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Drei Nächte in Kivu
Eingestellt am 08. 03. 2001 03:45


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Festzeitungsschreiber
Registriert: Nov 2000

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Fairerweise sollte ich ein paar Anmerkungen zu der folgenden Geschichte einschieben: Es ist eine Episode aus einem phantastischen Roman (zumindest versucht er einer zu werden), aber mangels phantastischen Gehalts dieses Beitrages ist er dann doch bei den Kurzgeschichten gelandet. Das ‚Kurz’ vor der ‚Geschichte’ steht leider auf ebenso wackeligen Beinen. Das nur zur Warnung an die, die auf einen kurzen literarischen Snack vorbeigekommen sind. Nicht, dass ich jemand rausgraulen will...


Noch da? Anscheinend sind wir Hardcore-Leseluper jetzt unter uns. Vielleicht will der eine oder andere sich vorher noch eine frisch Tasse Tee oder Kaffee holen? Sind noch genug Kippen da? Alle soweit?

Erinnert sich jemand an Muhammad Ali?

Genau! Der Boxer!

Es gab da mal einen berühmten Kampf in Kinshasa, gegen George Foreman. Das war 1974. Unter den Zuschauern war auch eine zwanzigjährige Algerienfranzösin, Myriam, die diese Geschichte erzählt. Damals arbeitete sie noch bei der Zeitung, dem Courier d´Afrique. Sie war zusammen mit ihren Eltern nach Zaire (der heutigen Demokratischen Republik Kongo) gekommen, wo ihr Vater als verantwortlicher Architekt an einem Staudamm in Kiambi arbeitet. Die meiste Zeit hat sie in Lubumbashi, dem alten Elisabethville (Eville) verbracht. Zu Beginn der Handlung sind zwei Jahre seit der denkwürdigen Begegnung der beiden Champions vergangen, und die Alpträume des Landes, das Joseph Conrad als Schauplatz für sein ‚Herz der Finsternis’ gewählt hat, sind wie die real gewordenen Schatten auf Myriams Seele...



Drei Nächte in Kivu



1. Eisenbahnromantik

Der Anlass, den Job beim Courier hinzuschmeißen, war der Trip nach Kivu. Aber ich hätte es sowieso früher oder später getan. Also, ich war mit diesen drei skandinavischen Studenten auf einen Ausflug nach Norden zum Kivu-See gegangen und sollte darüber schreiben, was die Drei so erlebten, und ein paar Fotos schiessen. Eine unbedeutende Sache, gecovert von einer unbedeutenden kleinen Reporterin, die ihren Job sowieso nur machte, weil sie nichts anderes zu tun hatte und nicht völlig in den Dunstkreis ihrer Eltern und ihres Verlobten geraten wollte. Als Form der Zeitverschwendung war das gerade mal ausreichend für ein unbestimmtes Selbstmitleid; aber ich sollte noch lernen mich zu hassen. Wie auch immer, die beiden Norweger hörten auf die Namen Odd und Kjell, der dritte war ein fülliger Däne namens Aksel, die allesamt an der Universität Oslo eingeschrieben waren. Sie arbeiteten für eine kleinere Stiftung, die ein paar örtliche landwirtschaftliche Entwicklungshilfeprojekte betreute, und Leuten aus den Slums der Städte beibrachte, wie man Maniok und Bohnen anbaut. Aber damit hatten die drei Urlauber ohnehin nur theoretisch etwas zu tun. Ihre Verdienste schienen sich auf eine modisch rot angehauchte Gesinnung und irgendwelche ehrenamtliche Tätigkeiten neben ihrem Studium zu beschränken. Boshaft konnte man sich fragen, ob es eine sinnvolle Vergeudung von Spendengeldern war, den Jungs einen Abenteuerurlaub zu finanzieren. Andererseits bewegte sich der halbe UN-Stab mit den gleichen Argumenten um die Welt.

Nach ihrer Ankunft folgten die obligatorischen Besichtigungen und Begrüßungen. Nichts wirklich Großartiges. Aber das Geld der Stiftung, von dem die örtlichen Potentaten auch weiterhin ihren Anteil abzweigen wollten, machte sie zu halbwegs bedeutenden Persönlichkeiten. Deswegen hatte mein Redakteur mich ihnen überhaupt aufgehalst. Also sah ich zu, wie ihnen nach der anfänglichen Schüchternheit die übliche Gastfreundlichkeit und die ganze Aufmerksamkeit langsam zu Kopf stieg. Ansonsten waren sie aber ganz nett, und ließen sich mühelos um den Finger wickeln. Außerdem brauchten sie mich, weil keiner von den Dreien mehr als sein Schulfranzösisch sprach und schon gar nicht Swahili oder Lingala.

Die Bergwerke um Eville und Kolwezi, die sich wie gewaltige Ameisenbauten in die gelbgraue Savanne graben und von kleinen, traurigen, schwarzen Ameisen wimmeln, sind nicht gerade dazu geeignet, die Gegend in guter Erinnerung zu behalten. Daher hielt es mein Redakteur für eine gute Idee, als die Gäste, in einer Anwandlung nostalgischer Gefühle beim Anblick der noch aus der belgischen Kolonialzeit stammenden Züge, samt Dampf und Ruß schnaubender Lokomotive, auf eine Zugreise verfielen. Die ganze Strecke bis Kindu hoch, wo Afrika noch richtig afrikanisch war, mit Fluss und Regenwald und einem Trip zum See, Gorillas inklusive. Kein Einheimischer, der noch bei Trost war und es sich leisten konnte (also entweder ein Weißer, ein Politiker oder eine beliebige andere parasitäre Spezies) fuhr mit dem Zug, schließlich gab es Flugverbindungen von Eville nach Bukavu direkt am See und, wenn’s denn sein musste, auch nach Kindu. Wir versorgten uns mit so viel Primus, wie wir tragen konnten und genug inflationären Papier-Zaires (das Geld war zusammen mit dem Kupferpreis den Bach runter gegangen), um Nachschub von den kleinen Händlern zu kaufen, die in den Zügen ihr Leben verdienten.


Ich ließ mich am Mittwoch mit dem Taxi bringen. Hinter dem Bahnhof wartete bereits der Zug.

„Myriam!“ Ich setzte meinen Koffer ab und spähte durch den Dampf, der zischend aus den geöffneten Ventilen der Lok entwich. Der Lokführer grinste aus dem geöffneten Fenster zu mir herunter, mit lässig gefalteten Armen, während der Heizer hinter ihm schuftete.

„Jo!“ Jo oder Joseph stand etwa drei Wagen weiter hinten und lief jetzt auf mich zu. Ich zerrte meinen Koffer hinter mir her, aus der künstlichen Nebelwand. Der Bahnsteig wimmelte von Menschen, und Jo umarmte mich, als er mich erreichte, und riss mich dabei vom Boden. Immerhin ist er einen Kopf größer als ich. Ein paar Leute lachten über unsere Begrüßung, der Rest fuhr fort, Kinder und Gepäck in die Ansammlung heruntergekommener rostbrauner Waggons zu schaufeln.

„Hast du nicht gesagt, er fährt nie pünktlich?“ Bis auf einen Wagen, der in einem gut erhaltenen britischen Grün erstrahlte und sich vermutlich verirrt hatte, ließ der traurige Anblick nichts Gutes für die kommenden Tage erhoffen.

„Ist mir ein Rätsel. Vielleicht wollte sich die SNCZ nicht vor deinen prominenten Mitreisenden blamieren.“ Die SNCZ ist die Eisenbahngesellschaft Zaires.

„Halt bloß den Mund. Wenn die Drei das hören, werden sie komplett größenwahnsinnig.“

Er schaute sich um. „Wo sind die eigentlich? Sind sie nicht mit dir gekommen?“ Der Lokführer spielte unterdessen mit der Signalpfeife herum.

„Falls sie mein Lästern nicht zu ernst genommen haben, sollten sie jeden Augenblick hier auftauchen.“ Zumindest mussten wir uns keine Sorge wegen unserer Plätze machen. Wir fuhren erster Klasse, was aber nicht viel zu besagen hatte. Sogar für Jo hatte der Courier eine Karte springen lassen; und vermutlich etwas Matabisch für die Bahnverwaltung. In dem Augenblick sah ich Kjells magere Gestalt mit den dünnen Beinen um die Ecke schauen.

„Hey! Kjell! Hier!“ In seinem verwaschenen Batik-Hemd, den Shorts und den Locken sah er wie eine wandelnde Karikatur auf Peace&Love aus. Der Lokführer nutzte die Gelegenheit, um Druck abzulassen. Aksel und Odd tauchten aus den Dampfschwaden aus und freuten sich wie die kleinen Kinder, auch wenn sie Lässigkeit heuchelten. Die Vormittagssonne knallte aus dem hellblauen Katanga-Himmel auf eine Szene wie aus einem Wildwestfilm. Ich stellte Jo und die Skandinavier einander vor.

„Beinahe hättet ihr wegen meinem Gerede den Zug verpasst. Aksel – Kjell – Odd – das ist Jo.“ Sie schüttelten sich artig die Hände. „Jo arbeitet auch beim Courier. Er macht so einen Reporter-für-alles-Job wie ich und seine Familie lebt oben in Kivu. Er wollte sowieso nach Hause und ich dachte es ist das Beste, wir fahren zusammen.“

„Sie meint, ich bin der Einzige von uns, der regelmäßig dumm genug ist, mit diesem Viehtransport zu fahren. Ich hab versucht es ihr auszureden.“ Jo ist ziemlich clever und ein alter Bekannter von mir, den ich beim Büro des Courier in Kinshasa kennen gelernt hatte. Aus ihm sollte noch was werden, aber nicht beim Courier.

„Ah, so schnell sind wir nicht einzuschüchtern.“ Kjell staunte immer noch mit großen Augen die Lok an. Odd machte ein misstrauisches Gesicht.

„Was ist Jo für ein Name?“

„Oh. Es ist nur eine Abkürzung für Joseph. Aber wenn du willst, kannst du mich auch Lonkundo nennen. Den Namen verdanke ich unserem geliebten Präsidenten und seiner Authenticité.“ Odd ging nicht weiter darauf ein und Jo warf mir einen halben Blick mit angehobener Augenbraue zu. Es war Zeit, der Stehparty ein Ende zu machen.

„Los. Lasst uns einsteigen.“ Jo gab dem Mann mit der Signalkelle ein ausgelassenes ‚Daumen-hoch’. Kaum hatten wir den Weg zu unserem schwer mitgenommenen Abteil gefunden, in dem vom ehemaligen kolonialen Luxus nicht mehr viel übrig war, als uns der Ruck des anfahrenden Zuges beinahe von den Beinen holte. Wo die Sitzfüllung nicht fehlte, waren die Polster völlig durchgesessen, und der Rest war auch nicht besser. Aber wir waren unterwegs auf der Suche nach unserem persönlichen kleinen Abenteuer; und das entschädigte schon für einiges...


Trotz oder gerade wegen der desolaten Unterbringung ging sofort das Gelage los. Kjell und Odd versuchten, sich selbst und den Möchtegernwikinger aus Dänemark, Aksel, unter den (abgebrochenen Klapp-)Tisch zu saufen. Gegen Lonkundo und mich waren das hoffnungslose Amateure, die nur die Sau rausließen, weil das Zeug hier billiger war, als bei ihnen zu Hause. Aber mit dem Zustand der Toiletten konfrontiert, schreckte ich vor jedem weiteren Exzess zurück. Ich hatte so die vage Hoffnung, für die folgenden Tage meine Getränke einfach ausschwitzen zu können. Was das pubertierende Verhalten der drei Nachwuchshooligans anging, waren die Abteile (zum Glück?) bereits so zugerichtet, dass der Unfug den sie anstellten ohnehin nicht auffiel, und der Krach, der Dank fehlender Türen ungehindert auf den Gang quoll, mischte sich mühelos unter Babygeschrei, Zank und Gelächter, das den Zug rund um die Uhr erfüllte. Nüchtern wurde Schlaf zu einem knappen Gut, trotz des monotonen Stampfens und Rütteln der Wagen. Am Ende hatte sich Odd, als er nachts einem Bedürfnis folgte, unterwegs auf den überall herumliegenden Erdnussschalen langgemacht und verbreitete von da an bis Kindu einen schwachen Dunst nach Kinderpipi und Essig.

Die letzten anderthalb Tage waren erwartungsgemäß furchtbar, der Kreislauf der Möchtegerntrinker litt unter der ungewohnten Strapaze und dem tropischen Klima in Kivu. Keiner von ihnen wagte zu jammern, aber das Elend stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Manchmal unterhielt ich mich mit Lonkundo, wenn ich mir nicht gerade ein paar euphemistische Absätze über die Romantik der Reise zusammenlog. Wenigstens die Landschaft wurde hinter Kabalo etwas abwechslungsreicher. Seit wir aus dem Hochland herunter waren wich das Gelbgrün und Grau der Savanne dem satten, tiefen Grün des Regenwaldes. Zum ersten Mal seit Tagen kam auch der Fluss wieder in Sicht, der hier noch Lualaba hieß, aber im Grunde schon der Kongo war.

In Kindu, bei dem Depot am Fluss, wartete wie versprochen unser Fahrzeug, ein großer allradgetriebener LKW samt Doppelkabine. Zu meiner Erleichterung war der Fahrer ein Inder, der für die Bergwerksgesellschaft in Kamituga arbeitete. Nicht, dass ich die afrikanische Abneigung für die Einwohner des Subkontinents nicht teile, sie sind hinter dem Geld her, wie der Teufel hinter der Seele. Materialismus macht aber ihren Fahrstil auch weniger selbstmörderisch. Wir mussten etwa sechshundert Kilometer bis Bukavu zurücklegen. Der Mann kam frisch aus Kamituga, und auf dem Hinweg war alles in Ordnung, alle Brücken befahrbar. Mit etwas Glück konnten wir die Strecke in zwei Tagen schaffen.



2. Der Club

Wir verabschiedeten uns von Lonkundo und waren erst einmal froh aus dem verdammten Zug heraus zu sein. Bis wir auf halbem Wege festsaßen. Also gab ich zusammen mit dem grinsenden kleinen Fahrer guter Ratschläge, während sich die Geistesgrößen abschwitzten um die Kiste wieder freizuschaufeln. Da hatten sie ihr Abenteuer; und die Schwellungen im Kopf gingen auch langsam wieder zurück. Die Prozedur wiederholte sich noch einmal; und eine Brücke musste notdürftig geflickt werden, aber jedes überwundene Hindernis steigerte auch die Stimmung, und als wir tatsächlich noch spätabends in den ‚Club’ in Kamituga stolperten, begrüßten uns die Expats wie uralte Bekannte. Es gab guten Lammbraten; und Primus; das Bier schmeckte nach dem anstrengenden Tag endlich wieder, auch wenn die Müdigkeit jede Orgie im Ansatz erstickte. Dafür war die einfache, saubere Gästeunterkunft der Minieré eine echte Offenbarung. Und die Duschen, und dann...

Ich hatte mein Nachthemd aus dem Gepäck geholt und saß auf dem weißen, herrlich weißen Leinenbezug des Bettes, richtig steif vor Sauberkeit. Das Moskitonetz über dem Bett war so weiß wie die Wände und eine Wohltat für die von den Strapazen des Tages erschöpften Augen, nach dem beißenden Grün, dem rotbraunen Schlamm der Piste, und dem dunstblassen Blau und Gelb am Himmel. Es gab keine Klimaanlage, aber die Abendluft war mild und trug leise, sentimental, die Klänge des Klaviers aus der Bar mit sich, alte Lieder, manchmal falsch, weil sie eben nicht aus der Musikbox kamen. Also saß ich einfach auf der Bettkante, noch einen Augenblick in Gedanken versunken ohne wirklich zu denken, nur noch das Licht löschen und dann schlafen, wunderbar schlafen.

Jemand klopfte an die Tür.

„Wer ist denn da?“

„Ich bin’s. Odd. Kann ich reinkommen, oder stör ich dich?“

„Ich wollte mich gerade schlafen legen.“ Das Geschrei durch die geschlossene Tür war mir zu anstrengend. „Komm rein.“

Er kam anscheinend gerade aus der Dusche, im Bademantel, das Handtuch über die Schulter geworfen. Groß, blond, vielleicht ein bisschen schlaksig, aber das würde sich mit der Zeit geben und mit etwas Sport. Er sah ziemlich gut aus.

„Oh. Tut mir leid. Ich...“Eine verlegene Pause folgte, und die Suche nach einer Sitzgelegenheit. Schließlich landete er neben mir auf der Bettkante.

„Ich wollte mich entschuldigen. Ich glaube, wir drei haben uns die letzten paar Tage wie die kleinen Kinder aufgeführt. Ich könnte es verstehen, wenn du sauer bist. Aber es ist alles ungewohnt hier, nicht so wie ich – wir – es erwartet haben. Aber wenn wir morgen am See ankommen, wollen wir doch Urlaub machen. Wäre doch schade, wenn du keinen Spaß hättest. Ich verspreche, wir werden uns zusammenreißen.“

„Ich bin gar nicht sauer.“

„Aber du hast doch was. Im Zug hast du die meiste Zeit vor dich hin gebrütet; und kaum mit uns geredet.“

Mit dem nassen, zurückgestrichenen langen Haar und dem in den letzten Tagen gewachsenen Bart hatte er tatsächlich ein bisschen was von einem Wikinger. Seine Nähe brachte eine angenehme Unruhe mit sich.

„Na, ein bisschen seid ihr mir schon auf den Wecker gegangen. Aber im Grunde hat es nichts mit euch zu tun.“

„Möchtest du darüber reden?“

Die Versuchung war da, den ganzen aufgestauten Frust loszuwerden, wenn – ja wenn ich gewusst hätte, was mir eigentlich quersaß und wo ich anfangen sollte. Also sah ich ihn nur an; und Odd sah mich an, und wir sahen uns an und natürlich schloss ich die Augen, als er mich küsste. Er duftete auch gut.

Ich hatte nichts dagegen, geküsst zu werden; aber so einfach war das nicht. Also öffnete ich die Augen wieder.

„So einfach ist das leider nicht. Ich bin verlobt.“ Meine Stimme klang, als ob es sich um ein Verbrechen handelte.

Seine Finger strichen über meine Wange.

„Tut mir leid. Ich wollte dich nicht in Verlegenheit bringen. Aber wenn du dich aussprechen möchtest; das Angebot bleibt bestehen.“

„Ich möchte jetzt wirklich nur schlafen. Mir fallen die Augen zu.“ Was die Wahrheit war. Viel zu müde, um mit dem Feuer zu spielen. „Aber danke. Ehrlich.“

Er stand auf.

„Träum was Schönes.“

„Machst du das Licht aus, wenn du rausgehst?“

„Klar.“

„Gute Nacht.“

Es wurde dunkel; und ich zog die Beine hoch und das Netz zu. Es dauerte dann doch noch eine Weile, bis ich einschlafen konnte, zusammen mit ein paar warmen Gedanken.



3. Touristen

Der Rest der Reise bis Bukavu verlief vergleichsweise reibungslos, mit der Straße in einem viel besseren Zustand. Wir kamen jetzt in das Hügelland im Osten von Kivu, an der Grenze zu Ruanda. Hier beginnt das Afrika Hemingways. ‚Die grünen Hügel Afrikas’; auf den ersten Blick fast wie Südfrankreich, aber doch nicht wirklich. Der sanfte Schwung der Landschaft, die abgerundeten Kuppen, der diesige Nebel, der über allem hängt, abwechselnd mit Momenten grandioser Fernsicht. Vielleicht nimmt das Unterbewusstsein auch nur das üppigere Grün am Straßenrand und die ungewohnten Formen von Bäumen und Sträuchern wahr.

Bukavu ist eine der schöneren Städte in Zaire, malerisch auf Landzungen am Kivu-See gelegen. Es gibt sogar einen Badestrand; es ist eine vulkanische Gegend, und aus dem Felsen darunter dringt Methangas in das Wasser. Nicht, dass man von dem Zeug was bemerkt hätte. Aber das Gas tötet die Krankheitserreger ab, und damit hielt uns nichts mehr davon ab, den nächsten Tag hemmungslos am See zu verschwenden und uns von der Reise zu erholen.

Auf dem Programm stand ein Ausflug zum Nationalpark, und von da aus nach Goma und zu den Vulkanen, Nyamulagira und Nyiragongo. Der Nyiragongo ist heisser als überkochendes Chili (wie zum Beweis seiner Bosheit sollte er ein Jahr später ausbrechen und ein paar Dutzend Opfer fordern) und das einzige, worauf ich mich bei dieser bescheuerten Reise überhaupt gefreut hatte. Also erkundigte ich mich an der Rezeption vom Riviera nach einer Fahrgelegenheit. Es ging sehr früh am Morgen los, am Carrefour ganz in der Nähe, und wir übernachteten dort im Riviera, direkt am See. Ein wirklich gutes Hotel.

Ich musste die ganze Zeit über die großzügigen, mondänen Kommentare meiner Begleiter grinsen; zu dem untadeligen, europäischen Komfort der ihnen hier geboten wurde; als ob sie ihn selbst erfunden und im übrigen die letzten drei Jahre im Dschungel auf der Suche nach Dr. Livingstone verbracht hatten. Vielleicht wären sie etwas kleinlauter gewesen, wenn ich ihnen erzählt hätte, dass das Hotel vor kaum mehr als zehn Jahren als Folterkeller von Kashamura und den Lumumbisten berüchtigt war, als die versuchten, hier ihren eigenen Verein aufzuziehen. Besser, ich hielt meine Klappe.

Allein in meinem Zimmer war ich etwas enttäuscht. Ich hatte insgeheim gehofft, dass Odd auf den Abend in Kamituga zurückkäme; nicht dass ich mich schon entschieden hatte. Die Spannung, das Kribbeln war da; und ich ertappte mich mehr als einmal bei der Frage, ob ich vielleicht den ersten Schritt machen sollte – oder wollte. Aber dann hätte ich über mich und Henrik nachdenken müssen; und danach war mir nicht zumute.

Es konnte ja tatsächlich daran liegen, dass er sich zurückhielt, weil er zu anständig war (konnte man zu anständig sein?), und schließlich mussten wir wirklich sehr früh raus.

Für die nächsten Tage spulten wir unser touristisches Pflichtprogramm ab, kletterten auf Bergen herum und starrten die Gorillas an. Unser Führer kannte die einzelnen Familien, und sie kannten ihn. Ich sah also einer Anzahl dicker Affen beim Fressen zu, und sie und ich stellten uns die gleiche Frage, nämlich was daran nun so interessant war. Zurück nach Bukavu fuhren wir mit dem Schiff. Vom Heck aus konnte man die beiden Vulkane sehen, der kleinere Nyiragongo links, aus dessen Krater heller Rauch den Hang hinunterquoll, und die tiefgrünen, regenwaldbewachsenen Hügel davor. Nur die Kuppen ragten aus den silberblauen Schleiern, die bis an den See herunterreichten. Auf einmal tat es mir leid, schon abzureisen. Auch meine Begleiter schwiegen sich aus.

„Lasst uns doch diesmal im Taife übernachten.“ Es war Zeit, an etwas anderes zu denken, bevor wir noch sentimental wurden. „Es soll eine gute Bar haben...“

„Hast du uns das nicht schon auf der Hinfahrt gezeigt? Es sah etwas schmuddelig aus...“ Odd schien nicht überzeugt.

„Wo ist euer Sinn für Abenteuer? Es soll da richtig gute Musik geben. Die Bar hat einen ganz wilden Ruf.“

„Musik? Was für Musik?“

„Na was für Musik wohl? Zairische Musik. Nun stellt euch nicht so an. Die ist wirklich gut.“

„Du willst tanzen...“

„Ausserdem ist es billiger.“

„Du willst tanzen!“

„Ach kommt schon! Feiglinge...“

In Wirklichkeit wollten sie nur herumjammern. Keiner leistete wirklich Widerstand Im Verlauf des Tages brachten wir überschüssige Devisen in der City durch und den Nachmittag am Strand, bis die Sonne unterging.



4. Nachtleben

Afrikanische Sommernächte, da wo die Hitze nicht zu drückend ist, haben einen ganz speziellen Zauber. Und ich hatte seit langer Zeit wieder Lust, wirklich Lust, mich in vorzeigbare Form zu bringen. In meinem Koffer, sorgfältig in einer Schutzhülle untergebracht, lauerte noch eine Geheimwaffe. Tiefblau wie der Nachthimmel und über und über mit Pailletten bestickt, die schimmerten und glitzerten wie die Sterne. Und es passte wunderbar zu meinen Augen, zu meinem Haar; und war gerade lang genug, um nicht billig zu wirken. Zu schade, dass es nicht von Henrik war, das hätte der Sache zusätzliche Ironie verliehen. Das Abendkleid stammte aus der Zeit, als ich für solche Klamotten etwas übrig hatte; und seinen Platz im Koffer verdankte es keiner speziellen Absicht sondern schlicht weiblicher Konditionierung.

Nachdem ich zuletzt nur in meinem geliebten, ausgeblichenen Khaki herumgelaufen war, war ich mir meiner Sache gar nicht so Lastsicher. Im Gegensatz zu dem Gejammer das ich sonst so von anderen hörte, hatte ich anscheinend abgenommen. Wahrscheinlich war an Henriks Genörgel über meine Lebensweise doch was dran. Aber egal. Es wurde ein spektakulärer Erfolg.

Als ich mit der Toilette fertig war (und die Jungs schon drängelten), sackte den Dreien beim Öffnen der Tür die Kinnladen herunter, während sie ihre eigenen Reiseklamotten etwas unsicher musterten und sich vermutlich fragten, ob sie irgendetwas falsch verstanden hatten. Dann folgten einige rührend naive Komplimente; und ein nicht so naiver Blick von Odd, der den Wink verstanden hatte: Das Spiel konnte weitergehen.

Wir waren noch früh dran; die Band lief gerade warm, richtig heiß wurde es hier erst, wenn es auf Mitternacht zu ging. Dafür hatten wir einen guten Platz, Zeit, um Grundlagen zu schaffen und dann ein paar Cocktails durchzuprobieren. Als die Musik in Gang kam und die ersten einheimischen Stammgäste auftauchten, fing ich gemeinerweise damit an, meine Kavaliere zum Tanzen zu nötigen; zuerst Aksel, der sofort den Schwanz einkniff, dann Kjell, der sich zumindest auf die Tanzfläche wagte, auch wenn es eine reine Pflichtübung wurde.

Das gehörte zum Plan: Odd erst mal ein bisschen zappeln lassen und das Blatt nicht zu früh ausspielen.

Die erste Runde war ausgeglichen; natürlich sagte er nicht nein, aber wir waren nur zwei Lieder lang draußen und blieben auf Distanz. Zurück am Tisch war Aksel dabei, sich schichtweise mit Daiquiris zuzuziehen. Und Kjell verhandelte auf Englisch, Französisch, Swahili und unter Einsatz aller Extremitäten mit einem gutgekleideten Zairer, der die ganze Zeit strahlend lachte. Ich kannte den Gesichtsausdruck. Am Ende würde Kjell mit einem kleinen Beutel Bangi oder Pygmäen-Gras dastehen, das jeder Einheimische zu einem Zehntel des Preises bekommen hätte, und sich vorkommen wie Al Capone höchstpersönlich.

Blieb also noch, die Sache auf die Spitze zu treiben. Ich suchte mir einen gutaussehenden, ebenholzschwarzen Jungen, der augenscheinlich etwas vom Tanzen verstand und nur zu gerne mitmachte. „Mach ihn eifersüchtig für mich, Cherié...“, hatte ich meinem Partner auf französisch ins Ohr geflüstert, mit einem Blick auf den skandinavischen Tisch. Natürlich spielte mein Zairer umgehend auf Hauptgewinn, aber etwas mehr Hitze tat den Nordlichtern ganz gut und so viel Spaß hatte ich schon lange nicht mehr. Mir war klar, dass die Jungs das mit der Hautfarbe ab einem gewissen Punkt noch nicht aus dem Hirn hatten (wahrscheinlich ein Minderwertigkeitskomplex), aber das Einzige was ihnen jetzt noch blieb, war, sich der Herausforderung zu stellen.

Es war etwa halb zwei, als wir schließlich müde und mehr als ein bisschen betrunken den halbdunklen Fluren zu unseren Zimmern folgten. Odd und Kjell hatten sich die Arme von Aksel über die Schultern gelegt und ihn in die Mitte genommen; er war vorhin schon am Tisch eingeschlafen, hatte sich vollgesabbert und murmelte nur unzusammenhängendes Zeug oder kicherte vor sich hin. Der Geruch nach kaltem Tabak und Alkohol fing an, mir auf die Nerven zu gehen.

Der Abend war zum Ende hin ziemlich sprachlos und fremd unter all den Stammgästen geworden. Es hatte so schön angefangen, aber die anderen Drei schienen sich unter den Einheimischen nicht wohl zu fühlen. Vielleicht lag es an der Sprache.

Ich ging schmollend ein paar Schritte hinter ihnen her und sah von der Tür aus zu, wie sie Aksel ins Bett beförderten. Er hatte es hinter sich; und mir, mir war schwindelig, nicht nur auf den Füssen. Ich wollte die Nacht nicht allein verbringen. Mich mal wieder festhalten. Ich lehnte mich an den Türrahmen, mein Körper schmiegte sich an, rieb sich daran, als hätte er einen eigenen Willen. Mein Blick folgte Odd, sah ihn über die Schulter an, als er hinausging.

„Kommst du noch?“

Er verzog ungeduldig das Gedicht. „Ich möchte zumachen. Gehst du aus der Tür?“

„Schon gut.“ Ich nahm die Nase hoch und schwebte so verdammt verführerisch, wie ich konnte, auf mein Zimmer zu, zwei Türen weiter den Flur hinunter. Ich wusste, dass er mir nachsah.

Es gab mal wieder kein warmes Wasser für die Duschen; dabei waren das die besten Zimmer. Aber egal, mir war ohnehin noch so warm, dass der laue Strahl angenehm war, erfrischend, ohne die wohlige Müdigkeit zu vertreiben. Mit dem Schweiß rann der Schmutz des Tages an mir herab. Ich trocknete mich nicht ab. Kleine, gleichgültige Pfützen bezeichneten meinen Weg zurück in Schlafzimmer, über das achtlos hingeworfene Häufchen Abendkleid hinweg bis zum Bett, auf das ich mich so, wie ich war, fallen ließ. Gut an meinem Limit und viel zu faul um mich aufzuraffen, ich lag nur einfach so mit dem Gesicht nach unten auf der Decke und genoss die erste, behagliche Reglosigkeit. Schließlich gab ich dem verlockenden Gefühl nach, dass die Nacktheit hinterließ, und räkelte mich mit kleinen Wonnelauten im Laken. Vielleicht hätte ich das Klopfen an der Tür überhören sollen.

Ich versuchte es mit einem koketten Lächeln, gähnte und stand einfach verschlafen da. Und ziemlich nackt. Warum auch nicht. Odd schloss mit so einem misbilligenden Gesichtsausdruck die Tür hinter sich, als er reinkam, und hielt den Mund. Seine Hände redeten. Ich wollte mich eigentlich einfach nur noch ankuscheln und meinen Rausch ausschlafen, aber nachdem ich das Spiel angefangen hatte, war es wohl sein Recht, es zu Ende zu bringen. Er machte keine großen Umstände, hob mich hoch und warf mich aufs Bett, aber es störte mich kaum, meinetwegen durfte es schnell gehen. Ich war schlicht und ergreifend todmüde. Morgen früh vielleicht...

Es ging schnell. Mir fehlte bereits jedes Zeitgefühl und ich wunderte mich auf einmal über sein verzerrtes Gesicht, als er schon von mir abließ und ins Bad ging. Während ich noch genauso da lag, wie er von mir heruntergestiegen war, und darauf wartete das er zurück ins Bett kam, hörte ich plötzlich, wie die Zimmertür ins Schloss fiel. Ärger und Verwirrung kamen zu spät. Einen Augenblick später war ich eingeschlafen.

Der Morgen danach wurde dem Abend zuvor gerecht. Odd und ich starrten finster (und vielleicht etwas schuldbewusst) aneinander vorbei, Aksel litt wie ein Tier unter seinem Kater und Kjell hielt angesichts der Laune seiner Begleiter eingeschüchtert den Mund. Wenigstens war er der Einzige, dem das Frühstück schmeckte. Und wenn ich mit Grauen an die folgende Fahrt zurück nach Kindu dachte, dann wurden meine Erwartungen voll erfüllt. Nicht nur, dass die Stimmung selbst die schlimmsten Augenblicke der Bahnfahrt locker überbot, diesmal blieben wir tatsächlich auf halbem Wege liegen, ein gutes Stück vor Kamituga.



5. Die Barega

Wir hatten unsere restlichen Vorräte an Primus an die Mitfahrenden auf der Pritsche des Lkws verteilt, weniger aus Selbstlosigkeit, sondern weil heute keiner von uns das Zeug sehen konnte, aber diese scheinbare Großzügigkeit zahlte sich aus. Ein paar der Leute, die an der jetzt eingebrochenen Brücke ohnehin aussteigen wollten, boten uns Gestrandeten an, sie in ihr Dorf zu begleiten und dort zu übernachten. Ich sprach kurz mit Aksel und Kjell; Odd wich mir offensichtlich aus, aber das war sein Problem. So verrückt das Land war; gerade in den abgelegeneren Gegenden konnte man der Gastfreundschaft der Afrikaner vertrauen. Also machten wir uns auf den Weg. Der Lastwagen würde ohnehin bis zum nächsten Morgen nicht wieder flott sein.

Das Dorf der Barega lag ein Stück flussaufwärts Richtung Tanganyika-See. Abgesehen von einigen Gebieten im Norden war das hier die ursprünglichste und wildeste Gegend von ganz Zaire, und das betraf Landschaft wie Menschen. Die dauernden Zwischenfälle mit Ruanda und Burundi trugen das ihre dazu bei, den Leuten das Leben schwer zu machen. Aber wahrscheinlich waren wir als Gäste der Barega sicherer, als wenn wir die Nacht an der Strasse verbrachten; es konnte sogar ganz aufregend werden und mit Sicherheit besser als die langen Gesichter, die ich schon den ganzen Tag ertragen hatte. Die drei Einheimischen, die uns eingeladen hatten, arbeiteten in Bukavu und sprachen neben Swahili sogar brauchbares Französisch – erstaunlich eigentlich, dass niemand die Sprachbegabung der Menschen in einem so ‚rückständigen’ Land würdigte. Der durchschnittliche, gebildete Amerikaner oder Franzose sprach kaum mehr als seine Muttersprache.

Zum Glück hatten wir für die Kletterei zu den Vulkanen vernünftige Klamotten und vor allem Stiefel mitgenommen. Jetzt stolperten wir zu Fuß wie seinerzeit Stanley über die schmalen Saumpfade den Fluss aufwärts. Während Aksel und Odd schweigsam und als Gesprächspartner nutzlos hinter uns her trotteten, plätscherte der Wasserlauf munter in die andere Richtung. In den Schatten war das Wasser von einem tiefen Schokoladenbraun, lehmbraun da, wo die westwärts sinkende Sonne noch hinreichen konnte. In dieser Gegend wurden sogar noch die traditionellen Tamtams für die Übermittlung von Nachrichten verwendet; aber ich konnte nichts hören außer gelegentlichem Tiergeschrei und den eigenen Schritten. Da waren auch Papageien zwischen den Gummibäumen und Irokos, aber die Versuche, mich abzulenken, wurden mir bald zu langweilig. Kjell war mit irgend etwas beschäftigt und summte vergnügt vor sich hin. Also hielt ich mich zur Abwechslung an den Benjamin der Gruppe. Verdächtig duftende Rauchschwaden trieben mir in die Nase.

„Was rauchst du da?“

Er grinste nur. Ich grinste zurück.

„Ist das das Zeug, was dir gestern besorgt hast?“

„Ja. Bangi oder so. Ich hab nur ein bisschen unter den Tabak gemischt.“ Er sah mich verschwörerisch an, wie ein kleiner Junge, dem ein Streich gelungen war. „Muss wohl so was wie Hanf sein.“ Er kicherte. „Möchtest du mal probieren? Ich hab ein paar auf Vorrat gedreht.“

„Warum eigentlich nicht?“, dachte ich mir. Mal was anderes als die Gauloises. Von vorne betrachtet schienen Kjells Ohren etwas abzustehen und leuchteten jetzt Rot im Nachmittagslicht. Irgendwie süß. Er gab mir Feuer, fast verlegen.

„Was ist eigentlich los?“ Er nickte über die Schulter. „Habt ihr Streit gehabt, oder so?“

Ich tat einen Zug von dem schweren Rauch. „Nein, eigentlich nicht...“ Für einen Moment was ich versucht, Kjell von der Nacht zu erzählen. Aber es ging ihn nun wirklich nichts an, ob ich mit Odd geschlafen hatte, oder nicht. „Er ist seit gestern abend so komisch.“

Wieder das Kichern. Das Gras wirkte schon. „Was hast du denn gedacht? Der glaubt doch noch an die ‚Bürde des weißen Mannes’.“

Ich traute meinen Ohren nicht. Kjell war anscheinend doch nicht so naiv wie es aussah und seine Meinung über seine Begleiter differenzierter, als ich das bisher angenommen hatte.

„Wie?“

„Du hast ihn gestern mit einem von denen auf eine Stufe gestellt.“ Er warf einen Blick auf ihre Führer. „Das hat er dir übel genommen.“

„Wenn er so denkt, was macht er dann überhaupt hier?“

„Er versichert sich seiner eigenen Überlegenheit...“

Das musste ich erst mal verdauen. Vor allem die Gelassenheit mit der das Urteil ausgesprochen wurde. Zum Glück gingen Odd und Aksel so weit hinter ihnen, dass das Rauschen des Flusses unsere Worte unverständlich machte. Ich rang mich zu einer Gegenfrage durch.

„Und was hat dich hierher verschlagen? Du klingst nicht so, als ob du seine Einstellung gut findest.“

Trotz des Bangi hatte das Lachen diesmal einen bitteren Unterton.

„Ich wollte einfach raus. Was Sinnvolles tun. Weg von Leuten wie Odd.“

Schließlich warf er den Stummel weg. Wir gingen eine Weile nebeneinander her. Ich ließ meine Gedanken schweifen, träumte ein bisschen von früher. Am Rande fiel mir auf, wie Kjell sich eine weitere Tüte ansteckte. Keine gute Idee, aber er war erwachsen und es war seine Sache.

Das Dorf lag kaum einen halben Kilometer vom Ufer entfernt; der Wald um die kreisförmig angeordneten Hütten war gerodet. Nur im Zentrum der Ansiedlung, am oberen Ende des Platzes um die sich die malerischen Bauten mit den Schilfdächern scharten, stand eine mächtige afrikanische Zeder. Als sie vom Fluss den Weg zum Dorf einschlugen und die Einwohner auf die Besucher aufmerksam wurden, kam zunehmen Leben in das beschauliche Bild. Köpfe hoben sich von der Arbeit, in den Türöffnungen erschienen neugierige Augen. Wie das Geschrei eines aufgescheuchten Vogelschwarms verbreitete sich die Nachricht von der Ankunft der Fremden durch den Ort. Nach der ersten Überraschung waren wir von begeisterten Barega umringt. Händeschütteln, Lachen war angesagt, je nach Disposition abgeklärt, aufgekratzt, verblüfft oder verzerrt. Zwischen unseren Führern und deren Familien und Frauen bracht ein hastiges Palaver aus, von dem ich nicht viel verstand; aber es ging natürlich um die Unterbringung der Gäste.

Es wurde etwas ruhiger; die Menschentraube verstreute sich und hielt sich in respektvoller Entfernung als ein in Räuberzivil gekleideter, älterer Barega aus einer großen Hütte nahe der Zeder auftauchte; begleitet von ein paar angestrengt finster dreinschauenden Kriegern war er offensichtlich der Chef Coutumier, der Stammeshäuptling. Er besah sich die Neuankömmlinge ohne viele Worte zu verlieren. Sein Schakalgesicht mit den listigen, rotgeäderten Augen flößte mir nicht gerade Vertrauen ein.

„Gib dem Kerl mit dem bunten Hemd den Sprit!“, zischte ich Aksel zu. Der Kerl mit dem bunten Hemd war ein bulliger Krieger, der sich jetzt einen Schritt vor ihnen aufgebaut hatte und offensichtlich auf etwas wartete.

„Den Rum hab ich bezahlt!“, lautete die zurückgezischte Antwort.

Ein nutzloser Protest, und die Mienen vor uns hellten sich auf, nachdem der buntgewandete Majordomo mit zufriedenem Schnaufen an der hochprozentigen Flüssigkeit geschnuppert hatte. Danach waren der Formalitäten offensichtlich Genüge getan; der Häuptling zog sich zurück, vermutlich um den Tribut zu prüfen, während die unterdessen im Hintergrund verschwundene Bevölkerung wieder zum Vorschein kam, um in mindestens drei verschiedenen Sprachen durcheinander zu reden. Der größte Teil der Unterhaltung blieb an mir hängen, also stellte ich meine Begleiter vor und machte ein paar anzügliche Bemerkungen über die blonden Jungs, die von den zairischen Mamas mit grollendem Gelächter quittiert wurden. Dann war das Essen vorbereitet, kein ausgesprochenes Festmahl, aber doch so großzügig, wie es die Umstände ermöglichten. Es gab Moambé, dass schon in großen Trögen vor sich hin brodelte und von dem mehr als genug da war, und es roch nach Hühnerfleisch und Erdnussbutter. Wir setzen uns zusammen auf die geflochtenen Strohmatten um die Schüsseln die aufgetragen wurden. Zu dem Moambé, irgendwo zwischen Soße und Eintopf angesiedelt, gehörte Fufu. Wenn ich ehrlich bin, ist mir Reis lieber, aber man kann das Zeug essen, und ich demonstrierte meinen Mitreisenden kurz, wie man mit der Rechten einen Kloß aus Fufu formte und ihn in die Soße tunkte. Eine klebrige Angelegenheit, aber das Moambé war gut, egal welches Fleisch nun im Topf gelandet war, und in der abenteuerlichen Atmosphäre und nach dem Marsch eine echte Köstlichkeit. Sogar Odd schien nach ein paar Klößen seine Überheblichkeit runtergeschluckt zu haben und futterte mit seinem dunkelhäutigen Nachbarn um die Wette. Dazu gab es Ingwerbier; beliebt, aber so stark mit dem Gewürz versetzt, das es auf dem Gaumen brannte. Kjell, der etwas abseits saß, ließ sich von einem großäugigen Mädchen in einem rührenden pastellfarbenen Kleid mit soßetriefenden Happen weißen Hühnchenfleisches verwöhnen. Am Ende stöhnten wir alle unter der Last unserer Bäuche; als der Fufubrei aus Maniok- oder Yamstärke noch ein bisschen im Magen nachquoll.



6. Allein

Der Abend begann den Himmel in kräftige Purpurtöne zu tauchen, während die goldorangene Sonne schon halb hinter den Bäumen auf der anderen Seite des Flusses versunken war, und jetzt das Wasser mit einem metallischen Schimmer überzog. Ein spektakulärer Abschluss für einen Tag, der schlecht begonnen hatte. Eine Stimme begann zu singen, rau aber tragend, dann schrille Frauenstimmen, die ersten Trommeln. Odd und Aksel standen zusammen und gaben sicher großkotzige Kommentare von sich, und Kjell hockte auf einer der Wurzeln der großen Zeder, mit dem Rücken am Stamm, und starrte mit einem verträumten Blick in den Sonnenuntergang.

Nach und nach versammelte sich das ganze Dorf auf dem Platz, üppige Mamas mit wippenden Hüften, dürre, sehnige Maniokbauern, kugelbäuchige Kinder. Wie in einem Hollywoodschinken, nur, dass die Magie hier noch funktionierte. Mein Kopf schwamm, satt und benommen von Bangi und Ingwerbier, während die Trommeln meinen Körper verführten. Ich fand mich in einer Gruppe Mädchen wieder, ahmte ihre Bewegungen nach. Mit weniger Erfolg als die Kinder, aber niemand störte sich daran, zumindest nicht die schokoladenbraunen Mädchen, die neben mir tanzten und lachten, schon eher Aksel mit seinem überflüssigen Grinsen; und Odd, der das Treiben mit der gleichen überheblichen Pose beobachtete, wie der Häuptling mit dem verschlagenene Gesicht. Der war mit seinem ganzen Hofstaat wieder aufgetaucht, nachdem sie wohl das Gastgeschenk geleert hatten. Auch die magere Kleine von vorhin war wieder da, mit ihren großen traurigen Augen und tanzte verloren bei der Zeder.

Ein paar Männer hatten Feuer entzündet, aus trockenem Holz und Stroh, und fielen in den Gesang ein, der vor dem Panorama emporlodernder Flammen noch an Kraft gewann. Der Qualm stieg in schweren Säulen auf und vertrieb das beißende Insektengewimmel. Ich schloss die Augen und ließ mich von der Bewegung der Tanzenden in die Mitte des Dreiecks tragen. Die Eckpunkte entzogen sich in die Schatten: Der Chef, mit seinen Barega-Kriegern und dem stämmigen Majordomo; auf der anderen Seite, Odd mit verschränkten Armen, und Aksel, der neben ihm am Boden hockte; und schliesslich die Zeder, wo ein Lichtpunkt wie ein Glühwürmchen vor Kjells Gesicht zuckte und daneben, schwach, der Schemen eines ausgeblichenen Kleides und der fiebrige Widerschein der Flammen in den glänzend schwarzen Sphären, die Augen waren.

Der zwanghafte Rhythmus afrikanischer Musik ließ mich nicht mehr los, ich folgte nicht mehr dem Beispiel der Frauen mit den dicken, knotigen Stammesnarben auf den Wangen, ich folgte nur noch der Musik und den Trommeln. Die Umstehenden gaben mir Raum, mich zu drehen, schneller. Das Lied wechselte, erzählte von der Fehde der Barega mit den Banyamulenge, die sie verraten hatten...

„Wir haben ihre Krieger mit den Speeren getötet“, sangen sie auf Swahili. Die Mamas und die Bauern und die Kinder.

„Wir haben ihre Frauen vergewaltigt, wir haben ihre Hütten verbrannt und ihre Kinder in die Flammen geworfen.“

„Wir haben gesiegt und wir werden keinen von ihnen entkommen lassen.“ Immer wieder. Und ich tanzte dazu. Die Barega hatten ihren Ruf nicht umsonst.

Die Flammen der großen Scheiterhaufen ließen das nächtliche Band des Flusses blutrot glitzern, während wir tanzten. Alles verlor an Kontur und Bedeutung. Odds blasiertes Gesicht huschte vorbei, dann das Hyänenlachen des Häuptlings, der zur Zeder blickte, der erschrockene Aufschrei, das Klatschen im Takt, die Tamtams. Jede Drehung ein anderes Bild, wie von einem altmodischen Kinetoskop abgebildet, und über dem Stampfen des komplizierten Mechanismus, das Reißen des ausgeblichenen Kleids. Über jeder Drehung ein neuer Schrei, rosarot klaffende Flecken in schwarzer Haut und weiß, aufgerissene Augen, vielleicht ein schreiender Mund. Noch eine Drehung, die Trommeln dröhnten in meinen Schläfen, wieder rosa, zwischen gewaltsam geöffneten Schenkeln. Das nächste Bild, und mein Blick schweifte über den niedrig stehenden Mond, groß, blass. Grotesk, wie der nackte, weiße Arsch, der sich zuckend bewegte.

Ich versuchte mich aus der Getriebe zu befreien, in dem ich mich wie ein Zahnrad drehte, verzweifelt, während niemand sich an dem Geschehen störte, die Schreie leiser und kläglicher wurden, das obszöne, kalkweiße Gesäß das sich über dem Opfer bewegte, unsichtbar bis auf das Aufblitzen von rosa Fleisch. Dann, plötzlich brach ich los, sprang aus dem Uhrwerk wie eine überspannte Feder und hinüber zu dem in den Nachthimmel ragenden Baum und riss Kjell von dem Mädchen, trat ihm in den Magen und in die Seite. Plötzlich war Odd da, stieß mich grob zur Seite. Ich stürzte über das Mädchen, das reglos wie eine abgeschnittene Marionette da lag. Eine nach der anderen verstummten die Trommeln, so als ob die Geister darin die Störung missbilligten, und die Blicke richteten sich auf die Zeder. Ich rappelte mich hoch und versuchte, die Kleine mit mir zu ziehen, doch sie sackte wieder in sich zusammen und kauerte apathisch am Boden. Als ich mich umsah; Kjell, der sich die Hose hochzog und stöhnte (wenigstens hatten die Tritte gesessen), Aksel, der nur dickfällig glotzte, die Barega, die taten, als ob sie das nichts anging; Mir kroch eiskalter Hass durch die Adern. Es war, als ob die Menschen vor mir zu einer widerlichen, bedrohlichen Masse zusammenliefen. Ein paar Gesichter gab es noch darin, aber die waren auch nicht besser.

„Ihr seid die allerletzte Scheiße...“ Das war an eines der Gesichter gerichtet. Es hieß Odd.

„Ach komm...“, wieder dieser Ton, von oben herab, „Myriam. Piss dich nicht ein. DU müsstest doch am Besten wissen, dass sie es gewollt hat. Merkst du nichts? Selbst die Bimbos hier haben nichts gesagt. Sie hat genauso die Beine breit gemacht wie du.“

Allein der Gedanke daran war ekelhaft. Am Rande bemerkte ich, wie sich Kjell wimmernd erbrach und damit Odd von mir ablenkte. So hatte ich Zeit, mich den anderen Gesicht in der Masse zuzuwenden. Eine schwarze Maske, in deren blutunterlaufenen Augen sich die Belustigung über den Streit unter den Weißen widerspiegelte.

Ich baute mich vor dem Kerl mit dem Hawaiihemd auf. Sein Atem stank nach Rum. „Warum hilft ihr keiner?“ Ich drehte sich zu der flüsternden Masse auf dem Platz um. „Was ist los? Wo ist ihre Familie?“ Es war, als ob ich zu Holzfiguren sprach. Aber aus dem Getuschel, dass nie aus der Richtung kam, in die ich gerade blickte, hörte ich schließlich die Antwort heraus.

Mangu.

Sie hielten das Mädchen für eine Hexe. Ausgestoßen. Warum man sie nicht umgebracht hatte? Wer wusste das schon. Hexerei war die afrikanische Paranoia. Ich ließ die Gesichter mit sich alleine. Während ich mich zu dem Mädchen hockte, setzte Regen ein und gab den Holzfratzen den Anschein, als ob sie weinten. Aber die Augen blieben kalt. Die Angst entließ sie, und sie verkrochen sich schuldbewusst in ihren Löchern. Ich saß mit dem Rücken an der geschützten Seite der Zeder; mit einer zerbrochenen Puppe in den Armen, die einmal ein Mensch gewesen war, und konnte nicht schlafen. Vermutlich war das Baregamädchen schon durch den Ausschluss aus der Gemeinschaft traumatisiert gewesen; kein Wunder, dass sie die Nähe von Menschen gesucht hatte, die nicht so taten, als ob es sie gar nicht gab.

„Das hast du nun davon“, dachte ich. Ich fuhr dem Mädchen mit der Hand über das Gesicht, und die Augen blieben geschlossen. Manchmal ging ein Zittern durch den Körper; sonst hätte sie genauso gut tot sein können, so still lag sie in meinen Armen. Vielleicht hatte sie einen Schock, aber es blieb uns nichts anderes übrig, als unter der einzigen Decke, die ich gefunden hatte, darauf zu warten das die Nacht ein Ende fand. Einmal hatte ich angefangen, eine Melodie zu summen, um mich abzulenken, aber ich bekam den Gesang der Barega nicht aus dem Kopf und hatte es aufgegeben. Endlich hörte der Regen auf, nachdem das am Stamm herabrinnende Wasser mich schon ganz durchnässt hatte. Ich hatte nicht gewagt, mich zu bewegen, und die Kleine zu wecken; und in eine der Hütten wäre ich schon gar nicht mit ihr gegangen. Ich war sich nicht sicher, ob das Mädchen wirklich schlief; vielleicht starrte sie mit geschlossenen Augen in die Nacht, so wie ich.

Mit dem ersten Licht machten wir uns zurück auf den Weg zur Strasse. Das Dorf schlief noch. Im Vorbeigehen warf ich einen verstohlenen Blick in die Hütte des Chefs. Der Bullige lag laut schnarchend am Eingang, irgendwo weiter hinten, auf einer Pritsche vor der Rückwand aus beschmiertem Wellblech, der klägliche Despot, zusammengerollt wie ein verprügelter Hund. Die Ansammlung von Hütten wirkte nur noch erbärmlich in der diesigen Morgenluft, und dem Nebel, der aus der Erde quoll und an der Landschaft klebte, wie kalter Schweiß. Zuerst zerrte ich das Mädchen an der Hand hinter mir, zum Fluss, der vom Regen schmutzigbraun gefärbt war. Nach einer Weile folgte die Kleine mir von selbst, wie ein Automat. Ich hatte ihr Kleid notdürftig zusammengeflickt, trotzdem sah sie barfuss und in dem blassen, dreckverschmierten Fetzen wie ein dürres Häufchen Elend aus. Wir hatten auch nichts gegessen; aber mir war der Appetit vergangen; und meine Begleiterin trottete ohnehin wie ein Zombie hinter mir her. Irgendwann dachte ich an die Drei; und ob sie alleine nach Kindu und Eville zurückkommen würde; egal, Hauptsache es wurde ein beschissener Rückweg für die Ärsche.



7. Epilog

Ein Lastwagen lieferte uns schon am frühen Nachmittag in Bukavu ab; von Odd und den Anderen keine Spur. Ich besorgte Plätze im Flugzeug nach Lubumbashi und telefonierte dann mit ihrem Redakteur beim Courier. Er war mit ihrem Vorschlag, das Mädchen bei den Salisianern unterzubringen einverstanden und lobte mich für meine ‚Geistesgegenwart’ mit der ich einen Skandal verhindert hätte. Ich legte den Hörer schließlich daneben – sollte er doch denken, die Verbindung war weg – und tappte mit weichen Knien auf den nächsten wackeligen Holzstuhl zu; hätte ich an dem Tag schon etwas gegessen, wäre es jetzt wieder draußen gewesen. Am Ende starrte ich nur auf die gelbgestrichenen Wände in der Halle und mied den Anblick der Barega, die mit teilnahmslosem Blick auf der Bank am Eingang saß, wo ich sie zurückgelassen hatte.

Das Flugzeug war kaum halb voll; die Flugpreise waren moderat, aber für die meisten Einheimischen dennoch unerschwinglich; und ich starrte über die nietenverbrämte Tragfläche auf den Tanganyika-See, bevor wir durch ein paar Wolken stiegen. Blauer Himmel; und das blanke Aluminium glitzerte in der Sonne. Was sollte ich tun? Einen Aufstand daraus machen? Nichts würde dabei herauskommen und niemand würde uns helfen – oder das überhaupt verstehen. Vermutlich nicht einmal die apathische Gestalt neben mir. Oder doch? Vielleicht sollte ich einen Artikel schreiben. Und wenn ihn überhaupt jemand las? Die einen würden über die kranken Weißen herziehen, die anderen über den verdammten Hexenglauben, oder über die Pygmäen, die oben in Kivu Hanf anbauen. Vielleicht wäre jemand empört. Der Rest würde dieses hässliche Lachen lachen. Die Kleine war doch selbst schuld. Wusste doch jeder, das diese Wilden keine Hemmungen haben...

Ich zwang mich dazu, das Gesicht neben mir anzusehen. Es fiel mir immer noch schwer, mir die Gesichter von Afrikanern wirklich einzuprägen. Die Haut ein tiefes, gleichmäßiges Braun wie gerösteter Kaffee. Etwas eingefallen mit einem Hauch von Grau jetzt; aber das Mädchen war bestimmt nicht älter als sechzehn; ein Rest von Pausbacken und ein winziges Kinn mit einem kleinen Mund, trotz der vollen Lippen. Die typische breitflächige Stupsnase und doch anziehend im Profil und darüber, eine hohe, anmutig geschwungene Stirn. Nur die Augen wären noch schöner gewesen, mit den langen dunklen Wimpern an den Lidern, die sich alle paar Atemzüge mechanisch schlossen und öffneten, aber der Blick in diese Augen war zu deprimierend, um ihn lange durchzuhalten. Jetzt war das Gesicht auch nur noch eine von diesen Holzmasken, künstlich gealtert, die einem die Händler in den Touristenfallen aufschwatzen wollten.

Die Wahrheit war, das es mir gar nicht um das Opfer ging. Die war eine namenlose Fremde geblieben. Es berührte mich nicht, was geschehen war. Wenn ich den Drang hatte, irgendeine Gerechtigkeit zu verteidigen, dann war das nichts als das angsterfüllte Rudern von jemand, der im Sumpf versank. Der Sumpf; das war die hirn- und gefühllose Masse von Menschen, die so etwas möglich machte, und wenn der Schlamm erst über mir zusammengeschlagen war, dann würde ich auch so sein. Jede Bewegung ließ mich nur noch schneller versinken. Trotz all des blauen Himmels da draußen fühlte ich einen Hauch von akuter Klaustrophobie. Aber – was konnte ich tun?

Was konnte ich tun?

Am Ende brachte ich die Kleine zur salisianischen Mission. Die Schwester nahm meine Geschichte ohne Nachfragen auf; es war nur eine Variante auf immer die gleiche Tragödie; und es traf immer die Schwächsten. Mir war das professionelle Mitgefühl der Nonne unheimlich; aber ich hinterließ sicherheitshalber meine Adresse, FALLS jemand etwas unternehmen wollte; und zumindest würde das Mädchen nicht auf der Strasse landen – nicht sofort, hieß das. Zuletzt sah ich, wie die Kleine sich folgsam auf eine Pritsche setzte und dort bewegungslos ihr weiteres Schicksal erwartete. Der Anblick schnürte einem die Kehle zusammen; ich kniff die Tränen zurück, als ich mit der Nonne zur Tür ging und nickte nur zum Abschied. Und schon wieder dankte mir jemand für etwas, was nach jedem Maßstab zu wenig war, um dafür Dank zu verdienen.

Odd, Aksel und Kjell habe ich nur noch einmal gesehen; ein paar Tage später am Flugplatz in Lubumbashi, bei ihrer Abreise. Es gehörte zum Job und ich hatte mich nicht davor drücken können; wenigstens war ich zu spät dran und hatte nur den Rest der peinlichen Verabschiedung verfolgt. Ich blieb im Hintergrund, das Letzte, was ich wollte, war, in ein Gespräch gezwungen zu werden oder einen Abschiedsgruss hinheucheln zu müssen. Ich sah die Drei an; da war Kjell, der meinem Blick auswich, blass. Der Sumpf war über ihm zusammengeschlagen, und er wusste es. Zumindest hatten die Ereignisse ihre Spuren auf seinem Gesicht hinterlassen; nicht so wie die feiste, ignorante Fresse von Aksel, der einfach nicht sah, was er nicht sehen wollte, so wie jetzt. Odd war der einzige, der meinen Blick erwiderte, als er in die Maschine stieg; frech; verächtlich.

Aber er war zu lächerlich, um ihn zu hassen. Als das Flugzeug dann abhob und sich lärmend auf den Weg nach Kinshasa aufmachte, stand ich noch eine Weile auf dem Rollfeld. Der Hass war noch da. Und ich.


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Yamiko
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Zero, kleiner, ich habs mir nochmal durchgelesen, das wollte ich nur sagen... mist, ich hasse alle menschen und bin down...

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Ralph Ronneberger
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Hallo zero,

da es sich hier um einen längeren Text handelt, habe ich ihn mir erst mal auf die Festplatte gezogen. Ich las die Geschichte, während ich nebenbei noch zu formatieren hatte. Das heiß; es ging sehr langsam und unwillkürlich wurde jeder Satz über Gebühr zerpflückt. Um diese Geschichte in sich aufzunehmen, ist das der denkbar ungünstigste Weg. So richtig gut fand ich sie daher erst beim zweiten - das heißt: zügigen - Lesen. Mir hat gefallen, wie die anfangs stets ironisch distanzierte Myriam ihre Haltung aufgeben muß und durch die Ereignisse am nächtlichen Lagerfeuer plötzlich aktiv zu handeln beginnt.
Nicht ganz nachzuvollziehen ist die Tatsache, daß Myriam sich zu diesem Odd so stark hingezogen fühlt. Er gehört doch zu Leuten, die von ihr etwas verächtlich distanziert als Nachwuchs-Hooligans, Geistesgrößen, Möchtegerntrinker usw. bezeichnet und betrachtet werden. Und urplötzlich kommt dann bei Odds nächtlichem Besuch eine "angenehme Unruhe" in ihr auf, die sie sogar bereit sein läßt, mit ihm ins Bett zu gehen. Ihre eigentlichen Beweggründe dafür bleiben genauso im Dunkeln wie die Gründe für ihren "aufgestauten Frust", über den sie mit Odd nicht redet.
Ansonsten ist die Geschichte gut erzählt. Die mitunter sehr ausführlichen Landschaftsbeschreibungen haben mich nicht gelangweilt. Im Gegenteil - man glaubt zu spüren, daß du in das Land verliebt zu sein scheinst.
Das 6. Kapitel halte ich für das am besten gelungene (Das heißt: den Anfang fand ich auch stark). Die Tanzszene am Lagerfeuer ist toll gelungen. Und auch der Kontrast zwischen dem, was sich abends in dem Eingeborenendorf abspielt und der totalen Ernüchterung am Morgen kommt erschreckend deutlich rüber.
Für einen Romanausschnitt ist die Handlung in sich schlüssig. Sie könnte auch für sich allein stehen. Mir stellt sich sogar die Frage, ob die Personen im Roman noch einmal an anderer Stelle eine Rolle spielen. (Besonders Odd und die kleine "Hexe") Wenn dem nicht so wäre, könnte dann nicht diese Episode wiederum im Roman überflüssig sein? Aber jetzt beginne ich zu spekulieren.

Gruß Ralph

PS.: Folgende zwei Sätze fand ich ein wenig putzig, was bestimmt nicht in deiner Absicht lag.
"In dem Augenblick sah ich Kjells magere Gestalt mit den dünnen Beinen um die Ecke schauen."
"Der Lokführer nutzte die Gelegenheit, um Druck abzulassen."



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zero
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Hallo Ralph!

In der letzten Zeit war ich etwas leselupenabstinent, einmal weil's so grottenlangsam war und ausserdem sind mir ein paar Sachen auf die Nerven gegangen. Naja.

Die Geschichte ist natürlich für die Lupe umgeschrieben, sowohl vom Umfang als auch von der Perspektive; im Roman selbst sind seit den Vorgängen gut zwei Jahre vergangen und es handelt sich um einen Rückblick. Was auch die etwas distanzierte Sichtweise erklärt, dich ich zwar im Hinterkopf hatte, die aber vermutlich in diesem Rahmen etwas irritiert.

Es ist eine Fortsetzung, die fünf Jahre nach dem ersten Buch spielt, und einer der Gründe für die Rückblende ist, dem Leser zu vermitteln, was in diesen fünf Jahren so vorgefallen ist, insbesondere, weil Myriam sich sehr verändert hat. Im ersten Teil ist sie gerade mal siebzehn und eine noch ziemlich naive Internatsschülerin im Süden Frankreichs.

Zum Zeitpunkt der Handlung ist sie eher alleine und sucht einfach etwas Nähe, während sie zum Zeitpunkt des Erzählens desillusioniert und bitter ist. Und natürlich soll dem Leser etwas Lokalkolorit geboten werden, und der Eindruck von Authentizität, der später, wenn die Ereignisse phantastischer und actionlastiger werden, als Grundlage nötig ist.

Das Mädchen wird vermutlich noch mal am Rande auftauchen, aber es ist wirklich nur eine winzige Episode der Geschichte. Allerdings sind praktisch alle Sachen, die ich schreibe in der gleichen Welt angesiedelt. Falls du zufällig mal den 'dreissigsten Geburtstag' gelesen hast, bist du Myriam sogar schon begegnet, wenn auch nur friedlich schlummernd.

Was du über die Landschaftsbeschreibungen, das schnell und 'zum zweiten Mal' lesen sagst, hat mich etwas schmunzeln lassen. Im Grunde schreibe ich immer zuerst mal für mich selbst; und ich bevorzuge Sachen die sich zügig (und dafür eher mehrmals) lesen lassen - und ich mag auch Reiseberichte. Meine Beschäftigung mit dem Kongo verdanke ich tatsächlich dem ersten Roman, der die nachfolgende Handlung dort praktisch diktiert hat. Aber es ist wirklich ein faszinierendes Land. Übrigend, danke für den Beifall zum Kapitel 6 - im Gegensatz zu Giai hab ich ziemlich dran arbeiten müssen, die Ereignisse am Ende so eindringlich wie möglich zu schildern. Hat sich ja vielleicht doch gelohnt...

Ach ja: Als ich die etwas putzigen Sätze geschrieben habe, war das schon irgendwie Absicht. Myriam hatte da wohl gerade einen Hang zu albernen Wortspielchen...
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