. 2003 00:02


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Daijin
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Oct 2001

Werke: 4
Kommentare: 34
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Hi,
ich bin schon sehr lange nicht mehr hier gewesen, hoffe aber, mich in Zukunft wieder h├Ąufiger beteiligen zu k├Ânnen. Um mich vorzustellen, pr├Ąsentiere ich Euch einfach mal eine meiner neueren Geschichten.
Viel Spa├č damit.


Dort unten bei den Weiden


Ich bin endlich zur├╝ckgekehrt. Der letzte H├╝gel ist erklommen und ich sehe auf das Tal hinab, das ich vor ├╝ber 20 Jahren verlassen habe. Viel hat sich nicht ge├Ąndert. Unver├Ąndert flie├čt der Flu├č, eher ein Bach, in sanften Bogen durch das Gr├╝n der Wiesen. Das Dorf wirkt friedlich, fast verlassen von hier oben, ganz anders als damals, als ich es verlie├č. Nur der Rauch, der aus den Schornsteinen aufsteigt und bald vom Wind verweht wird, zeugt vom Leben an diesem Ort abseits der Stra├čen. Die K├╝he sind in den St├Ąllen, denn der Abend d├Ąmmert und ein schmales Wolkenband verdunkelt den Himmel. Ich folge dem Weg, der sich den H├╝gel hinab windet. Unser Haus ist l├Ąngst verfallen, seit zwanzig Jahren unbewohnt. Der Garten ├╝berwuchert, der Zaun verfault, nur der Schotterweg, der hinunter zu den Weiden f├╝hrt, ist noch erhalten und von Weitem zu sehen. Die Weiden. Dort unten bei den Weiden habe ich sie erblickt. Dort, wo die ewig trauernden B├Ąume ihre ausladenden Zweige ins Wasser h├Ąngen lassen wie die Arme vom Alter gebeugter Riesen, dort, wo das Wasser sanft ├╝ber die Steine pl├Ątschert, dort im Schatten, wo der Strick vom Baume hing, hatte sie gestanden und getr├Ąumt. Dort habe ich sie zum ersten Mal gesehen, ber├╝hrt, gek├╝├čt. An diesem Ort haben wir uns geliebt, uns auf ewig verbunden, dort unten bei den Weiden. Ich habe das alte Haus erreicht. Das Dach ist eingest├╝rzt, die Reste des Schornsteins liegen im Gras, die T├╝r h├Ąngt schief in den Angeln, die vom Rost zerfressen sind. Ich selbst habe das Haus gebaut, doch es ist vergangen, wie alles andere. Ein letztes Mal wende ich mich um, blicke an den Ort, an dem alles begann und alles endet. Ich habe mein Leben gelebt, viel zu lange ohne dich. Nichts bindet mich mehr an diesen Ort, nur alte Erinnerungen, schmerzlich, sch├Ân. Dennoch bin ich zur├╝ckgekehrt, denn ich habe noch den einen Wunsch: Ich m├Âchte, da├č ihr mich begrabt, dort unten bei den Weiden, wo der Strick vom Baume hing und auf mich wartet.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Rainer
???
Registriert: Jul 2002

Werke: 0
Kommentare: 791
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Rainer eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

hallo daijin,

warum hing der strick vom baum, mu├č er nicht h├Ąngen?

gru├č

rainer

Bearbeiten/Löschen    


Daijin
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Oct 2001

Werke: 4
Kommentare: 34
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Hallo Rainer,

Vor 20 Jahren hat sich seine Frau an einer der Weiden erh├Ąngt. Damals hing also der Strick vom Baume.
Nun kehrt der Protagonist zur├╝ck zu dem Ort, weil er das Gef├╝hl hat, da├č der Strick auf ihn wartet => Er will Selbstmord begehen, um sich mit seiner Geliebten zu vereinen.

Bearbeiten/Löschen    


mara
Routinierter Autor
Registriert: Mar 2002

Werke: 23
Kommentare: 164
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um mara eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Nun, wenn der Strick "hing" und nicht mehr h├Ąngt, wie kann er dann "warten"? Versuche einfach mal, den letzten Satz zu ├╝berarbeiten. Ansonsten klingt die kurze Geschichte sch├Ân poetisch. Obwohl die kaffeehausintellektuelle Recht hat: Warum muss es immer gleich um Selbstmord gehen? K├Ânnte der Mann nicht einfach wehm├╝tig zur├╝ckdenken und dann wieder nach Hause gehen? K├Ânnte er nicht auch beschlie├čen, eines Tages, wenn sein Leben zur Neige gegangen ist, sich neben seiner Liebsten begraben zu lassen, und nicht schon jetzt? Und warum hat sich die Frau damals umgebracht? Wenn ihre Liebe so vollkommen war, warum sollte sie dann in den Tod gehen? Verstehe ich nicht...
__________________
Soll doch in einem Kellerfach verwesen, was ich schon viel zu lange bei mir trag. (Ein Abgesang an meine alten Gedichte...)

Bearbeiten/Löschen    


Daijin
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Oct 2001

Werke: 4
Kommentare: 34
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Nat├╝rlich wartet der Strick nicht wirklich auf ihn. Er h├Ąngt ja nicht einmal mehr dort. Schlie├člich wird seine Frau ja sicher einmal abgenommen worden sein. Da├č der Strick "auf ihn wartet" ist doch blo├č eine Metapher daf├╝r, da├č er sich ihrem Schicksal anschlie├čen m├Âchte. Er will ihr folgen. Um das deutlich zu machen, mu├č das Bild auf ihren Selbstmord anspielen, sonst ist der Zusammenhang unklar.

quote:
Warum muss es immer gleich um Selbstmord gehen? K├Ânnte der Mann nicht einfach wehm├╝tig zur├╝ckdenken und dann wieder nach Hause gehen?

Bei allem Respekt, aber eine solche Geschichte w├Ąre wahrscheinlich ziemlich reizlos. Die Melancholie beginnt leicht und etwas nostalgisch, steigert sich dann im Laufe des kurzen Textes hin zu einem unausweichlichen Ende. Ich w├╝rde nie auf die Idee kommen, da├č Niveau nach dem "H├Âhepunkt" wieder abflauen zu lassen. Das mag in einem Roman m├Âglich sein, einer Kurzgeschichte n├Ąhme es aber die Spannung.

Das "Warum" ist nicht Thema der Geschichte. Ich hatte beim Schreiben kurz dar├╝ber nachgedacht, bin aber zu dem Entschlu├č gekommen, da├č es mir nicht darum geht, Gr├╝nde zu erkl├Ąren. Urspr├╝nglich habe ich die Geschichte aus einer Laune heraus geschrieben, mit der Absicht, einfach nur eine schwerm├╝tige Stimmung zu beschreiben, in Worte zu fassen. Die Handlung steht nicht im Vordergrund.


PS: Eine Menge Gr├╝nde f├╝r einen Selbstmord sind denkbar, selbst (oder vielleicht gerade?) wenn man verliebt ist. La├č einfach Deine Phantasie spielen.

Bearbeiten/Löschen    


Zefira
???
Registriert: Jan 2001

Werke: 14
Kommentare: 1113
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Zefira eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Ich finde die Metapher des Stricks, der in der Phantasie des Erz├Ąhlers "wartet" durchaus einleuchtend. Ohne die Erkl├Ąrung h├Ątte ich die Geschichte aber nicht verstanden.

Beim ersten Lesen schien mir, als sei der Zeitpunkt, an dem "der Strick vom Baum hing", und der Zeitpunkt, an dem er seine Frau das erstemal am Flu├č stehen sah, derselbe gewesen. So kann man den Strick zwar mit Mord oder Selbstmord assoziieren, aber nicht mit dem der Frau. Ich meine diesen Satz:

>...dort, wo das Wasser sanft ├╝ber die Steine pl├Ątschert, dort im Schatten, wo der Strick vom Baume hing, hatte sie gestanden und getr├Ąumt. <

Ich fand diesen Satz spontan sehr stark, weil ich zu diesem Zeitpunkt schon in einer Art melancholischer Tr├Ąumerei versunken war - die Geschichte pl├Ątscherte in einer Kette bitters├╝├čer Bilder dahin -, und der vom Baum h├Ąngende Strick wirkte wie ein Schlag in den Magen. Trotzdem blieb mir der Zusammenhang unverst├Ąndlich.

Du m├╝├čtest - nach meiner Meinung - schon irgendwann klar und deutlich erw├Ąhnen, da├č SIE es war, die an dem Strick hing. Aber vielleicht nicht gleich schon in dem bewu├čten Satz, sondern etwas sp├Ąter, vielleicht sogar erst am Schlu├č.

Wenn ich noch einen ganz erbsenz├Ąhlerischen Vorschlag machen darf : ├Ąndere das "vom Baume" in "vom Baum". Gerade die Einsilbigkeit jedes einzelnen Wortes macht den bewu├čten Nebensatz so stark. Mit dem "Baume" wird dieser Effekt schon wieder etwas aufgeweicht...

lG, Zefira

Bearbeiten/Löschen    


Daijin
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Oct 2001

Werke: 4
Kommentare: 34
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Wunderbar. Vielen Dank f├╝r die konstruktive Kritik. Ich werde Deine Vorschl├Ąge zu Herzen nehmen.

quote:
die Geschichte pl├Ątscherte in einer Kette bitters├╝├čer Bilder dahin -, und der vom Baum h├Ąngende Strick wirkte wie ein Schlag in den Magen.

Genauso sollte es auch sein. Ich sehe aber auch das Problem, das Du beschrieben hast. Vielleicht sollte die Erw├Ąhnung des Stricks erst ans Ende der Beschreibung der Stelle unter den Linden und der Begegnung mit "Ihr" gesetzt werden.
Ich hoffe nur, da├č das abrubte dadurch nicht verloren geht. Aber der Zusammenhang mit Ihr sollte dann klarer werden.


Ich bin eigentlich kein Freund von k├╝nstlichen Archaismen. Eigentlich w├╝rde ich in eine normale Kurzgeschichte von mir nicht solche W├Ârter wie "Baume" einbauen. Bei diesem kurzen Text aber hatte ich das Gef├╝hl, da├č das einsilbige "Baum" die Sprachmelodie holpern lie├če. Durch das auslautende "e" gleitet man zum n├Ąchsten Wort hin├╝ber, ohne eine Sprechpause zu machen. Ohne das "e" setzt man beim "Baum" ab und beginnt bei der Artikulation des "hing" sozusagen von vorn. Ich wollte aber, da├č die Geschichte, wie Du so sch├Ân gesagt hast, dahinpl├Ątschert.

Bearbeiten/Löschen    


Zur├╝ck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!