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Leselupe.de > Kurzprosa
Ein Diminutiv-Suffix im Bus 128
Eingestellt am 08. 02. 2019 22:48


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Arno Abendschön
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Die Fahrer der Buslinie 128 sind nicht zu beneiden. Ihre Strecke beginnt am Flughafen Tegel mit vielen Fahrgästen, die wie vom Himmel gefallen weder mit Tarifen noch Routen in die Stadt vertraut sind, dafür Gepäck im Übermaß hereinschleppen. Rasch sind alle Sitzplätze belegt. Wer keinen erwischt hat, steht unsicher über Koffer und Reisetaschen gebeugt und am nächsten Haltegriff baumelnd. Los geht die kurvenreiche Fahrt, erst zügig über Schnellstraßen mit wiederholtem Aus- und Einfädeln. Vor dem Kurt-Schumacher-Platz wie fast immer längerer Stau und dann hört man auch schon im Tiefflug die Maschinen über den Bus hinwegdonnern. Wenn Hälse sich verdrehen, sind es die von Fremden; die Einheimischen abgestumpft. An der U-Bahn-Station kommt der große Wechsel. Die meisten steigen hier um, werden sogleich durch die ersetzt, die im Einkaufszentrum Waren besorgt haben. Anstelle des Reisegepäcks versperren nun zwei, drei Kinderwagen den Durchgang in der Mitte. Es ist noch beengter als vorher.

Mit fünf Minuten Verspätung geht es weiter. Jetzt kommen auf fünfhundert Metern drei Kreuzungen und jedes Mal muss der Bus abbiegen, sich vorher einordnen, zwischendurch noch zwei Haltestellen bedienen. Bei einem großen alten Friedhof geht es rechts herum, nun länger geradeaus. An jeder Station quälen sich die, die ihr Ziel erreicht haben, durch Trauben ungeduldig Hereinströmender. Der Fahrer drückt aufs Tempo – schon neun Minuten über der Zeit. Er fährt zunehmend zackig, beschleunigt und bremst abrupt. An der Londoner Straße passiert es dann: Ein älterer Mann in Rentnerbeige ist, beinahe am Ziel, dem stürmischen Fahrstil nicht mehr gewachsen, verliert jeden Halt und taumelt, stürzt auf die Mitfahrenden, wird aufgefangen, berappelt sich und ist noch mal heil davongekommen. Doch er ist wütend, ausgestiegen tappt er am Bus entlang, schlägt auf die Frontscheibe und macht dem Fahrer durch die offene Vordertür laut zeternd Vorwürfe.

Und was brüllt der zurück: „Da hättste mal deine Fingerchen benutzen sollen …!“ Er braust weiter.

Ich horche auf, er hat Fingerchen gesagt, denke ich, nicht Hände oder gar Flossen. Zwar mit Zornesstimme gesagt, doch zärtlich seine Wortwahl? Ich gehe der Sache nach und finde bei Wikipedia auch dazu das Passende:

„Verwendung des Diminutivs im Deutschen: … als Wertung: Minderung des Ansehens einer Person oder des Wertes eines Gegenstandes als Pejorativum bzw. Dysphemismus … Da aber Verkleinerungssilben gleichzeitig die gegenteilige positive Bedeutung des Liebkosens aufweisen (Schwesterchen, Omilein), wird in solchen Ausdrücken der Akt der Abwertung gleichzeitig wieder zu einem gewissen Grad zurückgenommen …“

Demnach alles noch mal ohne ernste Verletzungen abgegangen, wie schön. Man muss eben nur den angemessenen Ton zu treffen wissen.


Version vom 08. 02. 2019 22:48

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FrankK
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Hallo Arno
Welch wundersame FĂĽgung ... erneut "Das neueste".

quote:
Man muss eben nur den angemessenen Ton zu treffen wissen.
Zur Steigerung der Humoreske hätte ich abschließend ein "Tönchen" erwartet, oder eher ein "Tönleinchen"?


Danke fĂĽr die Unterhaltung des Tages.

GrĂĽĂźend
Frank
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Willibald
???
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Schöner Text mit Meta-Sprach-Reflexion am Schluss, das hat einfach was.

Eventuell chiasmusartige Umstellung?
... die von Fremden; abgestumpft die Einheimischen
...die von Fremden; die Einheimischen abgestumpft

greetse
ww
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alis nil gravius

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Arno Abendschön
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Dank auch an dich, Willibald, insbesondere für das Aufzeigen einer Alternative an einer Stelle, die mir selbst schon etwas holprig vorkam. Beschämend, dass ich nicht selbst auf den einfachen Ausweg kam - gefunden ist er nun.

Schönen Gruß
Arno Abendschön

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Arno Abendschön
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Nun, MicM, was du jetzt vorschlägst, ist nicht mehr ganz so bunt wie deine früheren Anregungen (Kaperung eines Busses). Es würde aber immer noch eine Verfälschung der tatsächlich beobachteten Situation darstellen. So schlagfertig sind die meisten alten Leute nicht, schon gar nicht, wenn sie noch unter Schock stehen und der Busfahrer sofort nach seinem Ausruf die Tür schließt und durchstartet.

In diesem Genre habe ich nur den Anspruch, Alltagsbeobachtungen sprachlich angemessen zu gestalten. Warum sollte ich etwas Unwahrscheinliches hinzuerfinden? Allein um LeserbedĂĽrfnisse zu befriedigen, die ich selbst nicht habe? Ich muss nichts verkaufen, zum GlĂĽck.

Schönen Abendgruß
Arno

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Willibald
???
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Mir scheint, der Text steuert eben nicht den grellen Effekt oder den Schenkelpatscher oder die fette Komik an. Er mündet ohne überwältigende Pointe in einer Selbstbeobachtung des Erzählers, was die Wortwahl des Busfahrers hier bewirkte, bei den Passagieren, bei dem erlebenden Ich des Erzählers. Und schön betulich geht das in eine Sprachreflexion über, samt Bemühen um die lexikalisch-semantisch-pragmatische Funktion des Diminutivs.

Gerade das macht den Text zu einem ernsthaften und komischen Slowburner.

Der Verzicht auf den Knalleffekt unterläuft Gag-Erwartungen. Der leicht sprachwissenschaftlich privatisierende Ton hat etwas Verschrobenes, auf den ersten Blick. Das bleibt auch auf den zweiten Blick so. Aber die empirisch belastbare Erkenntnis, dass in dem Diminutiv sich liebkosende und abwertende Elemente mischen und dass das für die Deeskalation der Szene verantwortlich ist, dass Aggressivität und Zuwendung sich gegenseitig geschmeidig bis zu einem gewissen Grad entschärfen können, das gibt dann eben der leicht professoralen, scheinbar lebensfremden Sprachreflexion plötzlich Würde und dem Text eine vergnügliche Wirkung, er ist leicht und licht.

Es ist selten, dass sich Rationales und Emotionales in Heiterkeit gegenseitig stärken können. Hier ist es gelungen.

greetse

ww
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alis nil gravius

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FrankK
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Hallo MicM

quote:
Bei den vorangegangenen Anmerkenden wĂĽrde mich interessieren, was genau aus ihrer Lesersicht den Reiz ausmachte.
Das StĂĽck hat mir gefallen:
- Weil es unmittelbar aus dem Leben gegriffen wirkt.
- Weil es fein beobachtet ist.
- Weil es fĂĽr die Visualisierung alle notwendigen Elemente mitbringt - und mehr nicht.
- Weil es mich miterleben lässt, wie in der Gedankenwelt des Erzählers die Erkenntnis aufscheint.

Willibald hat es sehr gut zusammengefasst:
quote:
Es ist selten, dass sich Rationales und Emotionales in Heiterkeit gegenseitig stärken können. Hier ist es gelungen.
Eben diese Heiterkeit würde bei einem literarisch stringenten Ausbau zu einer vollständigen Geschichte verloren gehen.
Wir haben hier nur eine Szene (wir sind in der Kurzprosa), die den Stress der Fahrt im vollbesetzten-, nahezu überfüllten Bus thematisiert: die Belastung des Busfahrers im Verkehrschaos, die wackelige Konstitution der Senioren auf den Stehplätzen.
All dies führt zu einer bedrohlichen Eskalation, die in diesem leichtfüßigen Spruch des Fahrers zunächst abgewürgt und abschließend mit den interpretativen Gedankengängen regelgerecht seziert wird.


GrĂĽĂźend
Frank
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