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Leselupe.de > Kurzprosa
Eckermanns Vögel
Eingestellt am 01. 11. 2001 20:41


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Uwe Ruprecht
Hobbydichter
Registriert: Sep 2000

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Uwe Ruprecht
Eckermanns Vögel

Weimar im März 1825
Die letzten Worte des Geheimen Rats schienen noch im Raum zu stehen, als der Schreiber mit dem Aufräumen begann. Gut war es gegangen, fast drei Stunden hatte der Rat diktiert, die Sätze waren aus seinem Mund geflossen, als lese er aus einem imaginären Buch; dem Schreiber schmerzte die Hand.
  Gleichwohl würde er es nicht vollenden können, wusste der Rat, nicht zeitig genug jedenfalls für die Ausgabe letzter Hand, die schon in Vorbereitung war. Aber einige abgeschlossene Szenen würde er vorweisen können und sie der Gesamtausgabe beigeben mit dem Zusatz „Ist fortzusetzen“. Ein Kniff: Indem er der Öffentlichkeit das Werk vorstellte, legte er sich fest, und es musste fertig werden, um sein Gesicht zu wahren.
  Das letzte Blatt des Diktats hielt er noch in der Hand. Er wedelte damit in der aus dem Ofen aufsteigenden Hitze. Die Schreiber hatten strikte Anweisung, zum Trocknen der Tinte nicht die Streusandbüchse zu verwenden. Wenn wie heute das Diktat gut voranging, der Schreiber in raschem Lauf Seite um Seite füllte, ließ der Geheime Rat sich das beschriebene Papier reichen, schwenkte und trocknete es am Ofen während des Redens.
  Der Schreiber hatte seine Gerätschaften vom Tisch geräumt und machte sich daran, die Bücher, die der Rat während des Diktats benutzt und dann auf den Schreibtisch hatte fallenlassen, zurückzustellen ins Regal. „Lass Er nur“, sagte Goethe, „Eckermann wirds richten.“
  Eckermann, die Ameise, die jedes hingeworfene Gedicht aus dem hintersten Winkel herbeischleppt und einordnet. Eckermann, das dürre schwarze Huhn, der wie ein Geier auf alles Geschriebene seines Meisters lauert, und seis nur ein Merkzettel mit einem zusammenhanglosen Stichwort.
  Aber er hatte sich diesen Mann ja ausgesucht. Johann Peter Eckermann aus Winsen in der Heide. Der Sohn eines Hausierers, der über wenig solide Bildung verfügte, aber um so mehr Hingabe zeigte. Wie alt war er jetzt? Zweiunddreißig? Er wirkte wie fünfzig. Aber sein Eifer war ungebrochen. Eckermann, der aufspürte, was den Rat selbst schon nicht mehr interessierte.
  Eckermann, der als Knabe dem Oberamtmann durch sein zeichnerisches Talent aufgefallen war. Der Schreiber der Steuerbehörde in Lüneburg war und Marinesekreträr in Bevensen. Der am Freiheitskampf gegen Napoleon teilnahm und darüber erfolgreiche Gedichte schrieb. Der in Hannover Kunst und in Göttingen Jura studiert hatte - bis er 1823 nach Weimar kam und in den Dienst des Dichterfürsten trat.
  Eckermann, der von seinem Hannchen, seiner Verlobten Johanne Bertram, bedrängt wurde, sich von Goethe ein sicheres Amt verschaffen zu lassen, damit sie endlich heiraten könnten.
  Der Schreiber stand eine Weile wartend am Schreibtisch, ehe sein Herr ihn bemerkte und mit einem Wink entließ.
  Goethe überflog die Zeilen auf dem Blatt in seiner Hand. Das solltest du nicht tun, schalt er sich, denn sofort überkam ihn der Impuls, eine Zeile zu korrigieren, eine zu streichen. Er schwenkte das Blatt unwillig, als versuche er vergeblich, es abzuschütteln, als klebe es zwischen den Fingerspitzen. Wozu es überhaupt aufbewahren? Fort, in den Ofen! Was aber, wenn Eckermann es bemerkt? Wenn er feststellt, dass das Diktat mitten im Satz abbricht und der Schreiber ihm berichtet, dass es noch eine Seite gab, mit der der Herr am Ofen stand.
  Was sage ich Eckermann, fragte sich Goethe. Soweit also ist es gekommen, dass ich mich vor meinem Bedienten meine rechtfertigen zu müssen. Obzwar Eckermann nicht eigentlich ein Bedienter ist. Das Taschengeld, das du ihm zahlst, hält ihn nicht bei dir. Er tut seine Karrenarbeit ausschließlich aus Bewunderung. Und nicht vor ihm musst du dich erklären, sondern vor der Nachwelt, die er verkörpert. Weil er wie kein anderer in dir den Olympier sieht, hast du ihn dir ausgesucht.
  Während er am Ofen verweilte und das letzte Blatt in der Hand wie eine offene Frage hielt, schauderte es Goethe vor seiner Verwandlung vom Menschen in ein Denkmal. Längst schon hatte er nicht mehr in der Hand, als wer er wahrgenommen werde. Er sehnte sich nach der Unbefangenheit der Jugend, als er selbst schrieb und bestimmte, was überdauern sollte.
  Früher hatte er oft Scheiterhaufen aus seinen Werken errichtet. Früher waren seine Pubertätskrisen, seine Häutungen begleitet und besiegelt von Autodafés. Vernichtet hatte er auch Fortsetzungen des Urfaust, dessen Motive ihn aber nicht losließen, bis er Faust I veröffentlichte, und nun, ein Vierteljahrhundert später, als Greis, mit dem Diktat von Faust II so gute Fortschritte machte wie heute.
  Es klopfte, und katzbuckelnd trat Eckermann ein. Der Rat musterte den getreuen Verwalter seines poetischen Erbes mit neuem Blick. Stadelmann, sein Leibdiener, hatte ihm hinterbracht, wie weit es der verhärmte Hannoveraner mit seinem Steckenpferd trieb, der Ornithologie: In seiner Kammer in der Brauhausgasse sammelte er Raubvögel. Wenn Stadelmann nicht log, befanden sich dort drei Dutzend Käfige mit Habichten, Falken und Sperbern. Wie in einer Menagerie roch es in dem Zimmer, behauptete Stadelmann.
  Konnte man es glauben! Da hatte er tagein tagaus mit diesem Burschen zu tun und ahnte nicht, welche Abgründe er in sich trug. Immerhin war also nicht nur Sklavengeist für seinen Herrn in ihm. Im Stillen hegte er wahrhaftig wilde Tiere.
  Eckermann stellte die Bücher an ihre Plätze im Regal. Dann schob er den Stapel mit den beschriebenen Blättern zusammen und wollte ihn in das entsprechende Fach legen. Sein Blick fiel auf das Papier, das der Rat in der Hand hielt, aber er sagte nichts, der abwesende Ausdruck in Goethes Gesicht gebot ihm Schweigen. Den Meister beim Nachdenken zu stören wäre ein Sakrileg.
  Der Rat registrierte wohl Eckermanns Aktivitäten. Ein Übermut kam ihn an, die Seite zu verbrennen. Die Ofenklappe auf, hinein ins Feuer, und sich am entsetzten Blick des getreuen Eckart weiden. Ein Lächeln huschte über die Lippen des Greises.
  Er warf noch einen Blick auf die letzten Zeilen des Diktats - nein, sie waren nicht schlecht geraten. Überhaupt war es zu spät. Um noch irgend etwas zu ändern, müsstest du den Kasten dort vernichten, in dem Eckermann deine Worte sortiert und verwahrt. Mehr noch, du müsstest das Gedächtnis des Mannes löschen, all die Antworten, die du ihm auf seine Fragen gegeben hast.
  Mit ein paar Handgriffen hatte Goethe das Papier gefaltet und warf es in den Raum. Die Papierschwalbe segelte in Richtung Schreibtisch. Einen Moment lang schwebte sie frei. Ehe sie aufsetzte, griff Eckermann zu, fing sie und sperrte sie ungesäumt in den Kasten.
  Eckermann wurde von Goethe zum Nachlassverwalter bestellt. Sein Hannchen heiratete er 1831 nach zwölfjähriger Verlobungszeit; sie starb drei Jahre später nach der Geburt eines Sohnes. Eckermanns Hauptwerk als Schriftsteller waren die Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens, die 1836, vier Jahre nach dem Ableben des Meisters, erschienen; Nietzsche erklärte sie zum „besten deutschen Buche, das es gibt“. Eckermann starb am 3. Dezember 1854 in Weimar.

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