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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ein Fall
Eingestellt am 29. 01. 2011 19:19


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goetzkluge
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Jan 2011

Werke: 2
Kommentare: 1
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Wieder einmal war ein Wolkenkratzer gebaut worden, der höher war als das zuvor höchste GebĂ€ude der Welt. Es war mein Werk. Ein großartiges Werk, das die Menschheit einige Jahre lang an mich erinnern sollte. Es kratzt sogar Wolken, die ĂŒber Wolken entlangjagen.

Ich spĂŒre den scharfen Wind, der diese Wolken vor sich her treibt. Es war keine große List nötig, hierher zu gelangen, an eine unbewachte Kante des Daches meiner Meisterleistung. Denn als Architekt dieses großartigen GebĂ€udes hatte ich es natĂŒrlich leichter als sonst jemand, alleine und ohne BelĂ€stigung durch irgendwelche Sicherheitsleute auf seine Spitze zu gelangen.

Ein bisschen Furcht spĂŒre ich schon. Die Furcht vor dem Fallen ist in die Menschen eingebaut. Du kennst das ja, wenn, bevor dich der ganze Schlaf umfĂ€ngt, zuerst der Gleichgewichtssinn einschlĂ€ft, der Rest aber noch wach ist. Dann spĂŒrst du plötzlich die Schwerkraft nicht mehr und fĂ€llst auf deinem Bett liegend in eine gĂ€hnende Tiefe, die es garnicht gibt. Dann zuckst Du erschrocken zusammen und bist wieder hellwach.

Solche kleinen Probleme werde ich nun hinter mir lassen. Im Sprechfunk der Sicherheitsleute höre ich die ersten Fragen nach meinem Verbleib. Es gibt bereits Überlegungen, notfalls ohne mich anzufangen. Aber ich werde kommen!

Da eine gute Überraschung auch ein gutes Timing braucht und ich mir fĂŒr die Falldauer schon einige Sekunden ausgerechnet habe, muss ich den Moment abwarten, in dem der Vorredner den Wichtigtuer aufruft, der mich fĂŒr meine Schöpfung nur mit ein paar lĂ€cherlichen Almosen abgespeist hat und nun auch noch den ganzen Ruhm fĂŒr sich selbst ernten will. Er will mein Denkmal zu seinem machen. Aber wenn er seinen Weg zum Rednerpult beginnen wird, wird auch mein Weg zum Rednerpult beginnen. Wir werden dort etwa gleichzeitig eintreffen.

Ich höre aufmerksam auf den Funkverkehr unter den Wolken. Es dauert nicht lange, dann ist es soweit. Ich mache mich auf den Weg und stĂŒrze in die Wolken unter mir. Auf solch einem Weg, sagt man, ziehen nicht nur die Stockwerke blitzschnell am StĂŒrzenden vorbei, sondern sein ganzes Leben durch seinen Kopf.

Nun aber muss ich plötzlich feststellen, dass das ein GerĂŒcht ist, und zwar nicht nur wegen der schlechten SichtverhĂ€ltnisse im Nebel. Denn plötzlich falle ich gar nicht mehr, sondern ich stehe ganz still. Die unterste Wolkenschicht rast jedoch nun auf mich zu, immer schneller und schneller. Der Sturm blĂ€st mich von unten an. Und unter den letzten Wolken beschleunigt sich wohl auch die ErdoberfĂ€che mit all den PartygĂ€sten in meine Richtung. Sie drĂŒckt auf die FĂŒĂŸe der auf ihr Stehenden und auf die Ärsche der auf ihr Sitzenden, aber diese Wichtigtuer meinen, sie selbst hĂ€tten Gewicht und drĂŒckten die Erde platt. Da wird mir plötzlich klar: In wenigen Sekunden werde nicht ich zu ihnen kommen, sondern sie zu mir!

Bevor ich meinen letzten Weg antrat, hatte mich ja die Spitze meines hunderte Meter hohen Erdenphallus vom Erdmittelpunkt sicher weggedrĂ€ngt, immer und immer schneller. Ich konnte den Druck nach oben ins Weltall unter mir spĂŒren. Nichts hatte mich auf die Dachkante gedrĂŒckt, sondern dieser auf der Erde stehende Stab schob mich mit konstanter Beschleunigung immer weiter in den Raum. Und dabei spannt sich die Erdenhaut ĂŒberhaupt nicht, denn sie wĂ€chst mit, so wie Du und ich und die Wolken und auch sonst Alles, was diesen stĂ€ndig immer schneller anschwellenden Globus bevölkert.

Die VerhÀltnisse bleiben gleich. Darum merkt kaum Einer etwas von der zunehmenden Ausdehnung, bis jetzt, bis auf eine Ausnahme. Und die bin ich.

Inzwischen unter der untersten Wolkenschicht angelangt, kommt die krĂ€ftig anschwellende Partygesellschaft, das kalte Buffet auf der Wiese und das kleine Zelt mit der BĂŒhne darunter in mein Blickfeld. NatĂŒrlich, ganz natĂŒrlich, wird Alles immer grĂ¶ĂŸer auf dem Weg zu mir. Da mich mein architektonisches Meisterwerk aber nicht mehr mit seinem Dach auf Abstand zur OberflĂ€che des dauerexplodierenden Erdballs hĂ€lt, sondern das Dach des Zeltes auf dem sich ausdehnenden Globus nun rasend und rasender auf mich zuschießt, werde ich meine letzte bedeutende Entdeckung fĂŒr mich behalten mĂŒssen. Denn die Erde wird mit mir kollidieren.

Zu dumm, dass mir diese Erkenntnis jetzt so spĂ€t einfĂ€llt. Nicht den verdienten Architekturpreis haben sie mir verweigert, sondern den Nobelpreis habe ich verpasst! Andere werden fĂŒr eine Entdeckung gerĂŒhmt werden, die ich schon vor ihnen hatte: Es gibt ĂŒberhaupt keine Gravita...

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