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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Edna hat sich beruhigt
Eingestellt am 20. 08. 2001 13:11


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Trude
Hobbydichter
Registriert: Aug 2001

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Edna hat sich beruhigt

Edna ist eine Schnecke. Schnecken sind Zwitter. Das macht nichts. Sie sind trotzdem der Liebe sehr zugetan, besonders im Sommer, wenn die NĂ€chte warm und die Morgen hell sind. Und weil das Schneckenleben so kurz ist, und das erste Mal das einzige und das letzte sein kann, ist Edna mĂ€chtig aufgeregt. Sie hat das Haus geputzt, die FĂŒhler poliert und frischen Schleim aufgelegt, wohlriechend parfĂŒmiert.

Du nennst das vielleicht unsensibel Sexuallockstoff. Aber wĂŒrdest du zu Douglas gehen und sagen: „Ach bitte, ich möchte Sexuallockstoff von Nina Richi.“

Edna ist auf einen großen Stein geklettert, kaum, daß ihn die ersten Sonnenstrahlen erwĂ€rmt haben. WĂ€rme ist gut fĂŒr die Schneckenliebe. Sie reckt und streckt sich. Wie schön, ein sanfter, warmer Wind umspielt den Stein. Edna spiegelt sich im Tautropfen, der am Wegerich hĂ€ngt. Ja, sie hat es gewußt, sie ist eine richtige kleine Schneckenschönheit. Ihr Herz schlĂ€gt bis zum Hals. Ist es der steile Weg? Ist es die Aufregung? Wird es eine EnttĂ€uschung bringen? Eine Überraschung?

Du lÀchelst, weil eine Schnecke ein so kleines Herz hat? Na und? Ist das nicht egal? Hattest du Herz-klopfen vor dem ersten Rendezvous? Und vor dem zweiten?

Edna dreht ihre FĂŒhler in den Wind. Er trĂ€gt eine winzige Spur eines Geruches heran, der zu ihrem paßt. Sie streckt einen FĂŒhler in die Duftspur. Da ist sie, der rechte FĂŒhler hat sie auch gespĂŒrt. Das Herz klopft so schnell wie es ĂŒberhaupt kann.

Da stĂ¶ĂŸt plötzlich etwas großes, dunkles an ihr Haus, ein kalter Schatten fĂ€llt auf sie. Mit aller Kraft preßt Edna den Fuß auf den Stein. Vergeblich, sie wird mitsamt dem Haus in die Luft gehoben. Das Haus knirscht zwischen den HundezĂ€hnen, aber es hĂ€lt stand. Angstvoll hat Edna sich tief hineinge-zogen. Sie fĂŒrchtet, draußen könne man ihr Herzklopfen hören.

Du sagst, Hunde fressen keine Schnecken? Woher soll Edna das wissen?

Zu ihrem GlĂŒck interessiert sich der Hund schon etwas anderes. Sie fĂ€llt neben den Stein ins Gras. Langsam, ganz allmĂ€hlich, geht ihr Atem ruhiger. Bestimmt sieht sie jetzt unmöglich aus! Das Haus zerkratzt, die FĂŒhler verbogen. Die Sonne hat den Tautropfen aufgesogen. Edna glĂ€ttet sich so gut sie ohne Spiegel kann. Die sĂŒĂŸe Duftspur ist verschwunden. Der Geruch des Hundes liegt noch schwer in der Luft. Edna versucht, langsamer zu atmen. Sie streckt und dreht suchend ihre FĂŒhler. Sie steht zwischen ihr völlig unbekannten Grashalmen. Von ihrem großen Ziel, die Schneckenliebe zu erleben, ist sie weit entfernt wie nie. Mißmutig, traurig, seufzend, knabbert sie an einem Grashalm. Aber wenn man so traurig ist, schmeckt auch das FrĂŒhsommergras nicht. Edna zieht sich in ihr Haus zurĂŒck. Vielleicht schlĂ€ft sie, vielleicht weint sie.

Du meinst, Schnecken sind nicht traurig, du hast noch nie TrĂ€nen in den Augen einer Schnecke gese-hen? Aber du hast doch schon den sĂŒĂŸen Duft der Liebe gespĂŒrt und ein kalter Schatten hat ihn ver-jagt. Dann weißt du, daß jedes Wesen davon weinen muß, bis die Seele wieder blank ist und das Herz voller Hoffnung.

Der Wind treibt die Wolken. Ein Sonnenstrahl guckt ins Schneckenhaus und kitzelt Edna wach. Sie kommt heraus und reckt und streckt sich in der WĂ€rme. Das Gras leuchtet im schönsten GrĂŒn. Ein GĂ€nseblĂŒmchen. Das richtige, um Leib und Seele zu stĂ€rken. So gut hat Edna lange nicht mehr ge-gessen. Wenn doch wieder der sĂŒĂŸe Duft kĂ€me! Edna dreht die FĂŒhler in alle Richtungen. Vielleicht, bestimmt, ganz sicher, sie muß wieder nach oben auf den Stein. Wenn die Seele freigewischt ist, man gut gegessen hat, und vielleicht die Liebe winkt, macht sich auch eine kleine Schnecke auf den be-schwerlichen Weg nach oben, auf den großen Stein hinauf.

So ein Stein, den du mit dem Fuß wegstoßen kannst, ist keine große Anstrengung? Und eine Spur von Duft ist es nicht wert? Meinst du das wirklich? Sieh mal, Edna ist nicht einmal daumengroß. Wie groß muß ein Berg sein, den du erklimmen wĂŒrdest, weil du hoffst, dort oben wartet die Liebe?

Edna jedenfalls kriecht unbeirrt aufwĂ€rts. Sie kann das Sonnenplateau schon sehen. So weit oben blĂ€st der Wind krĂ€ftiger. Eine Gewitterwolke wirft ihren Schatten. Im Schatten, das weiß sie, lauern KĂ€lte und Gefahr. Sie versucht, sich im Haus zu verstecken und gleichzeitig am Stein festzuklammern. Der Wind blĂ€st, Tropfen fallen. Ein Wolkenbruch spĂŒlt die Schnecke ins Gras. Edna ist verzweifelt. Selbst wenn der Regen irgendwann aufhört, noch einmal kann sie den Stein nicht hinaufklettern. Dazu reichen ihre KrĂ€fte nicht aus.

Das Wasser treibt sie ĂŒber die Wiese. Sie kann sich nirgendwo festhalten. Weint sie? Ist das nicht egal bei solchem UnglĂŒck? Vielleicht war die sĂŒĂŸe Spur oben auf dem Stein ganz nah, vielleicht wird sie nun nie die Liebe im FrĂŒhsommer kennenlernen.

Das Wasser bildet große PfĂŒtzen und lĂ€ĂŸt ab und zu ein HĂŒgelchen frei. Edna klettert mĂŒhsam hinauf. Sie muß ausruhen. Ihr Haus ist beschĂ€digt, ihr Fuß schmerzt. Sie will nur noch einmal ausschlafen. Und dann wird sie sich in eine PfĂŒtze stĂŒrzen und den Schneckentod sterben. Ihren letzten Gedanken will sie dem sĂŒĂŸen Duft widmen und noch einmal das Herzklopfen spĂŒren.

So wie jetzt. Wie jetzt? Jetzt? Den Duft? Der Duft! Das Herzklopfen. Da, vorn, Edna streckt die FĂŒhler aus. Wenn es eine TĂ€uschung ist? Eine Schnecke, genauso mĂŒde wie Edna, genauso zerzaust und sterbenstraurig. „Halt! Warte!“ ruft Edna. Du hast recht, Schnecken können nicht rufen. Aber das ist unwichtig. Die andere Schnecke jedenfalls hat es gehört. So schnell sie können, und das ist nicht sehr schnell nach diesen Anstrengungen und auf so einem nassen SandhĂŒgel zwischen den PfĂŒtzen, so schnell sie können kriechen sie zueinander. Vorsichtig stĂŒtzen sie einander mit den zerbrochenen HĂ€usern und sinken erst einmal in einen tiefen Schlaf.

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Abalone
???
Registriert: Sep 2000

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*lach* ich werde schnecken zukĂŒnftig mit anderen augen sehen! eine niedliche geschichte, gefĂ€llt mir erstaunlicherweise (solcherlei geschichten sind mir meist ein greuel ;-) ).
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Frank Zimmermann
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Wird mal Schriftsteller

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Schön!

Ich finde die Geschichte deshalb so schön, weil sie mit so viel EinfĂŒhlungsvermögen geschrieben ist, mit so viel Liebe zum Detail. Außerdem ist sie ja eine schöne Parabel, so daß sie dem aufmerksamen Leser einen Blick in den Spiegel der menschlichen Emotionen bietet.
Danke sehr!
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fz

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