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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Eduard
Eingestellt am 04. 01. 2016 07:33


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Mistralgitter
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Eduard

„Wenn ich nicht jeden Morgen dasselbe esse, wird mir schlecht“, sagte Eduard. „Da die Haferflocken einen sauren Magen machen, muss ich hinterher noch einen Apfel essen. Der neutralisiert“, erklärte er weiter. „Das reicht mir zum Frühstück.“

Eduard war ein freundlicher junger Mann, ein Bekannter von Gerdas Tochter Ilse, der zu Besuch war und bei Gerda im Gästezimmer übernachtete.
Von da ab stellte sie ihm morgens nur eine Schüssel hin, keinen weiteren Teller und keine Tasse, nur die blaue Tüte mit den Schmelzflocken, kalte frische Milch, einen Apfel. Und legte ein Messer und einen Esslöffel dazu. Gerda brauchte erheblich mehr Geschirr für Kaffee oder Tee mit Milch und Zucker, für Brot und Marmelade oder Honig oder Frischkäse, Ei und Schinken oder Müsli mit Obst. Gerda liebte die Abwechslung. Mal so, mal anders.

Es sollte anschließend nach dem Frühstück ein netter Ausflug mit dem Auto werden. Ilse hatte ihre Mutter zu einem gemeinsamen Treffpunkt bestellt. Sie hatte zusätzlich zu Eduard noch Karl eingeladen mit zu fahren. Auch Karl war ein freundlicher junger Mann. Eduard und Karl saßen auf den Rücksitzen. Man fuhr zum Kaffeetrinken in ein Schloss. Der Kaffee war nichts Besonderes, der Kuchen ging so, aber der Ausblick auf das tief gelegene Flusstal war unglaublich schön und romantisch. Gerda versuchte eine Unterhaltung zustande zu bringen. Eduard und Karl antworteten recht einsilbig. Ilse war ebenfalls nicht sehr gesprächig.
„Ist ja eigentlich nicht meine Idee, das Ganze hier. Und es sind nicht meine Freunde, also bin ich für nichts verantwortlich“, sagte sich Gerda und schwieg nun auch. Keiner wusste anscheinend mit dem anderen viel anzufangen. Also brachen sie bald wieder auf zu ihrem nächsten Ziel.

"Ich vertrage übrigens das Autofahren nicht", bemerkte Eduard ganz überraschend beim Einsteigen. "Könntest du bitte langsamer fahren als bisher? Vor allem in den Kurven?"
Gerda schaute ihn verdutzt an. Warum sagt er das erst jetzt? Das war ein bisschen seltsam, fand sie. Also gab sie sich ab jetzt alle MĂĽhe, das Tempo so zu drosseln, dass er zufrieden war. Sie fuhr dann auf der ĂśberlandstraĂźe eben nur noch 50km/h, riskierte aber dadurch, dass die anderen Autofahrer sie laufend, zum Teil halsbrecherisch ĂĽberholten. Gerda fĂĽhlte sich ungemĂĽtlich, weil sie zum Verkehrshindernis geworden waren.
„Aber du fährst doch selber Auto. Wie ist es denn da?“, fragte Gerda.
Wenn er selbst am Steuer säße, würde er auch sehr langsam fahren, betonte Eduard. Er habe schon als Kind das Autofahren nicht vertragen, erklärte er. Die Autoreisen nach Österreich seien jedes Mal eine Qual gewesen.
„Und was haben die Eltern dazu gesagt oder dagegen unternommen?“, fragte Gerda.
„Nichts“, bekam sie zur Antwort.
„Und es hat sich nicht gebessert seither?“, fragte sie besorgt.
„Nein.“
Gerda war sauer. Warum lieĂź er sich auf diesen Ausflug ein, wenn er doch wusste, dass Autofahren nichts fĂĽr ihn ist?

Sie hielten im nächsten Ort, um dort durch die Straßen zu schlendern und hier das Wasserschloss zu besichtigen. Die Sonne schien. Zu Gerdas Entsetzen kramte Eduard in seinem Rucksack herum, zog einen schwarzen Knirps heraus und spannte ihn auf. Er war potthässlich und obendrein auch noch völlig verbogen. Es sah bescheuert aus. Warum trug er kein langärmeliges T-Shirt und einen flotten Sonnenhut und eine schicke Sonnenbrille, wenn er die Sonne nicht verträgt? Musste er so altertümlich daherkommen? Gerda schämte sich für ihn, sagte aber nichts und trottete lustlos hinter Ilse, Karl und Eduard her.

Abends saßen Eduard, Ilse und Gerda zu Dritt beim Abendbrot. Vielerlei Käse- und Wurstsorten, Quark, Schinken, dazu Tomaten und Gurken gab es zur Auswahl. Aber Eduard hatte es als erstes auf die Tomaten abgesehen. Ungläubig und mit großen Augen beobachtete Gerda, wie Eduard eine Tomate nach der anderen als Ganzes in den Mund schob, bis er alle 6 aufgegessen hatte.

Inzwischen hatte Eduard auf dem Aufschnittteller eine einzelne letzte Scheibe gekochten Schinken entdeckt. Er fragte, ob er die nehmen dĂĽrfe.
„Natürlich“, sagte Gerda als höfliche Gastgeberin und reichte ihm den Teller herüber. Da nahm er die Schinkenscheibe mit den Fingern vom Teller, obwohl eine Aufschnittgabel daneben lag, und schob sie sich wieder einfach so in den Mund, wie er es mit den Tomaten vorher gemacht hatte.

Als nächstes hatte Eduard Appetit auf ein Stück von der Salat – Gurke. Sie lag auf einem Teller direkt neben dem Gedeck von Gerdas Tochter Ilse. Statt zu fragen, ob sie ihm den Teller mit der Gurke herüberreichen könnte, langte er mit seinem Messer an ihr vorbei und schnitt sich von der Gurke ab.
"Geradezu provozierend!", dachte Gerda aufgebracht. Sie konnte ihr Entsetzen fast nicht zurĂĽckhalten. Ihr war der Appetit vergangen.

„Gibt es denn überhaupt keine Tischsitten mehr?“, fragte sie nach der Abreise von Eduard ihre Tochter. „Noch nicht einmal ganz einfache Benimmregeln? Er ist doch Studienrat!“
„Was regst du dich so auf?“, bekam sie zur Antwort. „Eduard ist schlicht und ergreifend nur schüchtern. Er wollte niemandem zur Last fallen.“
„Schlicht …“, echote es in Gerda, als sie die Bettwäsche im Gästezimmer abzog. „… und ergreifend.“ Sie zuckte die Achseln und lüftete gründlich.
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AST: "Ach, wissen Sie, in meinem Alter wird man bescheiden - man begnĂĽgt sich mit einem guten Anfang und macht dem Ende einen kurzen Prozess."

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Ji Rina
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Zunächst musste ich bei den Tomaten schmunzeln...
Betreibst Du so ein Gewächshaus in groß? Oder woher kommt diese Tomatenliebe?
Eduard verträgt das Autofahren nicht (scheint überhaupt ein Lulatsch zu sein); macht sich dreist über die Tomaten und die Salatgurke her....
Und Gerda? Gerda lĂĽftet....

Oh Mistralgitter, beim besten Willen weiĂź ich nicht was diese Geschichte zu bedeuten hat.
War es ein nicht gelungener Ausflug den Du erlebt hast?
Mit GruĂź,
Ji

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Der Leser hat´s gut: Er kann sich seine Schriftsteller aussuchen.
(Kurt Tucholsky)

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