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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ein Bildnis (p.a.)
Eingestellt am 11. 07. 2003 18:19


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David Winterhurst
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Carlo stand in Kellermanns Schatten, direkt zum Fu├če der h├Âlzernen Treppe, die als einziger dunkler und enger Zugang in die obere Etage f├╝hrte. Zwei Schritte trat er zur├╝ck, doch das Licht wurde nicht klarer; wieder einen nach vorn, bis Kellermann ihn schlie├člich anschaute, sie eine unbeholfene Folge missverst├Ąndlicher Blicke austauschten. Dann erst trat Kellermann an die Seite, lehnte sich l├Ąssig an das marode Treppengel├Ąnder und sah auf die zahlreichen Bilderrahmen der Wand. Alles einer Spontaneit├Ąt nach und keineswegs aus R├╝cksicht auf Carlo, der jetzt - wieder im Licht ÔÇô endlich selbst einen konzentrierteren Blick auf die Bilder werfen konnte.
Alte Schwarzwei├čaufnahmen waren es, l├Ąngst vergilbte Photographien aus einer Zeit, als sich Familien noch auf der Bank im Garten zum Portrait zusammenfanden. Die Frauen darauf trugen hochgeschlossene Kleider, die Herren schlank geschnittene schwarze Gehr├Âcke und die Kinder wei├če, matrosen├Ąhnliche Anz├╝ge. Und sie alle blickten mit einem Ausdruck in die Kamera, als w├╝ssten sie ganz genau, dass sie, bis auf die Kleinsten von ihnen, l├Ąngst tot waren.
┬╗Wer sind die alle?┬ź fragte Carlo. Und Kellermann streckte seinen ├╝berlangen und kr├Ąftigen Arm aus, um mit den steinernen Fingerkuppen auf einen der Jungs zu zeigen.
┬╗Das ist mein Gro├čvater┬ź, sagte er, w├Ąhrend Carlo seine eigenen Finger in den Mund nahm, die d├╝nnen, eingerissenen N├Ągel abwechselnd zwischen seinen Z├Ąhnen hindurch zog.
┬╗Und der Rest?┬ź
┬╗Alles Verwandte. Die da war meine Gro├čtante, das meine Urgro├čeltern.┬ź Nacheinander hatte Kellermann auf zwei weitere Photos gezeigt und lehnte nun wieder unbeeindruckt an dem Treppengel├Ąnder. ┬╗Alle tot. Die meisten habe ich nie kennen gelernt.┬ź
┬╗Und wer hat die Photos hier aufgehangen? Ich meine, eigentlich sieht sich die doch nie jemand an, oder?┬ź Er selbst sah zu Kellermann, welcher nur kurz die Schultern hob. ┬╗Warum h├Ąngt man Photos in einen engen, schlecht ausgeleuchteten Treppenaufgang, wo nur jeder an ihnen vorbei geht? Um die Leute darauf zu vergessen?┬ź
┬╗Was wei├č ich. ÔÇô Du stellst Fragen, also wirklich. Meine Mutter hat sie aufgehangen. Ich wei├č nicht, ob sie es aus nostalgischen oder aus ├Ąsthetischen Gr├╝nden getan hat.┬ź
┬╗Wer ist das?┬ź Carlo hatte die Finger aus dem Mund genommen und auf eines der Photos gezeigt, auf dessen Deckglas nun einen kleiner Fleck Carlos Speichel zur├╝ck blieb. Eine junge Frau im Halbprofil war dort zu sehen, sch├Ânes, dunkles, leicht gelocktes Haar, und die h├Âflich l├Ąchelnden, aber doch steinernen Gesichtsz├╝ge alter Zeiten, gleich einer B├╝ste von Rodin.
┬╗Ich wei├č es nicht┬ź, antwortete Kellermann offenbar gelangweilt und ging dann zur Seite fort in die Diele, zum Wohnzimmer hin, oder eher noch in die K├╝che, wie Carlo es annahm.
Der wieder blieb noch f├╝r einige Minuten vor dem Photo der jungen Frau stehen, das ihm von Sekunde zu Sekunde gr├Â├čere R├Ątsel aufgab.
Es war ihr Gesichtsausdruck, der weder Traurigkeit noch Gl├╝ck verriet, keine Gleichg├╝ltigkeit, aber ebenso wenig Gelassenheit. Irgendetwas anderes sagte dieses Gesicht aus. Doch Carlo wollte partout nicht darauf kommen was es war, was f├╝r ein Gef├╝hl das war, das sie ausstrahlte wie ein Spiegel. Je l├Ąnger er das Photo betrachtete, desto undeutlicher wurde es. Nach einigen Minuten schien ihm bereits jedes ihrer Augen aus einem anderen Gem├╝tszustand zu sprechen. Und egal wohin neben das Bild er seinen Kopf auch hielt, nie sah ihn die junge Frau an. Und doch, als Carlo endlich von ihr lie├č und in die Diele treten wollte, verfolgte sie ihn. Nicht mit Blicken, nicht mit Worten, ohne sich von ihrem Platz an der Wand zu r├╝hren.

Ein mildes mediterranes Fr├╝hsommerlicht flutete die K├╝che in einem einzigen Atemzug. Als Carlo sie betrat, lag au├čerdem der w├Ąssrig-mehlige Geruch von kochender Pasta in der Luft, und von der steinernen Arbeitsplatte her roch es nach frisch geschnittenem Basilikum. Wie ein Einbrecher blieb Carlo in diesem Oeuvre stehen, sah sich in dem weiten, lichten Raum um, der trotz der stillstehenden W├Ąrme, dem zus├Ątzlichen Dampfen des gro├čen Topfes auf dem Herd, eine angenehme K├╝hle hatte. Mehr skeptisch denn suchend floh sein Blick ├╝ber wei├če Fliesen, h├Âlzerne Schneidbretter und Kochl├Âffel, kleine Keramikt├Âpfe und Gl├Ąser voller getrockneter Kr├Ąuter und Gew├╝rze, altmetallenes K├╝chenger├Ąt, alles eingeh├╝llt von lichtdurchsto├čenem Wasserdampf.
Es war die Leere der K├╝che, die diesen Ort so gespenstisch klar machte. Als h├Ątte sie gelernt, sich selbst zu benutzen und die Menschen aus diesem Grund aus sich hinaus geworfen. Doch w├Ąre es genau so gewesen, dachte Carlo, dann h├Ątte es wenigstens noch lustig sein k├Ânnen.
Langsam trat er ein paar Schritte n├Ąher an die verzogene Terrassent├╝r, hinter deren Gazefenster die Luft hei├č und reglos stand, wie ein stummer Aufpasser, der wohl eher den St├Ârenden warnen sollte als die Gest├Ârten.
Dort drau├čen schien das Licht noch weicher, milchig fast. Der geringe Wind wiegte die Bl├Ątter der Pflanzen und B├Ąume nur wenn sie es wollten. Ein Wetter, bei dem manch einer sich perlendes Wasser ├╝ber die warme Haut gie├čt, wo es in einzelnen, d├╝nnen Rinnsalen in die kleinen Vertiefungen des K├Ârpers auszulaufen beginnt.
Carlo schluckte trockenen Halses. Seine Finger ber├╝hrten nur ganz leicht den Rahmen der Terrassent├╝r, nachdem er einen Augenblick lang noch dort hinaus hatte gehen wollen. Aber nun blieb er einfach hier stehen, sah dabei zu wie Maria drau├čen vor den Terrakottat├Âpfen hockte und noch mehr Basilikum pfl├╝ckte. Er sah gern, wie dabei die ledernen Riemen der Schuhe um ihre Fersen spannten, die ebenso fest wie empfindlich f├╝r Ber├╝hrungen waren. Und gern sah er auch die winzigen Tropfen von Schwei├č, die aus ihrem zusammengesteckten Haar langsam in den Nacken rollten. Wie seine Zunge ├╝ber die ausgetrockneten Lippen strich, schmeckte er ihre salzige S├╝├če und sah weiter dabei zu, wie sich die Kn├Âchel ihrer Handgelenke bewegten, wenn sie die gr├╝nen Bl├Ątter pfl├╝ckte. Sie trug den Armreif den er ihr geschenkt hatte, und im Haar die alte h├Âlzerne Spange, die sie gemeinsam vor Jahren auf einem Flohmarkt von Florenz entdeckt hatten.
Gleich neben dieser Spange bewegte sich jetzt die Rispe irgendeines d├╝nnen Grases. Kellermann hatte es aus der Wiese neben der Terrasse gerissen und kitzelte damit zum Spa├č ihren Nacken. Immer wieder zwinkerte er in die Sonne, w├Ąhrend er sich neben Maria hockte und sie sich unterhielten. Was sie redeten, konnte Carlo nicht verstehen. Er sah nur wie Kellermann mit gepardenhafter Galanterie in seinem Gleichgewicht ruhte, wie seine blauen Augen in die Sonne funkelten und Maria immer wieder zu ihm sah, l├Ąchelte, ja lachte und mit charmantem Blick seine S├Ątze erwiderte.

Nach den schwierigen, den seelisch so zerm├╝rbenden letzten Monaten und ihren vorangegangenen tragischen Ereignissen, war es Carlos mindeste Pflicht und die erste Idee dazu gewesen, Kellermann zu besuchen, da dessen Haus die Art von Ruhe bot, welche Maria in dieser Zeit brauchte. Beide hatten sie sich auf diese erste Reise seit ├╝ber einem halben Jahr gefreut. Und Kellermann hatte auch versichert, dass er selbst schon zwei Tage sp├Ąter w├╝rde abreisen m├╝ssen, sodass Maria und er das Haus f├╝r sich h├Ątten.
Inzwischen hatten sich Kellermanns Pl├Ąne leider schon den dritten Tag in Folge verschoben, sich die Anzeichen, dass er ├╝berhaupt noch fahren w├╝rde, nahezu aufgel├Âst. Als Eigent├╝mer dieses Hauses blieb er beharrlich wo er war, zeigte sich aber gastfreundschaftlich, wenn er Carlo den Wagen lieh, mit dem er f├╝r Besorgungen in die Stadt fahren konnte, oder Maria einen geheimen, abgelegenen Spazierpfad in die umliegenden W├Ąlder zeigte. ├ťberhaupt schienen sich die Zwei, wie drau├čen auf der Terrasse zu beobachten, gut zu verstehen, schien Maria der ganze Aufenthalt hier in der Tat gut zu bekommen. Doch wenn Carlo nicht gewusst h├Ątte, dass genau dies auch seine Absicht gewesen war, h├Ątte er all das als schlechtes Zeichen aufgefasst.
Mit jeder Stunde in der es Maria besser ging, jedem weiteren L├Ącheln in ihrem Gesicht, jedem neuerlichen Glanz in ihren Augen, wurde Carlos Stimmung tr├╝ber. M├Âglicher Weise, weil er selbst nichts weiter dazu beigetragen hatte, als sie hier her zu bringen. M├Âglicher Weise, weil sie die meiste Zeit hier allein verbrachte. Und wenn sich doch mal Gelegenheit bot, ihr Gesellschaft zu leisten, so fand sich in diesen Momenten meist schon Kellermann an ihrer Seite. Wie jetzt, wo die Zwei sich anschickten in die K├╝che zur├╝ckzukehren.
Und mit einem Gef├╝hl der Scham, wandte sich Carlo schnell ab, kehrte durch die Diele auf die dunkle Treppe zur├╝ck, um von dort aus hinauf ins Badezimmer zu gelangen.
Doch auf halbem Wege blieb er stehen, mitten im Tritt auf einer der Treppenstufen. Als w├Ąre er mit dem ├ärmel daran h├Ąngen geblieben, blickte er zur├╝ck nach dem Photo der jungen Frau, sah in ihr Gesicht, als w├Ąre es gerade eben erst dort erschienen. Und wie er es sah, erkannte er im Ausdruck dieses Gesichtes weder Traurigkeit noch Gl├╝ck, keine Gleichg├╝ltigkeit und auch keine Gelassenheit, sondern nichts als Schuld und die Gewissheit dar├╝ber.
Schwarz wurde Carlo vor Augen, und mit der Hand griff er st├╝tzend nach dem maroden Treppengel├Ąnder.



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David Winterhurst
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Dass es nicht gerade die k├╝rzeste Kurzgeschichte ist, ist mir klar. Und dennoch ÔÇô eine Erz├Ąhlung ist es nicht. Allerdings k├Ânnte ich mir bei dieser Geschichte durchaus vorstellen, dass sie noch weiter geht. W├╝rde mich freuen, wenn irgendwer dazu eine Meinung hat.

Ach so, bevor es Fragen hagelt: p.a. soll in dem Fall die Abk├╝rzung f├╝r Post Abortus sein

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