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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ein Glas Wasser (Sehnsucht)
Eingestellt am 28. 03. 2008 22:07


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Lugh
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jun 2002

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Das Sonnenlicht brach sich in dem mit Wasser gef√ľllten Glas und zauberte Lichtreflexe an die steinerne Wand. Die Wasseroberfl√§che kr√§uselte sich leicht und auch hier spielte sich das Licht damit, malte hier und dort einen hellen Punkt auf die Wasseroberfl√§che und lie√ü auch mal einen kleinen Stern aufblitzen. All das machte das Wasser noch verf√ľhrerischer. An dem leicht beschlagenen Glas konnte man erkennen, dass das Wasser noch sch√∂n k√ľhl sein musste. Gerade richtig um einem die n√∂tige Erfrischung zu bieten. Nur ein Tropfen von diesem wunderbaren k√ľhlen Wasser, was w√ľrde er daf√ľr tun. Endlich wieder Fl√ľssigkeit sp√ľren, die seinen ausgetrockneten Mund befeuchtete und seine Kehle hinunter rann. Seit Tagen hatte er nichts mehr getrunken, selbst Spucke konnte er nicht mehr produzieren. In seinem Mund f√ľhlte sich alles pelzig und vertrocknet an. Oh, wie verlockend erschien ihm dieses einfache Glas Wasser, viel begehrenswerter noch als die drallste Dirne in Reynard’s Freudenhaus. Nur einen Tropfen, einen Tropfen Feuchtigkeit f√ľr seinen geschundenen K√∂rper. Er schloss die Augen und stellte sich vor wie es w√§re aus dem Glas zu trinken: der kalte Schwall Wasser der sich in seine Kehle ergie√üen w√ľrde, Fl√ľssigkeit f√ľr seine Lippen, seinen Gaumen, seinen Rachen. Wie w√§re das herrlich einen Schluck aus diesem Glas machen zu k√∂nnen.

Doch als er die Augen √∂ffnete war das Glas mit Wasser noch immer so unerreichbar wie zuvor. Selbst wenn er sich mit aller ihm verbliebenen Kraft in die Ketten warf so kam er doch nie nah genug an das Glas heran. Nur wenige Zentimeter fehlten um das Glas zu erreichen, doch auch diese wenigen Zentimeter waren zu viel. Der W√§chter, den sie Ralle nannten, hatte das Glas genau so platziert, dass er es nicht erreichen konnte. Nach einigen vergeblichen Versuchen war ihm eine Kerbe im Steinboden aufgefallen. Offenbar markierte sie die Stelle, bis zu welcher ein Gefangener in Ketten kam. Er war offensichtlich nicht der erste Gefangene, mit dem sie dieses grausame Spiel trieben. In einer der dunklen Ecken lagen ein paar halb verrottete Knochen, von denen er bisher angenommen hatte, sie seien von einem Tier √ľbrig geblieben. Inzwischen war er sich da nicht mehr so sicher.

„Verdammte Bastarde“, dachte er. Fr√ľher h√§tten sie es nie gewagt ihn so zu behandeln. Auf ihren dreckigen Knien waren sie vor ihm zu Staube gekrochen, hatten seine H√§nde gek√ľsst. Jetzt kauerte er mit seinen aufgerissenen Knien auf dem Steinboden und seine H√§nde waren in Ketten. Statt feinem Tuch trug er nur noch eine sch√§bige Leinenhose, die durch einen Strick um seine H√ľfte davon abgehalten wurde noch mehr von ihm zu entbl√∂√üen. Zuerst hatte er gedacht, die Dem√ľtigung w√§re das Schlimmste, dann hatte er das von den Peitschenhieben gedacht. Inzwischen war er sich sicher, dass der Durst das Schlimmste war, das ihm widerfahren k√∂nnte. Wenn er doch nur dieses Glas erreichen k√∂nnte …

Durch die Gitterst√§be drang das laute, dumpfe Lachen eines der Wachleute. Wahrscheinlich sa√üen sie dort drau√üen und erz√§hlten sich gegenseitig ordin√§re Witze. Oh, wie er sie verabscheute. Fr√ľher hatte er sie als das behandelt was sie auch waren: Nichts. J√§mmerliche W√ľrmer am Hof des Kahns. Kleine Insekten, welche die ihnen aufgetragenen Aufgaben mehr schlecht als recht erf√ľllten und daf√ľr noch entlohnt wurden. Doch kaum hatten sie ihm die Ketten angelegt hielten sie sich selbst f√ľr G√∂tter. G√∂tter die mit ihm ihr grausames Spiel trieben. Aller Macht beraubt war er hier unten nicht mehr Wert als ein Gassenjunge. Das lie√üen sie ihn bei jeder Gelegenheit sp√ľren. In seine letzten Mahlzeiten, bevor sie ihm selbst das verw√§hrten, hatten sie vor seinen Augen reingespuckt. Wer wei√ü, was sie hinter seinen Augen damit gemacht hatten. Beim ersten Mal hatte er das Essen noch verweigert, doch sp√§ter war der Hunger zu gro√ü geworden. Inzwischen bereute er die Nahrung nicht zu sich genommen zu haben.

Umst√§ndlich verlagerte er sein Gewicht von der linken auf die rechte Seite um seinen steifen Gelenken etwas Erholung zu bieten. Schon diese einfache Bewegung schmerzte an tausend Stellen und doch war es nichts im Vergleich zu dem Durst den er versp√ľrte. Vor ein paar Wochen hatte er noch feinsten Wein aus M√©doc getrunken, nun w√ľrde er alles f√ľr ein einfaches Glas Wasser aus dem Hofbrunnen geben. Dieses Glas, das dorthin gestellt wurde, nicht um ihm seinen Durst zu lindern sondern um ihn zu verh√∂hnen.

Wut flammte wieder in ihm auf. Aber diesmal war es keine Wut auf die Wachm√§nner dort drau√üen, die ihn so qu√§lten. Nein, vielmehr Hass auf den Mann, der daf√ľr verantwortlich war, dass er nun hier sa√ü: Ren√©. Dieser Verr√§ter war Schuld, dass ein einfaches Glas Wasser ihm fast den Verstand raubte. Er h√§tte ihn t√∂ten sollen, als er die Gelegenheit dazu gehabt hatte. Ein kleiner Schubs an der Klippe und weg w√§re er gewesen. Ein langer Schrei, ein leises Platsch - und ein Problem weniger. Verflucht, h√§tte er nur den Mut dazu gehabt. Aber so eine Aktion w√§re selbst in seiner Position riskant gewesen. Ren√© hatte da offensichtlich weniger Skrupel, wie er nun leidlich feststellen musste. Nat√ľrlich machte er sich nicht selber die Finger schmutzig. Stattdessen lie√ü er ihn hier unten elendig verdursten. Arschloch.

Kurzfristig verlagerte das Bed√ľrfnis Ren√© ins Gesicht zu schlagen sogar das Verlangen etwas zu trinken. Aber nur ganz kurz. Er w√ľrde diese Gelegenheit nicht bekommen. Er bekam ja nicht einmal ein Glas Wasser. Ersch√∂pft lie√ü er sich in seine Ketten fallen und schloss die Augen.

Als er die Augen wieder √∂ffnete war es dunkel geworden. Er war wohl eingeschlafen. Trotzdem f√ľhlte er sich nicht erholter. Durch das kleine Fenster seines Kerkers konnte er nun die Lichter der Stadt erkennen. Der Hof, in dem er gefangen war, befand sich nur wenige Kilometer von der Stadt entfernt auf einer kleinen Anh√∂he. Er konnte die gelblichen Lichter der Stra√üenbeleuchtung und den neonbunten Schein der Reklametafeln sehen. Vom Norden der Stadt stiegen hohe Rauchwolken von der Raffinerie auf.

Ren√© hatte viel zu sp√§t die Bedeutung der Raffinerie erkannt. Die Raffinerie und das √Ėl waren schon immer die Machtbasis f√ľr seine Familie gewesen, heute noch mehr als im Jahr 2050. Er hatte das fr√ľh erkannt und die notwendigen Schritte eingeleitet. Das Recht des M√§chtigeren obsiegte √ľber das Recht des Erstgeborenen. Und dann lie√ü ihn dieser Verr√§ter in eine Zelle werfen. Ein feiner Bruder war das. Und Rich√°rd, diese falsche Schlange, hatte ihm auch noch geholfen. Es war ein Fehler gewesen ihm das Kommando √ľber die Garde zu geben. Seine Mutter hatte ihn noch gewarnt, sie kannte sich schlie√ülich aus mit Verrat. Immerhin hatte sie seinen Vater vergiftet. Er hatte ihr das nie √ľbel genommen. Sein Vater war ein Tyrann gewesen, viel schlimmer als er es h√§tte sein k√∂nnen. Doch vermutlich nicht so schlimm wie Ren√© es sein w√ľrde.

Schon als kleines Kind konnte er sich nie beherrschen. Er zerst√∂rte sein Spielzeug, √§rgerte die Kinderm√§dchen, schrie und br√ľllte wie es ihm gefiel und war kaum zu b√§ndigen. Bereits als Ren√© 16 war musste ihr Vater einen Beamten bef√∂rdern und zwei Zeugen verschwinden lassen um zu vertuschen, dass Ren√© ein M√§dchen vergewaltigt hatte. Mit 18 Jahren √ľbernahm Ren√© die Beseitigung bereits von selbst. Verdammt, was sollte das √ľberhaupt? Er h√§tte sich ein Dutzend Frauen einfach kaufen k√∂nnen, aber er musste immer eine nehmen die nicht wollte. So hatten sich fr√ľh alle Hoffnungen auf ihn konzentriert, den zweiten Sohn des Kahns. Das war nicht ganz ungew√∂hnlich. Bereits sein Gro√üvater, der 2. Kahn, hatte es durch einen geschickten Schachzug auf den Thron geschafft. Noch mehr als der erste Kahn hatte er es geschafft, das Chaos nach dem dritten Weltkrieg zu seinen Gunsten zu nutzen und seine Macht zu festigen. Ein Umstand von dem er heute noch profitierte – oder profitieren w√ľrde, wenn er nicht in diesem Kerker s√§√üe. Leider war seine Muter nicht mehr am Leben um einzuschreiten. Sie war die einzige gewesen, die Ren√© hatte b√§ndigen k√∂nnen.

Aber nun war alles egal. Er hing in Ketten und niemand stand Ren√© nun noch im Weg. Auf in eine neue √Ąra, die noch dunkler werden w√ľrde als die vorherige. Juchhu. Vielleicht war es ohnehin besser wenn er hier sterben w√ľrde. Wenn er nur bald sterben w√ľrde. Der Durst war wirklich unertr√§glich. Mit halb geschlossenen Augen begann er wieder zu d√∂sen.

Pl√∂tzlich nahm sein Bewusstsein ein ungewohntes Ger√§usch war. Er sch√ľttelte kurz den Kopf und √∂ffnete die Augen. Jemand war an der Zellent√ľr und √∂ffnete das Schloss. Gespannt beobachtete er die T√ľr, wie sie mit einen lauten Knarren nach au√üen aufschwang. Herein trat eine dunkel gekleidete Gestalt mit schweren Stiefeln und einem Degen an der Seite. Langsam kam die Gestalt n√§her und blieb bei dem Glas Wasser stehen. Mit der Spitze des rechten Stiefels stie√ü er das Glas um und der kostbare Inhalt ergoss sich √ľber den Steinboden. Es verschwand sofort in den Rissen und in den Spalten zwischen den einzelnen Steinen. Nicht ein Tropfen blieb f√ľr den Gefangenen zur√ľck. Die dunkle Gestalt grinste.

„Komm doch ruhig ein bisschen n√§her Ren√©, damit ich dich mit meinen Ketten erw√ľrgen kann. Du w√ľrdest uns allen einen gro√üen Gefallen damit tun.“ Das Sprechen fiel ihm schwer und seine Stimme kam nur d√ľnn hervor. Es klang nicht ann√§hernd so stark wie er es sich gew√ľnscht h√§tte, aber es gen√ľgte um Ren√© soweit zu provozieren, dass er ihm mit der behandschuhten Hand ins Gesicht schlug.

Sein Kopf flog nach hinten gegen die harte Steinmauer und aus seinem Mund floss Blut. Er hatte sich zwar Fl√ľssigkeit gew√ľnscht, aber dies war nicht woran er gedacht hatte. Er spuckte das Blut aus und bem√ľhte sich, Ren√©s Stiefel zu erwischen, traf aber nicht.

„Du schl√§gst immer noch zu wie ein M√§dchen.“

F√ľr diese Bemerkung bekam er einen Fu√ütritt in den Magen. Er kr√ľmmte sich, soweit dies in Ketten m√∂glich war. Er musste ein paar Mal nach Luft schnappen bevor er sagen konnte: „Entschuldige. Ich meinte nat√ľrlich wie ein kleines M√§dchen.“

Der n√§chste Tritt traf linke Niere. Diesmal brauchte er etwas l√§nger um sich zu erholen. In der Zwischenzeit begann Ren√© zu reden: „Man sollte glauben, zumindest hier unten w√ľrdest du lernen deinen Mund zu halten. Aber nein, du machst dein Maul immer noch viel zu weit auf. Sieh dir doch mal an, wohin dich das gebracht hat.“

„Das einzige, was mich hierher gebracht hat, bis du. Nur weil du unbedingt den kleinen, machthungrigen Despoten spielen musst sitze ich hier.“

„Falsch. Weil du mich um mein Recht auf den Thron bringen wolltest. Deshalb bist du hier.“

„Du wei√üt genau, dass diese Entscheidung nicht von mir alleine getroffen wurde. Mutter war genauso der Meinung, dass es das Beste w√§re, mir den Thron zu √ľberlassen.“

René stieß einen zornigen Schrei aus und trat nach dem Glas, das noch auf dem Boden lag. Wuchtig schlug es gegen die Wand und die Splitter flogen in alle Richtungen. Ein paar davon trafen auch den Gefangenen. Er bemerkte den Schmerz kaum. Er wollte nur, dass René noch etwas näher kam.

„Mutter! Mutter war eine Verr√§terin. Sie hat Vater get√∂tet um selbst regieren zu k√∂nnen. Und du warst schon immer ihr Liebling. Du warst immer der Bessere, der Kl√ľgere, der St√§rkere. Und was war mit mir? Mich hat sie nur geduldet. Wei√üt du was sie mir eine Woche vor ihrem Tot gesagt hat? Sie hatte gesagt, ich sei verr√ľckt. Verr√ľckt, weil ich unserem Clan zu neuem Glanz verhelfen wollte.“

„Offensichtlich lag sie damit ja nicht ganz falsch. Ich kenne doch deine Pl√§ne. Die bringen nur Tod und Verderben. Sieh dir doch mal an, was nach dem letzten Krieg aus uns geworden ist!“

„Ich sehe genau, was nach dem letzten Krieg gekommen ist: Unsere Familie ist aus diesem Krieg hervorgegangen. M√§chtiger als jeder andere Clan auf diesem Kontinent. Und warum sollten wir uns diesen Kontinent nicht zu Untertan machen, so wie es der erste Kahn prophezeit hat?“

„Verdammt, weil der erste Kahn ein Junkie war! Der hatte nach 2063 doch keinen lichten Augenblick mehr.“

„Oh Bruder, du bist so beschr√§nkt und kurzsichtig. Du siehst die glorreiche Zukunft nicht, die vor uns liegt. Diese Zukunft, die ich uns bringen werde.“ Ren√© kam n√§her zu ihm hin, um ihm in die Augen zu sehen. Ja, noch ein wenig n√§her. „Ich werde das Werk des ersten Kahn vollenden. Unter mir wird unser Clan den ganzen Kontinent beherrschen – und sp√§ter die ganze Welt! Unter meiner Regentschaft werden wir zu alter Gr√∂√üe zur√ľckfinden und wieder die Herren dieser Erde. Und niemand wird mich davon abhalten, schon gar nicht du.“

Ihm entkam ein leichtes L√§cheln. Er streckte den Kopf nach vorne um n√§her an Ren√© heran zu kommen. Mit leiser Stimme sprach er: „Wei√üt du, was mir Mutter am Sterbebett verraten hat? Sie sagte: ‚Es stirbt sich viel leichter, wenn man rechtzeitig Rache ge√ľbt hat.’ Bei dir w√§re ich fast zu sp√§t gekommen, aber nun ist es doch noch so weit.“

Ren√© sah in verdattert an. Mit einen letzten L√§cheln biss der Gefangene mit einer speziellen Technik seine Backenz√§hne zusammen. Dadurch wurde der Z√ľnder ausgel√∂st, der die versteckte Sprengladung in seinen Backenz√§hnen zum Detonieren brachte. Als ihm der Sprengstoff damals eingebettet wurde, konnte man ihm nicht genau sagen, wie stark die Explosion werden w√ľrde. Man rechnete damit, dass alles in einem Umkreis von einem Meter zerst√∂rt w√ľrde. Man hatte die Sprengkraft definitiv untersch√§tzt.


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Es gibt nichts sinnloses. Selbst wenn etwas scheinbar sinnlos ist, zeigt es durch seine Sinnlosigkeit doch den Kontrast zum Sinnvollen - und erh√§lt dadurch einen Sinn. G√§be es schlie√ülich nichts sinnloses, w√ľssten wir nicht was sinnvoll ist.

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