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Leselupe.de > Kurzprosa
Du
Eingestellt am 03. 12. 2004 22:43


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Irma
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jan 2004

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Du

Frühling. Ich wache auf, nachdem das Eis um mich herum aufgetaut ist, und das Wasser, das dabei entstanden, sich sammelt und sich zu einem Fluss vereint, der durch deinen Busen fliesst. Ich sauge an deinen Nippeln, stille meinen Lebensdurst, trinke die Milch des ersten Morgens, die weiss von meinen Lippen runtertropft, und meinen Rachen durchquert und alles in mir zum Aufblühen bringt. Ich öffne die Augen, der klebrige Staub auf meinen Wimpern bröckelt und fliegt davon, während ich, geblendet, mich zu verstecken versuche. Ich liege auf deinem Bauch, ich spüre dein Herz, lausche deinem Klopfen und versuche meines anzugleichen. Ich drücke die Finger in dein Fleisch und wühle in deinem Inneren herum, wie in weichem Ton, krall' mich an deinen Eingeweiden fest und drücke meinen Kopf an deine Leber, suche nach Geborgenheit und Schutz, doch du lässt es nicht zu, du zerrst mich heraus. Meine Haut brennt, als du mich in die Höhe streckst und der Sonne zeigst, und immer härter wird deine Milch. Ich heule, die kleinen Beisser wachsen, genau wie meine Angst, und schmerzen. Ich könnte dir weh tun, dich beissen und zerfetzen, doch ich schreie stattdessen.
Sommer. Ich stehe auf. Ich wachse stets der Sonne entgegen und berühr' sie auch schon beinah. Nichts und niemand hält mich auf, ich bin der Stärkste von allen! Die Milch ist mittlerweile zu Fleisch, die Beisserchen sind zu Reissern und der Fluss ist zu einem aufgestauten See, der ausbrechen will, geworden. Ich vergewaltige die Natur und erschlage die Liebe wo es nur möglich ist. Ich bin Sünder und geniesse es, nütze es rücksichtslos aus. Ich lebe im Überfluss und will immernoch mehr, strebe nach Glanz und Perfektion, klaue und morde und trotzdem liebst du mich. Ich weine... weil ich so bin, wie du mich erschufst : ahnungslos und dumm.
Herbst. Ich setz' mich hin und schau' der Welt beim Drehen zu. Ich reagiere, wann ich will und antworte, wo es sein muss. Der Wind trägt meine Gedanken weit weg von mir, weht den Staub von meiner Haut und wischt das Blut weg, das auf mich spritzte, als ich dich erschlug, nur : der Geruch bleibt. Wo ist denn deine Liebe für mich geblieben? Weshalb verschwindet sie, wenn du es tust? Ich schmecke immernoch deinen Schweiss in meinem Mund, den ich, während ich dich durchbohrte, von deinem Busen leckte und spüre immernoch dein Haar zwischen meinen Fingern als ich an ihm zog und du schriest. Hättest du mich so sein lassen, wie ich bin, hättest du mich doch tun lassen, was ich wollte, dann wäre diese Wärme zwischen uns nicht verschwunden, und die Kälte wäre nie gekommen.
Winter. Ich leg' mich hin. Die Reisser sind mir inzwischen ausgefallen und ich trinke wieder Milch, doch es ist nicht die deine, nicht die weisse, sondern eine braune, hässliche Brühe, deren Ursprung ich nicht kenne und auch nicht kennen möchte. Zu lange warte ich nun schon auf deine Wiedergeburt und sehe nun ein, dass das einzige was uns wieder vereinen kann, das ist, was uns damals trennte. Die Kälte steigt in meinen Knochen empor, bald erreicht sie auch mein Herz, dann ist alles vorbei und alles war vergebens. Du hast mich damals geboren und gewusst, dass ich einst so ende, doch du tatst es trotz allem, weil du mich liebtest, ehe ich auf der Welt war. Wieso? Entschuldige, ich habe dich schon zu lange warten lassen...

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