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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Duft der Rose
Eingestellt am 10. 09. 2006 19:58


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Sumpfkuh
AutorenanwÀrter
Registriert: Jan 2006

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“I`m sorry I have to say it, but you look like you`re sad. Your smile is gone, i noticed it bad. The cure is if you let in just a little more love, I promise you this, a little`s enough.” (Angels & Airwaves)



„Was glaubst Du, wie warm es heute ist?“
Marie drehte ihren Kopf langsam nach links und schaute Lukas fragend an, der Direkt neben ihr lag.
Lukas schaute weiter in den Himmel, wĂ€hrend er nach kurzem Überlegen antwortete: “Heute Morgen um zehn waren es achtzehn Grad auf unserer Terrasse“.
Neben der VerandatĂŒr hing ein altes, gusseisernes Thermometer. Es hing schon ewig dort, und Marie konnte sich nicht mehr daran erinnern, wer es eigentlich da hingehĂ€ngt hatte, aber es sah hĂŒbsch aus, auf den weißen Klinkern, die mittlerweile eher grau waren.
„Ein schöner Tag“, sagte Marie und schaute wieder in die Wolken.
„Hmm“, brummte Lukas zustimmend.
„Könnte etwas kĂŒhler sein“, murmelte er, nachdem sie beide schweigend eine Minute in den Himmel gesehen hatten.
„Stimmt“, antwortete Marie, ohne ihn anzusehen, „aber im Schatten geht es eigentlich“.
Es war vier Uhr nachmittags, und die Hitze des Tages hatte ihren Höhepunkt erreicht und zog sich nun langsam zurĂŒck, um der KĂŒhle des Abends zu weichen.
Sie waren noch nicht lange hier, vielleicht eine halbe Stunde.
Auf der Wiese mit den alten, hoch gewachsenen BĂ€umen waren sie schon oft gewesen.
FrĂŒher, als Sophia noch klein war, hatten sie hier oft Picknick gemacht.
Marie hatte dann auf der großen Decke gesessen und zugesehen, wie Lukas mit der Kleinen herumtobte, Ball und Fangen spielte, oder mit ihr KĂ€fer und andere kleine Naturwunder entdeckte. Ab und zu kamen dann ein paar kleine Beinchen hastig angerannt, und kleine BabyhĂ€nde zeigten ihr zitternd vor Aufregung SchĂ€tze, die mehr wert waren als alles Gold dieser Welt. Marie teilte ihre Begeisterung jedes Mal. Nicht, weil sie den alten Stein oder den ekeligen, pelzigen KĂ€fer so entzĂŒckend fand, sondern weil sie diesen gewissen Glanz in den Augen ihres Kindes sah. Wenn sie dann in das Gesicht ihrer Tochter schaute, ĂŒberflutete sie eine gigantische Welle von Liebe, die ihr fast den Atem nahm und die TrĂ€nen in die Augen drĂŒckte.
Dann umschlang sie ihr lachendes Kind und ĂŒbersĂ€te sein kleines, erhitztes Knubbelgesicht mit KĂŒssen, bis es vor Freude kreischte.
„Weißt Du noch, als Sophia ihren ersten Schultag hatte? “, fragte Marie lĂ€chelnd, wĂ€hrend ihre Augen eine Stelle am Himmel fixierten, an der nichts existierte.
Ohne eine Antwort von Lukas abzuwarten sprach sie weiter.
„Sie wollte unbedingt ihren Lieblingspullover anziehen, der dicke mit dem Pony drauf“.
Der Pullover existierte auch heute, vierundvierzig Jahre spĂ€ter noch. Es war ein ErinnerungsstĂŒck, das gut gepflegt in Sophias Schrank hing. Mit der Zeit war die weiße Farbe gelblich geworden und das Pony verblasst, obwohl sie ihn in Folie gewickelt hatte, aber ansonsten war er in einem guten Zustand. Manchmal nahm sie ihn heraus und setze sich damit auf das kleine Bett, um mit ihren Fingern ĂŒber die struppige Wolle zu streichen.
„Sie hatte einen hochroten Kopf, weil sie so geschwitzt hat, aber sie wollte ihn partout nicht ausziehen“.
Lukas nahm ihre Hand und drĂŒckte sie. Sie blickte ihn nicht an, wusste aber, dass TrĂ€nen ĂŒber sein Gesicht liefen.
Er hatte seine Tochter unendlich geliebt. Sie hatten eine spezielle Vater-Tochter Beziehung gehabt, und als Sophia in die PubertÀt kam, war er der einzige gewesen, der zu ihr Zugang hatte.
Oft hatte Marie verzweifelt in der KĂŒche gestanden und einen Kuchen gebacken, den eigentlich keiner essen wollte nachdem Sophia nach einem Streit polternd die Treppe hoch rannte und ihre ZimmertĂŒr krachend ins Schloss fiel.
Lukas ging dann zu ihr, und nach einer halben Stunde kamen beide lachend aus ihrem Zimmer. Manchmal war sie ein wenig neidisch auf diese tiefe Bindung zwischen den beiden, aber meistens spĂŒrte sie nur tiefe Zuneigung ihrem Mann gegenĂŒber, der immer ruhig und gelassen blieb, komme was wolle.
Er war Maries Fels in der Brandung, er wusste immer, wann es ihr schlecht ging und fand immer das richtige Mittel, um sie aus ihrer Lethargie zu ziehen, als wĂ€re seine spezielle Lebensaufgabe, seine Familie glĂŒcklich und fröhlich zu machen.
An einem Tag vor vielen Jahren war er von der Arbeit am Nachmittag nach Hause gekommen und hatte eine Pappschachtel in der Hand gehalten.
Marie hatte einen schlimmen Tag gehabt und so viel geweint, dass ihre Augen fast zugeschwollen waren. Sie hatte lange im Bad gestanden, um es vor ihm zu vertuschen, aber als er mit dieser Schachtel durch die TĂŒr kam, wusste sie, dass er mal wieder intuitiv das Richtige getan hatte.
Als er den Deckel anhob, schlug sie entzĂŒckt die HĂ€nde vor den Mund. Ein Kerl aus Vollmilch grinste ihr frech entgegen, wĂ€hrend er seine Partnerin fest im Arm hielt.
Dieser Herr kam ihr bekannt vor, genau wie der Rest des Kuchens, auf dem das stolze Paar trohnte.
Er hatte ihre Hochzeitstorte nachbacken lassen und das, obwohl an diesem Datum nicht mal ihr Hochzeitstag war.
AußerplanmĂ€ĂŸige Geschenke und Aufmerksamkeiten waren nur eine Art ihr zu zeigen, wie sehr er sie liebte.
An diesem Abend aßen sie die komplette Torte mit den Fingern auf ihrem ausgebeulten Cordsofa vor dem Kamin und lauschten dem Knacken der Holzscheite im Feuer.
SpĂ€ter hatten sie Sex gehabt, wild und ungestĂŒm wie sie es seit Sophias Tod nicht mehr gehabt hatten. Danach lagen sie sich schwitzend in den Armen und Marie spĂŒrte, wie mit jedem tiefen Atemzug Teile ihres gigantischen Turms aus Schmerz, Leid und innere Anspannung von ihr abfielen. Sie fĂŒhlte sich zum ersten Mal wieder lebendig.

„Sie trug ihn sogar noch, als er ihr schon lĂ€ngst zu klein geworden war. Das hat sie ausgesehen wie ein kleines Frettchen“, sagte Lukas lachend und drĂŒckte dabei ihre Hand noch fester.
„Stimmt“, kicherte Marie, „und dann habe ich ihn eines abends einfach in einen Karton gepackt und behauptet, dass er bei der WĂ€sche abhanden gekommen wĂ€re. Meine GĂŒte, ich glaube das hat sie mir nie verziehen“.
„Sie hat Dich sehr geliebt. Immer.“, sagte Lukas mit ruhiger Stimme.
Marie nickte zustimmend. „Sie hat uns soviel GlĂŒck beschert, unsere Kleine Prinzessin. So viele wundervolle Tage, so wunderbare Erinnerungen. Das ist einfach nicht fair. Warum nur unser kleines MĂ€dchen?“ Die Gedanken an die furchtbaren Ereignisse ließen sie abbrechen.
Sie biss die ZĂ€hne so stark zusammen, dass sie Angst hatte, ihre Kieferknochen wĂŒrden brechen, versuchte den Schmerz aus ihrem Bauch nicht herauf schleichen zu lassen. Aber die Erinnerungen fanden ihren Weg wie eine Schlange, die sich langsam kriechend ihrem Opfer nĂ€hert, um es dann völlig zu ĂŒberrumpeln, sodass es kein Entkommen mehr gab.
Diese Nacht vor vielen, vielen Jahren, in der ihr kleines MĂ€dchen nicht mehr nach Hause kam und niemals wiederkommen sollte.
Trotzdem hatte sie jedes Mal den Eindruck, sie wĂ€re gerade erst aus der TĂŒr gegangen, wenn sie nachdenklich auf ihrem Sofa saß und das große Bild von Sophia ĂŒber dem Kamin betrachtete. Sie konnte fast noch ihr Lachen hören, als sie sich an diesem Abend verabschiedet hatte. Ihre blonden Locken wippten auf ihren Schultern, als sie durch den Regen zu ihrem kleinen Wagen lief, den sie ihr zum neunzehnten Geburtstag geschenkt hatten.
„Komm nicht zu spĂ€t“, hatte sie ihr noch hinterher gerufen, „und fahr vorsichtig“, aber das war eigentlich unnötig.
Sophia blieb nie die ganze Nacht weg und war auch ansonsten eine sehr verantwortungsbewusste junge Dame geworden, sie brauchte sich keine Sorgen zu machen.
Trotzdem wĂ€lzte sich Marie meistens stundenlang unruhig in ihrem Bett und fand keinen Schlaf, bis sie endlich den SchlĂŒssel in der HaustĂŒr knacken hörte.
Sie winkte ihrer Mutter noch mal lachend zu, startete das Auto und fuhr aus der Straße und hinaus aus Maries Leben. Ein verblassender Blinker war das Letzte, das sie von ihrer Tochter gesehen hatte.
Als ihre Tochter starb, hatte sie geschlafen. Niemals konnte sie sich das verzeihen. Sie trÀumte friedlich, als ihr kleines MÀdchen um ihr Leben kÀmpfte.
Die erste und einzige Nacht, in der sie ruhig schlief, seit Sophia allein das Haus verließ und auch nachdem sie fĂŒr immer gegangen war.

„Du sollst nicht so denken.“, mahnte Lukas sie. „Es wird nichts an der Tatsache Ă€ndern, dass Sophia tot ist. Und mach Dir nicht wieder SchuldgefĂŒhle. Niemand trĂ€gt Schuld, niemand“. Seine letzten Worte zitterten, und sie wusste, dass er das nur sagte, um sie zu beruhigen.
In Wirklichkeit dachte er genau wie sie, dass es sehr wohl Schuldige gab.
All diese Leute. Alle diese Menschen, die sie an diesem Abend sahen und wegsahen.

„Sie tragen alle Blut an ihren HĂ€nden, das sich niemals abwaschen lassen wird“, sagte sie zornig.
Lukas ließ ihre Hand los und beugte sich ĂŒber sie. Er nahm ihr Gesicht in beide HĂ€nde und schaute ihr tief in die Augen.
„Hör zu Marie, niemand trĂ€gt die Schuld an diesem furchtbaren UnglĂŒck. Ich vermisse sie auch, weiß Gott sie fehlt mir so sehr“, zitterte er und seine salzigen TrĂ€nen fielen auf ihre Lippen, wĂ€hrend er weitersprach: „In jeder Stunde, jeder Minute wĂŒnsche ich mir, dass sie wieder bei uns wĂ€re. Aber es ist passiert, und wir können die Zeit nicht zurĂŒckdrehen, um sie zu retten, ihr zu sagen sie soll zu Hause bleiben. Wir können es einfach nicht. Und quĂ€len wir uns nicht nur selbst, wenn wir darĂŒber nachdenken was alles hĂ€tte sein können?
Was bringt Dir der Zorn auf diese Menschen? WĂŒrdest Du Genugtuung empfinden, wenn man sie ausfindig machen könnte? Meinst Du, dass Du Dich dann besser fĂŒhlst? Selbst wenn man ihnen den Kopf abhackt, bringt das unser MĂ€dchen nicht wieder. Du darfst Deinen Hass nicht ĂŒbermĂ€chtig werden lassen, bitte Marie, vor allem nicht jetzt. Schließe Frieden mit diesen Menschen, vergib ihnen fĂŒr Deine Tochter. Denn ich bin mir sicher, sie hat ihnen auch verziehen. Denk an die wundervolle Zeit, die wir mit ihr hatten und sei dankbar dafĂŒr und nicht wĂŒtend ĂŒber das, was Du nicht bekommen kannst. Denk doch mal daran, wie das kleine BĂŒndel in Deinen Armen lag, die blonden Haare noch feucht und es schmatzend an Deiner Brust gesaugt hat. Sie war so friedlich, so vollkommen, so wunderschön“.

Er drĂŒckte ihr einige feuchte KĂŒsse auf ihren Mund und legte sich dann wieder neben sie.
„Du hast ja Recht“, antwortete Marie und nahm wieder seine Hand.
Sie dachte an den Tag, an dem sie ihre Tochter das erste Mal gesehen hatte. Es war eine schwere und sehr schmerzhafte Geburt gewesen, und sie war sehr schwach, als das Baby endlich auf der Welt war.
Aber dann öffnete Sophia ihre Augen, und jegliche Anstrengung fiel von Maries Körper wie ein schweres Tuch.
Sie fĂŒhrten ein unbeschwertes und glĂŒckliches Leben. Sicher gab es mal das ein oder andere Problem, aber sie alle drei waren optimistische Menschen, die ihr Leben genossen und die Gabe hatten, Freude zu empfinden, wenn der Himmel auch noch so grau zu sein schien.
Bis zu diesem Tag im Februar. Marie hatte immer gedacht, sie sei lĂ€ngst erwachsen, aber erst nachdem Sophia einige Tage begraben war, merkte sie, wie völlig hilflos und unbeholfen sie war. Lukas war ihr in dieser Zeit eine große StĂŒtze, doch auch er litt unter dem Verlust so stark, dass er ĂŒber Nacht völlig weiße Haare bekam.
Eines Morgens stand sie vor dem Spiegel und blickte in ihr blasses, gezeichnetes Gesicht.
Ihre Augen lagen tief in den Höhlen und schienen jeglichen Glanz verloren zu haben.
Sie hatte einige Pfund verloren, und ihre Haare wirkten stumpf und strÀhnig.
Als sie sich so betrachtete, musste sich plötzlich lachen. Sie sagte zu ihrem Spiegelbild: „Na, Du dumme Gans, hast wohl gedacht, dass Dein Leben immer so weitergeht. Ein liebevoller Mann, eine wundervolle Tochter, ein Haus, zwei Mal im Jahr Urlaub und gemĂŒtliche Spielabende im Winter vor dem Kamin. Tja, da habe ich wohl eine Neuigkeit fĂŒr Dich, das MĂ€rchen ist aus. Was hast Du geglaubt? Das ganze Leid und der Schmerz da draußen, hungernde Kinder mit Fliegen am Mund, sterbende Soldaten, die um ihr Leben flehen, SĂ€uglinge, die lebend in Papierkörbe geschmissen werden, MĂ€nner die ihre Frauen halb tot prĂŒgeln, korrupte Politiker, dachtest Du, das geht Dich nichts an? Hast Du wirklich geglaubt, Dir könnte Derartiges nicht passieren? Nur, weil es im Fernseher und in der Zeitung war, ist es furchtbar, aber weit weg? Nein. Diesmal bist Du Diejenige. Deine Tochter steht nun auf der Titelseite, und das halbe Land heuchelt sein scheiß Mitleid. Aber mach Dir nichts draus, in einigen Wochen ist das vorbei, dann haben sie Dein MĂ€dchen vergessen. Niemand wird mehr ĂŒber sie sprechen, so, als ob sie nie existiert hĂ€tte. Dann kommt wieder jemand anderes an die Reihe.“
Marie schlug wild kichernd auf den Spiegel ein, bis er in viele Scherben zerbrach. Dabei zog sie sich tiefe Schnittwunden an der Hand zu, und sie ließ sich auf den Badezimmerboden sinken, um das Blut zu beobachten, das aus mehreren Wunden quoll. Der Anblick beruhigte sie. Der körperliche Schmerz löste einen Teil der seelischen Qualen.
Als Lukas sie spĂ€ter dort fand, war er furchtbar wĂŒtend geworden, zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie ihn so erlebt. SpĂ€ter war ihr klar geworden, dass er sich lediglich um sie sorgte. Sie machten danach eine gemeinsame Psychotherapie, und auch wenn sie nie gedacht hĂ€tte, dass ihr so was helfen wĂŒrde, fĂŒhlte sie sich besser nach den GesprĂ€chen.
TatsĂ€chlich war ein wunderschönes Bild von Sophia tagelang durch die Presse gegangen. Sie erinnerte sich genau, wo dieses Bild entstanden war. Vor zwei Jahren im Sommerurlaub in Spanien. Sie hatten viele Wanderungen und Fahrten gemacht, und eines Tages bestiegen sie einen Berg, von dessen Spitze die Aussicht so atemberaubend war, dass alle drei minutenlang nicht gesprochen hatten und jeder fĂŒr sich den faszinierenden Blick auf das tosende Meer genoss, das sich an den Klippen brach, nur um einen neuen Anlauf zu nehmen bei dem Versuch, seinen Weg fortzusetzen.
Sie waren dort bis zu Dunkelheit geblieben, und wĂ€hrend die Sonne tief im Meer versank war dieses Bild entstanden. GlĂŒcklich strahlte sie in die Kamera, ein MĂ€dchen mit Zukunft.

„Meinst Du, ihr Tod hat irgendetwas verĂ€ndert?“, fragte sie Lukas, der nachdenklich auf einem Grashalm kaute.
„Bestimmt. Ganz sicher sogar. Es hat die Leute wachgerĂŒttelt. Sie haben ĂŒber sich selbst nachgedacht. Auch wenn sie Sophia vielleicht mit der Zeit vergessen haben, werden sie dieses ungute GefĂŒhl haben, wenn sie etwas sehen, das sie nicht sehen wollen.“, antwortete er nach einigen Sekunden.
„Vielleicht. Ich bin so stolz auf unser MĂ€dchen. Sie war ein guter Mensch. Sie hĂ€tte nicht sterben dĂŒrfen, es ist nicht fair“, schluchzte Marie.
„Nein, das ist es nicht“, sagte er und streichelte ihr sanft ĂŒber die vom Alter gezeichnete Wange.

Als die Polizei in dieser Nacht an ihrer TĂŒr klingelte und ihnen die Mitteilung vom Tod ihrer einzigen Tochter brachte, wehten ihr feuchte Schneeflocken ins Gesicht. Der erste Schnee in diesem Jahr, der sich langsam, aber unwiederbringlich auf Gehwege, HĂ€userdĂ€cher, Wiesen und Felder legte. Eine weiße, dicke Schicht, die alles verhĂŒllte und gleichzeitig den Tod ihres Kindes besiegelte, reell machte. Sie war das erste Mal sofort ohnmĂ€chtig zusammen gebrochen und spĂ€ter in ihrem ihr bizarr vorkommenden Wohnzimmer noch einmal, als sie die UmstĂ€nde des Todes von dem mitfĂŒhlenden Polizisten hörte, dem selbst TrĂ€nen in den Augen standen. Lukas hatte ihre Hand gehalten, der Seelsorger hatte ihre Hand gehalten, man hatte sie umarmt, gedrĂŒckt, ihr tröstende Worte gesagt. An nichts von dem konnte sie sich erinnern. Lediglich an den Schnee, der ihr ins Gesicht wehte, als sie der Polizei die TĂŒr öffnete.
Sophia wollte sich in einer Bar mit einigen Freunden treffen. Auf dem Weg dorthin kam ihr Wagen aus ungeklĂ€rten GrĂŒnden von der Straße ab, sie prallte mit der BeifahrertĂŒr gegen einen Baum und wurde anschließend in den Straßengraben geschleudert, wo das Auto auf der Fahrerseite liegen blieb.
Zu dieser Zeit war Sophia wahrscheinlich bewusstlos. Aber sie kam wieder zu sich, konnte sich aber nicht selbst befreien, da sie im Wagen eingeklemmt war. Ihr Bein war gebrochen, und sie hatte eine Platzwunde an der Stirn, ansonsten war sie aber in Ordnung. Keine inneren Verletzungen, stellte man spÀter fest.
Sie befand sich auf einer rege befahrenen Straße, und selbst um diese Uhrzeit fuhren regelmĂ€ĂŸig Wagen an ihr vorbei. Niemand hielt an, keiner rief die Polizei.
Zwar lag ihr Auto im Graben, war aber deutlich zu erkennen, versicherte man ihr.
Sophia versuchte sich selbst zu befreien, ĂŒberall waren Kratzspuren, ihre FingernĂ€gel waren abgebrochen. Wahrscheinlich hatte sie auch sehr lange um Hilfe geschrieen.
Aber sie schaffte es einfach nicht. Der Motor funktionierte nicht mehr, sie konnte kein Licht und keine Heizung einschalten.
Sie hat mindestens drei Stunden noch gelebt, erfuhr ihre Mutter erst viel spÀter. Drei Stunden, in der ihr MÀdchen um Hilfe rief, sich zu befreien versuchte und hilflos mit ansehen musste, wie ein Scheinwerferlicht nach dem anderen in der Dunkelheit verschwand, ohne langsamer zu werden.
Nicht mal ihre Freunde kamen auf den Gedanken, dass ihr etwas passiert sein könnte. Sie dachten, dass sie einfach zu Hause geblieben wÀre. Irgendwann hatte sie sich so gut es ihr möglich war zusammengerollt, dann ist sie eingeschlafen und nicht mehr erwacht.
Sie war in ihrem GefÀngnis erfroren.
In der heutigen Zeit an einer viel befahrenen Straße nach einem leichten Verkehrsunfall erfroren. Eine Krankenschwester, die zur FrĂŒhschicht unterwegs war, hatte dann letztendlich angehalten und die Feuerwehr gerufen.
Bis diese ankam, war sie durch die Beifahrerseite hineingeklettert und hatte versucht, Sophia zu befreien, aber auch sie schaffte es nicht, und das MĂ€dchen war zu diesem Zeitpunkt schon mehrere Stunden tot.
„Sie hat ausgesehen, als ob sie schlĂ€ft“, hatte die Krankenschwester ihnen spĂ€ter berichtet. „Ganz friedlich. Da war keine Spur von Angst oder Hoffnungslosigkeit in ihrem Gesicht“.
„Wahrscheinlich hat sie den Tod irgendwann akzeptiert und mit ihrem Leben in Frieden abgeschlossen“, hatte Lukas einige Jahre spĂ€ter einmal gesagt, als sie mal wieder darĂŒber sprachen.
Ihr MĂ€dchen. So stark war sie gewesen, sogar den Tod noch angstfrei willkommen zu heißen.
Niemand hatte sich gemeldet, der an diesem Abend auf dieser Straße gefahren war. NatĂŒrlich nicht. Aber es gab einen großen Medienrummel und allgemeine Betroffenheit. In einer Sondersendung appellierte sogar GĂŒnther Jauch an die Zivilcourage, und sie bekamen sehr viel Post.
Auf Sophias Beerdigung mussten die TĂŒren der Kapelle geöffnet bleiben, weil so viele Leute gekommen waren, um sie auf ihrem letzten Weg zu begleiten. Viele von ihnen hatte Marie nie zuvor gesehen. Sie fragte sich, wie viele von denen an diesem Abend an ihrer sterbenden Tochter vorbei gefahren waren und aus unerfindlichen GrĂŒnden nicht angehalten hatten.

„Meinst Du, wir werden sie wieder sehen? Unsere Kleine? Und wie wird sie aussehen?“, wandte sich Marie an ihren Mann, der mit seinen Augen einigen Wolken auf ihrem Weg folgte.
„Ich bin mir ganz sicher, dass sie bereits auf uns wartet. Sie wird ein wundervoller Engel sein, so wie sie es immer gewesen ist“, antwortete Lukas und lĂ€chelte in den Himmel.
„Ja, Du hast Recht“, stimmte Marie zu und blickte auch schmunzelnd in das unendliche Blau.
Dieses furchtbare Ereignis hatte sie beide zu ernsteren, nachdenklicheren Menschen werden lassen, die nicht mehr uneingenommen an die Leichtigkeit des Lebens glaubten.
Sie wurden sehr vorsichtig in ihrem Umgang miteinander, und spĂ€ter fanden sie sogar zu einem zaghaften, fragilen GlĂŒck zurĂŒck. Denn sie hatten einander, und ihre Liebe war nicht zerbrochen, sondern gereift und zu etwas geworden, das nichts und niemand ĂŒberwinden konnte.

Marie drehte ihren Kopf und blickte Lukas an, der trĂ€umend ins Nichts blickte. Liebevoll betrachtete sie ihren Mann, mit dem sie so lange glĂŒcklich gewesen war.
Die getrockneten TrĂ€nen hatten einen salzigen, weißen Film auf seinen Wangen hinterlassen, der Schmerz hatte tiefe Furchen in sein Gesicht gegraben, aber durch das alte Gesicht sah sie immer noch den jungen Mann, in den sie sich einst verliebt hatte.
ZĂ€rtlich strich sie ihm ĂŒber die Wange, und auch er drehte den Kopf, um sie anzusehen.
„Sag mal, hast Du eigentlich die Kaffeemaschine ausgestellt?“, fragte sie ernst.
„Weiß nicht. Ist doch auch egal, oder?“ antwortete er. Beide blickten sich einige Sekunden lang ernst an und fingen dann prustend an zu lachen.
Ein oder zwei Minuten kicherten sie laut, bis Marie die Bauchmuskeln wehtaten und Lukas zu husten begann.
„Wir haben gekĂ€mpft, oder?“, fragte Marie, nachdem sich beide beruhigt hatten.
„Jawohl, das haben wir, gnĂ€dige Frau“, sagte Lukas schmunzelnd.
„Aber am Ende haben wir doch verloren“, sagte Marie wehmĂŒtig und blickte auf die großen Baufahrzeuge, die hier nĂ€chste Woche mit ihren Arbeiten beginnen wĂŒrden.
Die herrliche Wiese sollte einem VergnĂŒgungspark weichen. Leider stand ihr Haus genau an der Stelle, wo zukĂŒnftig eine neue Autobahnzufahrt entstehen sollte.
Als sie das erste Mal Post von der Stadt bekamen, glaubten sie noch, sie könnten ihr Haus durch eine simple Verweigerung des Vergleichsangebotes, das man ihnen stellte, retten.
Aber man schrieb ihnen wieder, lud sie sogar zum persönlichen GesprÀch ein.
Bei diesem Treffen hatten sie den Herren erklĂ€rt, warum ihnen dieses Haus so am Herzen hing, und dass sie niemals freiwillig ausziehen wĂŒrden.
In diesem Haus war ihr Kind aufgewachsen, in diesem Haus hatten sie Freude und Schmerz gelebt, im Garten gespielt, gegrillt, gemeinsam die WÀnde gestrichen, lachend unter einem kaputten Rohr mit Wasser gespritzt, nachdem die erste Wut verflogen war, Lukas hatte selbst viele VerÀnderungen vorgenommen. Ganz zu schweigen von Sophias Kinderzimmer, das immer noch so eingerichtet war wie an dem Tag, an dem sie gegangen war.
Das Haus war ihnen angewachsen wie unentfernbares Muttermal, es war ein fester Bestandteil ihrer Familie, ein Buch der Erinnerungen.
Man hatte ihnen gesagt, dass sie durchaus VerstĂ€ndnis hĂ€tten fĂŒr ihre persönliche Lage, aber man mĂŒsste doch an das Wohl der Allgemeinheit denken, und der Bau dieser Autobahnzufahrt wĂŒrde so viele Leute in ihre Stadt bringen, und das wĂŒrde Aufschwung bedeuten, was am Ende ja auch wieder ihnen zu Gute kĂ€me, und sie könnten doch in dem neuen Haus etwas neues aufbauen.
Nachdem sie beide sich nicht von einer Umsiedlung ĂŒberzeugen lassen konnten, wurde der Mann ausfallend.
„Sie mĂŒssen das doch auch mal realistisch sehen Herr und Frau Dermann, Sie sind ja nun auch nicht mehr die jĂŒngsten. Die ganze Stadt kann doch nun nicht RĂŒcksicht nehmen auf ein altes Ehepaar, das sich weigert, aus ihrem uralten Haus auszuziehen und in ein paar Jahren eh
“
Da war Marie ausgeflippt. Sie schrie, dass es eine UnverschĂ€mtheit sei, wie hier mit ihnen umgangen werden wĂŒrde und dass sie sich einen Anwalt nehmen wĂŒrde.
Das hatten sie dann auch getan. Lange hatten sie gekĂ€mpft, nach und nach sahen sie zu, wie eine Familie nach der anderen aus ihren HĂ€usern der Straße auszog, bis sie am Ende alleine zurĂŒckgeblieben waren.
Die Straße wirkte verwaist, und langsam kamen ihnen Zweifel, ob sie diesen ungleichen Kampf gewinnen könnten.
Vor Gericht wurde dann letztendlich gegen sie entschieden. Sie hatten das Haus bis zum Ende des folgenden Monats zu verlassen.
Man bot ihnen eine Dreizimmerwohnung in einem betreuten Wohnheim an. Einem Altersheim. Sie lehnten ab, und man ĂŒberwies ihnen eine nicht unbetrĂ€chtliche Summe, die sie nicht wollten.
Ihr Haus war unbezahlbar. Sie fĂŒhlten sich, als hĂ€tte man ihnen fĂŒr ihr Leben einen Scheck ausgestellt. Lange saßen sie an diesem Abend vor ihrem Kamin und ĂŒberlegten, was sie noch tun konnten. Schweigen hĂŒllte den Raum in ein dunkles Tuch, wobei lediglich das Feuer knackte, zischte und ihre Gesichter in warme Schatten legte.
Irgendwann hatte er sie dann angesehen und gesagt:“ Ich glaube, ich weiß, was wir tun können. Ja, ich denke, ich habe eine passable Lösung gefunden!“
Sie gaben am nÀchsten Tag die gesamte Summe anonym dem ortsansÀssigen Kinderheim.
Und sie zogen nicht aus. Sie ignorierten den Gerichtsbeschluss bis zuletzt. An dem Tag, nachdem sie das Haus rĂ€umen sollten, saßen sie gemĂŒtlich am FrĂŒhstĂŒckstisch, als das Abrissunternehmen vorfuhr und erstaunt feststelle, dass in dem Haus noch Leute lebten.
Als nĂ€chstes kam die Polizei und sie wurden aufgefordert, das Haus innerhalb der nĂ€chsten vierundzwanzig Stunden zu rĂ€umen, und ihnen wurde angedroht, gerichtlich eine EntmĂŒndigung zu beantragen, falls sie nicht vernĂŒnftig wurden. Dann wĂŒrde man sie doch in ein Altersheim stecken. Aber nicht in eine Dreizimmerwohnung, sondern in ein stĂ€dtisches, wo jeweils zwei bis drei Personen auf einem Zimmer lebten. MĂ€nner und Frauen getrennt.
Das war nun heute Morgen gewesen.

„Nein, das haben wir nicht. Wir haben nicht verloren, Marie. Es gibt etwas, das uns niemand wegnehmen kann. Im Prinzip haben wir eigentlich sogar gewonnen und zwar auf der ganzen Linie“, sagte Lukas, wĂ€hrend er Marie mit einem warmen LĂ€cheln beschenkte.
„Ich verstehe Dich nicht. Selbst unsere WĂŒrde haben sie uns genommen. Ein Altersheim. Unsere Tochter haben sie einfach sterben lassen. Was ist das fĂŒr eine Welt? Sag es mir? Wie kannst Du nur so unverbittert sein? Was haben wir denn noch? Was denn?“, entgegnete Marie mit TrĂ€nen in den Augen.
Lukas beugte sich zu ihr hinĂŒber und kĂŒsste sie auf die Stirn, mit der anderen Hand streichelte er ĂŒber ihr struppiges, graues Haar.
„Dich und mich. Das grĂ¶ĂŸte Geschenk, das ich jemals bekommen habe, war das Leben.
Unsere Liebe, unsere wunderhĂŒbsche Tochter.
Viele Menschen sind kalt, innerlich tot. Aber wir, wir haben uns, verstehst Du?
SiebenundfĂŒnfzig Jahre voller GlĂŒck und Freude. Ich bin dankbar, sehr sogar, fĂŒr das, was wir erlebt haben. Ich bin dankbar, dass wir unsere Tochter achtzehn Jahre lang bei uns haben durften. Stell Dir nur vor, wir hĂ€tten gar keine Kinder gehabt, wo wĂ€re die WĂ€rme in unserem Haus geblieben? Keine kleinen FĂŒĂŸe, die ĂŒber das Parkett rennen, keine angemalten Tapeten, kein Kindergeburtstag - wĂ€re das nicht furchtbar gewesen? Und sie ist doch niemals gegangen, unser MĂ€dchen. Wenn Du auf den Treppen gehst, oder unter der Dusche stehst, hast Du dann nicht auch das GefĂŒhl, sie könnte jeden Moment hereinkommen? Ich spĂŒre sie, auch jetzt, als wĂ€re sie ganz nah bei uns. Es ist wie der Duft einer Rose. Wenn Du sie einmal gerochen hast, dann schwĂ€ngert ihr Geruch Dein ganzes Bewusstsein, und selbst wenn sie schon lĂ€ngst verblĂŒht ist, hast Du das GefĂŒhl, sie immer noch riechen zu können. Du vergisst den Geruch niemals und so ist es auch mit Sophia. Sie ist nie wirklich gegangen. Ich bin sicher, sie wartet auf uns, woanders. Und wenn ich Dich nicht getroffen hĂ€tte, was wĂ€re dann aus mir geworden? Haben wir nicht ein wundervolles Leben gefĂŒhrt? Denk nur an unsere schönen Tage am Meer, hier auf der Wiese, oder die Abende, an denen wir uns schlapp gelacht haben ĂŒber völlig banale Dinge wie eine eingelaufene Unterhose.
Sieh Dich um. Ist es nicht wunderschön auf der Welt? Schau Dir die hohen BĂ€ume an, das grĂŒne Gras! Ja, morgen ist es nicht mehr da, aber wir durften damit leben. Es hat doch keinen Sinn, darĂŒber nachzudenken, was alles sein könnte, denn es wird nicht sein. Besser ist es, dankbar und glĂŒcklich darĂŒber zu sein, was man hatte.
Wie heißt es so schön? Die Erinnerung ist ein Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können. Und die Sache mit dem Haus und dem Altersheim - ich denke, das ist einfach ein Zeichen, jetzt nach Hause zu gehen. GlĂŒcklich und dankbar. Meinst Du nicht auch?“

„Ja, die Erinnerung. Aber sie ist nicht nur ein Paradies, sie ist auch eine Hölle aus der wir nicht entkommen können. Es tut so weh, an die schöne Zeit zu denken und zu wissen, dass man nicht das Geringste tun kann, um sie zurĂŒckzuholen. Ich fĂŒhle mich so hilflos.
Ich bin dankbar, ja das bin ich. Aber ich bin auch zornig und wĂŒtend. Warum musste unser MĂ€dchen so frĂŒh gehen, warum nimmt man uns unser Haus und unser Leben? Warum?“, stöhnte Marie, wĂ€hrend ihr die TrĂ€nen ĂŒber das Gesicht liefen.
„Weil es passiert. Einfach, weil die Welt sich dreht und es immer weiter geht. Sie wird sich auch noch drehen, wenn wir nicht mehr hier sind. Und viele Menschen werden leiden, jeden Tag. Und wahrscheinlich, ohne dass es jemand Fremden interessiert. Wenn Du jemanden weinen siehst, gehst Du dann hin und fragst, was er hat? Solange das „wie geht es Dir“ eine Floskel ist und das einzelne Schicksal höchstens fĂŒr eine Woche betroffen macht, so lang wird die Welt sich einfach weiter drehen wie bisher und einzelne Schicksale sich einfach erfĂŒllen. So ist eben.
Unsere Tochter hat mit ihrem Tod ein Zeichen gesetzt. Sie hat Menschen zum Nachdenken gebracht, vielleicht nicht lange, aber sie haben in sich geschaut und deshalb bin ich verdammt stolz auf sie. Was sie uns nicht nehmen können, das ist unser freier Wille. Wir entscheiden, was wir tun und wie wir miteinander umgehen.
Wir können das alles da draußen nicht Ă€ndern, aber wir können ein Zeichen setzten, Marie!“, sprach Lukas und wirkte dabei beinahe euphorisch.
„Ja, Du hast wohl Recht. Ich liebe Dich, Du elender Optimist“, antwortete Marie und drĂŒckte Lukas einen festen Kuss auf die Lippen.
„Sieh nur, die Sonne geht unter“, sagte sie und schaute auf den orangenen Ball am Himmel, der sich langsam zwischen den BĂ€umen senkte.
„Ist es nicht wunderschön?“, fragte sie.
„Das ist es, genauso schön wie Du bist“, lĂ€chelte Lukas und sah sie an. Seine Augen glĂ€nzten voller Liebe.
„Hör doch auf, ich bin eine alte, runzlige Frau.“, antwortete Marie und knuffte ihm in die Seite.
„Aber eine wunderschöne alte, runzelige Frau“, gab Lukas zurĂŒck.
„Und wenn Du lachst, dann sehen Deine FĂ€ltchen aus wie ein kleines Sonnensystem, bei dem ich jeden einzelnen Stern kĂŒssen möchte“, sagte er und lehnte sich zu ihr hinĂŒber, um ihr Gesicht mit kleinen KĂŒssen zu bedecken, genauso wie sie es damals mit Sophia gemacht hatte.
„Also junger Mann, ich muss doch schon sehr bitten, wie kommen Sie dazu, mich hier in der Öffentlichkeit so frivol zu kĂŒssen?“ scherzte Marie und drĂŒckte Lukas an sich.
Dann schauten sie gemeinsam dem Sonnenuntergang zu, der die gesamte Wiese in ein warmes Licht tauchte. Irgendwo in der NĂ€he zirpten ein paar Grillen.
Marie packte die Thermoskanne aus und beide tranken einen Becher des wohlig-warmen GebrÀus.
Danach legten sie sich wieder nebeneinander auf das Gras und deckten sich mit einer Wolldecke zu.
„Habe ich Dir eigentlich schon mal gesagt, dass ich Dich liebe?“, fragte Lukas.
„Ja, dann und wann hast Du es mal erwĂ€hnt. Ich liebe Dich auch
und ich wollte mich noch bei Dir bedanken. DafĂŒr, dass Du immer da warst und es immer mit mir alter Furie ausgehalten hast. Und dass Du fĂŒr mich mein Leben schön gemacht hast“, flĂŒsterte Marie und kuschelte sich an ihn.
„Das habe ich nicht gemacht und das war auch gar nicht nötig, denn das Leben ist einfach von Natur aus schön, Schatz. Na gut, mit Dir ist es wahrscheinlich noch wesentlich schöner. Sonst wĂ€re ich als alter Junggeselle geendet, der regelmĂ€ĂŸig mit nur einem Socken herumgelaufen wĂ€re, weil der andere spurlos verschwunden ist“.
Beide lachten und drĂŒckten sich noch nĂ€her aneinander.
Ein Vogel flog ĂŒber ihnen in das Abendlicht. Irgendwo schrie ein Reiher. Weit entfernt hörten sie das Brummen der Autos auf der Schnellstraße.
Lange Zeit lauschten sie einfach den GerÀuschen und genossen die letzten Lichtstrahlen.
„Irgendwie bin ich jetzt doch ziemlich glĂŒcklich, hier mit Dir“, flĂŒsterte Marie.
Lukas antwortete nicht.
Sie drehte ihren Kopf zu ihm und sah ihn liebevoll an. Eine TrĂ€ne löste sich aus ihren Augenwinkeln. ZĂ€rtlich strich sie ihm ĂŒber die Wange und kĂŒsste ihn ein letztes Mal auf den Mund. Dann legte sie den Arm um ihn, um sich an ihn zu kuscheln. Marie dachte an ihr MĂ€dchen, das hoch oben auf dem Berg steht und dem Meer und der Sonne fröhlich entgegen lacht. Ihr Haar weht im warmen Sommerwind und sie hebt eine Hand zum Winken.
Marie war mĂŒde, furchtbar mĂŒde.

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ScarlettMirro
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hi,

ich hab die Geschichte inhaltlich erfasst und muss auch sagen, dass sie urtraurig ist. Soll genau heißen, mich reizte das Thema und mich reizte dein Stil. dennoch hab ich ĂŒber ganz viele langatmige Passagen hinweg gelesen.

Ich verstehe das so, dass ein Ă€lteres Ehepaar mit ihrem Leben abschließen, weil mit ihnen etwas passieren soll, was sie nicht wollen.

Meine Anmerkungen:
1. FĂŒr ihre verstĂ€ndnisvolle Art ist der Einstieg in die geschichte zu sehr nach dem Motto "Wir haben uns nichts mehr zu sagen, deswegen reden wir ĂŒber das Wetter!" gearbeitet. Mir ist schon klar, dass du auf ihren letzten Tag hinauswillst, wo man auch noch einmal das Wetter beleuchtet. Aber vielleicht böte es sich eher an, ĂŒber details aus der Umgebung zu sprechen (wie das Thermometer).
2. Das hĂ€tte nĂ€mlich den Vorteil, dass die Geschichte nicht so zweiteilig dastehen wĂŒrde. Ja, sie wirkt so, einerseits haben wir unsere Tochter frĂŒh verloren und andererseits wollen wir jetzt nciht mehr. Ich hab mich da zwischendrin gefragt, wieso denn nach all der Zeit plötzlich.
3. wenn du auf die Gerichtsverhandlungen und die UnverschĂ€mtheiten zwischendruch eingingest und mit der Geschicvhte der Tochter mischt, gibt es am Schluß ein Aha-Effekt und nicht das GefĂŒhl von, und was kommt jetzt?
4. gibt es einige Stellen, die du getrost streichen könntest, um den Text insgesamt zu verdichten.
5. sind mir noch ein paar Rechtschreibfehler aufgefallen ... hier der wesentlichste ... direkt statt Direkt ... steht direkt am Anfang.
6. Also mir sind am Schluß die TrĂ€nen gekommen, da ist also BerĂŒhrung... Aber wie sterben sie denn nun? Wie???
7. Klar, dass sie ĂŒber ihre Tochter sprechen, aber ich weiß nicht, ob das das haupthema wĂ€re ... zumindest nicht, wenn es um die Geschichte geht. Mach dir klar, was deine eigentlich Geschichte ist. Die Tochter fĂ€llt in die Rubrik Nebenhandlung...
8. Ich war total raus und hab mich gefragt, was du jetzt willst, als die Geschichte mit der Torte kam. Bitte, wo war der Zusammenhang. Am Schluß versteh ich das... aber da sind andere Leser schon weg. Es sind so Schlagblitze aus ihrem Leben, aber das muss vorher klarer werden, denn wir waren die ganze Zeit bei der Tochter und dann bei ihrer PubertĂ€t, dass es dann nicht wieder um die Tochter geht, ist schwer zu verstehen, wenn ich nicht mal vermuten kann, dass sie sich töten wollen...

Sodale... man könnte ihn sicherer differenzierter zerpflĂŒcken, aber ich denke, diesen Text solltest du noch mal krĂ€ftig ĂŒberarbeiten.
Ich finde die Geshcihcte gut und dein Stil ist sehr eingÀngig. Du erzÀhlst sehr sensibel.

Hoffentlich, war ich nicht zu streng...

Herzliche GrĂŒsse
Scarlett
__________________
Kritik? Gern sachlich und konstruktiv, aber bitte mit Sahne!

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flammarion
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KorrekturvorschlÀge:

eine so tolle Geschichte sollte möglichst fehlerfrei daher kommen, deshalb unterbreite ich dir einige KorrekturvorschlÀge:

Duft der Rose
Veröffentlicht von Sumpfkuh am 10. 09. 2006 19:58
“I`m sorry I have to say it, but you look like you`re sad. Your smile is gone, i noticed it bad. The cure is if you let in just a little more love, I promise you this, a little`s enough.” (Angels & Airwaves)



„Was glaubst Du, wie warm es heute ist?“
Marie drehte ihren Kopf langsam nach links und schaute Lukas fragend an, der Direkt (direkt) neben ihr lag.
Lukas schaute weiter in den Himmel, wĂ€hrend er nach kurzem Überlegen antwortete: “Heute Morgen um zehn waren es achtzehn Grad auf unserer Terrasse“.
Neben der VerandatĂŒr hing ein altes, gusseisernes Thermometer. Es hing schon ewig dort, und Marie konnte sich nicht mehr daran erinnern, wer es eigentlich da hingehĂ€ngt hatte, aber es sah hĂŒbsch aus,(kein Komma) auf den weißen Klinkern, die mittlerweile eher grau waren.
„Ein schöner Tag“, sagte Marie und schaute wieder in die Wolken.
„Hmm“, brummte Lukas zustimmend.
„Könnte etwas kĂŒhler sein“, murmelte er, nachdem sie beide schweigend eine Minute in den Himmel gesehen hatten.
„Stimmt“, antwortete Marie, ohne ihn anzusehen, „aber im Schatten geht es eigentlich“.
Es war vier Uhr nachmittags, und die Hitze des Tages hatte ihren Höhepunkt erreicht und zog sich nun langsam zurĂŒck, um der KĂŒhle des Abends zu weichen.
Sie waren noch nicht lange hier, vielleicht eine halbe Stunde.
Auf der Wiese mit den alten, hoch gewachsenen BĂ€umen waren sie schon oft gewesen.
FrĂŒher, als Sophia noch klein war, hatten sie hier oft Picknick gemacht.
Marie hatte dann auf der großen Decke gesessen und zugesehen, wie Lukas mit der Kleinen herumtobte, Ball und Fangen spielte, oder mit ihr KĂ€fer und andere kleine Naturwunder entdeckte. Ab und zu kamen dann ein paar kleine Beinchen hastig angerannt, und kleine BabyhĂ€nde zeigten ihr zitternd vor Aufregung SchĂ€tze, die mehr wert waren als alles Gold dieser Welt. Marie teilte ihre Begeisterung jedes Mal. Nicht, weil sie den alten Stein oder den ekeligen, pelzigen KĂ€fer so entzĂŒckend fand, sondern weil sie diesen gewissen Glanz in den Augen ihres Kindes sah. Wenn sie dann (dieses 3. dann in so kurzer Zeit ist ĂŒberflĂŒssig) in das Gesicht ihrer Tochter schaute, ĂŒberflutete sie eine gigantische Welle von Liebe, die ihr fast den Atem nahm und die TrĂ€nen in die Augen drĂŒckte.
Dann umschlang sie ihr lachendes Kind und ĂŒbersĂ€te sein kleines, erhitztes Knubbelgesicht mit KĂŒssen, bis es (besser Sophia, sonst kreischt das Gesicht) vor Freude kreischte.
„Weißt Du (du) noch, als Sophia ihren ersten Schultag hatte? (kein Leerfeld)“, fragte Marie lĂ€chelnd, wĂ€hrend ihre Augen eine Stelle am Himmel fixierten, an der nichts existierte.
Ohne eine Antwort von Lukas abzuwarten(Komma) sprach sie weiter.
„Sie wollte unbedingt ihren Lieblingspullover anziehen, der dicke mit dem Pony drauf“.
Der Pullover existierte auch heute, vierundvierzig Jahre spĂ€ter(Komma) noch. Es war ein ErinnerungsstĂŒck, das gut gepflegt in Sophias Schrank hing. Mit der Zeit war die weiße Farbe gelblich geworden und das Pony verblasst, obwohl sie ihn in Folie gewickelt hatte, aber ansonsten war er in einem guten Zustand. Manchmal nahm sie ihn heraus und setze (setzte) sich damit auf das kleine Bett, um mit ihren Fingern ĂŒber die struppige Wolle zu streichen.
„Sie hatte einen hochroten Kopf, weil sie so geschwitzt hat, aber sie wollte ihn partout nicht ausziehen“.
Lukas nahm ihre Hand und drĂŒckte sie. Sie blickte ihn nicht an, wusste aber, dass TrĂ€nen ĂŒber sein Gesicht liefen.
Er hatte seine Tochter unendlich geliebt. Sie hatten eine spezielle Vater-Tochter Beziehung gehabt, und als Sophia in die PubertÀt kam, war er der einzige gewesen, der zu ihr Zugang hatte (fand).
Oft hatte Marie verzweifelt in der KĂŒche gestanden und einen Kuchen gebacken, den eigentlich keiner essen wollte(Komma) nachdem Sophia nach einem Streit polternd die Treppe hoch rannte und ihre ZimmertĂŒr krachend ins Schloss fiel.
Lukas ging dann zu ihr, und nach einer halben Stunde kamen beide lachend aus ihrem Zimmer. Manchmal war sie ein wenig neidisch auf diese tiefe Bindung zwischen den beiden, aber meistens spĂŒrte sie nur tiefe Zuneigung ihrem Mann gegenĂŒber, der immer ruhig und gelassen blieb, komme(Komma) was wolle.
Er war Maries Fels in der Brandung, er wusste immer, wann es ihr schlecht ging und fand immer das richtige Mittel, um sie aus ihrer Lethargie zu ziehen, als wĂ€re seine spezielle Lebensaufgabe, seine Familie glĂŒcklich und fröhlich zu machen.(grĂ¶ĂŸeren Absatz)
An einem Tag vor vielen Jahren war er von der Arbeit am Nachmittag nach Hause gekommen und hatte eine Pappschachtel in der Hand gehalten.
Marie hatte einen schlimmen Tag gehabt und so viel geweint, dass ihre Augen fast zugeschwollen waren. Sie hatte lange im Bad gestanden, um es vor ihm zu vertuschen, aber als er mit dieser Schachtel durch die TĂŒr kam, wusste sie, dass er mal wieder intuitiv das Richtige getan hatte.
Als er den Deckel anhob, schlug sie entzĂŒckt die HĂ€nde vor den Mund. Ein Kerl aus Vollmilch grinste ihr frech entgegen, wĂ€hrend er seine Partnerin fest im Arm hielt.
Dieser Herr kam ihr bekannt vor, genau wie der Rest des Kuchens, auf dem das stolze Paar trohnte.
Er hatte ihre Hochzeitstorte nachbacken lassen und das, obwohl an diesem Datum nicht mal ihr Hochzeitstag war.
AußerplanmĂ€ĂŸige Geschenke und Aufmerksamkeiten waren nur eine Art(Komma) ihr zu zeigen, wie sehr er sie liebte.
An diesem Abend aßen sie die komplette Torte mit den Fingern auf ihrem ausgebeulten Cordsofa vor dem Kamin und lauschten dem Knacken der Holzscheite im Feuer.
SpĂ€ter hatten sie Sex gehabt, wild und ungestĂŒm(Komma) wie sie es seit Sophias Tod nicht mehr gehabt hatten (es nach Sophias Tod nicht mehr vorkam). Danach lagen sie sich schwitzend in den Armen und Marie spĂŒrte, wie mit jedem tiefen Atemzug Teile ihres gigantischen Turms aus Schmerz, Leid und innere (innerer) Anspannung von ihr abfielen. Sie fĂŒhlte sich zum ersten Mal wieder lebendig.

„Sie trug ihn sogar noch, als er ihr schon lĂ€ngst zu klein geworden war. Das (Da) hat sie ausgesehen wie ein kleines Frettchen“, sagte Lukas lachend und drĂŒckte dabei ihre Hand noch fester.
„Stimmt“, kicherte Marie, „und dann habe ich ihn eines abends einfach in einen Karton gepackt und behauptet, dass er bei der WĂ€sche abhanden gekommen wĂ€re. Meine GĂŒte, ich glaube(Komma) das hat sie mir nie verziehen“.
„Sie hat Dich (dich) sehr geliebt. Immer.“, sagte Lukas mit ruhiger Stimme.
Marie nickte zustimmend. „Sie hat uns soviel GlĂŒck beschert, unsere Kleine (kleine) Prinzessin. So viele wundervolle Tage, so wunderbare Erinnerungen. Das ist einfach nicht fair. Warum nur unser kleines MĂ€dchen?“ Die Gedanken an die furchtbaren Ereignisse ließen sie abbrechen.
Sie biss die ZĂ€hne so stark zusammen, dass sie Angst hatte, ihre Kieferknochen wĂŒrden brechen, versuchte den Schmerz aus ihrem Bauch nicht herauf schleichen zu lassen. Aber die Erinnerungen fanden ihren Weg wie eine Schlange, die sich langsam kriechend ihrem Opfer nĂ€hert, um es dann völlig zu ĂŒberrumpeln, sodass es kein Entkommen mehr gab.
Diese Nacht vor vielen, vielen Jahren, in der ihr kleines MĂ€dchen nicht mehr nach Hause kam und niemals wiederkommen sollte.
Trotzdem hatte sie jedes Mal den Eindruck, sie wĂ€re gerade erst aus der TĂŒr gegangen, wenn sie nachdenklich auf ihrem Sofa saß und das große Bild von Sophia ĂŒber dem Kamin betrachtete. Sie konnte fast noch ihr Lachen hören, als sie sich an diesem Abend verabschiedet hatte. Ihre blonden Locken wippten auf ihren Schultern, als sie durch den Regen zu ihrem kleinen Wagen lief, den sie ihr zum neunzehnten Geburtstag geschenkt hatten.
„Komm nicht zu spĂ€t“, hatte sie ihr noch hinterher gerufen, „und fahr vorsichtig“, aber das war eigentlich unnötig.
Sophia blieb nie die ganze Nacht weg und war auch ansonsten eine sehr verantwortungsbewusste junge Dame geworden, sie brauchte sich keine Sorgen zu machen.
Trotzdem wĂ€lzte sich Marie meistens stundenlang unruhig in ihrem Bett und fand keinen Schlaf, bis sie endlich den SchlĂŒssel in der HaustĂŒr knacken hörte.
Sie winkte ihrer Mutter noch mal lachend zu, startete das Auto und fuhr aus der Straße und hinaus aus Maries Leben. Ein verblassender Blinker war das Letzte, das sie von ihrer Tochter gesehen hatte.
Als ihre Tochter starb, hatte sie geschlafen. Niemals konnte sie sich das verzeihen. Sie trÀumte friedlich, als ihr kleines MÀdchen um ihr Leben kÀmpfte.
Die erste und einzige Nacht, in der sie ruhig schlief, seit Sophia allein das Haus verließ und auch nachdem sie fĂŒr immer gegangen war.

„Du sollst nicht so denken.“, mahnte Lukas sie. „Es wird nichts an der Tatsache Ă€ndern, dass Sophia tot ist. Und mach Dir nicht wieder SchuldgefĂŒhle. Niemand trĂ€gt Schuld, niemand“. Seine letzten Worte zitterten, und sie wusste, dass er das nur sagte, um sie zu beruhigen.
In Wirklichkeit dachte er genau wie sie, dass es sehr wohl Schuldige gab.
All diese Leute. Alle diese Menschen, die sie an diesem Abend sahen und wegsahen.

„Sie tragen alle Blut an ihren HĂ€nden, das sich niemals abwaschen lassen wird“, sagte sie zornig.
Lukas ließ ihre Hand los und beugte sich ĂŒber sie. Er nahm ihr Gesicht in beide HĂ€nde und schaute ihr tief in die Augen.
„Hör zu(Komma) Marie, niemand trĂ€gt die Schuld an diesem furchtbaren UnglĂŒck. Ich vermisse sie auch, weiß Gott(Komma) sie fehlt mir so sehr“, zitterte er und seine salzigen TrĂ€nen fielen auf ihre Lippen, wĂ€hrend er weitersprach: „In jeder Stunde, jeder Minute wĂŒnsche ich mir, dass sie wieder bei uns wĂ€re. Aber es ist passiert, und wir können die Zeit nicht zurĂŒckdrehen, um sie zu retten, ihr zu sagen(Komma) sie soll zu Hause bleiben. Wir können es einfach nicht. Und quĂ€len wir uns nicht nur selbst, wenn wir darĂŒber nachdenken(Komma) was alles hĂ€tte sein können?
Was bringt Dir der Zorn auf diese Menschen? WĂŒrdest Du Genugtuung empfinden, wenn man sie ausfindig machen könnte? Meinst Du , dass Du Dich dann besser fĂŒhlst? Selbst wenn man ihnen den Kopf abhackt, bringt das unser MĂ€dchen nicht wieder. Du darfst Deinen Hass nicht ĂŒbermĂ€chtig werden lassen, bitte Marie, vor allem nicht jetzt. Schließe Frieden mit diesen Menschen, vergib ihnen fĂŒr Deine Tochter. Denn ich bin mir sicher, sie hat ihnen auch verziehen. Denk an die wundervolle Zeit, die wir mit ihr hatten und sei dankbar dafĂŒr und nicht wĂŒtend ĂŒber das, was Du nicht bekommen kannst. Denk doch mal daran, wie das kleine BĂŒndel in Deinen Armen lag, die blonden Haare noch feucht und es schmatzend an Deiner Brust gesaugt hat. Sie war so friedlich, so vollkommen, so wunderschön“.

Er drĂŒckte ihr einige feuchte KĂŒsse auf ihren Mund und legte sich dann wieder neben sie.
„Du hast ja Recht“, antwortete Marie und nahm wieder seine Hand.
Sie dachte an den Tag, an dem sie ihre Tochter das erste Mal gesehen hatte. Es war eine schwere und sehr schmerzhafte Geburt gewesen, und sie war sehr schwach, als das Baby endlich auf der Welt war.
Aber dann öffnete Sophia ihre Augen, und jegliche Anstrengung fiel von Maries Körper wie ein schweres Tuch.
Sie fĂŒhrten ein unbeschwertes und glĂŒckliches Leben. Sicher gab es mal das ein oder andere Problem, aber sie alle drei waren optimistische Menschen, die ihr Leben genossen und die Gabe hatten, Freude zu empfinden, wenn der Himmel auch noch so grau zu sein schien.
Bis zu diesem Tag im Februar. Marie hatte immer gedacht, sie sei lĂ€ngst erwachsen, aber erst nachdem Sophia einige Tage begraben war, merkte sie, wie völlig hilflos und unbeholfen sie war. Lukas war ihr in dieser Zeit eine große StĂŒtze, doch auch er litt unter dem Verlust so stark, dass er ĂŒber Nacht völlig weiße Haare bekam.
Eines Morgens stand sie vor dem Spiegel und blickte in ihr blasses, gezeichnetes Gesicht.
Ihre Augen lagen tief in den Höhlen und schienen jeglichen Glanz verloren zu haben.
Sie hatte einige Pfund verloren, und ihre Haare wirkten stumpf und strÀhnig.
Als sie sich so betrachtete, musste sich plötzlich lachen. Sie sagte zu ihrem Spiegelbild: „Na, Du dumme Gans, hast wohl gedacht, dass Dein Leben immer so weitergeht. Ein liebevoller Mann, eine wundervolle Tochter, ein Haus, zwei Mal im Jahr Urlaub und gemĂŒtliche Spielabende im Winter vor dem Kamin. Tja, da habe ich wohl eine Neuigkeit fĂŒr Dich , das MĂ€rchen ist aus. Was hast Du geglaubt? Das ganze Leid und der Schmerz da draußen, hungernde Kinder mit Fliegen am Mund, sterbende Soldaten, die um ihr Leben flehen, SĂ€uglinge, die lebend in Papierkörbe geschmissen werden, MĂ€nner(Komma) die ihre Frauen halb tot prĂŒgeln, korrupte Politiker, dachtest Du , das geht Dich nichts an? Hast Du wirklich geglaubt, Dir könnte Derartiges nicht passieren? Nur, weil es im Fernseher und in der Zeitung war, ist es furchtbar, aber weit weg? Nein. Diesmal bist Du Diejenige. Deine Tochter steht nun auf der Titelseite, und das halbe Land heuchelt sein scheiß Mitleid. Aber mach Dir nichts draus, in einigen Wochen ist das vorbei, dann haben sie Dein MĂ€dchen vergessen. Niemand wird mehr ĂŒber sie sprechen, so, als ob sie nie existiert hĂ€tte. Dann kommt wieder jemand anderes an die Reihe.“
Marie schlug wild kichernd auf den Spiegel ein, bis er in viele Scherben zerbrach. Dabei zog sie sich tiefe Schnittwunden an der Hand zu, und sie ließ sich auf den Badezimmerboden sinken, um das Blut zu beobachten, das aus mehreren Wunden quoll. Der Anblick beruhigte sie. Der körperliche Schmerz löste einen Teil der seelischen Qualen.
Als Lukas sie spĂ€ter dort fand, war er furchtbar wĂŒtend geworden, zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie ihn so erlebt. SpĂ€ter war ihr klar geworden, dass er sich lediglich um sie sorgte. Sie machten danach eine gemeinsame Psychotherapie, und auch wenn sie nie gedacht hĂ€tte, dass ihr so was helfen wĂŒrde, fĂŒhlte sie sich besser nach den GesprĂ€chen.
TatsĂ€chlich war ein wunderschönes Bild von Sophia tagelang durch die Presse gegangen. Sie erinnerte sich genau, wo dieses Bild entstanden war. Vor zwei Jahren im Sommerurlaub in Spanien. Sie hatten viele Wanderungen und Fahrten gemacht, und eines Tages bestiegen sie einen Berg, von dessen Spitze die Aussicht so atemberaubend war, dass alle drei minutenlang nicht gesprochen hatten und jeder fĂŒr sich den faszinierenden Blick auf das tosende Meer genoss, das sich an den Klippen brach, nur um einen neuen Anlauf zu nehmen bei dem Versuch, seinen Weg fortzusetzen.
Sie waren dort bis zu Dunkelheit geblieben, und wĂ€hrend die Sonne tief im Meer versank(Komma) war dieses Bild entstanden. GlĂŒcklich strahlte sie in die Kamera, ein MĂ€dchen mit Zukunft.

„Meinst Du , ihr Tod hat irgendetwas verĂ€ndert?“, fragte sie Lukas, der nachdenklich auf einem Grashalm kaute.
„Bestimmt. Ganz sicher sogar. Es hat die Leute wachgerĂŒttelt. Sie haben ĂŒber sich selbst nachgedacht. Auch wenn sie Sophia vielleicht mit der Zeit vergessen haben, werden sie dieses ungute GefĂŒhl haben, wenn sie etwas sehen, das sie nicht sehen wollen.“, antwortete er nach einigen Sekunden.
„Vielleicht. Ich bin so stolz auf unser MĂ€dchen. Sie war ein guter Mensch. Sie hĂ€tte nicht sterben dĂŒrfen, es ist nicht fair“, schluchzte Marie.
„Nein, das ist es nicht“, sagte er und streichelte ihr sanft ĂŒber die vom Alter gezeichnete Wange.

Als die Polizei in dieser Nacht an ihrer TĂŒr klingelte und ihnen die Mitteilung vom Tod ihrer einzigen Tochter brachte, wehten ihr feuchte Schneeflocken ins Gesicht. Der erste Schnee in diesem Jahr, der sich langsam, aber unwiederbringlich auf Gehwege, HĂ€userdĂ€cher, Wiesen und Felder legte. Eine weiße, dicke Schicht, die alles verhĂŒllte und gleichzeitig den Tod ihres Kindes besiegelte, reell (real) machte. Sie war das erste Mal (ĂŒberflĂŒssig) sofort ohnmĂ€chtig zusammen gebrochen und spĂ€ter in ihrem ihr bizarr vorkommenden Wohnzimmer noch einmal, als sie die UmstĂ€nde des Todes von dem mitfĂŒhlenden Polizisten hörte, dem selbst TrĂ€nen in den Augen standen. Lukas hatte ihre Hand gehalten, der Seelsorger hatte ihre Hand gehalten, man hatte sie umarmt, gedrĂŒckt, ihr tröstende Worte gesagt. An nichts von dem konnte sie sich erinnern. Lediglich an den Schnee, der ihr ins Gesicht wehte, als sie der Polizei die TĂŒr öffnete.
Sophia wollte sich in einer Bar mit einigen Freunden treffen. Auf dem Weg dorthin kam ihr Wagen aus ungeklĂ€rten GrĂŒnden von der Straße ab, sie prallte mit der BeifahrertĂŒr gegen einen Baum und wurde anschließend in den Straßengraben geschleudert, wo das Auto auf der Fahrerseite liegen blieb.
Zu dieser Zeit war Sophia wahrscheinlich bewusstlos. Aber sie kam wieder zu sich, konnte sich aber nicht selbst befreien, da sie im Wagen eingeklemmt war. Ihr Bein war gebrochen, und sie hatte eine Platzwunde an der Stirn, ansonsten war sie aber in Ordnung. Keine inneren Verletzungen, stellte man spÀter fest.
Sie befand sich auf einer rege befahrenen Straße, und selbst um diese Uhrzeit fuhren regelmĂ€ĂŸig Wagen an ihr vorbei. Niemand hielt an, keiner rief die Polizei.
Zwar lag ihr Auto im Graben, war aber deutlich zu erkennen, versicherte man ihr.
Sophia versuchte sich selbst zu befreien, ĂŒberall waren Kratzspuren, ihre FingernĂ€gel waren abgebrochen. Wahrscheinlich hatte sie auch sehr lange um Hilfe geschrieen.
Aber sie schaffte es einfach nicht. Der Motor funktionierte nicht mehr, sie konnte kein Licht und keine Heizung einschalten.
Sie hat mindestens drei Stunden noch gelebt, erfuhr ihre Mutter erst viel spÀter. Drei Stunden, in der ihr MÀdchen um Hilfe rief, sich zu befreien versuchte und hilflos mit ansehen musste, wie ein Scheinwerferlicht nach dem anderen in der Dunkelheit verschwand, ohne langsamer zu werden.
Nicht mal ihre Freunde kamen auf den Gedanken, dass ihr etwas passiert sein könnte. Sie dachten, dass sie einfach zu Hause geblieben wÀre. Irgendwann hatte sie sich(Komma) so gut es ihr möglich war(Komma) zusammengerollt, dann ist sie eingeschlafen und nicht mehr erwacht.
Sie war in ihrem GefÀngnis erfroren.
In der heutigen Zeit an einer viel befahrenen Straße nach einem leichten Verkehrsunfall erfroren. Eine Krankenschwester, die zur FrĂŒhschicht unterwegs war, hatte dann letztendlich angehalten und die Feuerwehr gerufen.
Bis diese ankam, war sie durch die Beifahrerseite hineingeklettert und hatte versucht, Sophia zu befreien, aber auch sie schaffte es nicht, und das MĂ€dchen war zu diesem Zeitpunkt schon mehrere Stunden tot.
„Sie hat ausgesehen, als ob sie schlĂ€ft“, hatte die Krankenschwester ihnen spĂ€ter berichtet (berichtete die Krankenschwester spĂ€ter). „Ganz friedlich. Da war keine Spur von Angst oder Hoffnungslosigkeit in ihrem Gesicht“.
„Wahrscheinlich hat sie den Tod irgendwann akzeptiert und mit ihrem Leben in Frieden abgeschlossen“, hatte Lukas einige Jahre spĂ€ter einmal gesagt, als sie mal wieder darĂŒber sprachen.
Ihr MĂ€dchen. So stark war sie gewesen, sogar den Tod noch angstfrei willkommen zu heißen.
Niemand hatte sich gemeldet, der an diesem Abend auf dieser Straße gefahren war. NatĂŒrlich nicht. Aber es gab einen großen Medienrummel und allgemeine Betroffenheit. In einer Sondersendung appellierte sogar GĂŒnther Jauch an die Zivilcourage, und sie bekamen sehr viel Post.
Auf Sophias Beerdigung mussten die TĂŒren der Kapelle geöffnet bleiben, weil so viele Leute gekommen waren, um sie auf ihrem letzten Weg zu begleiten. Viele von ihnen hatte Marie nie zuvor gesehen. Sie fragte sich, wie viele von denen an diesem Abend an ihrer sterbenden Tochter vorbei gefahren waren und aus unerfindlichen GrĂŒnden nicht angehalten hatten.

„Meinst Du , wir werden sie wieder sehen? Unsere Kleine? Und wie wird sie aussehen?“, wandte sich Marie an ihren Mann, der mit seinen Augen einigen Wolken auf ihrem Weg folgte.
„Ich bin mir ganz sicher, dass sie bereits auf uns wartet. Sie wird ein wundervoller Engel sein, so wie sie es immer gewesen ist“, antwortete Lukas und lĂ€chelte in den Himmel.
„Ja, Du hast Recht“, stimmte Marie zu und blickte auch schmunzelnd in das unendliche Blau.
Dieses furchtbare Ereignis hatte sie beide zu ernsteren, nachdenklicheren Menschen werden lassen, die nicht mehr uneingenommen (unvoreingenommen) an die Leichtigkeit des Lebens glaubten.
Sie wurden sehr vorsichtig in ihrem Umgang miteinander, und spĂ€ter fanden sie sogar zu einem zaghaften, fragilen GlĂŒck zurĂŒck. Denn sie hatten einander, und ihre Liebe war nicht zerbrochen, sondern gereift und zu etwas geworden, das nichts und niemand ĂŒberwinden konnte.

Marie drehte ihren Kopf und blickte Lukas an, der trĂ€umend ins Nichts blickte. Liebevoll betrachtete sie ihren Mann, mit dem sie so lange glĂŒcklich gewesen war.
Die getrockneten TrĂ€nen hatten einen salzigen, weißen Film auf seinen Wangen hinterlassen, der Schmerz hatte tiefe Furchen in sein Gesicht gegraben, aber durch das alte Gesicht sah sie immer noch den jungen Mann, in den sie sich einst verliebt hatte.
ZĂ€rtlich strich sie ihm ĂŒber die Wange, und auch er drehte den Kopf, um sie anzusehen.
„Sag mal, hast Du eigentlich die Kaffeemaschine ausgestellt?“, fragte sie ernst.
„Weiß nicht. Ist doch auch egal, oder?“(Komma) antwortete er. Beide blickten sich einige Sekunden lang ernst an und fingen dann prustend an zu lachen.
Ein oder zwei Minuten kicherten sie laut, bis Marie die Bauchmuskeln wehtaten und Lukas zu husten begann.
„Wir haben gekĂ€mpft, oder?“, fragte Marie, nachdem sich beide beruhigt hatten.
„Jawohl, das haben wir, gnĂ€dige Frau“, sagte Lukas schmunzelnd.
„Aber am Ende haben wir doch verloren“, sagte Marie wehmĂŒtig und blickte auf die großen Baufahrzeuge, die hier nĂ€chste Woche mit ihren Arbeiten beginnen wĂŒrden.
Die herrliche Wiese sollte einem VergnĂŒgungspark weichen. Leider stand ihr Haus genau an der Stelle, wo zukĂŒnftig eine neue Autobahnzufahrt entstehen sollte.
Als sie das erste Mal Post von der Stadt bekamen, glaubten sie noch, sie könnten ihr Haus durch eine simple Verweigerung des Vergleichsangebotes, das man ihnen stellte, retten.
Aber man schrieb ihnen wieder, lud sie sogar zum persönlichen GesprÀch ein.
Bei diesem Treffen hatten sie den Herren erklĂ€rt, warum ihnen dieses Haus so am Herzen hing, und dass sie niemals freiwillig ausziehen wĂŒrden.
In diesem Haus war ihr Kind aufgewachsen, in diesem Haus hatten sie Freude und Schmerz gelebt, im Garten gespielt, gegrillt, gemeinsam die WÀnde gestrichen, lachend unter einem kaputten Rohr mit Wasser gespritzt, nachdem die erste Wut verflogen war, Lukas hatte selbst viele VerÀnderungen vorgenommen. Ganz zu schweigen von Sophias Kinderzimmer, das immer noch so eingerichtet war wie an dem Tag, an dem sie gegangen war.
Das Haus war ihnen angewachsen wie unentfernbares Muttermal, es war ein fester Bestandteil ihrer Familie, ein Buch der Erinnerungen.
Man hatte ihnen gesagt, dass sie durchaus VerstĂ€ndnis hĂ€tten fĂŒr ihre persönliche Lage, aber man mĂŒsste doch an das Wohl der Allgemeinheit denken, und der Bau dieser Autobahnzufahrt wĂŒrde so viele Leute in ihre Stadt bringen, und das wĂŒrde Aufschwung bedeuten, was am Ende ja auch wieder ihnen zu Gute kĂ€me, und sie könnten doch in dem neuen Haus etwas neues (Neues) aufbauen.
Nachdem sie beide sich nicht von einer Umsiedlung ĂŒberzeugen lassen konnten, wurde der Mann ausfallend.
„Sie mĂŒssen das doch auch mal realistisch sehen(Komma) Herr und Frau Dermann, Sie sind ja nun auch nicht mehr die jĂŒngsten. Die ganze Stadt kann doch nun nicht RĂŒcksicht nehmen auf ein altes Ehepaar, das sich weigert, aus ihrem uralten Haus auszuziehen und in ein paar Jahren eh
“
Da war Marie ausgeflippt. Sie schrie, dass es eine UnverschĂ€mtheit sei, wie hier mit ihnen umgangen werden wĂŒrde und dass sie sich einen Anwalt nehmen wĂŒrde.
Das hatten sie dann auch getan. Lange hatten sie gekĂ€mpft, nach und nach sahen sie zu, wie eine Familie nach der anderen aus ihren HĂ€usern der Straße auszog, bis sie am Ende alleine zurĂŒckgeblieben waren.
Die Straße wirkte verwaist, und langsam kamen ihnen Zweifel, ob sie diesen ungleichen Kampf gewinnen könnten.
Vor Gericht wurde dann (ĂŒberflĂŒssig) letztendlich gegen sie entschieden. Sie hatten das Haus bis zum Ende des folgenden Monats zu verlassen.
Man bot ihnen eine Dreizimmerwohnung in einem betreuten Wohnheim an. Einem Altersheim. Sie lehnten ab, und man ĂŒberwies ihnen eine nicht unbetrĂ€chtliche Summe, die sie nicht wollten.
Ihr Haus war unbezahlbar. Sie fĂŒhlten sich, als hĂ€tte man ihnen fĂŒr ihr Leben einen Scheck ausgestellt. Lange saßen sie an diesem Abend vor ihrem Kamin und ĂŒberlegten, was sie noch tun konnten. Schweigen hĂŒllte den Raum in ein dunkles Tuch, wobei lediglich das Feuer knackte, zischte und ihre Gesichter in warme Schatten legte.
Irgendwann hatte er sie dann angesehen und gesagtLeerfeld)“ (kein Leerfeld)Ich glaube, ich weiß, was wir tun können. Ja, ich denke, ich habe eine passable Lösung gefunden!“
Sie gaben am nÀchsten Tag die gesamte Summe anonym dem ortsansÀssigen Kinderheim.
Und sie zogen nicht aus. Sie ignorierten den Gerichtsbeschluss bis zuletzt. An dem Tag, nachdem sie das Haus rĂ€umen sollten, saßen sie gemĂŒtlich am FrĂŒhstĂŒckstisch, als das Abrissunternehmen vorfuhr und erstaunt feststelle (feststellte), dass in dem Haus noch Leute lebten.
Als nĂ€chstes kam die Polizei und sie wurden aufgefordert, das Haus innerhalb der nĂ€chsten vierundzwanzig Stunden zu rĂ€umen, und ihnen wurde angedroht, gerichtlich eine EntmĂŒndigung zu beantragen (dass gerichtlich eine EntmĂŒndigung beantregt wird) , falls sie nicht vernĂŒnftig wurden. Dann wĂŒrde man sie doch in ein Altersheim stecken. Aber nicht in eine Dreizimmerwohnung, sondern in ein stĂ€dtisches, wo jeweils zwei bis drei Personen auf einem Zimmer lebten. MĂ€nner und Frauen getrennt.
Das war nun heute Morgen gewesen.

„Nein, das haben wir nicht. Wir haben nicht verloren, Marie. Es gibt etwas, das uns niemand wegnehmen kann. Im Prinzip haben wir eigentlich sogar gewonnen und zwar auf der ganzen Linie“, sagte Lukas, wĂ€hrend er Marie mit einem warmen LĂ€cheln beschenkte.
„Ich verstehe Dich nicht. Selbst unsere WĂŒrde haben sie uns genommen. Ein Altersheim. Unsere Tochter haben sie einfach sterben lassen. Was ist das fĂŒr eine Welt? Sag es mir? Wie kannst Du nur so unverbittert sein? Was haben wir denn noch? Was denn?“, entgegnete Marie mit TrĂ€nen in den Augen.
Lukas beugte sich zu ihr hinĂŒber und kĂŒsste sie auf die Stirn, mit der anderen Hand streichelte er ĂŒber ihr struppiges, graues Haar.
„Dich und mich. Das grĂ¶ĂŸte Geschenk, das ich jemals bekommen habe, war das Leben.
Unsere Liebe, unsere wunderhĂŒbsche Tochter.
Viele Menschen sind kalt, innerlich tot. Aber wir, wir haben uns, verstehst Du ?
SiebenundfĂŒnfzig Jahre voller GlĂŒck und Freude. Ich bin dankbar, sehr sogar, fĂŒr das, was wir erlebt haben. Ich bin dankbar, dass wir unsere Tochter achtzehn Jahre lang bei uns haben durften. Stell Dir nur vor, wir hĂ€tten gar keine Kinder gehabt, wo wĂ€re die WĂ€rme in unserem Haus geblieben? Keine kleinen FĂŒĂŸe, die ĂŒber das Parkett rennen, keine angemalten Tapeten, kein Kindergeburtstag - wĂ€re das nicht furchtbar gewesen? Und sie ist doch niemals gegangen, unser MĂ€dchen. Wenn Du auf den Treppen gehst, oder unter der Dusche stehst, hast Du dann nicht auch das GefĂŒhl, sie könnte jeden Moment hereinkommen? Ich spĂŒre sie, auch jetzt, als wĂ€re sie ganz nah bei uns. Es ist wie der Duft einer Rose. Wenn Du sie einmal gerochen hast, dann schwĂ€ngert ihr Geruch Dein ganzes Bewusstsein, und selbst(Komma) wenn sie schon lĂ€ngst verblĂŒht ist, hast Du das GefĂŒhl, sie immer noch riechen zu können. Du vergisst den Geruch niemals und so ist es auch mit Sophia. Sie ist nie wirklich gegangen. Ich bin sicher, sie wartet auf uns, woanders. Und wenn ich Dich nicht getroffen hĂ€tte, was wĂ€re dann aus mir geworden? Haben wir nicht ein wundervolles Leben gefĂŒhrt? Denk nur an unsere schönen Tage am Meer, hier auf der Wiese, oder die Abende, an denen wir uns schlapp gelacht haben ĂŒber völlig banale Dinge wie eine eingelaufene Unterhose.
Sieh Dich um. Ist es nicht wunderschön auf der Welt? Schau Dir die hohen BĂ€ume an, das grĂŒne Gras! Ja, morgen ist es nicht mehr da, aber wir durften damit leben. Es hat doch keinen Sinn, darĂŒber nachzudenken, was alles sein könnte, denn es wird nicht sein. Besser ist es, dankbar und glĂŒcklich darĂŒber zu sein, was man hatte.
Wie heißt es so schön? Die Erinnerung ist ein Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können. Und die Sache mit dem Haus und dem Altersheim - ich denke, das ist einfach ein Zeichen, jetzt nach Hause zu gehen. GlĂŒcklich und dankbar. Meinst Du nicht auch?“
(kein Absatz)
„Ja, die Erinnerung. Aber sie ist nicht nur ein Paradies, sie ist auch eine Hölle(Komma) aus der wir nicht entkommen können. Es tut so weh, an die schöne Zeit zu denken und zu wissen, dass man nicht das Geringste tun kann, um sie zurĂŒckzuholen. Ich fĂŒhle mich so hilflos.
Ich bin dankbar, ja das bin ich. Aber ich bin auch zornig und wĂŒtend. Warum musste unser MĂ€dchen so frĂŒh gehen, warum nimmt man uns unser Haus und unser Leben? Warum?“, stöhnte Marie, wĂ€hrend ihr die TrĂ€nen ĂŒber das Gesicht liefen.
„Weil es passiert. Einfach, weil die Welt sich dreht und es immer weiter geht. Sie wird sich auch noch drehen, wenn wir nicht mehr hier sind. Und viele Menschen werden leiden, jeden Tag. Und wahrscheinlich, ohne dass es jemand Fremden interessiert. Wenn Du jemanden weinen siehst, gehst Du dann hin und fragst, was er hat? Solange das „wie geht es Dir “ eine Floskel ist und das einzelne Schicksal höchstens fĂŒr eine Woche betroffen macht, so lang (lange) wird die Welt sich einfach weiter drehen wie bisher und einzelne Schicksale sich einfach erfĂŒllen. So ist eben.
Unsere Tochter hat mit ihrem Tod ein Zeichen gesetzt. Sie hat Menschen zum Nachdenken gebracht, vielleicht nicht lange, aber sie haben in sich geschaut und deshalb bin ich verdammt stolz auf sie. Was sie uns nicht nehmen können, das ist unser freier Wille. Wir entscheiden, was wir tun und wie wir miteinander umgehen.
Wir können das alles da draußen nicht Ă€ndern, aber wir können ein Zeichen setzten, Marie!“, sprach Lukas und wirkte dabei beinahe euphorisch.
„Ja, Du hast wohl Recht. Ich liebe Dich, Du elender Optimist“, antwortete Marie und drĂŒckte Lukas einen festen Kuss auf die Lippen.
„Sieh nur, die Sonne geht unter“, sagte sie und schaute auf den orangenen Ball am Himmel, der sich langsam zwischen den BĂ€umen senkte.
„Ist es nicht wunderschön?“, fragte sie.
„Das ist es, genauso schön wie Du bist“, lĂ€chelte Lukas und sah sie an. Seine Augen glĂ€nzten voller Liebe.
„Hör doch auf, ich bin eine alte, runzlige Frau.(kein Punkt)“, antwortete Marie und knuffte ihm in die Seite.
„Aber eine wunderschöne alte, runzelige Frau“, gab Lukas zurĂŒck.
„Und wenn Du lachst, dann sehen Deine FĂ€ltchen aus wie ein kleines Sonnensystem, bei dem ich jeden einzelnen Stern kĂŒssen möchte“, sagte er und lehnte sich zu ihr hinĂŒber, um ihr Gesicht mit kleinen KĂŒssen zu bedecken, genauso(Komma) wie sie es damals mit Sophia gemacht hatte.
„Also junger Mann, ich muss doch schon sehr bitten, wie kommen Sie dazu, mich hier in der Öffentlichkeit so frivol zu kĂŒssen?“(Komma) scherzte Marie und drĂŒckte Lukas an sich.
Dann schauten sie gemeinsam dem Sonnenuntergang zu, der die gesamte Wiese in ein warmes Licht tauchte. Irgendwo in der NĂ€he zirpten ein paar Grillen.
Marie packte die Thermoskanne aus und beide tranken einen Becher des wohlig-warmen GebrÀus.
Danach legten sie sich wieder nebeneinander auf das Gras und deckten sich mit einer Wolldecke zu.
„Habe ich Dir eigentlich schon mal gesagt, dass ich Dich liebe?“, fragte Lukas.
„Ja, dann und wann hast Du es mal erwĂ€hnt. Ich liebe Dich auch
und ich wollte mich noch bei Dir bedanken. DafĂŒr, dass Du immer da warst und es immer mit mir alter Furie ausgehalten hast. Und dass Du fĂŒr mich mein Leben schön gemacht hast“, flĂŒsterte Marie und kuschelte sich an ihn.
„Das habe ich nicht gemacht und das war auch gar nicht nötig, denn das Leben ist einfach von Natur aus schön, Schatz. Na gut, mit Dir ist es wahrscheinlich noch wesentlich schöner. Sonst wĂ€re ich als alter Junggeselle geendet, der regelmĂ€ĂŸig mit nur einem Socken herumgelaufen wĂ€re, weil der andere spurlos verschwunden ist“.
Beide lachten und drĂŒckten sich noch nĂ€her aneinander.
Ein Vogel flog ĂŒber ihnen in das Abendlicht. Irgendwo schrie ein Reiher. Weit entfernt hörten sie das Brummen der Autos auf der Schnellstraße.
Lange Zeit lauschten sie einfach den GerÀuschen und genossen die letzten Lichtstrahlen.
„Irgendwie bin ich jetzt doch ziemlich glĂŒcklich, hier mit Dir “, flĂŒsterte Marie.
Lukas antwortete nicht.
Sie drehte ihren Kopf zu ihm und sah ihn liebevoll an. Eine TrĂ€ne löste sich aus ihren Augenwinkeln. ZĂ€rtlich strich sie ihm ĂŒber die Wange und kĂŒsste ihn ein letztes Mal auf den Mund. Dann legte sie den Arm um ihn, um sich an ihn zu kuscheln. Marie dachte an ihr MĂ€dchen, das hoch oben auf dem Berg steht und dem Meer und der Sonne fröhlich entgegen lacht. Ihr Haar weht im warmen Sommerwind und sie hebt eine Hand zum Winken.
Marie war mĂŒde, furchtbar mĂŒde.

einfach zum Heulen schön!
lg

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Old Icke

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Somo
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Ă€hm, ich nehm jetz einfach ma vorweg sons vergess ichs:
flammarion, "du" "dich" usw muss nicht mehr groß geschrieben werden, weder in briefen noch anreden noch sonst wo.
von daher ist die korrektur in diese richtung..nicht so sehr von nöten.

so jetzt zum eigentlichen.
ich gebe offen zu, ab einem gewissen zeitpunkt habe ich einige passagen ĂŒbersprungen.
es war einfach irgendwie..zu langatmig teilweise. woran ich mich aber vor allem gestoßen habe, war die ĂŒbermĂ€ĂŸig schmalzige ausdrucksweise der beiden hauptfiguren. selbst in trauer und schmerz, es fĂ€llt mir schwer es mir realistisch im kopf vorzustellen, dass die zwei da liegen und heulen und kichern und solche sachen sagen.
ein beispiel fĂŒr eine mir persönlich sehr nah am kotzfaktor befindliche aussage (die jetzt zufĂ€lligerweise auch mit dem titel zu tun hat):
"Es ist wie der Duft einer Rose. Wenn Du sie einmal gerochen hast, dann schwĂ€ngert ihr Geruch Dein ganzes Bewusstsein, und selbst wenn sie schon lĂ€ngst verblĂŒht ist, hast Du das GefĂŒhl, sie immer noch riechen zu können."

danach war fĂŒr mich entgĂŒltig schluss.
also es mag ja eine schöne traurige geschichte sein. aber der stil in der wörtlichen rede ist mir zu schmalzig, wenn nicht unrealistisch.
__________________
She trusts him well, but not completely

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flammarion
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ja,

somo, deshalb hab ich Du, Dich, Dein auch rot angemerkt. und auch, weil es schon vorher nur in briefen groß geschrieben wurde, aber nicht in einer geschichte.
keiner zwingt dich, eine dir schmalzig erscheinende geschichte zu ende zu lesen und du hast auch ein recht auf eine eigene meinug - damit muss der autor dann eben klar kommen . . .
lg
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Old Icke

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Sumpfkuh
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Hallo!

Vielen dank fĂŒr eure Kommentare. Wundert mich ja schon fast, dass ĂŒberhaupt jemand so einen langen Text liest ;-). Vielen Dank auch fĂŒr die KOrrektur, ich werde mich umgehend damit befassen. Danke fĂŒr die MĂŒhe.
Also ich muß sagen, dass sie mir persönlich im Nachhiniein auch etwas zu lang erscheint, aber ich weiß einfach nicht wo ich sie kĂŒrzen könnte, weil ich immer das GefĂŒhl habe, dass dann wichtige Informationen verloren gehen oder die Geschichte nicht mehr rund ist. Der Tochter Teil nimmt zu viel ein, am Ende dachte ich, ich mĂŒsste mal langsam zum Schluss kommen, deswegen sticht dieser Teil so herraus.
Trotzdem finde ich die Geschichte immer noch gut (und das habe ich eher selten nach einer Woche) und möchte sie nicht großartig umstellen. Aber kĂŒrzen wĂ€re schon gut. Vielleicht hat jemand VorschlĂ€ge, was mang etrost weglassen könnte?
Vielen Dank,
die Sumpfkuh

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