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Leselupe.de > Humor und Satire
Ein Brief an Lady Applebite
Eingestellt am 12. 01. 2002 02:16


Autor
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Pat Bateman
Hobbydichter
Registriert: Jan 2002

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Sehr geehrte Lady Steven Applebite,

ich hoffe sehr, der Brief findet Sie in einem Zustand der Gesundheit und des Wohlbefindens vor. Der Anla├č dieser Zeilen ist leider ein trauriger. Sie sind, ebenso wie ich, ein gro├čer Freund der klassischen Musik, weshalb ich mich verpflichtet f├╝hle, Ihnen diese tragische Geschichte, die sich gestern ereignete, mitzuteilen. Ich werde versuchen, meine starken Emotionen ein wenig zu z├╝geln, auf da├č die nun folgende Begebenheit Ihnen nicht allzu pathetisch erscheinen mag. Doch lassen Sie mich beginnen: Vor wenigen Tagen traf es sich, da├č ich von der uns beiden bekannten Mrs. Veronica Thinkwise zur hiesigen Oper geladen wurde, wo das Caspar Da Salo Quartett, unter der Leitung des gro├čen Maestro Mari├án Pivka, mit dem Streichquartett in d-moll von dem wundervollen deutschen Komponisten Franz Schubert gastierte. Mrs. Thinkwise? Gatte war leider Tags zuvor an einem Pfirsich erstickt und somit unabk├Âmmlich. Gott sei seiner Seele gn├Ądig. Aber, verehrte Lady Applebite, wer h├Ątte gedacht, da├č dieser Mann aufgrund eines solch lapidaren Vorfalls verscheiden w├╝rde? Schlie├člich wu├čten wir alle um seine Trunksucht, die ihn noch fr├╝h genug darnieder gestreckt h├Ątte. Wie dem auch sei, Mrs. Thinkwise hatte eine Karte zuviel, und sie bat mich, an diesem Abend ihr Begleiter zu sein. Ich f├╝hlte mich geschmeichelt und sagte zu. Jedoch war es kein leichter Schritt, wissen Sie.
Am Tage der Vorstellung holte ich sie von ihrer Wohnung ab, vor der die Flagge immer noch auf Halbmast baumelte. Sie sah, trotz ihres tiefen Kummers, blendend aus und ich bescheinigte ihr, da├č ihrer Person das Schwarz reizend zu Gesichte st├╝nde. Sie wurde etwas verlegen, doch ich fl├╝sterte ihr zu, da├č sie wirklich keinen Grund h├Ątte, zu err├Âten, worauf sich ihre Gesichtsfarbe noch mehr verdunkelte. Um sie abzulenken und gleichzeitig zu erheitern, bat ich sie im Scherze, sich nicht auf einer Tomatenplantage zu verstecken, da ich sie dort nie und nimmer finden w├╝rde. Damit hatte ich das Eis gebrochen, und wir gingen mit eingehakten Armen die Stra├čen zum Opernhaus entlang. Unterwegs witzelten wir ein wenig herum, ohne zu wissen, da├č der Abend f├╝r uns beide als regelrechte Katastrophe enden sollte.├í
Endlich sa├čen wir im Auditorium, das Licht wurde ged├Ąmpft, und wir sahen uns noch einmal kurz in die Augen. Sie l├Ąchelte mir sch├╝chtern zu, und ich klopfte ihr freundschaftlich auf die Schultern, worauf sie einen Hustenanfall bekam, der, Gott sei es gelobt, verschwand, als sich der Vorhang erhob und den Blick auf vier Leute freigab, die auf ebensovielen St├╝hlen platzgenommen hatten. Es waren drei M├Ąnner mit Violinen und eine Frau mit einem Cello, das keck zwischen ihren Beinen plaziert war, was mich zu einem leisen Kichern zwang. Als die Musiker mit dem Stimmen ihrer Instrumente begannen, mu├čte ich lauthals lachen. Sie erzeugten durch das Ver├Ąndern der Saitenstraffe derma├čen komische Laute, da├č ich mir den Bauch halten mu├čte! Mrs. Thinkwise sah mich von der Seite an und ich zwinkerte ihr unter Tr├Ąnen verschw├Ârerisch zu, worauf sie ihren Blick schnell wieder nach vorne wandte. Arme sch├╝chterne Veronica! Ach, liebe Lady Applebite, ich w├╝nschte, Sie w├Ąren dabei gewesen. Im n├Ąchsten Augenblick war Stille im Saal. Der Konzertmeister nickte und das Quartett spielte auf. Doch bereits beim Allegro, welches einfach wundervoll ist, bemerkte ich ein seltsames Ger├Ąusch, das aus meiner n├Ąheren Umgebung herzur├╝hren schien. Ich sah mich aufmerksam um, doch konnte ich seinen Ursprung nicht ausmachen. So lauschte ich weiter den mich schlummern machenden Kl├Ąngen. Es war faszinierend, wie filigran die Cellistin mit ihrem Bogen ├╝ber die Saiten streichelte. Doch auch diese Offenbarung konnte mich nicht dar├╝ber wegt├Ąuschen, da├č irgendetwas die Akustik empfindlich st├Ârte. Beim Andante Con Moto wurde aus dem bisher leisen, f├╝r mich undefinierbaren Ger├Ąusch, eine Art Wimmern oder Winseln, das in ein Schluchzen ausuferte. Ich bat laut um Silenzium, als ich von Mrs. Veronica Thinkwise mit dem Ellbogen leicht angesto├čen wurde. Um ihr meine Loyalit├Ąt zu beweisen stie├č ich etwas fester zur├╝ck, und w├Ąhrend sie zu Boden ging bemerkte ich, da├č ihr Gesicht feucht war. Auf meine Frage, was denn los sei, antwortete sie, da├č sie das St├╝ck an ihren Mann erinnere. Der Applaus um mich herum erinnerte mich daran, da├č nun das Scherzo - Allegro motto folgte, und ich blickte schnell wieder nach vorne. Das Schluchzen w├Ąhrendessen hatte zur allgemeinen Befriedigung aufgeh├Ârt. So konnte ich diesen Teil des Streichquartetts in Ruhe genie├čen und mich auf das Presto freuen, das mir schon immer am besten gefiel. Das Presto. So dunkel, so tiefsinnig. So unendlich traurig, aber gerade dadurch ungehemmt befreiend. Die Antizipation, beim Allegro lediglich fade angedeutet, wird hier in seiner vollkommenen Sch├Ânheit und G├Âttlichkeit entfaltet. Doch wie wurde mir? Bereits nach wenigen Minuten, es m├Âgen etwa drei oder vier gewesen sein, stand die anbetungsw├╝rdige Cellistin auf, lie├č ihr Instrument vorn├╝ber fallen (es schwankte kurz, als k├Ânnte es sich nicht entscheiden in welche Richtung es sich zu bewegen habe) und folgte ihm dann auf dem selbigen Wege. Ich schrie, es m├Âge nur ein b├Âser Traum sein, doch ein Arzt, der zuf├Ąllig im Publikum weilte, bescheinigte der unfreiwilligen Attraktion ihren eigenen Tod. Sie hatte sich scheinbar in spielerischer Extase einen Herzinfarkt zugezogen, der ihrem jungen Leben ein j├Ąhes Ende bereitet hatte! Ihren Enthusiasmus in Ehren, aber sie hatte damit das St├╝ck ebenso zerst├Ârt wie ihr eigene Vitalit├Ąt. Wie Sie sich vorstellen k├Ânnen, verehrte Lady Applebite, war der Abend f├╝r mich gestorben. Zu allem ├ťberflu├č konnte ich in dem Menschengewirr auch nicht mehr meine Begleiterin, die arme Victoria Thinkwise, ausmachen, so da├č ich mich alleine auf den Heimweg machen mu├čte.
K├Ânnen Sie sich meinen Kummer vorstellen? Verzeihen Sie, aber ich hatte das dringende Bed├╝rfnis, jemandem dieses traurige Ereignis mitzuteilen. Und Sie sind die Einzige, die mich verstehen wird. Und wenn es jemals etwas gibt, das ich Ihnen nicht w├╝nsche, so ist es eine Begebenheit mitzuerleben wie die jenige.

Hochachtungsvoll,

Ihr Harriet Blueye

P.S.: Das mir von Ihnen k├╝rzlich zugesandte St├╝ck Donauwelle war vorz├╝glich!




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