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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Eigene Wege- Die poetisch erzählte Lebensgeschichte einer Frau
Eingestellt am 19. 10. 2011 16:00


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Winfried Stanzick
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2011

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Rezension zu:

Kristin Steinsdottir, Eigene Wege, DTV 2011, ISBN 978-3-423-14040-9

Es ist für mich eines der unbegreiflichsten und erstaunlichsten Phänomene an Island, wie ein doch kleines Land mit einer Einwohnerzahl von gerade einmal 320 000 Menschen immer wieder und das seit langer Zeit Schriftsteller hervorbringt von außerordentlicher Qualität und Reife. Kristin Steinsdottir, eine 1946 geborene Grund- und Gymnasiallehrerin, die seit 1988 auch als Kinderbuchautorin arbeitet (das erinnert ein wenig an die deutsche Schriftstellerin Gudrun Pausewang), hat mit „Eigene Wege“ ihr zweites Buch für Erwachsene vorgelegt und damit in Nordeuropa einige Preise gewonnen.

Zu Recht, wie ich meine, denn der kleine Roman über eine arme Witwe namens Siegtrud aus Reykjavik, die über ihr Leben nachdenkt, unspektakulär und radikal nüchtern, ist ein ganz exquisites Stück Prosa. Die Handlung der relativ kurzen Kapitel bewegt sich zwischen einer Jetzt-Zeit und den Lebenserinnerungen von Siegtrud, die sich für den Leser langsam zusammen setzen, und am Ende das Bild eines trotz aller Fährnisse doch erfüllten Lebens malen.

In der Jetzt-Zeit lebt die seit kurzem verwitwete Siegtrud in ärmlichen Verhältnissen allein zusammen mit ihren Erinnerungen und einem alten Koffer, der ihr von der Mutter geblieben ist und der einen französischen Seidenschal, einen Bildband von Frankreich und ein Bild ihres Großvaters Magnus enthält. Er soll Franzose gewesen sein, und die Suche nach ihren Wurzeln und ihre Träume von Frankreich ziehen sich durch ihr Leben wie ein roter Hoffnungsfaden.
Siegtrud kommt mit wenig Geld aus. Sie geht auf Beerdigungen und isst sich danach an der Trauertafel satt, bis die engen Familienangehörigen vom Friedhof kommen und sie wieder verschwindet. Oder sie schaut sich Wohnungen an, wo in Island offenbar von dem vermittelnden Makler für die Interessenten meist ein Imbiss gereicht wird; sie nimmt an Vernissagen teil und trinkt Champagner oder sie geht zu Demonstrationen und Versammlungen, besucht Ausstellungen und nutzt die Museumstage mit freiem Eintritt.

Siegtrud ist eine genügsame Frau, genießt, was das Leben ihr bietet, kommt mit dem Alleinsein gut zurecht und vor allen Dingen: sie ist nicht verbittert, obwohl sie manchen Grund dazu hätte, wie man ihren Erinnerungen entnehmen kann.

Sie ist als Waise aufgewachsen und leidet schon als Kind unter einer Behinderung, die im Buch „Schandflosse“ genannt wird. Ihre linke Hand sieht aus wie eine Flosse und sie wird auch oft dafür gehänselt.
Ihre Ziehmutter Hallfrithur, die sie von ihrer Mutter Petrina entbunden hatte, die kurz nach der Geburt gestorben war, ist gut zu ihr, sorgt für ihre Schulausbildung und ist ihr eine enge Vertraute. Immer wieder flüchtet Siegtrud in ihren Koffer, der nach Frankreich riecht und sie nach Paris entführt.

Als junges Mädchen wird sie schwanger von einem jungen Mann, mit dem sie eine leidenschaftliche Zeit verbringt, doch das Kind kommt tot auf die Welt.
Als sie später Tomas heiratet, einen bodenständigen guten Mann, dessen kranke Mutter Siegtrud jahrelang pflegt ohne Murren, bleiben den beiden die ersehnten gemeinsamen Kinder versagt.

Als auch Tomas relativ früh stirbt, beginnt Siegtrud ihr oben beschriebenes bescheidenes Leben. Doch der Koffer, der Schal, das Buch und ihre französischen Wurzeln lassen sie nicht los. Sie beginnt, alle möglichen isländischen Archive aufzusuchen um nach ihrer Herkunft zu forschen, sie lernt Französisch und schließlich packt sie den alten Koffer und macht sich auf den Weg nach Paris ...

„Eigene Wege“ ist nicht nur eine poetisch erzählte Lebensgeschichte einer Frau, sondern zwischen den Zeilen auch eine Sozialgeschichte Islands auf seinem schnellen Weg von einer Nation von Bauern und Fischern zu einer hochentwickelten modernen Gesellschaft.

Es ist ein schönes Buch; so bescheiden wie eindrucksvoll seine Protagonistin daherkommt, so ist die Sprache und der Stil von Kristin Steinsdottir. Ohne feministische Attitüde wird hier bescheiden ein Stück selbständiger Frauengeschichte geschrieben, ein Beispiel, wie mit knappen Mitteln und mit benachteiligten Lebensvoraussetzungen ein Leben doch glücken und gelingen kann. In einer Zeit, in der nichts gut genug sein kann, und in der jeder klagt darüber, was in seinem Leben fehlt, eine Wohltat, findet ein von dem Buch sehr beeindruckter Rezensent.

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