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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Ein Junge überlebt
Eingestellt am 01. 10. 2009 08:43


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Hedwig Storch
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2005

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Weihnachten naht. Wir müssen uns Geschenke ausdenken.

Warum, so lautet in diesem Monat unsere Frage, werden die Harry-Potter-Bücher so gern gelesen?
Diese kleine Untersuchung könnte eigentlich ganz kurz ausfallen, weil die Antwort bereits nach ein paar Dutzend Seiten dieses ersten der sieben Potter-Bücher klar wird: Joanne K. Rowling wirft auf ihre indirekte Art Fragen auf, die den Leser weiter und immer weiter lesen lassen. Da eine solche Rezension aus zwei Sätzen womöglich nicht hingenommen wird, soll noch gesagt werden, was gemeint ist.

Zum Beispiel ist unklar, weshalb drei von Harrys Zauberfreunden den Protagonisten als Wickelkind auf die Schwelle der Haustür seines Onkels Mr. Vernon Dursley sowie seiner Tante Petunia legen. Die drei Freunde sind Mr. Albus Dumbledore, der Leiter der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei, seine Stellvertreterin Minerva McGonagall und Mr. Rubeus Hagrid.
Sodann der Zoo-Besuch. Das ist die Geschichte mit der Boa constrictor. Wer hat das dicke sichere Glas um das Terrarium herum weggezaubert? Vielleicht Harry? Vermutlich ist Harry ein kleiner Zauberer, denn er kann mit der Riesenschlange kommunizieren.
Und dann die Sache mit den Briefen. Warum hat Harrys Onkel Vernon, ein Muggel (das ist einer, der kein Magier ist), solche Angst vor diesen Postsendungen? Warum gibt Onkel Vernon nach Eintreffen der Sendungen dem Neffen ein komfortableres Zimmer? Warum flüchtet der robuste Onkel mit der ganzen Familie vor den Briefen? Warum sind die Schreiben stets auf das Korrekteste adressiert - unabhängig vom verborgensten Bestimmungsort?

Die eingangs dargebotene Kurzrezension aus zwei Sätzen ist übrigens unvollständig. Es gehört noch ein dritter Satz hinzu: Die Autorin Joanne K. Rowling weiht den neugierigen Leser Schritt für Schritt in die Geheimnisse ihrer Zauberwelt ein. Dazu wiederum ein Beispiel. Die allererste Aufklärung des Lesers geschieht durch o.g. Mr. Hagrid zu Harrys 11. Geburtstag. Harry ist ein Zauberer! Dieser Satz ist bedeutsam für das weitere Textverständnis. Mr. Hagrid fungiert überhaupt als rechtzeitiger Überbringer bedeutsamer Kurzbotschaften an den hoch geschätzten Leser. Während jenes Auftritts zum 11. Geburtstag preßt er erschauernd das Wort Voldemort (Quelle, S. 63, 5. Z.v.o.) heraus - die Inkarnation des Bösen überhaupt. Ein Feindbild wird konstituiert. Dem Guten steht das Böse gegenüber. Der oder das Böse - Voldemort - wird auch von den Zauberlehrlingen, also den Schülern der Zauberschule auf Schloß Hogwarts, hinter vorgehaltener Hand Du-weißt-schon-wer genannt. Lord Voldemort hält sich mit seinem Auftritt zurück. Nicht aber eine Phalanx Menschen, die - so will der Leser meinen - Harry gar nicht wohlwollen. Filch, Prof. Severus Snape und Harrys Mitschüler Draco Malfoy sind drei davon.

Harry Potter ist in Zauberkreisen bereits bekannt wie ein bunter Hund zu einem Zeitpunkt, als er den Zauberern noch gar nichts vorgezaubert hat. Er wird als Wundertier angestaunt, weil er einer der Wenigen ist, der Voldemort von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand. Joanne K. Rowling hat das sicherlich so konstruiert, damit der Leser sein Vergnügen bekommt, wenn er sich mit dem Protagonisten Harry Potter identifiziert. Weil die Phantasie der Autorin bewundernswert ist, nehmen wir dies Letzgenannte nicht als auf den ersten Blick durchschaubares Anbiedern beim Leser, sondern schlicht als dem Buch-Verkauf dienliches Schreiben. Phantasie besitzt Joanne K. Rowling wirklich. Nehmen wir nur das Zauberschachspiel mit den Schachmenschen. Diese können denken, sprechen und sträuben sich deswegen gelegentlich vor Harrys nächstem Zug. Dann ist da noch der Umhang, der seinen Träger unsichtbar macht, der es Harry erlaubt, ungesehen in den verbotenen Bereich der Bibliothek der Zauberschule vorzudringen. Dort will Harry nachlesen, wer der scheinbar unsterbliche Nicolas Flamel ist, flüchtet aber vor dem schreienden Buch. Fragen über Fragen türmen sich auf: Was für eine Bewandtnis hat es mit dem Zauberspiegel Nerhegeb? Was zeigt er? Antwort: Den tiefsten Herzenswunsch dessen, der vor dem Spiegel steht. Das Buch ist also ein klein wenig mehr als Klamauk. Joanne K. Rowling hat wirklich nichts vergessen: Obwohl Harry und Mitschüler Kinder sind, wird die Zuwendung der Geschlechter zart angedeutet. Die Mitschülerin Hermine Granger macht dem Waisenjungen Harry ein Weihnachtsgeschenk. Gut und Böse ist, so hat es den Anschein, bald wie im Märchen, eindeutig unterscheidbar. Harrys Ersatzvater Hagrid trinkt zur Schul-Weihnachtsfeier einen über den Durst und küßt Prof. McGonagall auf die Wange. Die Liebkoste errötet und kichert. Oben war noch zusammen mit Prof. McGonagall und Mr. Hagrid der Schulleiter Dumbledore erwähnt. Der Leser spürt von Anfang an, Dumbledore ist es, der Harry schützt und der dem Jungen die Überlebensmittel in die Hand gibt. Gleichzeitig im Hintergrund sind Harrys verstorbene liebe Eltern präsent. Es ist - wie gesagt - nicht nur Zauberklamauk, der in diesem Buch vorgeführt wird. Vielmehr wird eine Überzeugung, eine Idee vorgetragen: Die Liebe des Menschen zu dem Menschen ist mächtiger als alle böse Zauberkraft Voldemorts. Der Lord will von dem Elixier des ewigen Lebens trinken, das über den blutroten Stein der Weisen zu bekommen ist. Wird er trinken können?
Von einem begnadeten Schachspieler wäre noch zu berichten - Harrys Mitschüler Ronald Weasley, genannt Ron. Und über die Zentauren Ronan, Bane und Firenze sollte gesprochen werden. Des Weiteren über den kleinen schnell wachsenden bissigen Drachen Norbert, über den dreiköpfigen Hund Fluffy, der den Stein der Weisen in der Zauberschule auf Schloß Hogwarts bewacht. Über Schutzzauber und über Quirinus Quirrell, den Professor für Verteidigung gegen die dunklen Künste. Das ist der, der den merkwürdigen Turban trägt. Geht nicht. Diese Besprechung ist inzwischen länger als zwei Sätze geworden. Schenken Sie dieses wunderliche Buch zu Weihnachten und lesen Sie einfach mit. Denn die Schrift ist groß gedruckt und die Seiten sind dick.

Die britische Autorin Joanne K. Rowling wurde am 31. Juli 1965 in Yate bei Bristol (Westengland) geboren. Das K. steht für Kathleen (entlehnt aus dem Vornamen der Großmutter).

Quelle:
Joanne K. Rowling: Harry Potter und der Stein der Weisen.
Aus dem Englischen von Klaus Fritz. Hamburg 1998. 335 Seiten. ISBN 3-551-55167-7

Das Original erschien 1997 unter dem Titel
Harry Potter and the Philosopher's Stone
bei Bloomsbury in London

Unfreiwillige Komik in der Quelle:
S. 96, 1. Z.v.u.: "Er kaufte für sich und Harry zwei Hamburger und sie setzten sich auf die Plastiksitze, um sie zu verspeisen."
S. 175, 10. Z.v.o.: "..., wo sie einen Stechen spürte,..."

Hedwig 10/2009

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Hedwig

Version vom 01. 10. 2009 08:43

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