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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Ein Buch, das nachgeht, irritiert, ein Buch das begeistert und nachdenklich macht
Eingestellt am 07. 02. 2012 12:10


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Winfried Stanzick
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2011

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Rezension zu:

Benjamin Stein, Die Leinwand, DTV 2012, ISBN 978-3-423-14077-5

Dieser Roman des in M├╝nchen lebenden j├╝dischen Schriftstellers und Verlegers Benjamin Stein ist ohne jeden Zweifel eines der herausragenden Ereignisse auf dem Buchmarkt des Jahres 2010. "Die Leinwand" ist ein Buch, das einen lange nach dem Lesen noch weiter besch├Ąftigt, ein Buch, das nachgeht, irritiert, ein Buch das begeistert und nachdenklich macht, das R├Ątsel aufgibt, das den Leser in einer permanenten Spannung h├Ąlt, wie die Geschichte denn nun ausgehen wird. Und dabei ist es vollkommen gleich, auf welcher Seite dieses von vorne wie von hinten lesbaren Buches man beginnt. Benjamin Steins Roman ist ein Buch ├╝ber das Leben orthodoxer Juden in Deutschland, das mit etwas spielt, was in der j├╝dischen Tradition etwas ganz Zentrales ist, mit der Erinnerung.

Das Buch hat zwei Ich-Erz├Ąhler: Amnon Zichroni und Jan Wechsler. Zun├Ąchst einmal haben die beiden gar nichts miteinander zu tun. In beiden Romanteilen wird der Leser schon bald mit r├Ątselhaften Details konfrontiert. Das jeweilige Leben der Protagonisten wird geschildert. Zwei j├╝dische Biographien, wie sie un├Ąhnlicher nicht sein k├Ânnten. Amnon Zichroni, in Israel geboren und aufgewachsen, ist schon fr├╝h mit der Gabe gesegnet, die Erinnerungen anderer Menschen wahrzunehmen. Er kommt zu seinem Onkel nach Z├╝rich, und geht mit dessen Unterst├╝tzung sp├Ąter nach New York, wo er seine religi├Âse Ausbildung fortsetzt. Dort erst erlebt er eine Welt jenseits der Thora und des Talmuds und spezialisiert sich nach einem Medizinstudium auf Psychologie und Psychiatrie und l├Ąsst sich irgendwann als Psychoanalytiker in Z├╝rich nieder. Dort begegnet er dem Geigenbauer Minsky, den er ermutigt, seine furchtbare und traumatische Kindheit in einem Vernichtslager der Nazis aufzuschreiben. Hier verarbeitet Benjamin Stein kongenial den authentischen Fall des Schweizer Binjamin Wilkomirksi, der von sich erz├Ąhlt hatte,er habe die Vernichtungslager der Nazis ├╝berlebt, und der dann als ein Schweizer entlarvt wurde, der die Lager nur als Tourist kennen gelernt hatte.

Und da ist Jan Wechsler, ein j├╝discher Verleger mit ostdeutschen Wurzeln, der viele biographische Z├╝ge des Autors tr├Ągt, und als orthodoxer Jude mittlerweile in M├╝nchen lebt. Eines Tages erh├Ąlt Jan Wechsler am Sabbat einen Koffer, der angeblich auf seiner letzten Israelreise verloren gegangen ist. Nachdem er mit Hilfe des Nachbarn, der den schabbes goj gibt, den Koffer, an den er sich nicht erinnern kann, ├Âffnet, findet er darin ein Buch mit dem Titel "Maskerade" von einem Autor mit dem Namen Jan Wechsler. In diesem Buch wird die Darstellung eines Herrn Minsky, der als Kind die Konzentrationslager der Nazis ├╝berlebt haben will, gnadenlos auseinandergenommen und als F├Ąlschung entlarvt.

Und dann beginnt eine Handlung, die einen nicht losl├Ąsst. Man muss beide Teile wirklich bis auf den letzten Satz gelesen haben, um ein Verst├Ąndnis daf├╝r zu bekommen, was eigentlich geschehen ist. Stein entwirft mit wunderbarer Erz├Ąhlkunst eine Handlung, bei der viele Dinge sich als unerheblich herausstellen. Wo kam zum Beispiel der Koffer nun genau her ? Was ist mit den Kindern und der Frau Wechslers, die ihm im Laufe des Buches abhanden kommen ? War er nun in Israel oder nicht ?

Nebenher, wie selbstverst├Ąndlich, erf├Ąhrt man eine Menge ├╝ber den j├╝dischen Alltag und j├╝dische Glaubensriten, wobei das umfangreiche Glossar zwischen den beiden Buchh├Ąlften eine wichtige Hilfestellung gibt. Stein beschreibt die Herausforderungen und den Alltag j├╝dischen Anderseins mit einer bewundernswerten Leichtigkeit. Selten habe ich einen Schriftsteller erlebt, der mit seinem eigenen Glauben so spielerisch, stellenweise poetisch umgehen kann, wie Stein. Dabei hat er dem Leser eine Unzahl philosophischer und religi├Âser Gedankeng├Ąnge und ├ťberlegungen pr├Ąsentiert, an denen der lange zu kauen hat.

Auf einen, wie ich finde, zentralen Aspekt des Buches m├Âchte ich noch hinweisen, auch deshalb, weil ich diesen Gedanken in keiner anderen der bisher schon zahlreich ver├Âffentlichten Rezensionen zu diesem ungew├Âhnlichen Buch gefunden oder beschrieben sah. In beiden Teilen begegnen sich die beiden Protagonisten am Ende in Israel an einer alten Mikwe, jenem rituellen Bad, das den gl├Ąubigen Juden nicht nur reinigt von Schuld, sondern ihn heilt.

In einem Eintrag auf seinem Blog schreibt Benjamin Stein , Rilke zitierend, kurz nach der Fertigstellung seines Romans Im Juli 2009:

"Wie soll ich meine Seele halten, da├č
sie nicht an Deine r├╝hrt? Wie soll ich sie
hinheben ├╝ber dich zu andern Dingen?

Ach gerne m├Âcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.

Doch alles, was uns anr├╝hrt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.

Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O s├╝├čes Lied.

Mit Tanja Warter (Presse C. H. Beck) sprach ich am Freitag ├╝ber die Inkompatibilit├Ąt zwischen orthodoxem Alltag und Literatur. Sie war ├╝berrascht. Ich habe dar├╝ber noch nie gesprochen, aber mich bewegt der Gedanke schon seit geraumer Zeit. Streng genommen ist er schon pr├Ąsent, seit ich die Arbeit an der 'Leinwand' begonnen habe. Es ist sicher kein Zufall, dass ich Amnon Zichroni mit 15 Jahren in das verbotene Zimmer der Eltern f├╝hre und ihn dort auf die 'unpassende Liebe', n├Ąmlich die Dichtung sto├čen lasse. Nun ist Amnons Konflikt nicht einmal der, orthodox zu sein und ┬╗verbotene B├╝cher┬ź zu schreiben. Der erste wesentliche Wendepunkt in seinem Leben belegt aber, wie deutlich die 'Inkompatibilit├Ąt' ist. Allein diese B├╝cher zu lesen, wird schon als 'bitul zman' (Zeitverschwendung) betrachtet. Um wie viel gr├Â├čer ist die Verschwendung, wenn man nicht nur liest, sondern diese B├╝cher auch noch schreibt?
Es sind besonders die Folgen des Schreibens und Ver├Âffentlichens, die im Kontrast stehen zu den Forderungen der Mussar-Lehrer, Demut zu ├╝ben, das Ego zur├╝ckzudr├Ąngen, in der Gemeinschaft aufzugehen, statt als Individuum hervorzustechen durch Talente und F├Ąhigkeiten, die nicht in direktem Torah-Zusammenhang stehen.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
Bei der 'Leinwand' hatte und habe ich das Gef├╝hl, Werkzeug eines Tikkuns zu sein, indem ich eine tragische Geschichte auf das menschliche Fundament zur├╝ckstelle. Auch bei 'Diamond District' gibt es ein solches Element. Aber die Vorstellung, k├╝nftig auf 'j├╝dische Sujets' festgelegt zu sein und bei jeder Buch-Idee die obigen Rilke-Fragen beantworten zu m├╝ssen, ist mir nicht angenehm."


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