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Du
Eingestellt am 07. 08. 2004 15:16


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Der Physiker
Schriftsteller-Lehrling
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Du

Wir Menschen haben unser Gesicht verloren. Unsichtbar sind wir geworden, in jedem Winkel zu finden und doch nicht da. Es begann vor einigen Generationen und wuchs im Verborgenen, bis mit einem Schlag die neue Wahrheit um den Erdball raste. Die wenigen, die sie begriffen, verloren ihren Verstand, gaben sich in ewigen Zuckungen der letzten Zuflucht hin, dem Wahn. »Kriegszitterer« nannte man sie, das ungekannte Phänomen. Das war im ersten Weltbrand, als 1914 in Europa die Lichter ausgingen. Zum ersten Mal in der Geschichte war der Feind unsichtbar.
Im leisen Vormarsch durch entstelltes Gelände war er plötzlich da. Granaten pfeifen, schlagen ein, Explosionen, Schüsse, unmöglich zu sagen, woher. Und dann Schreie. Die Verwundeten gehen zu Boden, die meisten werden nicht wieder aufstehen; der aufgewirbelte Staub wird das letzte sein, das sie atmen. Und schon ist es still. Der Feind verschwunden. Wer war er? Wo stand er?
Was denkt ein VerstĂĽmmelter, wenn er in den Spiegel sieht und wissen will, wer ihm das antat? Keine Antwort. Es war niemand. Und doch jemand.

Heute haben wir die Wahrheit von den Schlachtfeldern in unseren Alltag gebracht. Die Wahnsinnigen zählt schon lange niemand mehr. Aber was wäre, wenn nur für einen Tag die Dinge anders wären? Wenn wir uns verantworten müßten für das, was wir tun, und vor denjenigen, denen wir es antun?
Was würde ein deutscher Familienvater sagen, wenn ihn zehn Hungerleidende fragten, warum er ein neues Auto kauft, statt sie vor ihrem elenden Tod zu bewahren? Diese Blicke der Leidenden, die mit ihren schmalen Gliedern zusammenkauern. Keine Form außer den spitzen und bizarren Figuren des Skeletts. Vielleicht ein Zittern. Viele von ihnen blind, andere kurz davor, es zu werden. Hals und Bauch schmerzen, ihnen kommt es so vor, als fülle sich der Bauch nicht mit Wasser, sondern nur mit Schmerz. Und all diese Menschen sehen ihn an, den Familienvater, der sie retten könnte, aber ein Auto kaufen will. Wie soll er das erklären, welche Worte kann er finden? Keine. Eine fremdartige Situation, nicht von unserer Welt. Und doch ist sie wirklich. Wir haben diesen Widerspruch möglich gemacht. Und es reicht uns immer noch nicht. Wir fliehen weiter, machen uns kleiner und kleiner in einer immer größeren Menge. Nur damit niemand kommen kann, uns ansieht und auf uns zeigt: »Du.«

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jon
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Willkommen in der Leselupe!


Dieser Text ist stilsicher und (rein schreiberisch) recht eindringlich.

Inhaltlich aber irgendwie nicht – nicht nur nicht eindringlich sondern eher mit diesem "Das schon wieder!"-Effekt: Kein Argument, nur Tränendrüsengedrücke. Schlimmer noch: Warum bitte darf der deutsche Familienvater kein neues Auto kaufen? Soll er seinen Job in der Nachbarstadt aufgeben, die er ohne Auto nicht mehr erreicht? Oder soll er seinen Job als Vetreter aufgeben? (Ich weiß bzw. hoffe, das meintest du nicht, aber dein Text urteilt so pauschal.) Oder andersrum: Tun wir mal, als stimme es – das Auto ist ja nur die Spitze, eh! Was ist mit den teuren Klamotten, mit den teuren Fahrrädern, dem Gefrierschrank, der Couch, dem Zubehör für den Garten, der guten Salami, der Geburtstagstorte…
Außerdem: Was wird hier angeprangert? Dass „niemand" spendet? Oder behauptest du, dass der, der nicht spendet, schuld ist (, so wie der Schütze im 1.WK "es dem Verstümmelten antat")? Oder soll jeder Briefe an alle Hungernden schreiben, um ihnen mitzuteilen "ich bin der, der nicht spendet"? Und am besten noch an die Krebskranken (ich bin der, der für kein Krebsprojekt spendet) und die verlassenen Kinder (ich bin der, der nicht für die SOS-Kinderdörfer spendet) und die Flutopfer in China und …und…und …

(Es gibt noch andere Argumente, warum dieser Text "nicht funktioniert" – aber die arten dann in Themendiskussion aus und müssten im „Forum Lupanum“ stattfinden.)

Will sagen: Dieser Text ist zwar handwerklich sauber, geht aber trotzdem absolut nach hinten los, weil die Aussage unzureichend bedacht und nicht (gut) argumentativ untermauert ist.
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Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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Der Physiker
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Hi, jon,

wenn der Text eine so klare und einfache Aussage hätte, dann hätte ich sie auch so klar und einfach formuliert.

Das Thema ist, wie du gesagt hast, überhaupt nicht neu. Ich sehe auch nicht, warum man immer nur Neues schreiben sollte, manches nimmt eben zu Recht einen großen Raum ein. Anstelle des "Das-schon-wieder-Effekts" kann sich der Leser auch auf die neuen Blickwinkel einlassen, die ich angestoßen habe und interessant finde. Er wird jedoch weder eine Handlungsvorschrift noch eine ultimative Lösung finden. Die kenne ich im übrigen selbst nicht.

GrĂĽĂźe

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jon
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… eben den "neuen Blickwinkel" finde ich nicht.
(Im Übrigen finde ich schon, dass man für journalistische Texte schon eine klare Aussage/ Botschaft /Info formulieren können muss. Immerhin liest man solche Texte immer in der Erwartung, dass es sowas darin gibt. Ausnahme: Die Kolumne darf auch mal "nur unterhalten".)

Natürlich muss man nicht "nur Neues" machen – kann man auch gar nicht. Nur: Wenn man ein "altes" (durchaus aktuelles) Thema aufgreift, dann muss man wenigstens etwas Neues bieten. "Mal so drüber nachdenken" ist – in diesem Fall – weder neu noch hilfreich. Sicher gibt es Fälle, wo ein Blickwinkelwechsel das Neue ist (und wieder bewegung in etwas bringen kann). Nur ist auch das hier nicht gegeben – dass das Problem mit der Anonymisierung (weniger der Nicht-Spender als vielmehr der Leidenden – aber das nur am Rande) zu tun hat, ist nicht neu. (Weder bei diesem konkreten Thema noch überhaupt.) Die Verknüpfung mit dem 1.WK ist zwar (wahrscheinlich zumindest) neu, aber in Wirklichkeit "an den Haaren herbeigezogen" und also eher ein Schwach- als ein Pluspunkt.

Das Thema beschäftigt. Mich auch. Und je mehr Menschen desto besser. Nur: Es ist ermüdend, solche plakativen Aufrufe um die Ohren gehauen zu bekommen, die einem ein schlechtes Gewissen einreden wollen, und die Bilder zeichnen, die nur seeerh begrenzt mit der persönlichen Erfahrungswelt zu tun haben (, wer sieht schon wirklich solche Gerippe?!).
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Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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Fellmuthow
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Das Thema ist schon wichtig, allerdings sind die Menschen heute so kaum noch ansprechbar. Und, der Kauf eines Autos kann auch nicht als Vorwurf dafür gelten, dass Menschen darben müssen. Wie wäre es wenn du den Zusammenhang weiter fassen würdest? Nicht der Einzelne ist es, der die Schuld trägt, es ist die Organisationsform der heutigen Gesellschaft, die alles für wertlos hält, was sich nicht für den Verwertungsprozess als nützlich erweist.

Fellmuthow
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HW

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katia
???
Registriert: Jan 2004

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meinung

hallo physiker, mir gefällt deine plastische schreibe - du hast das, was man als "nah am Menschen" bezeichnet. und auch dein mut, dich mit einem abgedroschenen, aber dennoch tagesaktuellen thema zu befassen, hat mich beeindruckt.
ich denke aber, dass in der heutigen spassgesellschaft die meisten anders reagieren, mit dem du das gewissen der leserschaft wecken willst:

du fragst: "Was wĂĽrde ein deutscher Familienvater sagen, wenn ihn zehn Hungerleidende fragten, warum er ein neues Auto kauft, statt sie vor ihrem elenden Tod zu bewahren?"
die mehrzahl der menschen wĂĽrde als familienvater antworten: "Geh zu den Politikern und Managern, die haben genug Geld."

ich denke, so gedankenspiele mit dem eigenen text helfen, eine möglicherweise bessere lösung für das zu finden, was jon meint - etwas neues. er klingt so nach "predigt", in einer zeit, in der immer mehr menschen der institution den rücken kehren.

lg
katia
__________________
(kas)

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