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Leselupe.de > Kurzprosa
Ein Kreis vor, zwei Kreise zurück (Pamphlet)
Eingestellt am 29. 09. 2000 20:25


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Bernd
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Ein Kreis vor, zwei Kreise zurück

Offener Brief an den Erbanarchen der Piistisch-Pappelistischen Gemeinde
von Hutschi

O Erbanarch, o Erbanarch,
wie kantig sind die Kreise


Formaldehyd, den 30.02.1999

O Erbanarch,

voller Geduld und unter fast vollständiger Selbstverleugnung habe ich während eines vollen Umlaufs meines Heimatplaneten um unser Zentralgestirn geschwiegen, obwohl ich beschimpft und der Ketzerei und des Irrtums beschuldigt wurde, aber ich kann es nicht jetzt nicht mehr. Denn nunmehr wird immer klarer: der von mir geschätzte und hochgelobte Piismus verhärtet sich, während die Pappel am Verdürsten ist. An die Stelle von Diskussion und Toleranz treten Piquisition und Kantenschleifen.
Unser Glaube an Pi und sein transzendente und göttliches Wesen ist unumstößlich. Das gebietet es, endlich das Schweigen zu brechen.
O Erbanarch, wir (ich will hier nicht erklären, wer das ist, der sich unter dem Sammelbegriff wir verbirgt, das bin ich den anderen Seiten meines ich schuldig, außerdem möchte ich mich weder einer übermäßig langen Grillzeit in der Hölle, noch einer kurzen auf der Erde aussetzen) nehmen keineswegs die wissenschaftliche Erkenntnis anstelle des Glaubens. Die wissenschaftliche Erkenntnis ist der Glaube. Und unser Glaube an Pi ist bestimmt durch die unumstößliche Tatsache, daß die Höhe im wahren und wirklichen Kreis gleich der Diagonale ist. (Das gilt sogar dann, wenn der Kreis unter Krafteinwirkung gequetscht wurde.)
O Erbanarch, es heißt, man könne sich in zulässiger Vereinfachung den Kreis als Quadrat vorstellen, dabei sei diese Vorstellung nichts anderes als eine Art poetisches Bild!?! Der Kreis ein Quadrat? ...und das als Veranschaulichung unseres geschätzten Piismus für die Massen? Selbst unser Bruder in Pi Kuno glaubt schon daran. Er spricht von einem Kugelförmigen Würfel beziehungsweise einer Würfelförmigen Kugel.
Eine zulässige Vereinfachung? Diagonalen und Höhen eines beliebigen Quadrates beziehungsweise Würfels hätten die jeweils gleiche Länge, am Ende könnte man ohne anzustoßen quer durch Türen gehen oder in Straßenbahnen einsteigen. Wie absurd: in Straßenbahnen kriechen! Und diese rundeckigen Bildschirme!
O Erbanarch, ich kann nicht länger schweigen, wenn Gerüchte umlaufen, die, wie ich hörte, vom Erbanarchen selbst gezielt verbreitet wurden, wohl um unsere Treue zu Pi zu testen, der Kreis sei Quadrat. Satelliten flögen also auf Geraden, bis ihr Impuls verschwände, dann plötzlich zögen sie im rechten Winkel zu ihrer bisherigen Bahn, um fernerhin ein Quadrat zu zeichnen, solange nicht die Anziehungskraft irgendwelcher dritten Körper sie zur Einsicht bewegte oder aus ihrer Bahn triebe -- unter Vernachlässigung der fernen feinen kosmischen Staubkörner, deren Macht größer ist als die der gewaltigsten Sterne unserer Galaxis.
Wie soll ich je wieder in Ruhe vor dem Fernseher sitzen und schlafen können, wenn nicht mal mehr auf die Umlaufbahnen der TV-Satelliten Verlaß ist?
In früheren piistischen Werken wurde behauptet, das real existierende Pi sei ständig im Wachsen begriffen, es stiege allmählich vom altägyptischen Wert Drei auf den Wert Vier, den idealen, wahren und einzigen Wert für Pi. Dabei ist dieses Steigen durch nichts, aber auch gar nichts bewiesen. Es ist klar: Pi kann in der realen Welt nicht jeden beliebigen Wert annehmen, mithin: Pi steigt nicht allmählich von Drei auf Vier, ist nicht einfältig, sondern vielfältig, manche sprechen sogar von mannigfältig. Das Steigen des realen Pi von Drei auf Vier dagegen ist irrelevant, wie im folgenden noch gezeigt wird.
Schon im vergangenen Jahrhundert bewies der bekannte Vorläufer des Piismus, der hochgelehrte Autor Lewis Caroll die Abhängigkeit Pis vom Druck. (Den Beweis zu veröffentlichen versage ich mir unter Kopfschmerzen, da ich noch keine intergalaktische Nebel- und Haftpflichtversicherung abgeschlossen habe.)
Aber ich gebe eine Zusammenfassung seiner Voraussetzungen in einer vorläufigen Bearbeitung durch den Urania-Umform- und Kürzungsdienst mbH:
Das Problem der Berechnung von p wurde bisher als rein arithmetisches aufgefaßt. Erst in unserer (Lewis Carolls) Zeit gelang die Entdeckung, daß es sich in Wirklichkeit um ein dynamisches Problem handle. Der wirklichen Wert von Pi, der unseren Vorfahren als ignis fatuus erschien, wurde am Ende unter Anwendung von Druck ermittelt.
Es folgen die wichtigsten Daten des Problems:
Es sei U=Universität, G=Griechisch und P=Professor. Dann ist GP=Griechisch-Professor, den wir reduzieren können bis wir schließlich als Ergebnis J erhalten.
Außerdem sei A=getane Arbeit, Z=Zeit, B die gegebene Bezahlung, p die Bezahlung entsprechend Z, und S die erforderliche Summe, also wird p=S.
Das Problem war, einen Wert für Pi zu erhalten, der mit A vereinbar sei. In frühen Versuchen erhielt man für Pi einen Wert von 40.000000. Spätere Autoren vermuteten, daß der Dezimalpunkt sich verschoben habe und der richtige Wert 400.00000 sei. Da aber die Einzelheiten dieses Verlustes ebenfalls verloren gingen, wurde kein weiterer Fortschritt mehr in der Sache erreicht.
Es gab eine Reihe von Methoden zur Ermittlung von Pi, die Caroll ausführlich beschrieb, die auch jedesmal erfreulicherweise zu unterschiedlichen Ergebnissen führten. Beispielsweise ergab die Anwendung von Druck für p den Wert p=S=500.00000, einen Wert, der noch recht stark von den erforderlichen 400.00000 abwich, aber man war auf dem richtigen Wege. Es kann kein Zweifel sein, daß die Prozedur korrekt ausgeführt wurde.
Wer genauer nachlesen will kann das tun in THE NEW METHOD OF EVALUATION AS APPLIED TO P, THE COMPLETE ILLUSTRATED LEWIS CARROLL, S. 1011 ff. Wordsworth Editions Ltd 1996, reprinted 1998. O Erbanarch, ich will sie nicht foltern, die Natur, wie weiland Jeremias Tichy, der mit Hämmern auf Schienen einschlug. Ich will auch keine Stecknadeln auf den Teppich werfen, wie Statistiker und Anhänger der Monte-Carlo-Methode es tun (das gäbe Krach mit meiner Frau), oder Lichtmasten auf Straßenbahnschienen knicken (das gäbe Krach mit meinem Chef, weil ich zu spät kommen würde), oder ein Glas Bier in die Spüle schütten (das wäre einfach Verschwendung), um Pi zu ermitteln; das ist alles nicht nötig, denn Pi ist eine magische Zahl, die einfach ist, und zugleich vielfältig.
Außer durch die Geometrie und Physik ist Pi durch Gastronomie und Ökonomie bestimmt. Die Größe der Semmeln und der tägliche Kurs von Pi an der New Yorcker Börse geben einen entsprechenden Überblick über den gegenwärtigen Stand.
O Erbanarch, das reale Pi ist nicht gleich Vier!!! Auf meinem Schreibtisch liegt Pi zwischen den Werten 2.4 und 42. Das fand ich durch einfaches Nachmessen bestätigt.
O Erbanarch, soeben erreichte mich über das Internet die Nachricht über die Einführung des Europi. Für den Europi (ep) gilt
(A.1) ep/4=1.95583.
Hieraus ergeben sich unmittelbar:
(A.2) 25 ep = 195.583
(A.3) 400 = 51.1292 ep,
mithin ein Wert erstaunlich nahe an p=P=500.00000.
O Erbanarch, das reale Pi ist keineswegs konstant, sondern vielfältig abhängig, beispielsweise von der Geschwindigkeit und der Gravitation.
Die Pilatation, das heißt, die Veränderung von Pi relativ zu einem Referenzobjekt, ist bestimmt durch:
(B.1) dp=dP(1-v2/c2)1/2.
dp ist die partielle Real-Pi-Veränderung für ein betrachtetes Objekt A. dP ist die partielle Veränderung des Idealen Pi für ein Referenzobjekt B. v ist die Geschwindigkeit von A, mit der es sich relativ zu B bewegt. Die als konstant angenommene Lichtgeschwindigkeit ist gekennzeichnet mit c.
Je schneller sich A relativ zu B bewegt, zum Beispiel auf der Flucht vor der Pilizei P, umso langsamer ändert sich p bei gleichzeitiger Änderung von P.
Durch Integration von (B.1) erhält man:
(B.2) p=P(1--v2/c2)1/2+k,
dabei ist p(P) das reale Pi von A(B) und k die Integrationskonstante.
Leicht zu ermitteln ist durch einfaches Einsetzen die Geschwindigkeit, bei der das reale Pi dem idealen Pi gleichkommt:
Aus (B.2) und p=P=4 ergibt sich
(B.3) 4=4(1--v2/c2)1/2+k.
Daraus folgt unmittelbar
(B.4) |v|={[1--(1--k/4)2]c2}1/2.
In Welten mit k=0 sieht man sofort:
(B.5) |v|=0.
Mithin ist Pi beispielsweise im Zustand der relativ absoluten Ruhe gleich Vier.
Das gilt natürlich nicht für stehendes Licht (Standlicht) mit c=0. Für c=0 wäre Pi völlig unbestimmt, wenn wir nicht unseren Glauben hätten.
Aus (B.2) und p=P=3 ergibt sich
(C.1) 3=3(1--v2/c2)1/2+k.
Daraus folgt unmittelbar
(C.2) |v|={[1--(1--k/3)2]c2}1/2.
In Welten mit k=0 gilt auch hier:
(B.5) |v|=0.
Das heißt, ohne Verletzung der Allgemeinheit ist Pi bei Geschwindigkeiten von Null und bei einer piistischen Konstante k von Null sowohl Vier, als auch Drei, was hiermit eindrucksvoll bewiesen wurde. Damit habe ich auch mein weiter oben gegebenes Versprechen eingelöst.
Leider wissen wir nicht genau, ob wir in einer solchen Welt leben. Da hilft nur der Glaube.
Wie steht es nun mit meiner Behauptung, Pi sei auch gleich Drei, und das reale Pi ergäbe sich durch den Mittelwert beim Oszillieren von Pi zwischen Drei und Vier? Es ist doch offensichtlich: Wenn Pi über Telefonleitungen oder auch drahtlos, jedoch in digitaler Form übertragen werden soll, muß es moduliert werden. Hierfür eignen sich beispielsweise die Frequenz-, die Phasen-, und die Treppchenmodulation. Pi sei gegeben als Piodische Schwingung. Vor dem Durchschleusen durch die Telefonleitungen (diese sind heute vielfach verschlungen und gewunden) muß Pi gefaltet werden. Dafür gibt es mittlerweilen schnelle Schaltkreise und die erforderlichen Computerprogramme. (Siehe auch Das Pilot-Projekt, Picosoft, Camelot und Bonn 2012.) Nach dem Falten befindet sich Pi nicht mehr im Zeitbereich, sondern im Frequenzbereich. In diesem Bereich spielt eine einfache Schwingung praktisch keine Rolle mehr. Mindestens zwei Perioden werden benötigt, um Pi eindeutig zu rekonstruieren. Dies geschieht beim Empfänger mittels einer Rücktransformation in einem Pibolaren Schaltkreis. Da dieser Prozeß äußerst genau ist, reicht ein einziges Normal aus, um Pi jedem, der es benötigt, zur Verfügung zu stellen. Das Pinormal sollte allerdings gut bewacht werden.
Nicht jedem gefällt die Art von Demokratie, die jedem nicht nur ein, sondern jedem sein Pi erlaubt, und die Zahl der Scheiterhaufen wächst. Jedes von 3.14159 stärker als 0.0001% abweichende Pi wird von unseren irrenden Brüdern verbrannt. Das hat aber nicht nur Nachteile. Die Menge des für die Scheiterhaufen benötigten Brennholzes wirkt belebend auf die Wirtschaft. Außerdem wird die Riesaer Zündholzfabrik vor dem drohenden Konkurs bewahrt. Und es gibt was zu sehen. (Siehe auch Das Zappeln von Pi und die globale Erwärmung, Hutschi, 2001)
O Erbanarch, meine weiteren Forschungen über das Wesen von Pi laufen auf Hochtouren, ungeachtet der Tatsache, daß sie weder notwendig noch hilfreich sind.
In einem meiner Programme ist p=1.11111111111... (wobei sich dieser Wert immer weiter fortsetzt.) Es ist sehr leicht, aus dieser Zahl das wirkliche und wahrhaftige Ideale Pi zu ermitteln. Doch bin ich mit dem Eintippen der Zahl nicht fertig geworden, da mich zwischendurch der Hunger packte, so daß sich dieser Ansatz leider als Mißerfolg erwies.
Inzwischen aber fühle ich mich verpflichtet, nach der Pappel zu sehen, die da steht zu Babisnau.
Dieser Brief möge umgehen als Zirkular Ihres vielleicht irrenden Bruders in Pi, der nichts anerkennt als die Heiligkeit des ewig unergründlichen und transzendenten Pis und der Pappel.

In allergrößter Aufmüpfigkeit und Devotion
Ihr gehorsamer und bescheidener Diener, Piist und Pappelist
Hutschi

__________________
Copy-Left, samisdada, Dada Dresden

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