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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Ein Abschied
Eingestellt am 14. 12. 2017 09:07


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Ariane Winter-Schieszl
Wird mal Schriftsteller
Registriert: May 2016

Werke: 6
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Lara lief den langen Gang hinunter. Die Leuchtstoffröhren an der Decke, ließen das Weiß der Wände noch kälter und das Grau des Linoleumboden noch trister wirken. Sie kam am Speisesaal vorbei. Mehrere Menschen saßen auf ihren Plätzen und starrten apathisch vor sich hin – während irgendwelche Pfleger Tabletts mit undefinierbarem Essen austeilten. Im Hintergrund liefen Weihnachtslieder. Lara schlug ein Geruch von Kohlsuppe und ungewaschenen Körpern entgegen. Vor Zimmer 222, auf der linken Seite, blieb sie stehen. Sie hatte schon die Hand auf der Klinke, als sie noch einmal kurz die Augen schloss. „Lass es nicht an dich ran, ziehe die Mauer hoch.“ Jedes Mal vor dieser Tür sprach sie sich diese Worte in Gedanken zu. Es war ein Ritual – welches Lara immer machte, sobald sie vor der Zimmertür in dem Pflegeheim stand in welchem ihr Vater seit drei Jahren untergebracht war. Ihr Vater hatte seit über 30 Jahren Multiple Sklerose. Bis vor drei Jahren hatte ihre Mutter die Pflege übernommen, bis ein heftiger Schub ihren Vater endgültig an das Bett fesselte. Die Unterbringung in einem Pflegeheim war damals eine schwere Entscheidung, aber ihre Mutter und sie waren, nach den langen Jahren mit dieser Krankheit, einfach am Ende ihrer Kräfte. Heute war Heilig Abend und Lara wollte noch einmal nach ihrem Vater sehen, bevor sie mit ihrer Mutter in die Kirche ging. Als Lara den Raum betrat, saß ihr Vater im Rollstuhl. Was eher selten vorkam, weil es den Pflegern oft zu viel Arbeit war. Aber es war Weihnachten. Der Fernseher lief. Lara schloss leise die Tür. Ihr Vater zeigte keine Reaktion. In diesem Rollstuhl saß ein Häufchen Elend, abgemagert, die Wangen eingefallen, die Haut die sich über die Wangenknochen spannte war grau. Der Schlafanzug hing an ihm hinunter. Nichts erinnerte an den knapp 1,90m großen gutaussehenden Mann, der er einmal gewesen war. Lara trat näher und zog sich einen rumstehenden Stuhl neben ihren Vater. Als die Gestalt neben ihr immer noch nicht reagierte, nahm Lara die Hand ihres Vaters. Sie war eiskalt, blau und man spürte nur mit Haut überzogene Knochen.
Lara sah ihrem Vater ins Gesicht: „Hallo Papa!“ Er hob den Kopf. Große, braune Augen blickten Lara an. Er versuchte etwas zu sagen, das Gesicht verzog sich zu einer Grimasse. Aber anstatt Worten, kamen nur undefinierbare Laute aus dem qualvoll verzogenen Mund. Lara kämpfte, die versuchte die aufsteigenden Tränen hinunterzuschlucken. Was ihr aber nicht gelang – sie liefen einfach ihre Wangen hinab. Die Krankheit war so gnadenlos – was hatte sie aus ihrem Vater gemacht?! Lara versuchte es erneut. „Papa heute ist Weihnachten und draußen schneit es.“ Sie versuchte zu lächeln. Ihr Blick ruhte auf dem Mann, der sie als Kind auf den Schultern getragen hatte, der ihr das Fahrradfahren beigebracht und die bösen Geister unter ihrem Bett verscheucht hatte. Davon war nichts mehr übrig. Lediglich die Erinnerungen blieben! Damals war sie ein glückliches Kind gewesen, behütet – sie hatte viel gelacht! Als die Schübe allerdings immer häufiger und heftiger ausfielen wurde Laras Leben und auch das Ihrer Mutter immer trauriger. Diese Krankheit nahm sich das was sie wollte, egal ob es gerecht war oder nicht. Wie oft hatte Lara Nachts in ihrem Bett gelegen und gebetet das es ihrer Familie bald besser gehen möge. Leider wurden ihre Gebete nicht erhört. Es wurde nur noch schlimmer, immer wenn man dachte jetzt reicht es – kam es noch schlimmer! Lara und ihre Mutter lernten das das Leben hart und sehr ungerecht sein kann und das sie nur daneben stehen konnten, weil man gegen einige Sachen einfach nichts auszumachen vermag. Das Lachen der beiden Frauen verschwand und es zog eine bleierne Stille und Resignation ein – welche sie noch lange begleiten sollte. Laras Blick wurde erwidert! Die großen, tief in den Höhlen liegenden Augen sagten:
„Bitte lass mich gehen, es ist vorbei!“ Laras Hals zog sich zusammen und sie musste krampfhaft schlucken. Sie wusste, dass es wahr war. Der Kampf war vorbei, ihr Vater hatte gekämpft – die Krankheit hatte gewonnen. Es war an der Zeit das zuzugeben! Lara drückte die Hand ihres Vaters: „Ja, Papa – ich weiß!“. Beide saßen schweigend nebeneinander und verfolgten den Bericht im Fernseher. Als es Zeit war zu gehen, stand Lara auf. Sie kniete sich vor ihren Vater, umarmte ihn „ Bis morgen Papa. Ich bring dir noch etwas von dem Stollen mit.“ Als Lara später mit ihrer Mutter in der Kirche saß, forderte der Pfarrer die Gemeinde zu einem stillen Gebet auf in das all die guten Wünsche für ärmere Mitmenschen einfließen sollten. Lara schloss die Augen und faltete die Hände. „Lieber Gotte, bitte nimm meinen Vater zu dir. Er hat genug gelitten. Er hat mehr Schmerz und Leid in den letzten Jahren erfahren als ein Mensch alleine ertragen kann. Bitte mach dem ein Ende!“
Laras Gebet wurde erhört. Ihr Vater starb noch in derselben Nacht. Das Leiden hatte endlich ein Ende!

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pierremontagnard
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jun 2017

Werke: 8
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Ein Abschied

Hallo Ariane

Du hast eine fesselnde Geschichte geschrieben. Dass der Text so geht, jedoch noch mehr herauszuholen wäre, finde ich eine ungerechte Bewertung zumal Du alles an Schmerzempfinden rausholst. Es gibt bestimmt viele Geschichten, wo mehr herauszuholen wäre, aber als Kurzgeschichte birgt die Deinige meines Erachtens das Optimum.

Nach mehrmaligem Durchlesen kann ich lediglich den "teuflischen Stolperstein" (die Anwendung von "das" und "dass") bemängeln, den Du jedoch mit drei Klicks beheben kannst und ausserdem die Qualität Deines Beitrages nicht mindert.

Freue mich darauf, mehr von Dir zu lesen.

LG Pierre
__________________
Pierre Montagnard
en vino veritas!

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