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Leselupe.de > Kurzprosa
Drei Pinscher in der Seilbahn
Eingestellt am 14. 03. 2019 19:28


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Ciconia
Routinierter Autor
Registriert: Jul 2012

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Ein Sp√§tsommertag wie aus dem Bilderbuch, im Tal immer noch hei√ü, auf 1.700 m H√∂he sicher gut auszuhalten. So d√ľrften heute fr√ľh viele gedacht haben. Eine l√§ngere Warteschlange windet sich an der Talstation der Seilbahn. Eine Bahn ist soeben abgefahren. Bei f√ľnfundzwanzig Personen pro Fahrt und einer Fahrtdauer von acht bis neun Minuten kann ich mir ausrechnen, wann ich dran sein werde: in einer knappen halben Stunde, wenn's gut geht. Man wei√ü ja nicht genau, ob Kleinkinder schon mitz√§hlen und wie die drei Pinscher gerechnet werden.

Pinscher? Na ja, ich nenne sie so. Das sind diese Taschenhunde, auch Pfundhunde genannt, die herzallerliebst mit gro√üen Knopfaugen in die Welt schauen. Vielleicht hei√üen sie Chihuahua. Manchmal tragen sie Schleifchen. Die drei H√ľndchen, die sich hier im Warteraum wohlerzogen und ruhig verhalten, tragen keine. Ihr Frauchen h√§lt stolz zwei von ihnen an ihre √ľppigen Br√ľste gepresst, das dazugeh√∂rige Herrchen tr√§gt ‚Äď wie seine Mimik vermuten l√§sst, ein wenig widerwillig ‚Äď das dritte Tier. An den Gesichtern der Wartenden kann man unterschiedliche Meinungen √ľber diese zus√§tzlichen Fahrg√§ste ablesen. Immerhin nicht so schlimm wie der Riesenk√∂ter, der hier vor einigen Jahren Randale machte und deshalb nicht mitfahren durfte, denke ich.

Es geht wie vorausberechnet voran, mit mir steigt die Pinscher-Gruppe ein. Durch jahrelange Kenntnis der √∂rtlichen Gegebenheiten und z√ľgiges Handeln erwische ich den einzigen Klappsitz in der Kabine. Nein, es sind keine noch √§lteren oder gebrechlich wirkenden Passagiere an Bord. Der Rucksack verschwindet unter dem Sitz, die Wanderst√∂cke halte ich seitlich eng an mich gepresst.

Nachdem sich alle Fahrg√§ste wie Sardinen in der Dose positioniert haben und bei allen angekommen ist, dass Rucks√§cke und Taschen besser auf den Boden zu stellen sind, setzt sich die Bahn in Bewegung. Leider steht die Hundemutter direkt neben mir, die H√ľndchen hecheln nur wenige Zentimeter √ľber meinem Kopf. Was f√ľr niedliche kleine Zungen sie haben! Die Mutti dr√ľckt beiden zur Beruhigung ein K√ľsschen aufs Schn√§uzchen; ihr dunkles T-Shirt ist mit hellen Hundehaaren √ľbers√§t. Lautstark unterh√§lt sie sich √ľber die K√∂pfe der Anderen mit Herrchen und einer dritten Person, die offenbar auch dazugeh√∂rt und am anderen Ende der Kabine steht. Auf Fragen Umstehender gibt sie bereitwillig Auskunft, und so wissen wir nun alle, dass die drei Kleinen Weiberl sind und wie sie hei√üen. Tini zum Beispiel starrt stoisch in die Ferne; ich deute dies als eine Art Schockstarre. Ein permanentes leichtern Zittern l√§sst dennoch erkennen, dass die Lebensgeister nicht v√∂llig entwichen sind. Das zweite H√ľndchen ist etwas lebhafter und schaut Frauchen immer wieder erstaunt an. Frauchen gibt K√ľsschen, H√ľndchen z√ľngelt und schlabbert.

Nach f√ľnf Minuten steiler Fahrt versp√ľre ich den √ľblichen Druck in den Ohren und √ľberlege, ob das bei Hunden √§hnlich ist. In mir keimt der pl√∂tzliche Gedanke, dass ihnen vielleicht √ľbel werden k√∂nnte oder sie vor Aufregung nicht dichthalten. Ich m√∂chte vorsichtshalber ein St√ľckchen zur Seite r√ľcken, aber der Bewegungsspielraum gibt nicht viel her.

An den St√ľtzpfeilern der Seilbahn wird derzeit gearbeitet. In schwindelnder H√∂he kraxeln Arbeiter herum, durch eine d√ľnne Plane schemenhaft zu erkennen. Was f√ľr ein irrer Arbeitsplatz, denke ich, und bin froh, als die Kabine auch den dritten Pfeiler mit einem leichten Ruck √ľberwunden hat. Sanft gleitet sie gleich darauf in die Bergstation. Ich w√§hle den altbekannten bequemen Rundweg zum ersten Gipfel.

Wie nicht anders zu erwarten, treffe ich die Pinscher-Familie innerhalb der n√§chsten Stunde gleich zweimal, man h√∂rt sie, bevor man sie sieht. Dieser herrliche Sonnentag mit extrem guter Fernsicht verleitet mich dann zu einem Abstecher auf den zweiten Gipfel, der f√ľr kleine Hunde nun wirklich zu steinig und zu steil ist. Aber es gibt tats√§chlich bergerfahrene, gr√∂√üere Hunde, wie sich zeigt. Einer springt mir so locker und trittsicher √ľber Ger√∂ll und Fels entgegen, dass man direkt neidisch werden k√∂nnte.

Nach einer ausgiebigen Rast kehre ich am Nachmittag zur Station zur√ľck. Diesmal muss ich nicht lange warten. Die Pinscher-Familie ‚Äď √úberraschung! - steht schon vor mir in der Schlange. F√ľr den Klappsitz komme ich zu sp√§t, also dr√ľcke ich mich an das kleine Schiebefenster, das einen Spalt ge√∂ffnet ist. Das Pinscher-Frauchen platziert sich direkt daneben. Die Hunde ignorieren mich, Frauchen auch.

In der engen Kabine kommt Heiterkeit auf, als kurz nach der Abfahrt ein zweisprachiger Funkverkehr einsetzt: Kabinenf√ľhrer und Talstation auf Bayerisch, ein Arbeiter am St√ľtzpfeiler II in breitestem S√§chsisch. Er und sein Kollege m√∂chten ins Tal mitgenommen werden, denn sie m√ľssten heute noch ‚Ķ brabbel‚Ķder Rest geht im Geknister des Walkie Talkies unter.
Talstation an Kabinenf√ľhrer: ‚ÄěWievui seid‚Äôs denn in Wagen zwoa?‚Äú
Kabinenf√ľhrer an Talstation: ‚ÄěF√ľmfazwanzg Fahrg√§st plus Schaffner‚Äú
Sonore Stimme aus der Kabinenmitte: ‚Äě‚Ķ und drei Hund‚Äė ‚Ķ‚Äú
Da geht nichts mehr. Nach l√§ngerem Palaver einigt man sich, dass die Arbeiter erst einmal mit der n√§chsten bergw√§rts fahrenden Bahn nach oben gebracht werden, um dann in die n√§chste talw√§rts fahrende Bahn zu steigen. Die Pendelkonstruktion erfordert allerdings, dass beide Kabinen gleichzeitig auf freier Strecke halten m√ľssen. Es herrscht atemlose Stille, als es durchs Funkger√§t knattert:
Noch f√ľnf ‚Ķ noch vier ‚Ķ noch drei ‚Ķ noch zwei ‚Ķ noch einer ‚Ķ Passt!
Gem√ľtlicher wird es im Stillstand nicht. Allerdings bin ich froh, den Einstieg der Arbeiter vom St√ľtzpfeiler in die Gegenkabine nicht sehen zu k√∂nnen. Eine unangenehme Hitze steigt in mir auf.

Irgendwann ist auch dieser Zwischenhalt √ľberstanden. Mit einem kr√§ftigen Ruck setzt die Bahn ihre Talfahrt fort. Zwei Pinscher ducken sich an ihr Frauchen, nur manchmal z√ľngeln sie leicht. Der dritte gibt einmal kurz Laut, wahrscheinlich langweilt er sich alleine bei Herrchen. Frauchen ist inzwischen verstummt. War doch ein langer Tag.

Unten angekommen, tollen Tini und ihre Schwestern fr√∂hlich kl√§ffend √ľber den Parkplatz. Ich meine ihnen die Erleichterung anzumerken, dass sie diesen Ausflug endlich √ľberstanden haben.
Mir hat der Tag sehr gut gefallen.

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