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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ein Abend mit Jesus
Eingestellt am 29. 04. 2015 22:32


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Christa Reuch
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Registriert: Sep 2014

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„Der spinnt ja wohl!“ Schnaufend ließ er sich auf das Sofa plumpsen, legte die Füße auf den Coachtisch und widmete sich wieder der Sportschau.
„Wer war’n das?“, fragte seine Tochter nuschelnd und blies ihren Kaugummi auf, bis er platzte. Den vorwurfsvollen Blick ihrer Mutter übersah sie dabei geflissentlich.
„Irgend so ein Spinner halt!“, entgegnete der Vater kurz angebunden, in der Hoffnung, Frau und Tochter würden es dabei bewenden lassen, so dass er in Ruhe Fußball gucken könnte. Natürlich erwies sich diese Hoffnung als Trugschluss.
„Was hat er denn gesagt?“, bohrte nun seine bessere Hälfte auch sogleich weiter.
„Wollte mir weismachen, er sei Jesus und schließlich ist doch bald Weihnachten und draußen wäre es kalt!“ Er angelte nach seiner Bierflasche. „Jesus! Pah! So ein Typ mit Rastalocken und auch noch dunkelhäutig!“
„Ja, und?“, hakte ihre Tochter nach. „Stimmt doch!“
„Hä?“, fragte er irritiert.
„Wie bitte, heißt das!“, verbesserte die Mutter.
„Na, es ist bald Weihnachten und draußen ist es kalt!“, erklärte die Tochter, ohne auf den Einwurf der Mutter näher einzugehen.
„Willst du mir jetzt noch weismachen, dass das Christus war? So ein Quatsch!“
„Du bist so“, sie suchte nach dem passenden Ausdruck, „so spießig und intolerant. Jawohl! Wegen so Leuten wie dir, musste Jesus sterben!“
„Blödsinn!“, entgegnete der Vater scharf, „Gott hat seinen Sohn für die Menschheit geopfert, damit ihnen ihre Sünden vergeben werden und so. Ohne Kreuzigung, Auferstehung und Christihimmelfahrt könnte man das Neue Testament doch vergessen! Das war doch alles vorher bestimmt.“
„Seit wann bist du denn Bibelexperte?“
„Man muss nicht jeden Sonntag in die Kirche rennen, um das zu wissen. Gehört zur Allgemeinbildung!“ Er trank einen Schluck Bier und widmete sich wieder dem Spielgeschehen auf dem Bildschirm.
„Naja“, gab seine Frau zu Bedenken, nahm einen Putzlappen in die Hand und begann ausgerechnet jetzt, den Fernseher abzuwischen, „es ist ja schon wirklich eine Weile her, dass du in der Kirche warst. Weihnachten vor vier oder fünf Jahren, als deine Eltern über die Feiertage hier waren, und deine Mutter darauf bestanden hat, dass wir alle in die Christmette gehen!“
„Was hat das eine denn mit dem anderen zu tun?“, fragte er genervt.
„Du glaubst doch gar nicht an Gott“, entgegnete sie, „wie willste dann wissen, ob einer Jesus ist oder nicht?“
„Dazu braucht man keinen Glauben, sondern gesunden Menschenverstand!“ Er verdrehte die Augen und trank einen Schluck Bier.
„Ja“, erklärte die Tochter sarkastisch, „und gesunder Menschenverstand hat Jesus ans Kreuz und damit den Tod gebracht!“
„Wo sie recht hat, hat sie recht!“, gab seine Frau ihren Senf dazu.
„Dann hol ihn doch zurück!“, blaffte er entnervt. „Vielleicht kann ich dann endlich in Ruhe fernsehen!“
Ganz gegen ihre sonstigen Gewohnheiten ließ die Tochter sich das kein zweites Mal sagen und rannte aus der Wohnung. Kurze Zeit später erschien sie wieder, im Schlepptau den jungen Mann, dem der Vater kurz zuvor die Türe vor der Nase zugeknallt hatte.
„Papa, darf ich dir vorstellen. Das ist Jesus!“
„Ja, ja- ich weiß! Nimm dir ein Bier und setz dich hin!“ Er deutete auf das Sofa, dann galt seine Aufmerksamkeit wieder dem Fußballspiel.
„Papa!“
„Was denn?“, knurrte er unwillig.
„Das ist Jesus!“
„Na und? Interessiert er sich nicht für Fußball?“
„Was? Keine Ahnung! Hör mir doch mal zu!“ Sie stampfte mit dem Fuß auf den Parkettboden und stellte sich demonstrativ direkt vor den Fernseher. Resigniert nahm er die Fernbedienung und drückte - den Ton weg. Dann blicke er seine Tochter an. „Er ist Jesus, trinkt kein Bier und mag keinen Fußball! Bedauerlich, aber kein Weltuntergang! Sonst noch etwas Wichtiges? Ich würde nämlich wirklich jetzt gerne die Sportschau zu Ende sehen!“
„Ich liebe ihn!“
„Aha! Gehst du jetzt in ein Kloster? Eigentlich wollte ich irgendwann einmal Enkelkinder, aber wenn das dein ausdrücklicher Wunsch ist?“
„Hä? Nein!“
„Wie bitte, heißt das“, warf die Mutter ganz automatisch ein.
„Von mir aus!“ Sie holte tief Luft. „Ich will keine Nonne werden! Wie kommst du denn da drauf?“ Konsterniert blickte sie einen nach dem anderen an. Da fiel ihr das belustigte Funkeln in den Augen ihres Vaters auf. Sie wurde wütend. „Du bist gemein! Du hast die ganze Zeit gewusst, dass Jesus mein Freund ist, oder? Du wolltest mich reinlegen!“
„Also, genau genommen, bist du diejenige, die sich mit mir einen Scherz erlauben wollte, einen schlechten Scherz, wie ich finde! Auch wenn ich nicht an Gott glaube, so sollte man die Religionen an sich respektieren!“ Er grinste. „Ich habe einfach den Spieß umgedreht! Und dein Gesichtsausdruck ist wirklich zu komisch!“ Er konnte sich nicht mehr zurückhalten und prustete los. Die Mutter hob entschuldigend die Schultern, tat es ihrem Mann jedoch gleich.
„Tut mir leid!“, sagte Jesus ebenfalls lachend und nahm sie in die Arme, „Wirklich strange. Dein Vater ist echt cool!“
„Na dann!“ Der Vater streckte ihm die Hand hin. „Herzlich willkommen in unserer Familie! Wie heißt du denn jetzt wirklich?“
Der junge Mann lächelte. „Jesus!“










Version vom 29. 04. 2015 22:32

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Vagant
???
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Hallo Christa;

Eine kurzweilige Geschichte, an der ich nun auch gar nicht groß herumkritteln möchte. Warum nicht? Weil mir die ganze Dialogsituation einfach sehr gut gefallen hat. Du hast ein feines Auge für das tägliche Miteinander und verstehst es, die Menschen sprechen zu lassen.
Nur eins vielleicht: es sind RASTAlocken, nicht RASTERlocken.

Ansonsten, gern gelesen, Vagant.

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