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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ein Beispiel
Eingestellt am 26. 11. 2001 14:39


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Devaudan
Möchtegern-Schreiber
Registriert: Nov 2001

Werke: 5
Kommentare: 3
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Es ist schon seltsam mit dem Leben und den Menschen.
Riesenhafte GebĂ€ude wachsen aus der Erde, die StĂ€dte nehmen die GrĂ¶ĂŸe von LĂ€ndern an. Wenn man sich einmal im Flugzeug die Zeit nimmt, hinauszublicken und nicht nur zu rufen: „Hey, da ist das Fußballstadion.“, dann besteht die Möglichkeit, dass man begreift, wie winzig man doch eigentlich ist. Man blickt hinab auf eine Stadt und zum ersten Male versteht man, was es heißt, mit ĂŒber einer Million Menschen zusammenzuleben. Anonym, einsam und alleine. Und doch schafft man es, inmitten dieser wahren Horden an Individuen einen Menschen zu finden, der einem auf rĂ€tselhafte Weise vertraut erscheint. Es passiert jeden Tag, um uns herum, auf der Straße, in einem CafĂ©, an einem Bahnhof, in einer dunklen Imbißstube. Man muß nur seine Augen öffnen.
Nehmen wir ein Beispiel, schlage ich deshalb vor. Kein bestimmter Mensch, einfach nur ein Beispiel. Seid fĂŒr den Moment dieser Mensch. Du bist Anwalt oder Arzt, vielleicht aber auch nur der VerkĂ€ufer in einem Supermarkt. Unbedeutend, vollkommen belanglos. Du bist groß, nicht einmal gutaussehend, aber doch interessant. In welcher Stadt Du bist? Es mag Leute geben, die den Charme dieser Metropole der vorziehen, aber es ist ebensowenig von Bedeutung wie dein FrĂŒhstĂŒck heute morgen. Es mag fĂŒr den Moment ausreichen, dass Du dich in einer deutschen Stadt befindest, einer der fĂŒnf grĂ¶ĂŸten, welche... nun, dafĂŒr ist die Phantasie da. Benutze Sie!
Gut, so weit wÀren wir.
Welche Tageszeit es ist? Eine gute Frage, denn es ist allzu hĂ€ufig ein Unterschied, ob man uns morgens oder abends begegnet, im Winter oder im Sommer. Auf dem Weg zur Arbeit ist man meist schlechter gelaunt, als auf dem Heimweg, wenn man Feierabend hat. Nun, wir wollen die besten Voraussetzungen fĂŒr dieses Beispiel, also wĂ€hlen wir den Abend. Da vielen Menschen Romantik nur allzu wichtig erscheint, ist es Winter, es wird frĂŒh dunkel und man schleicht dick eingepackt in warme Sachen durch die Straßen.
Kommen wir zu den nÀheren UmstÀnden.
Dein Auto, ein altes sagen wir mal, ist kaputt. Es ist am Morgen nicht angesprungen und Du warst gezwungen, dein lange verstaubtes Bahnticket erneut zu benutzen, nur, um zu erfahren, dass in besagter Stunde weger einer technischen Störung keiner Bahnen fahren. Geschlagene neunzig Minuten kamst Du zu spĂ€t zur Arbeit. Die verpaßte Zeit mußt Du nun, nachdem die Kollegen einer nach dem anderen in die leicht verschneite Welt hinter den BĂŒrofenstern entschwinden, nachholen. So verlĂ€ĂŸt Du deinen unbestimmten Arbeitsplatz viel zu spĂ€t und verpaßt erneut die Bahn, die dich zurĂŒck in deine bescheidene Wohnung im ruhigen Vorort bringen sollte. Ein schneller Blick auf den Fahrplan verrĂ€t dir, dass die nĂ€chste erst in dreißig Minuten kommen wird. Seufzend, dich ĂŒber nichts mehr Ă€rgernd, schleichst Du zur nĂ€chsten Bank auf dem Bahnsteig, ĂŒber die Zahl 7 hĂ€ngt und lĂ€ĂŸt dich auf den kalten Sitz nieder. Selbst durch den Mantel spĂŒrst Du die KĂ€lte, die von ihm ausgeht.
Eine Frage...
FĂŒhlst Du dich allein?
Nein, ich meine nicht allein auf dem Bahnsteig, sondern im Leben. Wenn Du nachdenkst, wer wartet auf Dich, wer wird dich gleich auf dem Handy anrufen, um zu fragen, was Du heute abend machst? Niemand? Also lautet die Antwort ja. Freunde sind eine gute Sache, aber sie können nicht all das ersetzen, was einem sonst noch fehlt. So blickst Du auf, ganz langsam. Du hast das GefĂŒhl, als wĂŒrde der Blick dein Leben verĂ€ndern. Und da steht sie. Eine junge Frau. In unseren Augen weder blond noch dunkelhaarig, kein genauer Schmuck, die Kleidung weder ordentlich noch provozierend. Sie ist einfach nur perfekt und zum ersten Mal in deinem Leben begreifst Du das Wort unbegreiflich in seinem wirklichen Ausmaße. (Wir vielleicht auch) Du betrachtest sie eingehend. Sie steht an der Kante des Steigs, blickte das Gleis entlang und wartet. Worauf? Auf dich? Jeder Mensch neigt dazu, Ă€hnliche Gedanken zu hegen. Aus der Tatsache, dass wir nur das eigene Ich steuern und betrachten können, resultiert zwangslĂ€ufig die Annahme, dass es das Überlegenste ist. Der Fluch der Eintönigkeit. Ja, das denkst Du.
Aber Du tust noch mehr. Du spĂŒrst das GefĂŒhl in deinem Magen, das Kribbeln, dass dich durchfĂ€hrt. Du stellst dir vor, du wĂŒrdest mit ihr sprechen, sie nach dem Namen fragen und schon jetzt hast Du das GefĂŒhl, zu ersticken. NervositĂ€t. Bisher kanntest Du das nicht bei einer Frau. Ich kann Dir sagen, woraus es resultiert. Es ist das GefĂŒhl, dass es diesmal um etwas von Wert geht. Das es dir wehtun wird, wenn du es verdirbst. Das ist es. Wie der leichte Elfmeter, der in der 90. Minute des Finales der Fußballweltmeisterschaft zur schwersten Fußbewegung aller Zeiten wird. Das ist es, das und nichts anderes.
Du versuchst, dass, was Du fĂŒhlst, an einem so miserablen Tag, in Logik zu zerlegen. Liebe? Was ist das schon? Du brauchst sie nicht zum Atmen, dein Herz schlĂ€gt auch von allein, dein Gehirn sendet weiter Befehle an die Muskeln, wenn sie nicht dort ist. Du bekommst zu essen ohne sie, du erhĂ€ltst zu trinken. Du kannst beruhigt schlafen, wenn sie abwesend ist und du kannst weiterhin deinen Verstand benutzen. Du hast vorher ohne sie gelebt, warst glĂŒcklich und zufrieden (relativ), warum hast Du das GefĂŒhl, sterben zu mĂŒssen, wenn sie geht? Du gewöhnst dich an ihre Anwesenheit, an ihren Duft, ihre Augen, den Klang ihrer Stimme und die Art, wie sie sich bewegt. Du hast stĂ€ndig den Geschmack ihrer Lippen auf den deinen, denkst an sie, verlierst die schwer erkaufte Konzentration an ihre Beine. Es ist ungerecht, denkst Du. Mag sein, dass es das ist, aber es ist nun einmal Liebe. Noch immer steht sie dort, am Bahnsteig, blickte hinab und bewegt sich kaum. Der Wind hebt ihre Haare an, wirft sie ihr ins Gesicht. Sie wischt sie sich weg. Du starrst und sitzt nur dort. Du siehst sie in zwanzig Jahren und deine GefĂŒhle trĂŒben sich nicht. Du hörst sie abstoßende Reden schwingen und liebst sie nur noch mehr. Und du erfĂ€hrst etwas unglaubliches ĂŒber sie, dass dich nicht interessiert.
Was ist das?
Dein Herz rast.
Dann sieht sie dich an und es ist ein GefĂŒhl, als wĂŒrde dein Herz stillstehen. Ihre Augen haben keine Farbe, sie sind einfach nur wunderschön. Sie mustert dich einen Moment, lĂ€chelt – dass wunderbarste, dass du jemals gesehen hast -, dann dreht sie sich um und geht den Bahnsteig hinab. Zum willst empört aufspringen, ihr nachlaufen, sie an der Schulter packen und ihr sagen, dass Du sie liebst, vom ersten Blicke an. Doch Du bist wie erstarrt. Es fĂ€llt dir schwer, auch nur den Kopf zu drehen, um ihr mit dem Blick zu folgen. Dann geht sie die Treppe hinab und ist verschwunden. Du kennst nicht ihren Namen, nicht den Klang ihrer Stimme, weißt nicht, wie ihre Lippen schmecken, aber in den wenigen Sekunden, die Du sie gesehen hast, hast Du den ganzen Rest erfahren.
Ihr wart ein Leben lang zusammen und Du liebst sie, mehr als alles andere. Nach einem Blick...
Es ist schon seltsam mit dem Leben und den Menschen....

__________________
Ein Gedanke ist ein Wort, viele Worte aber ergeben Literatur.

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Svalin
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Registriert: Sep 2000

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Hallo Devaudan

eine gelungene Geschichte ĂŒber die vielleicht letzten Mysterien der Moderne. Mit einer ausgesprochen ironischen Verpackung. Gut beobachtet. Gut in Szene gesetzt. Kompliment!

>Es ist schon seltsam mit dem Leben und den Menschen....<
Wie wahr! :-)

GrĂŒĂŸe Martin

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