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Leselupe.de > Anonymus
Dunkelheit
Eingestellt am 18. 01. 2011 18:41


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Anonymous
Unbekannter Verfasser
Registriert: irgendwann

An die Stunden vor meinem entg√ľltigen Erwachen erinnere ich mich nur schemenhaft. Ich √∂ffnete die Augen, doch sah ich nichts au√üer verschwommenen Konturen, wagen Umrissen und undeutlichen Schatten. Bevor ich mir meiner bewusst werden konnte, war ich bereits wieder in einen traumlosen Schlaf gefallen. Ich kam erneut zu mir, doch glich mein Zustand eher einem Delirium als einem wachen Moment. Ich erinnere mich nur bruchst√ľckhaft an diesen Fieberwahn.
Ich lag b√§uchlings und sp√ľrte den harten, kalten Stein auf meiner Haut. Mein Haar war str√§hnig und feucht und klebte in meiner Stirn und in meinem Nacken.
So sehr ich es auch versuchte, ich konnte mich nicht bewegen. Mein K√∂rper schien wie mit Blei √ľbergossen. Nicht einmal meinen Kopf war ich imstande zu heben.
Irgendwo, nicht allzu weit entfernt von mir, gab es eine Lichtquelle, die flackernde Schatten gegen die felsigen Wände warf.
Und ich h√∂rte Menschen. Es m√ľssen Mehrere gewesen sein, denn w√§hrend der kurzen Gelegenheiten, die mir blieben, um etwas √ľber meine Umgebung herauszufinden, h√∂rte ich verschiedene Stimmen in einer Sprache sprechen, die ich nicht verstand.
An diese Dinge erinnere ich mich. Zu meinem Bedauern sind dies allerdings auch die einzigen Dinge, an die ich mich √ľberhaupt erinnern kann. Der Rest meines Ged√§chtnisses muss auf dem Weg zu dieser Zelle verloren gegangen sein.
Denn genau das war es. Eine Zelle.
Ich muss wohl bereits mehrere Tage dort gelegen haben, denn als ich erwachte, und diesmal wach blieb, bemerkte ich h√∂llische Gliederschmerzen. Ich kam langsam zu mir, richtete mich auf und sah mich um. Nicht, dass es in dem kleinen, kargen Raum etwas zu sehen gegeben h√§tte, ich suchte einfach nach etwas Vertrautem, etwas, das mir ein Gef√ľhl der Sicherheit gab. Doch ich fand nichts dergleichen. Und ich stellte entsetzt fest, dass ich nicht nur nicht wusste, wo ich war, sondern auch, wer ich war. Ich wurde hektisch und panisch und rief nach jemandem, doch ich bekam nur fremdl√§ndische Worte zugerufen, die mir bedeuteten, Ruhe zu geben. Also sa√ü ich da, halb nackt, verwahrlost, verzweifelt, in diesem kleinen Raum aus kaltem, feuchtem Stein, mit den rissigen W√§nden und den Gitterst√§ben und versuchte, mich an irgendetwas zu erinnern, doch meine Gedanken waren wirr. Da ich noch immer an einer Art Fieber zu leiden schien, legte ich mich die meiste Zeit hin, damit der kalte Steinboden meinen K√∂rper k√ľhlen konnte.
Niemand schenkte mir besondere Aufmerksamkeit oder sprach gar mit mir, auch in meinen Gedanken fand ich keine Erkl√§rung f√ľr die Lage, in der ich mich befand. Mir blieb also nichts weiter √ľbrig, als die langen Tage und N√§chte schlafend oder wartend zu verbringen. Morgens und Abends kam ein dunkelh√§utiger Mann mittleren Alters und brachte mir zu Essen und zu Trinken. Ich fragte mich ernsthaft, welches Verbrechen ich begangen haben musste, um in diesem H√∂llenloch zu landen, doch die Antworten blieben aus.
Nach ein paar Tagen hatte ich jegliches Zeitgef√ľhl verloren. Wie lange war ich schon hier gefangen? Tage? Wochen? Monate gar? Mein Haar reichte mir mittlerweile bis zu den Schultern und ich hatte keine M√∂glichkeit, meinen immer dichter werdenden Bart zu stutzen. Waschen konnte ich mich ebenfalls nicht, und meine Haut war schmutzig und klebrig vom Schwei√ü der schw√ľlen N√§chte.
Manchmal h√∂rte ich gesch√§ftiges Treiben nicht allzu weit entfernt, manchmal kam es vor, dass das einzige Ger√§usch, das die Stille um mich herum zerschnitt, das monotone tropfen des Wassers aus einer undichten Stelle der felsigen Decke war. Einmal kroch ich auf eine Pf√ľtze zu, die sich auf dem unebenen Boden gebildet hatte, und versuchte, mein Spiegelbild darin zu erkennen. Ich dachte, der Anblick meines Gesichts k√∂nne mir vielleicht dabei helfen, mich an etwas zu erinnern, denn auch nach der schier endlosen Zeit in dieser Gefangenschaft blieb meine Vergangenheit, mein Ursprung, im Unklaren. Doch als ich mein Antlitz im Wasser betrachtete, kam keine pl√∂tzliche Erkenntnis, kein Blitz der Erinnerung. Ich sah nur in das traurige, verwahrloste Gesicht eines jungen Mannes, dessen braunes, zotteliges Haar ihm in die Stirn hing. Und obwohl der Gro√üteil seiner Z√ľge von einem dichten, ungepflegten Bart verborgen blieben, erkannte man doch die zarte Struktur seines Gesichts und die gro√üen, wachen Augen, die in einem lebhaften braun funkelten. Gestutzt und gewaschen w√§re dies ein durchaus ansprechendes Gesicht, doch es war das Gesicht eines Fremden. Keine Erkenntnis. Keine Erinnerung. Nur Entt√§uschung und wachsendes Elend waren es, die mir dieser Anblick mitteilte.
Als ich die Hoffnung schon fast aufgegeben hatte, und meine Verzweiflung einem wachsendem Irrsinn glich, öffnete sich endlich meine Zelle.
Mein schwacher, abgemagerter K√∂rper wurde von zwei breitschultrigen, dunklen H√ľnen festgehalten, die mich durch einen schmalen Gang brachten, sandsteinfarbene Felsstufen hinauf, in einen Raum, √§hnlich meines vorigen Quartiers. Die steinernen W√§nde waren derart uneben, dass es eher einer Mine als einem Geb√§ude zu gleichen schien. Doch ich hatte noch immer keine klare Vorstellung davon, wo ich war, noch, wie ich hier herkommen bin. Im Gegensatz zu meiner blassen Haut besa√ü der Teint meiner Peiniger eine bronzene F√§rbung, und ihre Sprache war mir fremd. Was immer auch passiert war, ich geh√∂rte hier nicht her, doch diese M√§nner machten keine Anstalten, mich aus den Augen zu lassen, als sei ich ein Verbrecher. Mit einem groben Ruck wurde ich meiner zerrissenen Lumpen beraubt und ich schrak auf, als mich einer der M√§nner mit einem kalten Strahl Wasser abspritzte, bis ich zitternd und bebend die Arme um meinen K√∂rper schlang. Meine Glieder wurden unsanft gewaschen und anschlie√üend setzte man mich, nackt wie ich war, auf einen kleinen, h√∂lzernen Stuhl. Trotz des stickigen, schw√ľlen Klimas bebte ich vor K√§lte, als ein weiterer Mann an mich herantrat und mein Haar, das w√§hrend meiner Gefangenschaft eine stattliche L√§nge erreicht hatte, abschnitt. Mit einer scharfen Klinge wurde mir auch der Bart abrasiert. Ich war wie gel√§hmt und konnte keinen ruhigen Gedanken fassen, ich lies die Prozedur einfach √ľber mich ergehen. Und auch wenn man mich grob anfasste, mich stie√ü und nach mir griff, war ich froh, seit langem wieder sauber zu sein und ann√§hernd zivilisiert auszusehen. Mit dem verfilzten Haar und dem krausen Bart glich ich eher einem Eremit als einem... doch ich konnte den Gedanken nicht zu Ende f√ľhren. Wieder wurde ich unsanft gepackt, und unter fremdl√§ndischen Anweisungen aus dem Raum gebracht. Man steckte mich in Hemd und Hosen, die mir viel zu gro√ü waren, aber im Gegensatz zu meiner vorigen Bekleidung nicht dreckigen, zerfledderten Lumpen glichen. Wieder ging es Treppenstufen hinauf. Meine nackten F√ľ√üe sch√ľrften √ľber den rauen Steinboden, als wir immer weiter hinaufstiegen. Es wurde heller, und ich vernahm Ger√§usche, die von au√üerhalb kommen mussten. Der Klang des Windes, der an Mauern vorbeipfiff, das Rauschen des Meeres, und Vogelgeschrei. Ein Wall von Hoffnung keimte in mir auf, denn ich glaubte, man w√ľrde mich feilassen. Ich w√ľrde hier herauskommen! Nach - wie lange? Wochen, Monaten der Einkerkerung endlich die Freiheit! Wir gingen weiter hinauf, das Sonnenlicht war nun unverkennbar und warf scharfe Schatten gegen die W√§nde. Mein Herz schlug schneller, mein Atem beschleunigte sich und mein ausgemergelter K√∂rper wartete mit ungeahnten Kr√§ften auf, als wir uns immer schneller dem Ausgang n√§herten. Ich w√ľrde nach Hause kommen, ich w√ľrde meine Familie und meine Freunde wiedersehen, und ich w√ľrde mich wieder erinnern! Wir traten hinaus, und die frische Meeresluft warf mich fast um. Was f√ľr ein Unterschied zur stickigen Zelle! Das Sonnenlicht blendete meine Augen, und ich kniff sie schmerzerf√ľllt zusammen. Mit geschlossenen Augen wurde ich weitergef√ľhrt, und meine F√ľ√üe sp√ľrten warmen, k√∂rnigen Sand. Ich √∂ffnete meine schmerzenden Augen und blickte mich hektisch und euphorisch um. Ich sah das Meer, weit und blau und rege, und den Strand davor. Ein riesiges Flaggschiff hatte angelegt. Ich warf einen Blick zur√ľck. Erst jetzt wurde mir klar, wo ich gewesen war. Ich sah auf eine riesige Felswand, uneben und sandsteinfarben, genau wie das Innere meines Gef√§ngnisses. Man hatte es in eine massive Felswand hineingebaut. W√ľrden au√üer mir und meinen grobschl√§chtigen Begleitern nicht weitere Menschen aus den h√∂hlen√§hnlichen Eing√§ngen herauslaufen, w√ľsste man gar nicht, was sich im Inneren verbarg. Doch ich dachte nicht weiter dar√ľber nach, es ging alles zu schnell. Ich blickte auf das Schiff, das, je n√§her wir kamen, immer gigantischer zu werden schien. Es war tats√§chlich ein massiver Bau, und die Ausma√üe sch√ľchterten mich ein. Ich sah auf die anderen Menschen, ebenfalls M√§nner, die ebenfalls in Richtung des Schiffs gebracht wurden. Einige wurden mehr getragen, als dass sie selbst einen Fu√ü vor den anderen gesetzt h√§tten, und mir wurde klar, dass es anderen in der Gefangenschaft noch schlechter ergangen war als mir. Was mich verwirrte und zutiefst beunruhigte, war das Verhalten der vergleichbar kr√§ftig geblieben M√§nner. Sie strampelten und wehrten sich, erfolglos, und schrien und protestierten in der mir fremden Sprache. Pl√∂tzlich verstand ich. Ich w√ľrde nicht nach Hause kommen. Angst bem√§chtigte sich meiner, und mit der letzten Kraft, die in meinem K√∂rper noch vorhanden war, schrie ich gegen die tauben K√∂pfe meiner Peiniger.
"Wo bringt ihr mich hin?! Bitte... bitte! Lasst mich! Ich habe nichts getan!", schrie ich panisch, doch ohne Erfolg. Ich zerrte an meinen Armen, wollte mich losrei√üen, strampelte verzweifelt. In einem letzten Aufb√§umen stie√ü ich meinen Ellbogen in die Rippen eines der W√§rter. Der Getroffene gab dem Anderen ein Zeichen, und ich sp√ľrte einen dumpfen Schlag am Hinterkopf. Und wieder versank ich in der Dunkelheit.





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