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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Drei Hexen
Eingestellt am 05. 01. 2003 13:27


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VanOldi
AutorenanwÀrter
Registriert: Aug 2000

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Drei Hexen
Blaue und grĂŒne Flammen zĂŒngelten sich aus einem Holzscheit, glitten am schwarzen Kessel entlang, ĂŒbergaben ihm ihre Energie und lösten sich mit einem knirschenden GerĂ€usch auf. Sicherlich hĂ€tte dieses Schauspiel an jedem anderen Ort der Welt Beobachter in Erstaunen versetzt und lautes Gemurmel zur Folge gehabt. Doch wenn man sich hier, in der HĂŒtte von Pertula Pimpernell, umsah, erschienen einem die Szenerie als vollkommen selbstverstĂ€ndlich.

Außer Pertula standen neben dem Eisenkessel noch zwei weitere, weibliche Gestalten, Griselda Wetterfein und Marilda Grimsbartel. Beide starrten auf die OberflĂ€che der FlĂŒssigkeit vor ihnen, welche leicht schĂ€umend Kreise drehte und bei deren Anblick man das GefĂŒhl nicht los wurde sie wolle sich durch die Kesselwand fressen.

Pertula hatte ihre Arme vor sich ausgestreckt, hielt sie knapp zehn Zentimeter ĂŒber die brodelnde Substanz und war tunlichst drauf bedacht die Finger rechtzeitig weg zu ziehen, wenn wieder mal eine kleine Welle versuchte nach ihnen zu schnappen. Dann begann sie mit den HĂ€nden leicht zu kreisen und murmelte ihm Rhythmus der blubbernd aufsteigenden Blasen. Hin und wieder rollte ihr rechtes Auge zur Seite und kontrollierte das Rezept, welches Griselda auf einem alten NotenstĂ€nder fĂŒr Pertula eingeklemmt hatte.

"Sulbian kardosula ... Eidechsaugen bitte...", Marilda Grimsbartl reagierte mit der Schnelligkeit einer OP-Schwester, nahm die bereitgelegten Augen vom Teewagen und warf sie, nicht ohne das wichtige ausschweifende heben der HĂ€nde zu vergessen, in den Kessel.

Pertula fuhr mit der Beschwörung fort. "Maldosa pernalkium kardus ... Mist." Griselda Wetterfein blickte schuldbewußt auf den Teewagen. "Ähh,..Pertula? Was fĂŒr Mist?". Auch Marilda Grimsbatl wirkte erstaunt: "Haben wir eine Zutat vergessen?".

Auf Pertulas Gesicht zeigte sich eine Schweißperle, gleich ĂŒber der Nasenwarze. "Ich weiß nicht, hier ist ein dicker Fettfleck - vermutlich Eidechsaugenfett - auf dem nĂ€chsten Absatz, ist schwer zu sagen, ob da eine Formel steht oder eine Zutat."
"Wir hÀtten die Zutaten nicht aus dem Kopf besorgen, sondern vorher mal auf die Rezeptur sehen sollen", gab Marilda besserwisserisch bekannt.
"Es war ja Dein Kopf der die Zutaten besorgte", Griselda konnte Leute die alles besser wußten einfach nicht leiden.
"Nur weil Pimpi das Rezept gestern nicht zur Hand hatte", wehrte sich Marilda.

"Könnte irgendetwas wie ÂŽlinkes Bein vom GnomÂŽ heißen", rĂ€tselte Pertula, wĂ€hrend sie versuchte durch den Fettfleck zu sehen, wobei sie sich so dicht an das Rezepturblatt gebeugt hatte, dass ihre Warze den Flecken berĂŒhrte.
"Ja klar, oder ÂŽHinkelstein aus RomÂŽ - geb mal her Pertula", Marilda hielt den ausgestreckten rechten Arm in Richtung des NotenstĂ€nders. Pertula gab ihr das Blatt. Marilda hielt es sich lĂ€ngere Zeit vor die Augen und zwar in allen möglichen Entfernungen die ihre kurzen Arme hergaben. Nach ein paar wichtig klingenden "Hmmmms" gab sie dann freudestrahlend bekannt:" Es heißt: ÂŽPinker Stein aus KnorÂŽ".

Pertula fiel der hölzener Kochlöffel, den sie gerade benutzte um festzustellen wie lange er der FlĂŒssigkeit wiederstehen könne, aus der Hand. Mit schmatzenden GerĂ€uschen versank das KĂŒchengerĂ€t in den kleinen Fluten. "Liebchen", fragte sie mit erstauntem Ausdruck in Richtung Marilda,"was ist denn der ÂŽpinke Stein aus Knor'?"
"Den gibt es wohl nur in dem Land der unbebrillten Besserwisser", schaltete sich Griselda dazwischen. Sie hatte in der Zwischenzeit ihre Lesebrille aufgesetzt und das Blatt an sich genommen, "Marilda, es wird Zeit, dass Du zum Optikus gehst, Möhren können Dir nicht mehr weiter helfen!".

Pertula starte auf die nun blau und weiß karierte OberflĂ€che des Trankes:" Wenn ich mich nur erinnern könnte wie wir diesen Schönheitstrank frĂŒher zusammengebraut haben."
"Ach, Pimpi, lass uns doch einfach etwas nehmen, was Du so gerade noch in der Kammer hast und entbehren kannst, schlimmer kannŽs mit uns ja nicht werden. Ich kann da jedenfalls gar nichts entziffern", sagte Griselda zu Pertula gewand in einem tröstenden Tonfall.

Marilda schreckte bei diesen Worten auf. "Grisa! Wie kommst Du auf eine solche Ideen? Weißt Du nicht, was damals in der Schule passiert ist, als der Haushexenmeister Deboldam einen Trank mixte, ohne dass er sich an die Rezeptur hielt?"
"Nun komm doch nicht mit Deinen Geschichten von vor ĂŒber dreihundert Jahren daher, alter Grimsbart! Das waren doch ErzĂ€hlungen der Lehrer, die nur nicht wollten, dass wir heimlich was zusammenbrauten."
"Ach, und dass durch den Trank seine Katze versteinert wurde ist wohl ein SchauermÀrchen, oder wie?"
"Ja natĂŒrlich, jede halbwegs gebildete Hexe", dabei blickte Griselda abschĂ€tzend Richtung Marilda," weiß, dass kein Zauber der Welt einer Katze etwas anhaben kann. Diese Tiere stehen jenseits aller Dimensionen."

WĂ€hrend des kleinen GeplĂ€nkels war Pertula in ihre Kammer verschwunden und erschien nun mit diversen FlĂ€schchen, KĂ€stchen und Tuperdosen, welche sie sorgsam auf dem Teewagen aufbaute. " So Ihr Lieben, jede darf sich eine Zutat aussuchen, die wir noch in den Trank mixen. Ich nehme ...mmhhh....diese gelbe FlĂŒsigkeit. Leider ist das Etikett abgegangen, sieht aber aus wie Drachenrotz." Als wĂ€r es eine kostbare Arznei ließ sie ein paar Tropfen auf einen silber schimmernden Löffel tropfen, dabei zeigte sich, dass die Substanz die Bezeichung "flĂŒssig" zu unrecht trug. Wie zĂ€her Schleim, der ungern seinen Standort wechselt, quĂ€lte sich das Gelb aus der Flasche. Pertula schmiß es, mit samt dem Löffel, in die BrĂŒhe.

In den fĂŒnf Minuten, die Pertula brauchte um die zwei Tropfen aus der Flasche zu bekommen, hatte sich Griselda fĂŒr eine angebrĂ€unte, ehemals lupenreinweiße Tupperdose entschieden. Beim Öffnen des Deckels wurde klar wieso es zu der VerfĂ€rbung gekommen war, in dem BehĂ€lter befanden sich Lavabröckchen, vermutlich direkt aus einem aktiven Vulkan. "Pertula, ich hab Dir doch schon mal gesagt, dass Du nochmal den Deckel an der Seite anheben und dann in der Mitte auf ihn drĂŒcken mußt bevor Du die Dosen schließt - damit die Luft entweichen kann - jetzt ist Schlacke an den Bröckchen".
"Klopf sie halt ab", beschied ihr Pertula, als sie zwei Topflappen aus Asbest herĂŒberreichte. Griselda nahm, geschĂŒtzt durch die Lappen, zwei LavastĂŒcke heraus, warf sie heftig auf den Boden, ließ ein "ahh, schon besser" ertönen und schmiß einen der Brocken in den Sut - das zweite LavastĂŒck war unter die Anrichte gekullert, wo es zischend abkĂŒhlte.

Auch wenn es Marilda bei der ganzen Sache nicht wohl war, so wollte sie doch nicht zurĂŒck stehen und sich von ihren Freundinnen hĂ€nseln lassen. Um aber die ganze Sache nicht noch schlimmer zu machen entschied sie sich fĂŒr einen Klassiker der HexenkĂŒche - MolchgedĂ€rme. Diese dienen eher dazu einem Trunk die SchĂ€rfe zu nehmen und ihm einen wohligen, hibiskusartigen Geschmack zu verleihen, als das sie irgendwelche ZauberkrĂ€fte beitragen wĂŒrden. Und tatsĂ€chlich, ihre Wahl hatte zumindest den Erfolg, dass der nĂ€chste Holzlöffel, den Pertula zum UmrĂŒhren benutzte, lĂ€nger hielt.

Nach einer weiteren halben Stunde war die FlĂŒssigkeit im Topf klar und ruhig wie Quellwasser. Jede der Hexen hatte sich mit einer Schöpfkelle ausgerĂŒstet, die sie nun eintauchten. Nach einem gemeinsamen "Es soll so sein wie es sein soll also rein damit"-Spruch schlĂŒrften sie ihre Kellen aus. Diese ganze Prozedur wiederholte sich ungefĂ€hr dreiundzwanzig mal, mitzĂ€hlen konnte aber niemand mehr von den Dreien. Schon nach Kelle Nummer Zwölf waren Pertula Pimpernell, Griselda Wetterfein und Marilda Grimsbartl keinesfalls schöner geworden, hielten sich aber dafĂŒr.

Und irgendwann, kurz vor Mitternacht, schwankten sie, Arm in Arm singend, aus der TĂŒre der kleinen HĂŒtte und ließen den ErzĂ€hler in seinem Mauseloch zurĂŒck.

Die Nachricht in der Presse am nĂ€chsten Tag laß sich kurz und unspektakulĂ€r:
Wipfelrode - Heute morgen, kurz nach Mitternacht, wurden in der Waldschenke "zum springenden Bock" drei randalierende Frauen gesetzten Alters von den OrdnungshĂŒtern in Gewahrsam genommen und zur AusnĂŒchterung fĂŒr mehrere Stunden arrestiert.

Als die drei wieder Heim kehrten haben sie natĂŒrlich sofort begonnen etwas gegen ihren Kater zu brauen - aber das ist eine andere Geschichte.

__________________
(C) 2003 by Stefan Mollenhauer
Gedichte berichten verdichtet Geschichten

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Waldemar Hammel
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Registriert: Dec 2002

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Da war sogar der Fehlerteufel bei den Hexen zugegegen:

...und schmiß einen Brocken in den SuD (nicht "sut")

Lebendig, lustig, fröhlich erzÀhlt, sehr gut an sich!

Nur der barocke Aufwand an Worten lohnt sich nicht um diese Idee rĂŒberzubringen. KĂŒrzen, "verdichten", etwa auf die HĂ€lfte oder wenigstens auf 2/3, und die Sache gewinnt sehr!

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kaffeehausintellektuelle
Guest
Registriert: Not Yet

vor allem das ende fand ich wirklich gut.
ein paar fehler sind mir aufgefallen. und den tipp von waldemar, den wĂŒrd ich annehmen, also das mit dem verdichten. das macht die geschichte noch lesenswerter.
liebe grĂŒĂŸe
die kaffeehausintellektuelle

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Andrea
???
Registriert: Aug 2000

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Ich wĂŒrde auch streichen lassen, v.a. wenn die Hexen die Ersatz-Zutaten auswĂ€hlen, mĂŒĂŸtest du straffen können. Außerdem solltest du den Prozeß des Alkoholisieren umschreiben, ihn vielleicht durch einen kurzen Dialog auflockern. Im „Und irgendwann“-Absatz den ErzĂ€hler rausstreichen und das „sie“ eventuell schon durch „drei Frauen“ ersetzen und schon diesen Teil etwas distanzieren, und dann bitte noch das „laß“ durch „las“ ersetzen..
Aber es ist ein wirklich guter, witzig und flĂŒssig geschriebener Text, der gewisse Assoziationen zu drei anderen Hexen weckt, von denen eine so Ă€hnlich heißt wie „Wetterfein“, aber das ist alles „Pschikologie“.
__________________
Andrea Rohmert

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