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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ein Beruhigungsbad
Eingestellt am 29. 08. 2008 17:39


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Raniero
Textablader
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Ein Beruhigungsbad

Langsam ließ Kay Dobers sein Auto auf die Ampel, die gerade von gelb auf Rot sprang, zurollen, und wäre dabei trotzdem fast nicht rechtzeitig zum Stehen gekommen.
FĂĽr einen Moment nur hatte er einen Blick auf den Kiosk an der StraĂźenkreuzung geworfen, und das hatte fast gereicht, ihn zum RotsĂĽnder werden zu lassen.

‚Nach dem Beruhigungsbad schlug er zu’

las er in riesigen Lettern den Tagesaufmacher eines Boulevardblattes.
Unter der dicken Ăśberschrift stand noch ein Zusatz, etwas kleiner gedruckt, doch den konnte Kay aus der Entfernung nicht mehr entziffern.

Kay befand sich auf dem Weg zu seiner Arbeitsstelle, und es juckte ihn in den Fingern, auszusteigen und sich diesmal gegen seine Grundsätze, dieses Massenblatt zu kaufen, so sehr hatte die Überschrift seine Neugier geweckt, doch schon sprang die Ampel wieder um, und er setzte missmutig die Fahrt fort, denn in der unmittelbaren Umgebung gab es praktisch keine Möglichkeit, anzuhalten.
Die gab es stattdessen erst ein paar hundert Meter weiter, doch er war schon spät dran, und so beschloss er, die Zeitung am Nachmittag daheim bei seinem Büdchen um die Ecke in aller Ruhe zu kaufen.
Während er weiterfuhr, ging ihm jedoch dieser überdimensionale Aufmacher nicht aus dem Kopf, und ihm stellten sich zahlreiche Fragen, Fragen, auf deren Antwort er wohl oder übel bis zum Nachmittag ausharren musste.
Warum hatte der Mann zugeschlagen, und wen hatte er geschlagen? Bestimmt seine Frau, vermutete Kay, wen sonst wohl.
Doch wenn er schon zuschlagen musste, warum nahm er zuvor dann ein Beruhigungsbad? Das war doch ein Widerspruch erster GĂĽte. Praktisch rausgeschmissenes Geld.
Wenn er unbedingt zuschlagen musste, dann bitte vor dem Bad, und nicht hinterher, das ergäbe Sinn, aber nicht andersherum.
Kay musste unwillkürlich an Agamemnon denken, den Feldherrn aus der griechischen Tragödie, der Orestie von Aischylos; hatte der nicht auch ein Beruhigungsbad genommen, nach der siegreichen Heimkehr von Troja; aber halt, der hatte nach dem Bad nicht selbst zugeschlagen, nein, er war erschlagen worden, von Klytaimnestra und deren Lover Aigistos, weil er zu früh nach Hause gekommen war. Nein, dieser Vergleich hinkte, und außerdem war es ja gar nicht erwiesen, ob Agamemnon ein Beruhigungsbad, ein Erkältungsbad oder weiß der Teufel was für einen Badezusatz genommen hatte, seinerzeit, aber davon hätten sich Klytaimnestra und ihr Lover wohl auch nicht abhalten lassen, das zu tun, was sie für notwendig hielten.
Kay beschloss, sich daheim noch einmal die Tragödie des Agamemnon zur Brust zu nehmen.
Als er an seiner Arbeitsstelle eintraf, hatte er den Vorfall schnell vergessen; es war Wochenanfang, und da harrten andere Dinge auf ihn, als sich mit den Badezusätzen antiker Feldherren auseinanderzusetzen. Selbst auf dem Nachhauseweg dachte er nicht mehr an den Beruhigungsbadschläger, denn die Ampel zeigte diesmal grün, sodass er nicht dazu kam, seine Blicke zum Kiosk schweifen zu lassen. So vergaß er denn auch das, was er sich des Morgens vorgenommen hatte; die Zeitung in aller Ruhe am Büdchen zu kaufen.

Als er zuhause ankam, hörte er Wasser rauschen, und steckte den Kopf ins Badezimmer.
„Oh, ein Beruhigungsbad“, freute er sich, „das kann ich brauchen, nach dem heutigen Tage.“
„Kay, möchtest du vor dem Bad noch einen Kaffe trinken“, hörte er die Stimme seiner besseren Hälfte aus dem Wohnzimmer.
„Gerne, Melanie“
Voller Behagen schlürfte Kay den Kaffee, nahm gar noch ein paar Plätzchen dazu.
„Oh, wie freue ich mich nachher auf das Bad.
„Schatz“ flötete Melanie „darf ich an deinem Bad gleich teilnehmen?“
„Unbedingt“ strahlte Kay und verdrehte voll Wollust die Augen, „ich wart auf dich.“ Diese Art von gemeinsamen Bädern war es unter anderem, die ihre langjährige Ehe nicht zur Routine werden ließ.

Arglos wie Agamemnon betrat Kay Dobers das Badezimmer, bereit für das Beruhigungsbad, das seine zärtliche Frau ihm eingelassen hatte. Wenig später betrat diese ebenfalls das Bad, mit einem funkelnagelneuen, roten Neglige.
„Schau mal, Schatz, was ich heute gekauft habe, für spätere, hemmungslose Stunden. Rutsch rüber, ich komme zu dir.“
Kay wollte sich ein wenig erheben, um Platz zu machen, in der Wanne, da bemerkte er das kleine Preisschild an dem neuen Neglige, welches seine Frau gerade in elegantem Schwung abstreifte. Ihm wurde schwarz vor Augen, als er die große Summe auf dem kleinen Preisschild sah, und er schlug der Länge nach in der Wanne hin. Unzählige Gedanken schossen ihm durch den Kopf, vom alten Agamemnon bis zum Sinn des Lebens wie dem eines Beruhigungsbades.
Schlagen, hämmerte es in seinem Hirn: einer war im Beruhigungsbad erschlagen worden, in der Antike zwar, aber immerhin, ein anderer hatte nach einem solchen Bad kürzlich erst zugeschlagen, und er selbst, Kay Dobers, war während eines sogenannten Beruhigungsbades der Länge nach hingeschlagen, das konnte doch kein Zufall sein, nein, da waren andere Mächte am Spiel…
Während seine Frau versuchte, ihren Mann auf altbekannte, nachhaltige Weise von seinen düsteren Gedanken abzulenken, fasste dieser insgeheim drei Entschlüsse:
Schlagen würde er seine Melanie nicht, um Gottes Willen, das hatte er noch nie getan, doch ein Beruhigungsbad, das würde er so schnell nicht mehr nehmen, und die Tragödie des Agamemnon, die musste er nun wirklich nicht noch einmal lesen…

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