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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Edgar Reitz` TV-Saga »Heimat«
Eingestellt am 16. 12. 2004 22:27


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Dietrich Stahlbaum
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Ich habe Heimat 1 und 2 und nun den 1. Teil von Heimat 3 gesehen und sage es freimütig heraus: Dieses Filmepos berührt mich sehr. Es ist – hier folge ich meinen subjektiven Eindrücken – ein großes (Film-)Kunstwerk, eins der wenigen, die in den letzten Jahrzehnten entstanden sind. Es überragt alles, was das Fernsehen sonst an „Heimat“filmen zu bieten hat; denn Heimat zeigt sich hier nicht in den folkloristischen Sonntagskostümen so genannter Volkssänger/innen und Heimatvertriebener oder womöglich als "Blubo-" (Blut-und-Boden)-Nostalgie, sondern ist Metapher für das Selbst, auf dessen Suche Hermann Simon ist, in Zeiten, die sich rasend schnell verändern. Zeiten maßloser Gier und des Kalküls.

Sich seiner selbst zu vergewissern, ist angesichts der massiven Beeinflussung durch die Medien, ist heute in der Flut von Information und Desinformation, von Werbung, von Bildern und künstlich erzeugten Emotionen ein Akt der Emanzipation, sind doch die meisten von uns Industriemenschen sich selbst verloren gegangen.

Edgar Reitz ist sechs Jahre jünger als ich. Wir gehören derselben Generation an. Wir haben zumindest in den ersten Nachkriegsjahren und in den 68er Jahren die gleichen Erfahrungen gehabt. Deshalb verstehe ich sein Filmepos. Es weckt Empfindungen, die mir nicht fremd (geworden) sind. Wie es bei den Jüngeren „ankommt“, weiß ich nicht.

Heimat ist heute für mich kein geographischer Ort, sondern ein (innerer) Zustand:

Heimat ist nirgend woanders als in dir selbst.

Ist dies nicht auch die wesentliche Aussage des Films?

__________________
Der Stein des Sisyphus rollt immer wieder bergab. Aber besteht unser Menschsein nicht darin, dass wir ihn auch immer wieder den Berg hinauftragen, damit er nicht unten liegen bleibt?
[ In Anlehnung an Camus, Le mythe de sisyphe. Essai]

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LuMen
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zu hoch gereizt

Hallo Dietrich,

da muss ich Dir doch widersprechen! Deine Quintessenz, dass die Heimat in uns selbst liegt, ist zwar richtig, aber wird diese Einsicht von Edgar Reitz vermittelt? Ich glaube kaum. Er ist eher ein verspielter Intellektueller, der seine zwar eigenständige, aber häufig sehr manirierte Filmsprache spricht. Von Heimat 1 waren ja, trotz mancher ärgerlicher historischer Fehler, noch einige der zig Folgen sehenswert, was für Heimat 2 kaum noch zutraf. Und Heimat 3 scheint mir eine zum Teil an den Haaren herbeigezogene bemühte Geschichte zu werden, mit viel sehr vorhersehbarem schwülstigem Liebeswirrwarr und Pointen, die immer haarscharf daneben liegen, entweder zu sark aufgetragen oder zu unterkühlt. Ich will jetzt keine Beispiele bringen, da ich gleich die zweite Folge sehen will...mir schwant Böses, aber ich wäre froh, wenn ich mich korrigieren müsste!

Gruß

LuMen

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LuMen
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fortgesetzt

Hallo Dietrich,

da bin ich noch einmal, ganz frisch am Ball! Leider hat sich mein erster Eindruck im Wesentlichen bestätigt. An den Haaren herbeigezogen insbesondere der Partnerwechsel zwischen Wessi -reich und intellektuell- und Ossi -arm und werktätig- , ebenso der Aus-"Flug" zum ehemaligen Luftstützpunkt der DDR. Es ist schon ein seltsames Völkchen, das sich Reitz da als Protagonisten ausgesucht hat, die westdeutsche Musikerelite in Liaison mit den wandernden und musizierenden Handwerkergesellen (Klavier und Klarinette!), dazu noch der Schabbacher Kampfflieger, das überzogene Liebesturteln des Dirigenten-Sängerin-Pärchens und die charakterlichen Absonderlichkeiten der Schabbacher, wie sie z. B. in den Begrüßungsszenen zwischen den Brüdern besonders eigentümlich hervortraten; aber die Schabbacher waren ja von Anfang an hunsrückisch(?) verschroben.

So finden sich in dieser Geschichte fast ausschließlich sehr eigenwillig und extrem angelegte Figuren, die deshalb zwangsläufig nicht gerade zeittypisch sind. Diese Exaltiertheit scheint mir die große Schwäche des Films zu sein und wird auch nicht durch einige gute zeitkritische Ansätze, etwa zum Riesengeschäft mit den Mauersteinen -allerdings auch wieder stark übertrieben gespielt - wett gemacht.

Bedauerlich ist, dass auch hier die Unsitte der deutschen Fernsehmedien und der ihnen verbundenen Hilfsmittel der Illustrierten und Programmzeitschriften, Vorab-Kritiken (woher kommen die wohl außer von den Filmemachern selbst?) unbesehen zu übernehmen, dem Film ungerechtfertigt Vorschusslorbeeren verschafft, die der größte Teil der Fernsehzuschauer ebenso unkritisch annimmt.

Es wünscht ein schönes Wochenende mit besserer Fernsehkost

LuMen

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Dietrich Stahlbaum
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Der Film im Kopf des Zuschauers

"Truffaut sagte ja einmal, ein Film setze sich erst im Kopf des Zuschauers zusammen. Der Film ist in so vielen individuellen Varianten vorhanden, wie es Zuschauer gibt, sodass auch ich als Autor nicht wissen kann, wie oft es den Film gibt. Ich weiß nur eines, meine Bilder halten den Moment fest, in dem die Kamera eingeschaltet wurde."

Edgar Reitz bei einem Interview (DIE ZEIT 16.12.2004 Nr.52)

Lieber LuMen,

statt dir zu widersprechen, erzähle ich dir eine kleine zen-buddhistische Geschichte:

»Zwei Mönche stritten sich über einen Lehrtext. Jeder bestand darauf, dass er Recht habe, und bezeichnete die Meinung des anderen als falsch. Einer der beiden sagte: „Ich gehe zum Meister. Er soll darüber entscheiden.“ Und so ging er zum Meister, dem gerade ein dritter Mönch den Schädel rasierte.

„Ehrwürdiger Meister“, sagte er. „Ich hatte eben einen Streit mit meinem Bruder.“ Er zitierte die umstrittene Textstelle und trug ihm seine eigene Meinung vor. “Mein Bruder dagegen behauptet, ich sei im Irrtum.“ Er trug dem Meister auch die Meinung seines Bruders vor und fragte: „Meister, wer hat nun Recht, mein Bruder oder ich?“
Der Meister sagte: „Du hast Recht.“

Erfreut über diese Antwort, ging der Mönch zu seinem Bruder und erzählte es ihm. Dieser jedoch lief zum Meister und beschwerte sich: „Meister, das kann doch wohl nicht sein! Ich berufe mich auf den Kommentar eines großen Lehrers und soll im Irrtum sein und er im Recht?!“
Der Meister antwortete: „Ja, du hast Recht.“

Der dritte Mönch, der dem Meister gerade den Schädel rasierte, ein wahrheitsliebender Mensch, war bestürzt.
„Meister!“, rief er, „ehrwürdiger Meister, wie kannst du sagen, beide haben Recht?! Entweder hat der eine Recht oder der andere.“

Der Meister sah ihn lächelnd an und sagte: „Ja, auch du hast Recht.“ «

Guten Abend! Gute Nacht! Guten Morgen!

Dietrich

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Der Stein des Sisyphus rollt immer wieder bergab. Aber besteht unser Menschsein nicht darin, dass wir ihn auch immer wieder den Berg hinauftragen, damit er nicht unten liegen bleibt?
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LuMen
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wer hat Recht?

Hallo Dietrich,

eine weise Geschichte bringst Du als "Gegenargument", und ich glaube, Du hast Recht! Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten - und das scheint mir der Angelpunkt unserer gegesätzlichen Meinungen zu sein (ich habe doch jetzt Recht mit der Annahme, dass Du bei Deiner alten Meinung geblieben bist?).

Streiten kann man sicherlich über filmspezifische Eigenheiten wie Drehbuch, Regie und Darstellerqualitäten, aber da in Einzelheiten einzusteigen, würde wohl den Rahmen dieses Forums sprengen und könnte allenfalls Thema eines Filmseminars sein, das wir hier ja nicht veranstalten können und wollen.

Einen schönen vierten Advent wünscht

LuMen

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Dietrich Stahlbaum
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Re: wer hat Recht?

quote:
Ursprünglich veröffentlicht von LuMen
Hallo Dietrich,

(...) Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten - und das scheint mir der Angelpunkt unserer gegesätzlichen Meinungen zu sein (ich habe doch jetzt Recht mit der Annahme, dass Du bei Deiner alten Meinung geblieben bist?).

Streiten kann man sicherlich über filmspezifische Eigenheiten wie Drehbuch, Regie und Darstellerqualitäten, aber da in Einzelheiten einzusteigen, würde wohl den Rahmen dieses Forums sprengen (...)

LuMen


Ja, LuMen,

für eine filmästhetische Diskussion ist hier kein Platz (das könnte ein endloser Streit werden); und ob sich meine ersten Eindrücke bestätigen, kann ich erst sagen, wenn ich alle weiteren Folgen von Heimat 3 gesehen habe.

Bis dahin mit herzlichem Gruß

Dietrich St.
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