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Ein Coming-of-Age Roman auf dem Hintergrund von Krieg und Flucht (Vukovar 1991 ff.)
Eingestellt am 15. 02. 2012 09:56


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Winfried Stanzick
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2011

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Rezension zu:

Ivana Bodrozic, Hotel Nirgendwo, Zsolnay 2012, ISBN 978-3-552-05561-2

Angelina Jolie ist gerade in Berlin fĂŒr ihren mutigen Film ĂŒber den Balkankrieg 1991 ff. ausgezeichnet worden. Nicht nur diese Auszeichnung fĂŒr ein ganz besonderes RegiedebĂŒt, sondern auch viele in der letzten Zeit erschienene BĂŒcher zeigen, dass die Zeit fĂŒr eine Auseinandersetzung mit einem europĂ€ischen BĂŒrgerkrieg reif geworden ist, der damals von zwei Jahrzehnten die Vorstellungen sprengte darĂŒber, was nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa an GrĂ€ueltaten noch möglich war. Da gingen plötzlich, so als hĂ€tte sich ein uralter, lĂ€ngst ĂŒberwundener Graben zwischen den einzelnen Ethnien im ehemaligen Jugoslawien wieder aufgetan, sogar Mitglieder ein und derselben Familie aufeinander los, begingen ehemalige Freunde, die im gleichen Dorf wohnten, frĂŒher gemeinsam in die Schule gingen und spielten oder gemeinsam Sport trieben, aneinander und an ihren Familie die entsetzlichsten Taten, die man sich vorstellen kann und die man im Europa des ausgehenden 20. Jahrhunderts fĂŒr unmöglich hielt.

Das vorliegende RomandebĂŒt der 1982 in Vukovar geborenen und nun in Zagreb lebenden Ivana Bodrozic ist ein literarischer Versuch, sich an der persönlichen Aufarbeitung diese Zeit zu beteiligen. Vermutlich mit vielen autobiographischen BezĂŒgen, lĂ€sst sie ihre zu Beginn des Romans neunjĂ€hrige Ich-ErzĂ€hlerin ihre erschĂŒtternde Geschichte erzĂ€hlen.

Sie beginnt im Sommer 1991, als das mit ihrer Familie in Vukovar, einer Stadt in Ost-Kroatien an der Grenze zu Serbien liegende Stadt mit etwa 30.000 Einwohnern lebende MĂ€dchen ĂŒberraschend ans Meer geschickt wird. Die Serben begannen wenig spĂ€ter die Stadt zu belagern. Zwischen 1991 und 1995 war Vukovar das am stĂ€rksten umkĂ€mpfte Gebiet. Bei der serbischen Belagerung und der Schlacht um Vukovar wurde Vukovar weitgehend zerstört. Zum historischen Hintergrund:

Nachdem sich am 19. Mai 1991 in einem Referendum ĂŒber die UnabhĂ€ngigkeit Kroatiens 93,2 % der Wahlbeteiligten fĂŒr die SouverĂ€nitĂ€t ausgesprochen hatten, erklĂ€rte Kroatien im Juni 1991 unter Franjo Tuđman seine UnabhĂ€ngigkeit. Die erste Anerkennung erfolgte am 26. Juni 1991 durch das sich ebenfalls gerade fĂŒr unabhĂ€ngig erklĂ€rte Slowenien. Die de facto von Serbien dominierte Jugoslawische Volksarmee versuchte die UnabhĂ€ngigkeitsbestrebungen militĂ€risch niederzuwerfen. Der militĂ€rische Versuch, kroatische Gebiete sowohl mit großem als auch geringem Anteil an serbischer Bevölkerung von Kroatien abzuspalten und mittelfristig an Serbien anzugliedern, mĂŒndete in den fast vier Jahre andauernden Kroatienkrieg, der erst nach militĂ€rischen Erfolgen der Kroaten 1995 in der MilitĂ€roperation „Sturm“ mit dem Abkommen von Erdut vom 12. November 1995 endete.(aus wikipedia)

Der Vater des MĂ€dchens weigert sich, zusammen mit seiner Familie die Stadt zu verlassen. Er will um seine Heimat kĂ€mpfen und gilt spĂ€ter als verschollen. WĂ€hrend sich nach ĂŒber sieben Jahren in einer Notunterkunft die Hoffnung auf eine neue eigene Wohnung fĂŒr das MĂ€dchen mit seiner Mutter und ihrem Bruder erfĂŒllt, bleibt die Hoffnung, den Vater irgendwann einmal wieder zu sehen, unerfĂŒllt bis zum Ende.

Ohne Schwere und durch die frĂŒhe Flucht nicht wirklich traumatisiert von den schrecklichen GrĂ€ueltaten der Tschetniks, erzĂ€hlt das MĂ€dchen von seinem langsamen und schwierigen Erwachsenwerden nach dieser Flucht. In einer zu einem FlĂŒchtlingslager umgewandelten ehemaligen Kaderschule kommen sie in einem Zimmer unter, eine Unterkunft, die sie bald nun noch das Hotel nennen, und die dem Buch seinen Namen gab.
Denn im „Hotel Nirgendwo“ in Karlovac ziehen sich die Jahre dahin. Das MĂ€dchen und auch der Bruder gehen zur Schule, erzielen gute Leistungen.

Als sie nach etlichen Jahren im Unterschied zu anderen Familien, die wohl bessere Beziehungen hatten, immer noch keine eigenen Wohnung zugeteilt bekommen haben, schreibt der Bruder des MÀdchens eindrucksvolle und bewegende Briefe an die zustÀndigen Minister und einmal auch an den StaatsprÀsidenten.

Die Protagonistin erzĂ€hlt ĂŒber die Jahre zwischen 1991 und 1997, den Jahren ihrer Jugend. Es geht um Freundschaften, um die schwierige Zeit der PubertĂ€t, um die ersten Diskobesuche und Erfahrungen mit Jungen und auch mit Alkohol. Und immer wieder, all die Jahre ohne nachlassende IntensitĂ€t, hofft sie nicht nur auf eine eigene Wohnung fĂŒr die Familie, sondern auch darauf, dass ihr Vater am Leben ist und sie ihn wiedersehen kann.

Ivana Bodrozic schreibt mit leichter Feder und einem ungebrochenen Optimismus von der Zuversicht eines MĂ€dchens in seine Zukunft. Es ist Coming-of-Age Roman auf dem Hintergrund von Krieg und Flucht, die aus den Augen des MĂ€dchens in einem anderen Licht erscheinen.

Der Roman hat mich bis zu seinem Ende nicht losgelassen und mich neu mit einem Thema konfrontiert, das wir damals 1991 ff. in Deutschland meist nur unter dem Fokus bundesdeutschen MilitĂ€rengagements diskutiert haben. Dieser Roman trĂ€gt in hervorragender Weise dazu bei, dieser Epoche ein anderes, menschliches Gesicht zu geben. Er rĂŒckt die einzelnen Menschen in den Vordergrund, ihren Kampf ums Überleben und ihre IdentitĂ€t.

Ich bin sicher, von dieser Schriftstellerin werden wir noch weitere wertvolle BĂŒcher sehen.

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