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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Edelgard
Eingestellt am 27. 09. 2007 21:25


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nofrank
???
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Edelgard


Edelgard. Was fĂŒr ein Scheißname. Sie hatte ihren Namen nie sonderlich gemocht, sich aber in ihren 46 Lebensjahren mit ihm arrangiert. Sie fĂŒhlte sich einfach nicht so. Nichts in ihrem Leben hatte sich jemals nach Edelgard angefĂŒhlt. Manchmal da war sie wie Petra, felsenhaft, umtost von der wĂŒtenden Wucht der Brandung, manchmal wie Ivette, so französisch, so reizvoll, zart, umschmeichelt. Dann wieder mutete sie an wie Gabi; Notlösung einfallsloser Namensgeber, seit der Maueröffnung vor einigen Jahren irgendwie mit plumper Einfachheit behaftet, der Geruch von Bananen liegt in der Luft, und selten, ganz selten wuchs Hilde aus ihr hinaus, die kraftvolle, robuste, kĂ€mpferische, die Suffragette. Edelgard, momentan in einer Ritasituation, lenkte den Audi souverĂ€n und sportlich an einer MĂŒlldeponie vorbei.

Beim Anblick der kreisenden Möwen fragte sie sich, wer wohl auf den Einfall gekommen war, dass Möwen Emma hießen. Ihre Gedanken blieben bei den Vögeln, tanzten mit ihnen in der Luft, hackten mit ihnen auf verwesendes Aas ein, wĂŒhlten mit ihnen in brachliegenden MĂŒllbergen, bis sie wieder hinter dem Lenkrad landeten. Edelgard war wieder einmal bei Ansgar, ihrem Ex, gelandet. Der hatte es doch tat-sĂ€chlich geschafft, sie nach neunzehn Jahren sitzen zu lassen, allein mit dem zu teuren, noch nicht abbezahlten Haus im Taunus, und sich nach Hongkong versetzen zu lassen, dauerhaft. Die hilflose Ingrid aus dieser Zeit schiefte verheult. Er hatte wiederholt beteuert, es lĂ€ge nicht an ihr. Eigentlich konnte er, wenn er es recht bedachte, auch nichts dafĂŒr. Es hĂ€tte sich einfach so entwickelt. Auseinandergelebt. So was passiert. GroßzĂŒgig hatte er ihr das Haus und den Besitz gelassen. In Hongkong wĂŒrde er all das Zeug nicht brauchen, nur seine Jazzsammlung und den Plattenspieler hĂ€tte er gerne, dafĂŒr hĂ€tte sie ja doch keine Verwendung. Die Scheidung war schnell und unkompliziert vonstatten gegangen. Sie hatte wiederholt versucht mit ihm zu reden, noch einen Versuch zusammen zu wagen, schließlich implodierte ihre funktionierende Welt gerade ansatzlos, aber Ansgar hatte sich benommen wie lebender Kaugummi, zĂ€h, geschmacklos, gleichgĂŒltig schmatzend, ohne jede Wirkung auf die Nerven.

Kein Ersatz fĂŒr die sinnlich körperliche Auseinandersetzung mit glimmendem Tabak. Sie hatte wieder angefangen zu rauchen, drehte ihre Zigaretten sogar selbst, was ihr zwar BĂ€rbel-mĂ€ĂŸig erschien, aber wesentlich mehr Befriedigung verschaffte, weil ihre Finger lĂ€nger beschĂ€ftigt waren und sie sich in die Herstellung rauchbarer Kippen versenken konnte. Sie fand es sogar lustig, dass jeder, der sie rauchen sah, sie irritiert anschaute, so als ob eine leitende Angestellte eher Zigarren rauchen mĂŒsste. Zigarettentabak hatte etwas UnwĂŒrdiges, Billiges. Sie kokettierte damit. Und sie drehte annĂ€hernd perfekte Zigaretten; ohne Filter, versteht sich. Wahrscheinlich ging diese Angewohnheit einfach nur auf Fjodor zurĂŒck, den lettischen Studenten, den sie direkt nach dem Scheidungstermin im CafĂ© um die Ecke gedankenversunken nach einer Zigarette gefragt hatte. Er hatte neben ihr an der Theke gesessen. In ein Buch vertieft hatte er sich abwesend eine Kippe gedreht und in den Mundwinkel geschoben, das Feuerzeug schon in der Hand. Er hatte sie angelĂ€chelt, die Fluppe aus dem Grinsen gepflĂŒckt und ihr mit einer einfachen aber verneigenden Geste hingestreckt, dann hatte er ihr galant Feuer gegeben und sich wieder seiner LektĂŒre gewidmet. Nebenbei hatte er sich eine weitere Zigarette gedreht und rauchte abwesend. Edelgard hatte ihn eine Weile beim Lesen beobachtet, ohne dass es ihm aufgefallen war; jedenfalls ließ er sich nichts anmerken. Etwas spĂ€ter dann, sie hatte noch einen Espresso und einen weiteren Cognac vor sich stehen, hatte Fjodor ihr ungefragt eine weitere Zigarette angeboten, die sie dankbar annahm. Diesmal blieben ihre Blicke lĂ€nger ineinander und sie eröffnete das GesprĂ€ch etwas verlegen mit dem dĂ€mlichen Spruch: Wer Sorgen hat, hat auch Likör. Er hatte grinsend geantwortet, dass in Russland jeder Likör hĂ€tte, aber nicht jeder Sorgen.

Bei den Gedanken an Fjodor mĂŒsste sie lĂ€cheln. Sie seufzte laut und brabbelte die wenigen russischen Worte, die sie kannte in den RĂŒckspiegel, wĂ€hrend sie gleichzeitig ihr Make-up prĂŒfte: Kajal okay, spĂ€ter noch kurz die Lippen nachziehen und etwas Rouge nachlegen. Der Termin, zu dem sie unterwegs war, war wichtig. Jeder Termin war wichtig, seit sie nach vor zwei Jahren die Stelle gewechselt hatte. Edelgard blickte auf die Uhr im Armaturenbrett und auf den Tacho. Sie war knapp in der Zeit und gab Gas, solange die Straße frei war. Der Wanderer am Straßenrand kreuzte noch kurz ihre Gedanken und bekam Fjodors freundliches Gesicht verpasst, dann war sie ganz GeschĂ€ftsfrau, ganz Hermine, und ging das bevorstehende Meeting haarklein durch. Die ostdeutsche Landschaft verschwamm hinter dem Seitenfenster zu einem hellen, grĂŒnen Schillern.


nofrank

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maerchenhexe
???
Registriert: Nov 2006

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hallo nofrank,

GefĂŒhle und Habitus mit Namen verbunden, flott geschrieben, hab den Text gern gelesen. Nur BĂ€rbel mit ihrer Zuordnung konnte ich nicht nachvollziehen, irgendwie fehlt mir da der Zusammenhang. Oder habe ich etwas ĂŒberlesen? Und 'ohne jede Wirkung auf die Nerven' könnte man auch weglassen, das Bild ist plastisch genug.

lieber Gruß
maerchenhexe
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Orangekagebo
Guest
Registriert: Not Yet

hallo nofrank,

gutes Kopfkino und gute SĂ€tze

quote:
Ihre Gedanken blieben bei den Vögeln, tanzten mit ihnen in der Luft, hackten mit ihnen auf verwesendes Aas ein, wĂŒhlten mit ihnen in brachliegenden MĂŒllbergen, bis sie wieder hinter dem Lenkrad landeten.

toll geschrieben!



Edelgard war wieder einmal bei Ansgar ... (davor sollte meiner Meinung nach ein Absatz)

Mit der Barbara, das stört mich auch

Ein paar "hatte" noch raus (davon stecken m.E.n. zu viele drin)

Gruß, orangekagebo


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