Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92241
Momentan online:
63 Gäste und 0 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzprosa
Dramatische Dienstagsdiskussionen
Eingestellt am 15. 02. 2005 03:11


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Warui
Festzeitungsschreiber
Registriert: Nov 2003

Werke: 38
Kommentare: 93
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Warui eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Vorneweg: Dies soll kein Theaterst├╝ck, sondern ein Theatersketch sein!
-------------------------------
Personen:
Lehrer,
Klasse,
Bertolt Brecht,
Peter Handke,
Wolfgang Hildesheimer,
Mao Tse-Tung

Ort der Handlung:
Ein etwas stickiger Raum in einer Schule, die sich wiederum in einer beinahe beliebigen Stadt befindet. Auf dem Stundenplan steht Deutsch Leistungskurs und auf dem Lehrplan Dramentheorie.

-----------------------------------------------------

Lehrer:
Ladies and Gentlemen, auch wenn die Pausenklingel derzeit in den Streik getreten ist, weil der Schule die Mittel fehlen, sie angemessen zu entlohnen, sollten wir uns nicht scheuen, mit dem Unterricht zu beginnen.
Wie anscheinend bemerkt wurde, habe ich einen Zettel am Schwarzen Brett der Schule ausgeh├Ąngt und um seltene Vollz├Ąhligkeit und P├╝nktlichkeit nebst Chips und ├Ąhnlichen Konsumprodukten gebeten.

Die Klasse murrt etwas ├╝ber unzumutbare Arbeitszeiten wie Klausurbeginn um 7:45 Uhr und ├Ąhnlich unchristliche Zeiten. Vereinzelt genie├čen Sch├╝ler bereits die nicht erteilte Erlaubnis zum Essen.

H├Ârt mal auf mit dem Meckern und mir lieber zu. Ich wei├č, es f├Ąllt euch schwer, aber daf├╝r bekommen wir heute mehr Theater als sonst geboten. Drei Herren haben sich nach der Analyse der neuesten PISA-Studie f├╝r Bildungszwecke zur Verf├╝gung gestellt und m├Âchten euch an ihrem lehrsamen Disput teilnehmen lassen. F├╝r so eine Ehre w├Ąren wir damals sogar zum Unterricht gegangen.

Klasse g├Ąhnt zustimmend, wenn auch leicht verwirrt.

In dem Moment geht die T├╝r auf und drei angegraute M├Ąnner in Anz├╝gen kommen herein, stellen sich vor die Tafel, ├╝bersehen den Lehrer, und sch├╝tteln sich den metaphorischen Staub aus den Haaren. Das Klassenzimmer ist ├╝berrascht und reagiert, indem es sich mit den ├ťberbleibseln der Dekaden anreichert. Alle husten. Irgendjemand am Fenster erbarmt sich und ├Âffnet selbiges. Der Dunst entkommt in die Freiheit. Alles atmet auf. Die Herren setzen sich M├╝tzen mit Plastik-Heiligenscheinen auf. Brecht tritt vor.


Brecht:
Guten Morgen, Genossinnen und Genossen. Mein Name ist Berthold Brecht, auch bekannt als Bertolt Brecht. Sie sollten mich kennen.

Die vorderen Reihen nicken entsetzt. Weiter hinten bastelt man inzwischen Wurfgeschosse aus Chips und Cola.

Brecht wird verd├Ąngt.


Handke:
Hallochen, ich bin Peter Handke. Und das mit den Kappen, das war Bertolts Idee.

Er zeigt anklagend mit dem Finger auf seinen Vorredner und sticht ihm dabei fast ein Auge aus. Brecht ist befremdet und beleidigt.

Hildesheimer:
Ja, aber du hast mitgemacht, Peter.
Wendet sich grinsend an die Klasse.
Ich bin ├╝brigens Wolfgang und ich werde mich hier wohl am├╝sieren.

Klasse wacht langsam auf. Der Lehrer bildet mit ein paar Sch├╝lern einen Stuhlkreis und stellt h├Âchstpers├Ânlich 3 St├╝hle in einem diskussionsw├╝rdigen Dreieck Sodann bittet er die G├Ąste in die Mitte und setzt sich selbst mit in den umgebenden Kreis.
Hildesheimer und Handke drehen ihre St├╝hle um. Hildesheimer setzt sich auf die Lehne und kippelt, Handke flegelt sich breitbeinig auf seine Sitzfl├Ąche und legt den Kopf auf die Arme. Brecht st├╝tzt sich mit einer Hand auf die Stuhllehne und stellt das eine Bein hinter das andere, in einer f├╝r ihn typischen Pose, wie sie oft auf den bebilderten Vorderseiten seiner Lehrst├╝cke abgebildet sind.
Nach einer Minute betretenen Schweigens, in der sich keiner bewegt, r├Ąuspert sich der Lehrer verlegen.


Lehrer:
Verzeihung, vielleicht sollte ich noch erw├Ąhnen, was das Thema ist ... Ich dachte mir, dass die Wirksamkeit und Nachhaltigkeit von Theater bezogen auf die ├ľffentlichkeit ein interessanter Diskussionsansatz ist.

Brecht nickt. Hildesheimer schreibt Briefchen mit Sch├╝lerinnen.

Brecht:
Da kann ich ja gleich was dazu ├Ąu├čern, so als Erfinder der V-Effekte.
Wie Peter bereits erw├Ąhnte, stammt die Idee mit den Heiligenscheinen von mir. In einem meiner St├╝cke habe ich sie bereits als Symbol von Scheinheiligkeit ver ...

Hildesheimer f├Ąllt ihm ins Wort.

Hildesheimer:
Was du ├╝bersiehst, mein Lieber, ist die offensichtliche Diskrepanz zwischen deiner Intention und der Wirkung. Jedenfalls bei unseren Zuschauern, weniger wohl beim Leser und dem Lehrer, der gerade korrigiert.

Handke:
Das sehe ich ├Ąhnlich. Unser Publikum ist nun wohl kaum verfremdet und distanziert und lauscht deinen Worten ... nun gut, distanziert wohl schon, aber ansonsten werden sie sich gerade mit der Frage besch├Ąftigen, wie schnell oder langsam ein Gehirn vermodern mag.

Hildesheimer:
Zweifellos auch ein Beitrag zur Bildung.

Brecht brummelt etwas

Brecht
Vielleicht habt ihr Recht. Man k├Ânnte ja auch sonst den Eindruck gewinnen, dass nur alte Herren mit Kappen Theater machen k├Ânnten, dabei leben ... lebten wir doch in einer Gesellschaft, in der das jedem m├Âglich war. Dem Mann an der Stra├čenkreuzung genauso wie dem Professionellen im Theater. Manche tun das ja heute noch. Ein wunderbarer Beweis daf├╝r, dass Theater es noch heute vermag, die Menschen zu pr├Ągen, sonst w├Ąre es l├Ąngst abgeschafft.

Er schaut herausfordernd in die Runde.

Hildesheimer:
Also das ist nun schon beinahe absurd, was du hier von dir gibst. Ich muss schon zugeben, du besserst dich, aber an das angebliche "echte Leben" reichst du dennoch nicht heran.
Was Theater dem Zuschauer vor Augen halten soll, ist doch das Leben und somit den Zuschauer selbst. Im Idealfall erh├Ąlt man zwei spiegelnde W├Ąnde und somit ein Perpetuum Mobile; jedenfalls, wenn der Zuschauer sich ├Ąndern w├╝rde.

Handke:
Da muss ich dir aber teilweise widersprechen. Zwar sollte der Zuschauer das Theater auch aufs eigene Leben beziehen, aber dieser Idealfall tritt nie ein, da das Theater dem Zuschauer seinen eigenen un├╝berwindbaren Rahmen ebenso ├╝berdeutlich vorh├Ąlt. Die B├╝hne und der gesamte Theater-Kontext ist einfach ein zu deutliches Zeichen daf├╝r, dass es sich nicht um das Leben handelt und die speziellen F├Ąlle, die hier behandelt werden, sind in ihrer Struktur viel zu begrenzt, um ein passendes Gegenst├╝ck im Leben zu finden. Viel wirksamer dagegen ist die Wirklichkeit, wenn wir dort etwas auff├╝hren, etwas pr├Ąsentieren und repr├Ąsentieren ...

Er wird von einem Sch├╝ler unterbrochen.

Sch├╝ler:
Und wer f├╝hrt Regie?

Handke sackt zusammen und wird etwas sauer, doch Brecht redet neutralisierend halb auf ihn, halb auf die Klasse ein.

Brecht:
Nat├╝rlich muss jemand Regie f├╝hren!
Derjenige ist dann ein Lehrer f├╝r die Masse, durchaus eine anspruchsvolle Aufgabe.
(Hildesheimer verschluckt sich).
Er soll ihnen den Sinn im Leben zeigen,
(Hildesheimer k├Ąmpft mit Hustenanf├Ąllen)
und sie auf den Pfad der Tugend f├╝hren, dem Kommunismus entgegen, zum Wohl aller Menschen.

Hildesheimer inzwischen mit echten Atemproblemen. Ein Sch├╝ler klopft ihm auf den R├╝cken, um den imagin├Ąren Apfelbrocken aus der Luftr├Âhre zu bekommen. Es gelingt.

Handke holt tief Luft.


Handke:
Also wei├čt du, Bertolt, das wollte ich dir schon immer sagen: Ich finde deine Einstellung ja prinzipiell ganz annehmbar, allerdings stellt sich mir immer noch die Frage, ob es Sinn macht, Theater so aufzuziehen. Rein geschichtlich war es doch immer so, dass Ver├Ąnderungen auf gesellschaftlicher Ebene entweder mit Gewalt ...

(Mao lugt zum Fenster rein)

... oder subtilen Andeutungen oder eher Schubsen erreicht wurde. Mit Vorschl├Ągen allein hat noch keiner die Taube vom Kopf verscheucht. Noch dazu schl├Ągst du das Ganze in einem Schauspiel vor.

Ein Sch├╝ler in der N├Ąhe der Tafel steht auf und schreibt an selbige "Er redet tats├Ąchlich unterstrichen" und darunter "Schauspiel"

Wer soll das bitte ernst nehmen?

Hildesheimer:
F├╝hle mich verpflichtet, dir beizupflichten.
Doch in meinen Augen ist es sowieso nicht rechtens, den Zuschauern vorzugaukeln, dass es tats├Ąchlich ├╝berhaupt einen Sinn im Leben g├Ąbe. Ich pers├Ânlich erwarte nicht einmal, dass der Zuschauer sich ├Ąndert. Irrelevant. Im Gegensatz zu euch zeige ich auch keine so genannten "Verbesserungsvorschl├Ąge", sondern fasse einfach die Realit├Ąt in Zeilen ein.

Derselbe Sch├╝ler erg├Ąnzt das Tafelbild zu "Schauspiel <> Realit├Ąt".

Mir erscheinen zum Beispiel Bertolts St├╝cke sehr viel absurder als das, was ich geschrieben habe. Wunschdenken. Utopien. "Der gute Mensch". Um Himmelswillen.

Hildesheimer lacht. Brecht funkelt ihn b├Âse an.

Lehrer:
Meine Herren, es tut mir Leid, sie unterbrechen zu m├╝ssen, aber unsere f├╝r die Bildung gekaufte Zeit ist um. Die Mittel wurden gerade gek├╝rzt: Die Politiker wollen h├Âhere Di├Ąten, sich weiter verschulden und demn├Ąchst in den Krieg ziehen, das kostet alles Geld und fehlt dann woanders.

Er komplimentiert die G├Ąste heraus und wendet sich an die Klasse.

Okay, Leute, das war's f├╝r heute, jetzt ist Mittagspause, ich will auch noch was haben. Raus mit euch.

Er schlie├čt die T├╝r.

-Ende-
-------------------------
So ... ich hoffe, ihr hattet genausoviel Spa├č beim Lesen wie ich beim Schreiben
Kommentare und kritik jeglicher Art sind erw├╝nscht und willkommen

Mata ne
Warui
__________________
Ever tried? Ever failed?Try again! Fail better!(Samuel Beckett)

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Denschie
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Warui,
ich f├╝hlte mich sehr gut unterhalten,
besonders im Mittelteil. Die Dialoge sind
witzig, die Regieanweisungen stimmig.
Der Anfang holpert. Die Einf├╝hrung des
Lehrers ist ein unn├Âtig langer Einstieg.
Ich w├╝rde mich mehr auf die Situation mit
den drei Herren konzentrieren. Das strafft
und erm├╝det nicht gleich zu Beginn.
Eine sch├Âne Idee!
(Wenngleich ich zugeben muss, von Dramentheorie
so gut wie nichts zu verstehen. Aber das tat
dem Lesen, zumindest meiner Einsch├Ątzung nach,
keinen Abbruch.)
Viele Gr├╝├če,
Denschie

Bearbeiten/Löschen    


Warui
Festzeitungsschreiber
Registriert: Nov 2003

Werke: 38
Kommentare: 93
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Warui eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallihallo Denschie,

Danke f├╝r den Kommentar und die Bewertung.

Es freut mich, dass du unterhalten wurdest, das lag mit in meiner Absicht
Tats├Ąchlich lebt ja Theater von den Dialogen und gelesenes Theater von der M├Âglichkeit, sich das vor Augen f├╝hren zu k├Ânnen und ich war der Meinung, dass ich daf├╝r erstmal einen geeigneten Raum schaffen musste, eine Szenerie, eifach einen plausiblen Rahmen. Ich pers├Ânlich mag den Lehrer ob seiner trockenen Art, der man nur durch eigene Vorstellungskraft einen ironischen Unterton beimengt oder auch nicht (Deshalb ist er f├╝r mich ├╝brigens auch kein "flacher Charakter").
In der urspr├╝nglichen Papierversion stand ├╝brigens als ANmerkung:
"Alle originalen lebendigen und toten Assoziationsm├Âglichkeiten sind vom Autor beabsichtigt und unterliegen ansonsten nur der Fantasie und geistigen Zensur des Lesers "

Von wegen Hintergrundwissen: Ich hatte das St├╝ck eigentlich mit dem Hintergedanken geschrieben, dass man kein Hintergrundwissen braucht, sondern einfach nur Sinn f├╝r Humor .... die Kenntnis gewisser Tat- und Sachbest├Ąnde kann das Vergn├╝gen nat├╝rlich noch steigern, wird aber nicht ben├╝tigt
Danke, dass du mich in dieser leicht befangenen Einsch├Ątzung meinerseits bekr├Ą├Âftigst ^.^
Der Teufel und die Pointe liegen bekannterma├čen im Detail, aber ich w├╝rde so manchen Witz nur ungern selbst erkl├Ąren, sondern f├Ąnde die Entdeckung dieser "Kleinigkeiten" durch andere Lupianer sehr viel unterhaltsamer

Gute Nacht und Mata ne
Warui

Ps: Ok, ein was kann ich ja verraten, das wird so an sich auch nicht offensichtlich:
In der Originalfassung waren die Personen noch mit den Initialen abgek├╝rzt. Aus Peter Handke wird dann sinnvollerweise PH. Als dieser zusammensackt, wird er sauer und wird erst von BB wieder aufgebaut (ab nach oben -> neutralisiert)
Im Prinzip ein Chemiewitz ^_^
__________________
Ever tried? Ever failed?Try again! Fail better!(Samuel Beckett)

Bearbeiten/Löschen    


Zur├╝ck zu:  Kurzprosa Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!