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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ein Imperium der Sinnlosigkeit
Eingestellt am 14. 07. 2010 19:33


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onhcam
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jul 2010

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Lazo I. sa├č fr├╝h am Morgen in einem Kaffeehaus in der Wiener Innenstadt und war bisher der Einzige, der den Weg hierher gefunden hatte. Es war der Br├Ąunerhof, ein Lokal, dass er seit seiner fr├╝hesten Studienzeit aufsuchte und in dem er gerne zwei- bis dreimal in der Woche etwas Zeit verbrachte.
Er musste heute nicht arbeiten, war aber trotzdem fr├╝her aufgestanden als sonst. Eine alte Angewohnheit, die er sich nicht erkl├Ąren konnte.
Um sich seinen Kaffee nicht selber machen zu m├╝ssen, beschloss er in das erw├Ąhnte Kaffeehaus zu gehen und bestellte eine Tasse Mokka.
Seine Gedanken bewegten sich an jenem grauen Morgen beschwerlich und ziellos. Trotzdem fand er es angenehm hier zu sitzen und seine Tasse langsam zu leeren. Die Gedanken zerflossen wie der Zucker in der hei├čen Tasse. Morgendliche Zerstreuung, die er so n├Âtig hatte. Ein Kaffee in dem man sich verlieren konnte.
Langsam war es ihm wieder m├Âglich klare und konzentrierte Gedanken zu fassen. Es tat gut den Moment so deutlich und ohne Ablenkung genie├čen zu k├Ânnen, jede Anspannung fiel von ihm ab.
Bei ihm an seinem kleinen Kaffeehaustisch hatte er einen Kugelschreiber und sein kleines gebundenes Notizbuch mit rotem Rand und cirka dreihundert Seiten, die er innerhalb weniger Wochen schon zu einem Viertel voll hatte. Es passte gerade noch in die Innentasche seines Mantels, nie ging er ohne fort.
Seine Gedanken waren die letzten Monate immer wieder um die Themen Gesellschaft, Gl├╝ck und das Alleinsein gekreist. Besonders durch diese drei Lebensumst├Ąnde befand sich fast sein ganzes bisheriges Dasein immer wieder in einem existenzbedrohenden Ungleichgewicht, dass ihn meist in tiefer Depression versinken verlie├č.
Freunde gewonnen, sie durchschaut und etwas dabei verloren oder doch mehr gewonnen? Autonomie oder Einsamkeit. Ist Liebe gleich Gl├╝ck, bedeutet ein guter Job gleich Gl├╝ck, kann man auf sich alleine gestellt, wirklich gl├╝cklich sein? Bin ich wirklich gerne alleine oder war diese Einbildung doch wieder nur da zur Mauerbildung, zum Selbstschutz? Heute ging es seinen Gedanken nicht anders. Er legte das Buch vor sich hin und notierte:

ÔÇ×Fragen der Einsamkeit:
Warum bin ich allein? Wer kann mir die Einsamkeit wieder rauben? Brauche ich dazu jemanden, au├čer mir selber? Wenn ja, wer ist es? Eine neue Liebe, ein alter Freund (l├Ąngst vergessen)? Meine Eltern? Meine Nachbarn? Mein Therapeut? Meine Freunde, die ich nicht mehr sehen oder h├Âren kann, weil ich sie durchschaut habe, Unmenschen.
Braucht es neue Menschen in meinem Leben. Gibt es ├╝berhaupt jemanden, der es ÔÇ×WertÔÇť ist.
Mit mir allein und gl├╝cklich? Nicht ganz.
Zumindest eine therapeutisch-teilende Freundschaft. Und ein paar lose Kontakte zu verschiedenen Pers├Ânlichkeiten, Menschen.
Das ist genug, das ist Gl├╝ck?
Heilende, innere Aufl├Âsung der Probleme durch das Schreiben. Reden und sich frei, offen f├╝r neues Ungl├╝ck und neue Probleme f├╝hlen. Trinken um abzulenken, um sich zu bet├Ąuben, dabei in den leeren Kosmos ÔÇ×LebenÔÇť starren.
Der gl├╝ckliche Kosmos namens ÔÇ×LebenÔÇť, der erf├╝llte, gef├╝hlte Kosmos. Ein Knall, Urknall zum Neuanfang. Geist und Empfindlichkeit in Einklang bringen. Verstand und Natur wie Bruder und Schwester, wie Vater und Sohn, wie Mutter und Tochter.
Gef├╝hlsschreiben: nicht nur aufschreiben von Gef├╝hlen, sondern gef├╝hlt schreiben. Verharren, gleichzeitig gr├Â├čte Erkenntnis im Moment.ÔÇť

Zeit verging.
Ungef├Ąhr eine halbe Stunde nachdem er erschienen war kamen in unregelm├Ą├čigen Abst├Ąnden immer mehr Menschen und verteilten sich in seinem Blickfeld. Er hatte einen Platz in einer der Ecken des Lokals gew├Ąhlt, damit er alles ├╝berblicken konnte, unter seiner Kontrolle wusste.
Seine erste Tasse war leer. Er bestellte eine Zweite, beobachtete die Menschen wie sie miteinander sprachen. Es waren einige junge Leute darunter, wahrscheinlich Studenten. Er erinnerte sich, dass er mit seinen Studienkollegen selbst oft vor, zwischen und nach den Vorlesungen in Cafes und Gasth├Ąusern sa├č. Man tauschte sich gerne aus, debattierte, polemisierte. Nun hatte er aber niemanden daf├╝r und das fand er auf einmal schade.
Man brachte ihm die zweite Tasse Kaffee. Er nippte ungeduldig daran, sie schmeckte weniger erfrischend als die Erste. Es machte sich ein unbehagliches und undurchdringliches Gef├╝hl in ihm breit. Die vielen Menschen die ihm scheinbar pl├Âtzlich um sich herum aufgefallen waren, lie├čen ein Gef├╝hl der Bedr├Ąngnis und Entfremdung in ihm aufsteigen.
Bis jetzt war er recht froh gewesen ungest├Ârt geblieben zu sein, jedoch f├╝hlte er nun eine eisige, eine frostige K├Ąlte, die er glaubte, nur direkt um sich herum zu bemerken. Er bildete sich sogar ein, dass zwischen ihm und den anderen Menschen eine Art Temperaturbarriere emotionaler Art bestand. Hin und wieder schien es ihm, als w├╝rde er warme Gef├╝hlsstr├Âmungen, die von den P├Ąrchen und Gruppen um ihn herum kamen, f├╝hlen. Ohne b├Âse zu werden, w├Ąre er nun gerne von jemandem bel├Ąstigt worden, egal von wem. Irgendjemand, der ihn aus seiner Isolation herausrei├čen w├╝rde und ihn ein kleines bisschen seiner w├Ąrmenden Menschlichkeit sp├╝ren lassen k├Ânnte.
Ein immer lauter werdendes Sprachgewirr erf├╝llte den Raum. Anfangs ein leises S├Ąuseln, entwickelte es sich zu einem bedrohlichen Donnern.
Angst, Nervosit├Ąt, Schwei├č auf seiner Stirn. Unruhiges, h├Ąndisches schleifen der Hose.

Angespannt und innerlich bebend, versuchte er sich wieder auf sein Notizbuch zu konzentrieren. Es gelang ihm nicht. Sein Blick zuckte durch den Raum, er glaubte seinen Augen nicht, die Menge hatte sich ihm ausnahmslos zugewandt und starrte ihn an. Er l├Ąchelte gezwungen, wandte seinen Blick ab, starrte auf die Tischplatte, hob seinen Blick wieder. Man besch├Ąftigte sich wieder mit dem Gegen├╝ber. Unerkl├Ąrlich diese Blicke, konnte das wirklich passiert sein?
Er versuchte festzustellen, ob das was er gerade erlebt zu haben schien, auch wirklich geschehen war, geschehen sein konnte. Geistesabwesend blickte er an die Decke, die H├Ąnde im Nacken verschlungen.
Es machte keinen Sinn. Er hatte doch bis jetzt in keiner Weise, schon gar nicht auf irgendeine ungew├Âhnliche Art, die diese Blicke rechtfertigen w├╝rden, auf sich aufmerksam gemacht, lie├č nur seinen Gedanken freien Lauf. Oder waren sie ihm etwa ausgekommen und er hatte sie laut, f├╝r alle h├Ârbar, formuliert? Unsinn.
Lazo blickte etwas aufgeschreckt wieder in die Menge, spitzte die Ohren. Hatte er gerade seinen Namen geh├Ârt? Sprach man ├╝ber ihn? Seine Verwirrung wurde zu Furcht. Beklommen und nerv├Âs durch all diese Irritation beschloss er sofort zu verschwinden, st├╝rzte auf die n├Ąchste Kellnerin zu, dr├╝ckte ihr 10 Euro in die Hand und eilte aus dem Lokal.

Drau├čen und ein wenig benommen, torkelte er ein paar Meter umher.
Ein tiefer Atemzug, die Augen geschlossen. Ein beruhigendes und befreiendes Gef├╝hl. Die Sonne stach in wieder offene Augen. Es war ein warmer Tag. Blauer Himmel, ein paar Quellwolken.
Drau├čen hie├č nun, auf einer belebten Einkaufsstra├če zu stehen. Lazo ├╝berlegte welche Richtung die richtige sei und trat intuitiv nach links. Unsicher ├╝ber seine erlebten Empfindungen, bewegte er sich am ├Ąu├čersten Rand der Stra├če ÔÇô seines Verstandes - , wollte nicht in die dumpfe Masse, die kopflos von Auslage zu Auslage marschierte, eingesogen werden.
Schritte. Vorw├Ąrts.
Er versuchte sich klar zu werden, woher seine pl├Âtzliche Panik kam. Die Gedanken kreisten um die kalte Ignoranz, die Einsamkeit, das f├╝rchterliche Desinteresse an ihm, das er glaubte in dem Kaffeehaus versp├╝rt zu haben. War es das was ihn so beunruhigte, oder war es umgekehrt, und es war die scheinbar bedrohliche Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit, nach der er nie gefragt hatte und die ihm jetzt nur noch als reine Sinnest├Ąuschung erschien. War er ├╝berhaupt dort gewesen, oder war nur er dort gewesen, und sonst niemand. Eine tiefe Beklemmung sonderbarer Art. Das Alleinsein machte ihn unvern├╝nftig. Blick auf die Uhr. Erst ein paar Minuten vergangen. Seine Erinnerung schon l├╝ckenhaft.
Verflixt, nicht dar├╝ber nachdenken. Einfach weitergehen, die W├Ąrme genie├čen.
Bewusst dar├╝ber, dass er durch sein kalkuliertes, tiefes in sich gehen nach au├čen hin fast apathisch wirken musste, versuchte er Kontakt zu den Leuten herzustellen, die sich mit ihm die Stra├če teilten.
Ein Augenaufschlag, ein sympathisches L├Ącheln. Nur Ablehnung, man ignorierte ihn. Beobachtete ihn offensichtlich nur, wenn er nicht hinsah. Er blieb stehen, drehte sich im Kreis, versuchte einen der Blicke einzufangen und scheiterte. Warum schon wieder diese Ablehnung, wieso wollte man ihn nicht dazu geh├Âren lassen? Unbeholfen ging er weiter gerade aus.
Er dachte wieder ├╝ber die Zeilen nach, die er ihm Br├Ąunerhof verfasst hatte. Schon lange, eigentlich seit seiner sp├Ąten Jugend, besch├Ąftigten ihn seine gewonnenen und wieder verlorenen Bindungen zu den Menschen in seinem Leben und um dieses herum. Bei manchen seiner Bekanntschaften war schon nach 2 Minuten alles gesagt und man verlor das weitere Interesse. Bei anderen dauerte es Jahre, bis sie ihren Reiz verloren und man sein Leben genau so unbehelligt weiter leben wollte wie zuvor. Oft gab es Personen, meist m├Ąnnliche, bei denen er davon ausging, sie k├Ânnten zu so etwas wie seinen Lebensmenschen werden, doch er hatte sich immer geirrt. Nie hielt er es l├Ąnger als 4-5 Jahre in einem gewissen Kreis von Freunden aus, nie schienen sie ihn l├Ąnger als f├╝r eine kurze Periode seines Daseins zu interessieren. Waren es Freunde aus der Schulzeit, Menschen am Anfang der Adoleszenz, die ersten Fortgehfreunde oder Kollegen w├Ąhrend seiner Studienzeit, die er nie als Freunde bezeichnet h├Ątte, immer fand es nach relativ kurzer Zeit ein Ende. Dies ging auch jedes Mal von ihm aus. Er war es immer, der sich scheinbar aus den Beziehungen zur├╝ck zog. Zumindest empfanden es die anderen so.

Zur Zeit waren es nur lose Kontakte denen er unregelm├Ą├čig pflegte nachzugehen. Irgendwie interessierte er sich nicht mehr f├╝r die Welt.
Seine Gedanken streiften umher. Minuten verstrichen, dann pl├Âtzlich eine Erkenntnis:

ÔÇ×Es ist mir heute aufgefallen, dass ich keine Freunde mehr habe. Zuerst dachte ich, dass sollte mich beunruhigen, aber ich bemerkte schnell, wie erleichtert ich eigentlich war. Keine Verpflichtungen mehr zu haben, befreit einen. Ich habe erkannt, dass ich anscheinend nie Freunde haben wollte. Meine Freundschaften ergaben sich wohl eher aus einem gesellschaftlichem Zwang heraus, als aus einem tief sitzenden, inneren Verlangen. Fr├╝her sah ich sie vielleicht als Zeitvertreib oder Mittel gegen die Einsamkeit. Heute erkenne ich, wie zufrieden ich mit mir selber bin. Alleine, auf mich gestellt. Ohne Bindungen, die einen zur├╝ckhalten. Nat├╝rlich erhalte ich weiter meine sozialen Kontakte. Aus einem gro├čen Bekanntenkreis zu sch├Âpfen ist nicht ganz ohne Wert, falls man sich selber einmal wieder langweilig wird oder in eine Situation kommt, aus der man sich nicht selber helfen kann. Doch mit der Suche, nach dem anderen Ich, scheint es vorbei. Ich bin Ich und brauche niemanden sonst.ÔÇť

Kurz war er stehen geblieben. Nun bewegte er sich weiter vorw├Ąrts, war noch immer auf der selben endlosen Einkaufsstra├če unterwegs, die einem immer wieder neue Verlockungen aufzuzwingen versucht. Leuchtreklamen, Prozente, Jetzt kaufen, sp├Ąter zahlen!, einen neuen MP3-Player, bitte sehr, ein paar neue Schuhe, danke sehr, ein neues Leben, eine andere Identit├Ąt. Nicht mehr Ich sein. Kein Problem.
Abgesto├čen war er von diesen aggressiven Aufforderungen zur Selbstaufgabe. Als w├Ąren die Menschen nicht schon genug von ihren eigenen Leben irritiert, versuchte sie die Werbemaschinerie noch mehr in ein Gef├╝hlschaos zwischen Konsumrausch und Verwertungsabgrund, in eine Art bulimischen Zustand, zu st├╝rzen. Eine ewige Spirale, die niemanden losl├Ąsst, nicht diejenigen, die sie ausn├╝tzt und auch nicht diejenigen, die sie glauben zu beherrschen. Niemand beherrscht sie. Sie beherrscht den Menschen, nicht umgekehrt. Das gesamte Wirtschaftsgeflecht als Todesmaschinerie und das Ersatzteil, dass in der gr├Â├čten Quantit├Ąt vorhanden ist, ist der Mensch. Das menschliche Handeln als Antimaterie zur Fleischlichkeit des eigenen K├Ârpers.
So leid ihm die Menschen taten, so sehr war er auch von ihnen angewidert. Warum konnten sie sich nicht einfach dies allem widersetzen und endlich danach fragen, das fordern, nachdem es sie in ihrem Leben wirklich dr├Ąngt. Es will doch nicht wirklich jeder aus seinem tiefsten Innern heraus, jedes Monat ein paar neue Schuhe, jedes dritte Jahr ein neues Auto oder auf ewig jugendliches Aussehen, wenn es einem nicht immer diktiert werden w├╝rde. Die Schw├Ąche der Menschen, nicht f├╝r sich leben zu k├Ânnen ohne dabei auf andere zu vergessen, h├Ąlt sie doch nur davon ab endlich wirklich Mensch zu sein. Er konnte dies schon lange nicht mehr verstehen. In seinen Zwanzigern entschied er sich dazu, zwar noch weiter mit den Anderen in dieser Gesellschaft zu leben, sich aber weitestgehend nicht mehr daran zu beteiligen. F├╝r ihn war es das einzig Vern├╝nftige, die einzige Chance, zu ├╝berleben.
Er begann wieder zu gr├╝beln. Minuten verstrichen, dann eine neue Erkenntnis:

ÔÇ×Anscheinend geht mein Empfinden noch tiefer. Vielleicht habe Ich es mit meiner Unabh├Ąngigkeit ├╝bertrieben. Ich f├╝hle mich wie abgesondert von der Welt. Als w├╝rde ich in einem Meer der Einsamkeit schwimmen, umh├╝llt von einer Luftblase und w├╝rde euch bei euren t├Ąglichen Gesch├Ąften zusehen, obwohl ihr mich eigentlich gar nicht interessiert. Genau so wenig interessiert ihr euch f├╝r mich. Wir leben in zwei Welten. Ich ganz allein in meiner, ohne einsam zu sein. Ihr gemeinsam in eurer, mit vielen einsamen Gesichtern. Mein Blick auf eure Welt ist verzerrt und nicht immer bekomme ich alles mit. Ihr scheint nur zu vegetieren, Ich lebe dahin. Vielleicht ist es aber auch umgekehrt. Mag sein, dass niemand richtig lebt. Meine Empfindungen was eure Welt betrifft sind abgestumpft. K├Ąlte und W├Ąrme haben an Kraft verloren. Ich f├╝hle mich nur selten zu euch zur├╝ckversetzt. Heute hat mich zum Beispiel jemand am Arm gestreift, da sp├╝rte ich euch wieder. Ein anderes Mal standen zwei Personen neben mir und unterhielten sich lautstark, da bemerkte ich wieder, dass ihr da seid. Es wirkt zu Irreal, als das es wahr sein k├Ânnte, nur das es sich jeden Tag so anf├╝hlt. Als w├╝rde ich als einziger ohne Zwang leben k├Ânnen. Man macht sich pl├Âtzlich keine Sorgen mehr um das Aussehen (nur noch aus ganz pers├Ânlicher Eitelkeit) oder ├╝ber das eigene Handeln. Ich muss nicht mehr f├╝r euch jemand sein, nur noch der, der Ich sein will. Alles was ich sage, prallt von der H├╝lle die mich umgibt wieder ab, sodass ich mich besser verstehe, als euch. Ich bin nur Tourist. Wenigstens muss ich jetzt nicht mehr nach euren Erwartungen leben.ÔÇť

Jetzt ging er schneller. Musste weg. Wollte sich hier nicht selber verlieren.
Kreuzte viele kleine Gassen, traute sich aber nicht hinein. Wollte nicht alleine sein. Er brauchte die Menschen, um sich selber noch als solcher zu erkennen. Selbst wenn die, die mit ihm waren, ihm wie lebende Tote vorkamen. Gleichzeitig wieder Panik.
Immer gr├Â├čere und schnellere Schritte. Pl├Âtzlich das Ende in Sicht. Die Stra├če verj├╝ngte sich, das Tempo ging zur├╝ck. Keine ├╝berdimensionalen Werbeplakate und Leuchtreklamen mehr. Ein paar wenige Menschen, keine Hektik mehr. In etwa 50 Metern Entfernung ein Park, aus dem Kindergel├Ąchter kam. ÔÇ×Da muss ich hinÔÇť.

Er setzte sich auf eine Bank aus Holz und beobachtete die spielenden und herum tollenden Kinder. Sie kletterten und liefen und rutschen herum. Spielten Fangen, kicherten und waren frei. Ein wunderbarer Anblick. Die Erleichterung in ihm war unbeschreiblich. Ein Gef├╝hl von federhafter Leichtigkeit. Sich wieder als Kind f├╝hlen, die Endlosigkeit des Moments genie├čen. Das kam seiner selbst am n├Ąchsten. Die Gedanken wurden wieder klarer, der Atem, zuerst noch heftig keuchend, verlangsamte sich, stand fast still. Ein Trance-├Ąhnlicher Zustand bet├Ąubte seinen Verstand. Er begann zu tr├Ąumen:

ÔÇ×Der Mann der nicht mehr wissen wollte, welchen Namen er einst trug, ging mit schnellem Schritt die Stra├če hinab. Unbekleidet war er gerade aus dem brennenden Haus gekommen, das einst als sein Eigen bezeichnet wurde und das er selbst in Brand gesetzt hatte. Nichts nahm er mit sich, alles was einmal seinem alten Ich geh├Ârt hatte, ├╝bergab er dem Feuer. Kein St├╝ck Stoff, kein Foto aus fr├╝heren Zeiten, nicht seinen Fernseher oder seine B├╝cher, nichts nahm er mit sich. Die Erinnerung an sich ausgel├Âscht, in ein Nichts verwandelt. Niemand, nicht einmal er selbst, konnte nun mehr behaupten er sei der, der er fr├╝her war. Er war nun eben Er, der der er immer sein wollte und das machte ihn gl├╝cklich. Es st├Ârte ihn nicht, dass nur noch er sich erkennen w├╝rde, er brauchte jetzt auch niemanden mehr als sich selbst. In sich geschlossen, nahe der Perfektion, so empfand er sich nun.
Vorw├Ąrts, vorw├Ąrts, immer vorw├Ąrts schreitet er im Leben. Kein festhalten mehr an Altem und an Neuem. Ist es verbraucht, ist es zu Ende. Man wirft es weg, streift es ab, ohne Sorge. Was verliert man schon, wenn man sich nicht mehr durch Banalit├Ąten zur├╝ckhalten l├Ąsst. Man kann nur gewinnen. Ehre, Stolz, Ruhm, eine erfolgreiche Karriere, das Schulterklopfen anderer, das hat doch nichts mit Ihm zu tun. Sein Leben hat nichts mit eurem zu tun, wie zwei parallele Kosmen.
Die Stra├če hinunter, auf des Lebens Fl├╝geln. Unbedr├Ąngt und ungehindert. Mit breitem Fl├╝gelschlag durch die weite Welt. Gebunden nur noch an sich selbst und das eigene Gl├╝ck.
Er braucht niemanden ├╝ber sich. Er ist sich selbst so viel wert. Du brauchst niemanden ├╝ber dir, die einzige Autorit├Ąt, die du zu akzeptieren hast, bist du selbst. Du bist es selbst wert ├╝ber dich zu bestimmen. Du musst an dir selbst festhalten.ÔÇť

Minuten mussten vergangen sein, vielleicht Tage. Das linke Lid begann leicht zu zucken, dann das rechte. Die Augen blinzelten, die Finger klopften am Holz. Seelische Unruhe.
Man beobachtete ihn wieder. Die Eltern waren gekommen, zeigten mit den Fingern auf ihn, redeten vor vorgehaltener Hand. Warum wollte man ihm nicht mehr Zeit mit seinen Br├╝dern und Schwestern lassen? Er sp├╝rte die deutlichen Blicke, das aggressive Deuten. Bohrende Nadelstiche auf seiner Haut.
Sein Verstand sagte ÔÇ×Weg, schnellÔÇť, sein Herz war schwer wie Blei. Der Verstand behielt die Oberhand.
Er stand auf, wandte sich von den Blicken ab und verlie├č den Park.

Stra├če, taumeln. Nichts.

Einige Zeit sp├Ąter. Er versuchte zu erkennen, wo er war. Anscheinend war er richtig gegangen, er war daheim.
Ein paar Gassen weiter war das Haus in dem er lebte, das Apartment, in dem sein Leben still stand.
Griff in die Hose, raus aus der Enge, den richtigen Schl├╝ssel in dem Gewirr finden. Er sperrte auf, trat ein und schaute die sich windende Schneckenhaus-f├Ârmige Treppe hinauf. Licht am Ende durch Glas. Endlosigkeit.
Einen Stock nach dem Anderen qu├Ąlte er sich, wusste gerade nichts besseres zu tun. Von drau├čen wurde er verjagt, man wollte ihn nicht.
Vor der T├╝r, wieder Schl├╝ssel suchen, rattern im Schl├╝sselloch. Er trat ein, ein k├╝hler Luftsto├č aus dem Wohnzimmer, jemand hatte das Fenster offen gelassen. Er war allein, wollte aber nicht alleine sein. Durchsuchte die Zimmer, niemand. Ging in das Wohnzimmer. Auf dem Couchtisch lagen Briefe.
Der Erste ÔÇ×An Hr. Lazo I.ÔÇť, der Zweite ÔÇ×Zu Handen: Hr. Dr. Lazo I.ÔÇť. Der Dritte ÔÇ×An Fam. IljitschÔÇť. Schock.
Familie? Welche Familie? War er nicht alleine, verlassen, ohne der M├Âglichkeit, sich an einer verwandten Seele anzuschmiegen?
Heftiges, schnelles, angestrengtes Atmen. Der Hemdkragen wurde eng, die Luft d├╝nn. Das Fenster noch immer offen. Licht.
Vor dem Fenster, zog die Schuhe und Socken aus. Nahm die Vorhangschnur, band sie sich um den Hals, verkn├╝pfte sie. Sa├č auf dem Fensterbrett, lachte den blauen Himmel an, lie├č die nackten F├╝├če baumeln; glatter, harter Beton in einiger Entfernung. Loslassen.

Stopp. Ich will nicht wie alle anderen sein. Leben.

Er ging wieder zur├╝ck in die Stadt.

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