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Leselupe.de > Kurzprosa
Dritte Sitzung
Eingestellt am 04. 09. 2008 16:05


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nachtfalter
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( keine inspirierende Prominenz heute)

oder: Bastard, was machst du jetzt?

Unl√§ngst, so vor 30 Jahren machten Hertha und ich einen Ausflug zum Hallst√§tter See. Zuerst sprach sie √ľberraschend davon, da√ü an Hitler doch einiges gut gewesen sein soll und dann, nachdem ich betreten schwieg, begann sie, mir aus einem alten Buch vor zu lesen. Weil es in lateinischer Sprache verfa√üt war, verstand ich sowieso kein Wort. Sie aber sagte: Ohne Latein ist Bildung nicht fundiert. Ich schwieg weiter,
schaute zum wolkenlosen Himmel hinauf und er schaute zur√ľck.
Eine bestimmte Passage musste sie plötzlich verärgert haben, denn sie scheuchte nicht nur mit einer Handbewegung das Insekt, ich glaube, es war eine Libelle, von der Seite des Buches, in dem sie eben gelesen hatte. Sie warf das Buch hinterher ins Wasser, es klatschte und das Buch war sofort versunken; auf dem Wasser waren Ringe zu sehn, die drehten sich an der Stelle, wo das Buch versunken war, das Wasser klatschte monoton weiter leise gegen die hölzerne Breitseite des Bootes, es schaukelte,
der Himmel war immer noch blau. Ich schaute hinauf und er schaute zur√ľck. Hertha nahm mit einer raschen Bewegung die Griffe der Ruder in die H√§nde und dr√ľckte kr√§ftig.
-Wenn ich in die Pension zur√ľckkomme, werde ich ein anderes Buch lesen, dachte sie und das Radio aufdrehen, um die lokalen Nachrichten zu h√∂ren. Kein Mensch wird auf die Idee kommen, dass ich hier bin und sie lachte,-freute sich diebisch auf die n√§chste Lekt√ľre und fasste mich sch√§rfer ins Auge unter dem hochgezogenen Viser ihrer Brauen.
Bastard: irgendwann ist ihr diese Bezeichnung entschl√ľpft, nachdem sie sich √ľber mich ge√§rgert hatte.

Sie war eher sportlich, ritt auch gerne und zog schon mal als Direktorin eines Erziehungsheimes, die sie damals war, einer Insassin die Reitgerte √ľber die Haut, was ich ihr damals, als uns zwar auch siebzehn Jahre trennten, ich aber selbst erst 17 Jahre jung war, nie zugetraut h√§tte. Eine Rechnung war noch offen, das wussten wir beide. Aber wer denkt schon an Mord? Man ist entt√§uscht und sieht einander nicht mehr, das ist alles. Und nun, nachdem wir einander zuf√§llig begegnet waren, sie war eben auf dem Weg zum Notar, auf einmal diese Einladung. Ich, immer noch naiv nach so vielen Jahren, fuhr mit.
Und nun saß sie da, musterte mich mit lauerndem Ausdruck in ihren Augen; es war unangenehm, so mitten auf dem Wasser von einem der schwärzesten Seen. Aber ich kann doch schwimmen, sagte ich mir, nicht sehr gut zwar, aber habe ich mich nicht immer irgendwie aus Not gerettet mit einer Zähigkeit, auf die ich mich verlassen konnte. Also was?
Ich wäre nie auf die idee gekommen, daß Hertha nicht schwimmen kann. Sie musste auch annehmen, daß jemand wußte, wo ich war.
Scheinbar hatte sie sich so etwas √§hnliches gedacht: freundlicher pl√∂tzlich in Ausdruck und im Ton sie: Hast du der Henriette erz√§hlt, wo du hinf√§hrst? Nichts w√§re leichter gewesen, als mich auf diese Art zu versichern. Ich hatte daheim tats√§chlich erz√§hlt, wo ich hingefahren war und mit wem. Aber meine Neugier war gr√∂√üer als meine Vorsicht und so verdr√§ngte ich meine Angst, wollte sie am liebsten √ľber Bord werfen, so wie sie vorhin das Buch ins Wasser geschmissen hatte und eventuell nachh√ľpfen. Das alles hat mich stutzig gemacht, weil Hertha kein impulsiver Typ war, trotz der Reitgerte.
Ich sagte also nein, niemand weiß, wo ich bin und sie bekam wieder diesen lauernden Ausdruck in ihren Augen unter dem offenen Visier ihrer Brauen.
Sie schlug mich unerwartet rasch und genau in die Magengegend,
noch ein Sto√ü. Sofort sackte ich ab und schluckte Wasser, schlug um mich und ruderte mich hoch und als ich den Kopf wieder √ľber Wasser hatte, konnte ich sie wegrudern sehen, dem Ufer zu. Eine Bewegung ihres Kopfes in meine Richtung, sofort tauchte ich unter, sehr unge√ľbt. Immer wieder sah sie zur√ľck und gleichzeitig tauchte ich ein jedes mal unter, legte mich schlie√ülich flach auf den R√ľcken auf das Wasser, stellte mich tot.

Sie ruderte Richtung Ufer, raffte ihre Sachen, b√ľckte sich einmal, zweimal und pl√∂tzlich verlor sie den Halt; das Boot bekam anz schwere Schlagseite und sie fiel heraus ins Wasser, das Boot kippte auf sie drauf. Ich robbte weiter, Richtung Ufer nat√ľrlich. Ob ich es schaffe?
Ach, einmal hatte ich ihr erz√§hlt, dass ich nicht schwimmen kann und dabei hatte ich gemeint, ohne Stil. √úber Wasser halten konnte ich mich immer, den Schwimmstil habe ich im Lauf der Jahre verbessert. Sie war offensichtlich davon ausgegangen, da√ü ich ertrinken w√ľrde.
Warum dieser Haß? War da wirklich ich gemeint oder war sie so verbittert?
Bastard, hatte sie wiederum gezischt, während sie mich stieß. Das war besonders gemein, weil sie wusste, daß meine Mutter mich weggegeben und ich Pflegeeltern gehabt hatte.
Ich muß langsamer werden, so denke ich, ein Tempi nach dem andern, ein-atmen, aus-atmen und nur keine Panik, denn Panik könnte jetzt tödlich sein. Das Ufer ist noch weit entfernt aus meiner Perspektive. Ob ich das durchhalten werde?
Ich lege mich auf den R√ľcken, sehe zum Himmel hinauf, er ist immer noch blau, ich schaue hinauf und er schaut zur√ľck.
Dann: kein Himmel mehr, Algen streicheln meine Haut, meine Arme und Beine verheddern sich, nichts als Nässe und Dunkel, ab und zu streift ein vorbeihuschender Fisch meine Haut mit seinem glitschigen Leib.
Plötzlich, ich hatte eigentlich schon aufgegeben, vermeinte ich Motorengeräusch zu hören. ich trat und schlug noch einmalmit letzter Kraft, die aufbringen zu können ich gar nicht mehr gegalubt hatte. Das Motorengeräusch war plötzlich ganz laut, dann Stille. Eine große Hand packte mich am Genick, noch ein Stoß in die Magengegend.
Das erste, was ich sah: der junge Mann in Feuerwehruniform, sein Oberk√∂rper √ľber mich gebeugt, das junge Gesicht, sein nasses Haar war braun.
Da haben wir noch einmal Gl√ľck gehabt, so er. Das Boot ist ja ganz weit weg, wie ist das m√∂glich? Ich konnte sowieso nicht reden, mir war sehr kalt, doch der Himmel war immer noch blau.

Im Spital h√∂rte ich dann im Radio die lokalen Nachrichten, dass eine weibliche Leiche im Hallst√§ttersee gefunden worden sei, nah an einem Boot, das f√ľhrerlos schaukelte. Die Gendarmen befragten mich noch, wie es zu dem Unfall gekommen sei, doch ich sagte nur, da√ü ich das Boot gesehen h√§tte, als ich in den See zum schwimmen ging und da√ü ich mich beim Schwimmen wohl √ľbernommen h√§tte, mehr w√ľsste ich auch nicht.


__________________
MargareteSch.

Version vom 04. 09. 2008 16:05
Version vom 05. 09. 2008 13:39

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