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Leselupe.de > Erotische Geschichten
Drei Männer und Schnee
Eingestellt am 27. 02. 2011 12:23


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Arno Abendschön
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Wieder einmal stand er im Village neben Philipp an der Kasse, und gegen eins kam ein Pärchen herunter, die zwei so verschieden voneinander wie möglich. Zuerst, als er nur den Mickrigen und dabei so Aufgekratzten sah, versuchte er noch einen Witz: „Da kommt die Neue Armut persönlich“, sagte er zu Philipp. Er konnte sich nicht daran gewöhnen, dass junge Männer in absichtsvoll zerrissenen Jeans herumliefen und jedermann die heikelsten Körperteile vorwiesen – unaufgefordert.

Der Aufgedrehte kannte Philipp und fing gleich an, mit ihm zu palavern. Manfred konnte in Ruhe seinen Begleiter betrachten, den mächtigen, schweigenden Schatten hinter ihm. Auch er war Mitte zwanzig und nach hier geltenden Maßstäben korrekt gekleidet. Sein Aufzug kombinierte geschickt Uniformierung mit Entblößung. Bei ihm konnte leicht nachholen, wer es noch vor sich hatte: die Entdeckung des Fleisches. Auf einem großen, breiten Körper saß ein runder, kurz geschorener Schädel mit einem Ausdruck im Gesicht, für den Manfred nicht so rasch eine treffende Bezeichnung fand. Dieser Kopf vermittelte einen grobkörnigen Eindruck wie eine unscharfe und zu stark vergrößerte Fotografie. Die Ausstrahlung der Person ging vom Physischen aus und von deren eigenem Behagen daran. Selbst die Bartstoppeln und das Brusthaar stellten unaufdringlich die unverschämte Lust eines Mannes an der eigenen Kreatürlichkeit zur Schau. Unter der Lederjacke trug er gar nichts. Was hatte er für einen wunderbar breiten Thorax! Er war Athletiker, ohne Athlet zu sein. Sport schien er, wenn überhaupt, nicht intensiv betrieben zu haben, doch hatte er, statt hypertropher Muskelmasse, auch nicht mehr Fett als angenehm zum Anschauen und Anfassen. Wie viele hier trug er eine Lederschnürhose und hatte sie so weit geschnürt, wie Manfred es noch bei keinem gesehen hatte. Auf diese Weise zeigte er viel von seinem Fleisch. Es drängte sich weiß und atmend gegen die schwarze Beinkorsettage und sprach den Hungrigen direkt an: Ich bin das Fleisch eines Tieres, das kräftig, gesund und gutartig ist.

Das sonderbare Paar ging einige Schritte in die Bar hinein. Philipp verließ seinen Posten und schoss hinter ihnen her, scheinbar um das Gespräch fortzusetzen, in Wahrheit aber um den unbekannten Athletiker einer speziellen visuellen Prüfung zu unterziehen.

„Den anderen kannst du vergessen“, sagte er, als er zur Kasse zurückkam. Manfred fragte sich, was er an ihm vermisste. Offenbar konnte man die Gäste hier aus sehr verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Philipp hielt sich nie lange mit dem Studium neuer Gesichter auf, rasch senkte er den Blick, um den messbaren Teil der Männlichkeit zu taxieren.

Die beiden drüben spielten lange mit großem Vergnügen am Geldspielautomaten. Manfred wollte wissen, ob Faustficken tatsächlich so gefährlich sei.

Philipp sah ihn erstaunt an. „Na klar, das weiß doch inzwischen jeder. Ich hab mir geschworen: nur noch mit Handschuhen. Und ganz wichtig: immer kurz geschnittene Fingernägel. Und poliert müssen sie sein.“ Er erzählte ihm Geschichten von in der Tat blutigen Anfängern. Dann nannte er ihm die Adresse eines Ladens, in dem er diese Spezialhandschuhe kaufen könne.

Er selber brauche sie nicht, versicherte Manfred. „Ich frage nur aus Sorge um einen Freund, der jetzt leider damit anfängt.“ Philipp glaubte ihm nicht und lächelte vielsagend zu dem Athletiker hinüber. Manfred lächelte auch, er konnte so im Gespräch unverfänglich freundliche Signale in die gewünschte Richtung senden. Doch registrierte sie nur der magere Zappelige und leider auch noch erfreut, wie es schien. Manfred musste sich - wie sagte man heute: er musste sich zurücknehmen. Das Geplänkel versandete. Dann trennten die beiden drüben sich überraschend. Der hyperaktive Hanswurst glitt mit einem letzten kessen Spruch an ihnen vorbei und die Treppe hinauf: „Frischfleisch im Angebot. Kaufen, Freunde, kaufen.“

Er kam aus Göttingen, dieser sinnliche Fleischbrocken, Philipp hatte es schon herausgefunden. Manfred verließ ihn und drang tiefer in die Bar vor. Ein gewöhnlich zuverlässiges Gefühl sagte ihm, er sei dem Göttinger angenehm. Wie erfasst man das? Schwer zu sagen: vielleicht instinktiv an der Körperhaltung und an kleinen Gesten des anderen.

Manfred ließ sich unterwegs von einem Studenten sagen, wenn Faustficker sich wirklich liebten, sei eine Virusübertragung ausgeschlossen. Nur ein echtes und sehr starkes Gefühl biete Schutz gegen die Ansteckung. Diese Theorie war neu und kühn und zeugte von ungebrochener Kraft des Glaubens. Im Übrigen glaubte der Student, der auch religiös veranlagt war, genau wie Philipp, Manfred frage aus Sorge um die eigene Gesundheit.

Manfred fand den Göttinger weiter hinten im Halbdunklen wieder. Man sah genug, wenn die Augen sich umgestellt hatten. Der andere schien darauf gewartet zu haben, dass Manfred ihn berühre. Nach kurzem Zögern – vergleichbar dem eines per Satelliten zugeschalteten Journalisten, der die Frage des Moderators mit Verzögerung nur umso sicherer beantwortet – erwiderte er die Geste mit seinen eigenen großen und schwieligen Handflächen. Er verströmte dabei sogleich eine Zärtlichkeit, die Manfred so noch nicht kennengelernt hatte. Es war nicht wie sonst im Leben, sondern nur wie in manchen Filmen, sagen wir Viscontis. Dort gibt es Szenen, in denen Nachdruck, bewusstes Innehalten und Auskosten des Glücks sich im Gleichgewicht halten. Die Berührung von Manfreds Händen durch diese anderen Hände hätte schon ausgereicht, den Grad der Hinwendung zu ermessen.

Manfred war überrascht, wie sehr er sich von anderen Männern gleicher Aufmachung unterschied. Keine Spur von Sadismus oder Masochismus, doch auch keine süßliche Zärtlichkeit, nicht das Surrogat, nur der reine, fast absichtslose Ausdruck seiner Einstellung zu ihm, die in nichts als einer sinnlich wahrnehmbaren Sympathie bestand. Sie gingen nicht sehr weit, entblößten sich nicht. Manfred küsste immer wieder jene beiden Sterne, und der andere genoss es merklich. Sein Thorax wölbte sich dann, die Augen waren geschlossen, das Gesicht angespannt von der Empfindung der Lust. Zwischen ihnen war einmal keinerlei Ambivalenz. Es war für Manfred der Ausdruck und der Austausch eines beinahe religiösen Gefühls.

Ungefähr nach einer halben Stunde löste er sich von Manfred und sagte: „Ich muss einmal an die frische Luft gehen.“ Sein Tonfall war dabei ebenso unentschlüsselbar wie der Reiz seines Gesichtes.

Manfred verharrte einige Zeit. Das eben war neu gewesen: Berührung und Verheißung. Wir folgen einem Naturgesetz, wenn wir die seltenen Glücksmomente nicht abschreiben, sondern sie zu verlängern suchen. War er noch in der Bar? Er holte sich vorn am Tresen ein Bier und sah ihn jetzt im Eingang stehen. Sein Begleiter von vorhin war zurückgekommen und redete pausenlos gestikulierend auf ihn und Philipp ein. Unaufhörlich trippelte er hin und her, wobei die Fetzen des zerrissenen Hosenbodens wie Rockschöße flatterten und doch nichts von Belang entblößten. Alles an ihm war jetzt Rausch: Reden, Bewegung, die Flut der Bilder von außen, die im Chaos des Großhirns ein Gewitter aus Emotionen und Assoziationen auslösten. Die Feuergarben seiner Blicke fuhren schon über Manfred hin, der sich abwenden wollte, jedoch die eigenen nicht von der tollen Gruppe lösen konnte. Philipp kam amüsiert und geschmeichelt gar nicht zu Wort. Und daneben er, der Magnetberg, der die Eisenspäne dieser armen, verwirrten Seelen aufsammelte und sie, wie alles, das von außen kam, in den matten Strahlglanz seines animalischen Behagens einschmolz.





Der Kokainist (oder was er schon war) tänzelte mit großen, glänzend irrlichternden Augen auf Manfred zu. Ob er überhaupt rauche? Nein, also gerade wie er? Mit überraschend geschicktem Fingerschnippen lüpfte er ihm dann den oberen Bund des T-Shirts und stellte aufjauchzend Übereinstimmung auch in der Behaarung der Brust fest. „Nein, so ist es nicht“; sagte Manfred. Die Verneinung genügte schon, er wandte sich bereits anderen Männern zu. Da kam der aus Göttingen herüber und sagte ruhig zwei, drei Sätze zu ihm, die sonst niemand verstand, und entzog sich dann allen. Gelassen, gleichmütig ging er auf die Treppe zu und verschwand zur Oberwelt hinauf.

Als er fort war, sagte Philipp: „Du kannst ihn im Steindamm-Eck wiedersehen. Es ist gerade neu eröffnet worden. Dort ist er Kellner.“


Erinnert sich keiner mehr an das Steindamm-Eck? Ein Wunder wäre es nicht, es hat ja nicht sehr lange bestanden. Auch der Steindamm ist bekanntlich dreigeteilt: vorn, wo die Gründerzeitfassaden sind, Ramsch und Strich; dann die Mitte: Kinos und Gastronomie in Gebäuden von des zwanzigsten Jahrhunderts Mitte, die Sehnsucht nach Gemütlich-Gediegenem verraten (und hier und in den Seitenstraßen treffen sich die Homosexuellen) – endlich die letzte Viertelmeile, vollgestellt mit aufgetürmtem Büroraum, preiswert, zentral gelegen und „zum Weinen schön“. Dort hinten, nicht weit vom Allgemeinen Krankenhaus, hatte das alte Steindamm-Eck einige Jahre zwischen Mittagstisch und Skatabend überlebt. Damit war es nun vorbei, doch war es unter anderem Vorzeichen schon wieder eröffnet worden.

„Apropos Vorzeichen“, sagte Stefan gerade, als sie davor standen, „man sollte für uns ein eigenes Geschlechtssymbol einführen …“

„ … einen Kreis mit einem Pfeil, der senkrecht nach unten weist?“

„So auch wieder nicht … Aber was für eine Art Publikum verspricht man sich hier? Die Gegend ist ja fürchterlich.“ Stefan hoffte schon nicht mehr, ein neues Stammcafé entdecken zu können. Manfred hatte ihn am Mittwoch nach jener Nacht zu unüblicher Zeit, halb acht abends, abgeholt. Sie wollten wirklich im Steindamm-Eck zu Abend essen.

Das Eck war zur Straße durchgehend verglast wie früher schon, doch schien es jetzt nicht nur transparent, sondern auch transportabel zu sein. Die neue Einrichtung, weiße Stell- und Schiebewände, davor billige weiße Holzmöbel, hatte etwas Feldküchenmäßiges, zum baldigen Abbau und zur Wiedereröffnung an anderer Stelle bestimmt - dies der erste Eindruck, der so selten trügt.

Sie übersahen es schon beim Eintreten, sie waren die einzigen Gäste. „Schlechtes Zeichen“, murmelte Stefan. Ein blonder Apoll, der Geschäftsführer oder besser Manager, war allein im großen Lokal und wartete hinter dem Tresen auf Kunden. Er besorgte auch das, was in Österreich Gassenverkauf heißt. Sie wollten hier essen? Er war freundlich und auf der Höhe der Zeit: „Kein Problem.“ Und rief in die Küche hinein: „Sigurd!“ Mit dem Namen war schon etwas gewonnen.

Sigurd kam durch die Pendeltür, groß, rundschädlig, kurzgeschoren. Er war es und grüßte mit einem entspannten „Hallo“, womit er auf die knappste Weise zeigte, dass er sich erinnere. Er war heute rasiert und sehr einfach angezogen, Blue Jeans und weißes T-Shirt. Er kam noch nicht herüber, da sie sich jetzt in die Karte vertieften.

Man war hier nur auf Imbisse eingerichtet. Manfred bestellte eine Currywurst mit Brötchen, was mit „Mh“ quittiert wurde. Stefan erkundigte sich erst, ob der Linseneintopf vegetarisch sei. „Mh, keine Wurst drin.“ Die Auskunft war vermutlich ohne Wert, dafür wurde sie mit den Anzeichen verhaltener Freude erteilt, einem Ausdruck, den er während der Dauer ihres Aufenthaltes im Lokal fast bis zum Ende beibehielt.

Es gab sogar einen Koch oder zumindest eine Küchenkraft. Man hörte die üblichen Geräusche der Zubereitung von Speisen. Sigurd stand währenddessen am Geldspielautomaten, den es auch hier gab, und überließ sie vorerst der Betrachtung seiner Rückseite. Wie herrlich war dieses Kreuz, das man gern auf sich genommen hätte.

Stefan fragte nach dem Cousin. Er habe ihn seit Wochen nicht mehr gesehen. - „Theo geht bald wieder aus, er ist jetzt über dem Berg … Nein, nicht krank, nicht körperlich, zu sehr engagiert, in Liebessachen.“

„Das kann ich mir bei ihm gar nicht vorstellen. Ich habe ihn darin bis jetzt nicht für anfällig gehalten.“ Stefan senkte die Stimme: „Er ist also kein Klotz wie der da?“ Manfred biss sich auf die Lippe. Die Frage bewies weder Verständnis noch Feingefühl.

Als Sigurd die Speisen brachte, trat er dicht an sie heran. Er servierte stumm. Manfred nahm die ihm eigentümliche Ausstrahlung jetzt noch deutlicher wahr, diese dumpfe, grundlose Daseinsfreude.

Während sie aßen, ging Sigurd einige Male langsam im Lokal auf und ab. Er sah aus einem Fenster auf den Steindamm hinaus, oder er beobachtete sie, ohne sich dabei zu verstellen. Der Blonde überwachte sie alle vom Tresen aus, zwei Gäste, die aßen und dabei einen Kellner beobachteten, der seinerseits Gäste betrachtete, die ihn im Auge behielten.

Er war deutlich jünger als Theo. Sah man schärfer hin, bemerkte man einzelne unfertige, fast linkische Bewegungen und konnte aus ihnen das Bild des Epheben rekonstruieren, das er vor Jahren geboten haben musste. Vermutlich hatte er den Unwillen fast aller seiner Lehrer erregt. Man konnte sich ihn nicht als einen auch nur mittelmäßigen Schüler vorstellen. Sein Hang zur Selbstzufriedenheit, der eigentlich eine Neigung zum Selbstgenuss war, durchkreuzte alle Pädagogik. Es war doch etwas an Stefans Urteil: nur ein Klotz. Vielleicht lag seinem spezifischen Reiz eine sich auf alles erstreckende Trägheit zugrunde. Sie galt auch in der jetzigen gottfernen Zeit – und nun erst recht – als Todsünde. Kästners oft zitiertes „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“ gehörte zur Propaganda dieser Strebsamen, die den Naturzustand nicht ertrugen und sich selbst auch nicht. Sie strebten von sich weg und verwirklichten sich daher, indem sie wirkten, das heißt sich veräußerlichten und Gleiches von allen anderen verlangten. Im Ergebnis stiegen die Ansprüche aller an alle ins Maßlose. Die Vernetzung der Gesellschaft und damit die Unfreiheit aller nahmen mit jeder Generation zu. Menschen, die hierin zurückblieben, waren dem Ursprung näher und fielen bald unangenehm auf; und doch waren gerade sie es, die das Behagen am Sosein noch kannten, und man erhielt von ihnen nicht Zeichen kreatürlicher Güte, vielmehr Beweise.

Das war fast zu viel Spekulation beim Verzehr einer Currywurst mit Brötchen. Stefan hatte längere Zeit geschwiegen, ein Zeichen großen Missfallens bei ihm. Sie zahlten und brachen auf. Sigurd warf beim Abschied einen Blick auf sie, wie Manfred ihn von Pferden kannte, an deren Weide man zufällig vorbeikommt und von denen man sich entfernt, ohne ihnen näher gekommen zu sein. In ihrem Pferdeblick liegt dann etwas, das die Rasse der sich entfernenden Menschen sehr weit unten in einer Rangfolge der Kreaturen einordnet. Waren es die edlen Pferde von Swift?

Stefan, dem er die Beobachtung mitteilte, entgegnete: „Sie werden ihr Zuckerstück vermisst haben.“


Manfred sah ihn zwei Tage später noch einmal, jetzt nur noch aus einiger Entfernung. Er wollte nachmittags vom Verlag zu einer Buchhandlung fahren und wartete auf den Bus. Da sah er Sigurd drüben vom Kaufhaus her die Mönckebergstraße überqueren. Er schwamm im Strom der Fußgänger mit, ließ sich überholen und begann, den entgegenkommenden Trupp zu teilen. Schließlich erreichte er als Letzter das diesseitige Ufer, wo Manfred ihm von der Bushaltestelle her etwas befangen entgegensah. Indessen blieb Sigurd, der schon sehr langsam gegangen war, jetzt stehen, drehte sich um und sah zum Kaufhaus zurück. Manfred bemerkte auf der anderen Straßenseite einen jungen Mann, der Sigurd aus der Menge heraus diskrete Zeichen mit der Hand gab. Offenbar wollte er außer von Sigurd von niemand bemerkt werden, doch gerade das Missverhältnis zwischen verstohlener Geste und Breite der Straße fiel Manfred erst ins Auge. Der andere war hell, sommerlich-sportlich gekleidet und gehörte vielleicht zu den Stammgästen der nahen Cafés. Sigurd trug heute ein blau-rot kariertes Hemd über blauer Hose und hätte ein Bauarbeiter nach Schichtende sein können. Die Ampel sprang gerade auf Rot, und er beeilte sich, die Straße ein zweites Mal zu überqueren.

Beide gingen dann drüben wider Erwarten nicht aufeinander zu, sondern strebten links und rechts von einem der wuchtigen Pfeiler dem Eingang des Kaufhauses zu, jeder auf einer anderen Seite. Ein Bus einer anderen Linie, noch dazu ein Gelenkwagen, nahm jetzt Manfred die Sicht, und als er sie nach kurzem Halt wieder freigab, war vielleicht etwas geschehen: Manfred sah Sigurd und den anderen sich in entgegengesetzter Richtung vom Kaufhaus entfernen. Der Unbekannte ging rasch die Mönckebergstraße weiter hinunter, während Sigurd dem Fußgängertunnel am Hauptbahnhof zutrottete. Dabei waren seine Haltung und sein Ausdruck die eines glücklich-zufriedenen Pferdes oder Fuchses, wie Franz Marc sie gemalt hat, geborgen in ihrer eigenen Welt. Er war schon verschwunden.


Am Samstagabend fuhr Theo zum ersten Mal seit Wochen wieder mit ihm ins Village. Sie gingen die Treppe hinunter und fanden an der Kasse ein neues Gesicht vor. Philipp war zum Barmann aufgestiegen und signalisierte dem Kollegen vom Tresen aus, Manfred und den Cousin ohne Eintrittsgeld passieren zu lassen.

Von den beiden bisherigen Barkeepern war einer entlassen worden. „Der Alte hat kurzen Prozess gemacht“, sagte Philipp. Immerhin sei die Polizei da gewesen und habe etwas gefunden. Philipp zuckte die Achseln, als Manfred ihn nach Sigurd und dem Steindamm-Eck fragte.

Theo redete mit Stefan, als sich Manfred wenig später auf die Suche nach Sigurd machte. Der Kellner war unauffindbar. Sollte er ihn im Steindamm-Eck suchen? Es war nicht nötig, Sigurd war hier noch in allen Räumen, die Manfred immer wieder durchquerte. Seine körperliche Abwesenheit war nur Schein, täuschende Oberfläche, überhaupt der Ablauf der Zeit eine, wenn auch hartnäckige Illusion … Und er, Manfred, gerade jetzt nicht nur hier, er war zugleich im Steindamm-Eck und auf der Mönckebergstraße …

Oder es war der Durchgang eines Planeten gewesen, in diesem Fall die Kulmination längst geschehen. Manfred wollte sich vergewissern. Am Dienstag der folgenden Woche ging er in der Mittagspause hinüber nach St. Georg. Seit dem Vormittag wusste er, dass der Verlag verkauft werden sollte. Darüber würde es noch Gespräche geben. Er überquerte die Eisenbahn auf der Altmannbrücke. Hier war der Stadtkörper, der sonst so kompakt erschien, aufgerissen. Es spreizten sich die Gleisstränge wie Wunden nach Süden und Osten hin, dazwischen der mächtige Querriegel des Postamtes; es war damals seiner Bestimmung noch nicht entzogen. Alles drehte sich hier um Austausch, sei es von Gütern, von Nachrichten oder von Menschen. Zirkulieren ist das Gesetz der Zivilisation. Über den Geleisen thronte auf hohem Gestade ironisch wie ein Magrittescher Kommentar das Museum. Er umrundete es und erreichte den Anfang des Steindamms; blendend weiß sein Beginn – und dann wurde es rasch schäbig. Das Eck war inzwischen geschlossen – er hatte es erwartet – und war schon wieder zu vermieten. Aufschlüsse waren hier nicht mehr zu bekommen.

Es ließ sich nichts mehr aufklären, es war schon gegen das Ende hin. Es gibt eine Art Nachwelt bei Lebzeiten, davon war dies nun ein Vorgeschmack. Philipp gab kein Wissen mehr preis. Er überhörte strikt Fragen nach Sigurd oder dem Steindamm-Eck. Am Tresen hatte er mehr als früher zu tun, und notfalls wandte er sich abrupt anderen Gästen zu.

Es blieb die blasser werdende Erinnerung an Hände, die einen auf ungewöhnlich angenehme Weise berührt hatten, an ein Gesicht, dessen Ausdruck etwas unbekanntes Köstliches widergespiegelt hatte. Sigurd war wie ein Vorläufer, auf den dann doch kein anderer mehr folgt. Was geschehen war, war geringfügig und großartig zugleich. Es war vielleicht der Einbruch der Natur in die Subkultur oder in die Zivilisation überhaupt.

(Auszug aus dem Roman "Der Cousin")

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