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Leselupe.de > Anonymus
Drama im Alltag
Eingestellt am 30. 01. 2018 15:52


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Anonymous
Unbekannter Verfasser
Registriert: irgendwann

Erster Akt

"Können wir nicht mal machen, was alle Leute machen? Einen Film ausleihen, den Pizza-Dienst bestellen und uns vor das Fernsehen hocken?!"
Meine Töchter brauchen mich nicht lange zu ĂŒberreden. Ja, wir machen endlich mal das, was alle machen! Ich habe ja auch noch die Karte vom Video-Verleih, vor anderthalb Jahren stolz erstanden, um „Einer flog ĂŒber das Kuckucksnest“ sehen zu können. Meine erste und einzige Ausleihe.
Diese Mal sehen wir aber nur einen Frauenfilm, verlangen meine Töchter. Auch wenn ich heulen werde, wie immer. „Zeiten des Aufruhrs“ wird mir empfohlen, der sei garantiert etwas fĂŒr mich, weil es um eine Beziehungsgeschichte gehe. Ja, ich kenne den ungefĂ€hren Inhalt aus der Zeitung. Nein, ich kenne ihn nicht mehr. Habe ihn vergessen. Weiß nur noch, dass es eine erneute Zusammenarbeit von Leonardo di Caprio und Kate Winslet war.



Zweiter Akt

In der Videothek den Film gesucht, gefunden, bei einer freundlichen jungen Dame die entsprechende Marke abgegeben. "Tippen Sie Ihre PIN-Nummer ein", sagt sie. Ich habe fĂŒr diese Karte eine solche Nummer?! Keine Ahnung, welche das sein soll. Vierstellig. Da muss ich doch eine genommen habe, zu der ich einen persönlichen Bezug habe. Ich habe eine Menge BezĂŒge zu vierstelligen Daten. Also gebe ich ein Geburtsdatum ein - falsch. Ein anderes - wieder falsch. "Zeigen Sie mir Ihren Ausweis und denken Sie sich eine neue PIN aus," bemerkt die Angestellte seufzend. Sie kennt das vermutlich schon. Mittelalte Frau leiht sich ein Mal im Leben einen Film aus und weiß natĂŒrlich ihre PIN nicht. Also neue vierstellige Zahl, zu der es einen persönlichen Bezug gibt, gewĂ€hlt, Film bekommen, ab nach Hause.



Dritter Akt

Das Auto in der Garage geparkt, mal kurz die FilmhĂŒlle geöffnet. „Up in the air” mit George Clooney springt mir entgegen. Hat diese Frau mir den falschen Film gegeben! Also das Auto wieder herausgesetzt und zurĂŒck zum Videoladen. Die junge Frau sagt ungerĂŒhrt: "Sie haben die falsche Marke genommen. 'Zeiten des Aufruhrs' hĂ€ngt genau darĂŒber. Aber Sie sind nicht die Erste, der das passiert." Da bin ich aber froh. Ich erwidere, dass ich sogar meine vor 15 Minuten neu erhaltene PIN-Nummer noch weiß und nun den richtigen Film ausleihen kann.



Vierter Akt

Pizza-Dienst angerufen, der Bote bringt die bestellten Dinge sofort und verlÀsst fluchtartig diese im Moment mÀnnerfreie Zone, nur faule Weiber, die sich noch nicht mal ein Butterbrot schmieren können und die sich nun vor den Fernseher hocken. Erwartungsvoll. Wir warten. Und warten.
Die DVD funktioniert nicht. Gar nicht. Ich belehre meine Töchter, dass es zwecklos ist, wenn ich versuche, einen Film auszuleihen.



FĂŒnfter Akt

Eine Tochter holt ihren Laptop, legt den Film dort ein und wir sehen ihn - Schulter an Schulter. Aber der Film hĂ€ngt. Er wiederholt mehrere Szenen immer wieder. Also sehen wir immer und immer wieder die beiden Hauptdarsteller, wie sie sich anschreien, wie sie sich in der KĂŒche lieben, wie sie ihre Nachbarn besuchen, wie sie sich ihr Leben ausmalen. Ich lege den Schwur ab, dass ich nie, niemals wieder einen Film ausleihe. Es wird ein langer Abend, bis wir endlich den kompletten Film gesehen haben. Aber das macht nichts, das mit der LĂ€nge des Abends, der auch einige TrĂ€nchen kostet, denn er bietet die Grundlage fĂŒr eine heiße Diskussion.



Sechster Akt

Ich bringe den Film zurĂŒck und erklĂ€re einer sĂ€uerlich blickenden Ă€lteren Dame, dass er sich nicht auf einem normalen DVD-Player abspielen ließ und an mehreren Stellen hing. "Das nĂŒtzt gar nichts, wenn Sie das sagen. Die machen hier nichts dran", ergĂ€nzt ein neben mir stehender ebenfalls mĂŒrrisch drein blickender Herr. Ich beachte ihn nicht, gehe zum Regal, nehme die Marke fĂŒr „Das Leben der anderen“ in die Hand und leihe diesen Film aus. Es ist der richtige (ich prĂŒfe es sofort nach) und meine PIN-Nummer weiß ich nach 24 Stunden noch immer. Ich fĂŒhle mich so, als wĂŒrde ich stĂ€ndig irgendwelche Filme ausleihen. Schließlich machen das ja auch alle Leute.



Siebter Akt

Diesen Film sehen wir ohne Probleme. Das Leben der anderen mag so sein, dass sie dauernd noch Pizza essen, wĂ€hrend sie ausgeliehene Filme sehen, aber wir essen an diesem Abend ganz brav nur Butterbrote. Auch an diesem Abend gibt es eine heiße Diskussion. Kann nur hoffen, dass Erich Mielke sie auch irgendwie mitbekommen hat. Und Ulrich MĂŒhe natĂŒrlich.



Achter Akt

Der Film wird zurĂŒckgebracht und ich gehe dieses Mal mit leeren HĂ€nden aus der Videothek, denn jeden Abend einen aufwĂŒhlenden Film zu sehen - das ist nichts fĂŒr eine zarte Seele wie mich. Jetzt reicht es erst mal nur wieder fĂŒr Frontal 21 und die Tagesschau. Die PIN-Nummer weiß ich aber noch, denn damals ... aber das ist eine andere Geschichte.


Neunter Akt

FĂŒnf Jahre spĂ€ter komme ich wieder an der Videothek vorbei. Also, da hĂ€tte sie sein mĂŒssen. Aber nun ist dort ein Bioladen. Das ist gut. Denn die PIN – die habe ich vergessen 


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