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Leselupe.de > Erotische Geschichten
Ein Kuss der Eurydike
Eingestellt am 24. 04. 2016 15:10


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Jo Phantasie
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Ein Kuss der Eurydike

Meine Freunde werden neidisch, wenn sie erfahren, dass ich nur einen Vertragsabschluss pro Monat zustande bringen muss. Ein dicker Fisch reicht dann fĂŒr zwei oder drei Monate, bevor mein Chef Wolfgang drĂ€ngelt und scheinheilig nachfragt, ob ich jemanden zur UnterstĂŒtzung benötigen wĂŒrde. Diese unauffĂ€lligen Andeutungen sind es, die mir bewusst machen, dass mein Job als Key-Account-Manager ein Feuerstuhl bleibt. Das Damoklesschwert des fristlosen Rausschmisses hĂ€ngt am Beispiel meines VorgĂ€ngers Sven permanent ĂŒber mir.

Da ich jedoch ein Genie bin, habe es wieder einmal eingetĂŒtet. Die komplette Elliot Hotelkette wird fĂŒr die nĂ€chsten zwei Jahre ihre Werbung ausschließlich ĂŒber unsere Agentur abwickeln und das habe ich mit meinen Kollegen vorgestern ausgiebig gefeiert.
Heute am Mittwochnachmittag werde ich mir meine private After-Work-Party gönnen.

Vorher möchte ich mir Zeit nehmen, dieses Werbebild zu analysieren. In meinem BĂŒro kann ich es mir erlauben, die FĂŒĂŸe auf den Schreibtisch zu legen, mich in den Drehstuhl zurĂŒckzulehnen und entspannt auf den 27 Zoll Monitor zu blicken.
Ihr Foto spricht mich auf faszinierende Weise an. Warum? Schönheit ist etwas Subjektives, ich persönlich klassifiziere ihr Gesicht als durchschnittlich attraktiv ein.

Zur nĂ€heren Betrachtung scrolle ich das Bild grĂ¶ĂŸer. Ihre angefeuchteten Lippen wirken lebendig, in der hohen Auflösung erkenne ich einzelne Strukturen und FĂ€ltchen. Sie haben als Gloss kein Knallrot verwendet, auf Farben verzichtet, die als exzentrisch eingestuft werden könnten und der Schminkstil ist dezent gehalten.

Sie schaut nicht herausfordernd, weder aufreizend noch provokant, ihr Blick ist nicht lasziv oder betörend. Diese Erscheinung muss ich eine Weile still auf mich einwirken lassen, um den Effekt einordnen zu können.
Na klar, es ist glaubwĂŒrdig!
Ein durch und durch aufrichtig und verlĂ€sslich wirkendes Frauengesicht sieht direkt in meine Augen. Das ist es, was die Wirkung ausmacht, faszinierend und unheimlich zugleich. Und lehrbuchhaft! Es geht in dieser Werbung schließlich um eine Bank, die mit Wahrhaftigkeit das Vertrauen ihrer Kunden zurĂŒckgewinnen möchte. Shampoo, ein Auto oder Smartphone, ich wĂŒrde ihr alles abkaufen. Dieses Gesicht kann auf ĂŒberflĂŒssige Texte verzichten, weil es durch Ausdruck ĂŒberzeugt. Wie nebensĂ€chlich erscheint unten rechts der unauffĂ€llig gesetzte Name der Bank.

Neid kommt auf, diese Werbung ist gekonnt. Wie kann jemand dazu bewegt werden, ein ĂŒberzeugendes Gesicht zu zeigen? In diese Frau habe ich mich spontan verliebt und mein Gehirn gaukelt mir vor, sie zu kennen. Im Kopf bin ich die mit uns kooperierenden Bildagenturen durchgegangen, Kataloge der Models, Gesichter, Lippen, nirgends war ein Treffer zu finden.
Warum kommt sie mir bekannt vor?

After-Work-Party ist eine ĂŒbertriebene Bezeichnung. „CharlyÂŽs“ ist eine Mischung aus Pub und Bistro, wo sich sowohl KrawattentrĂ€ger, wie ich es einer bin, als auch Studenten wohlzufĂŒhlen scheinen. Das gute Lagerbier und die attraktiven Frauen, die hier ab 18 Uhr im BusinesskostĂŒm ihren ersten Prosecco genießen, sind die eigentlichen GrĂŒnde fĂŒr meine Besuche.

Gesichter haben mich schon immer fasziniert und Augenkontakte sind zu meinem Highlight geworden. Im Beruferaten bin ich unschlagbar. Juristin, Bankangestellte, SekretĂ€rin, die Trefferquote liegt bei 70 Prozent. Nicht schlecht fĂŒr einen Key-Account-Manager, der sich eher durch kaufmĂ€nnische als durch psychologische Kenntnisse auszeichnet.

Waas?
Na klar, das ist sie!
Dort steht sie und ich muss sie irgendwann in CharlyŽs gesehen haben. Wenn sie ein Fotomodel ist, sollte sie in Designerkleidung erscheinen, Blicke auf sich ziehen, und Eigenwerbung betreiben. Sie trÀgt einen unscheinbaren knielangen Rock, eine graue Seidenbluse, dazu bequeme Schuhe mit unspektakulÀrer Absatzhöhe. So zieht sich kein Model an.
Da in mir das GefĂŒhl der absoluten Vertrautheit aufsteigt, werde ich mutig: „Guten Tag! Ihr Bild habe ich heute auf der Werbung fĂŒr die Cityplus Bank gesehen. Das sind Sie doch?“

Ihr Gesicht wird von einer Sekunde auf die nĂ€chste noch interessanter, belustigt und ein wenig verschmitzt: „Ist das Ihre Masche, Frauen anzusprechen? Sie sollten sich dringend etwas Intelligenteres einfallen lassen!“
Alles richtig, doch es gibt bedeutende Dinge herauszufinden: „Sie mĂŒssen es sein. Auf der Homepage habe ich Sie erkannt!“
„Hören Sie, witzig kann ich das nicht finden!“, sie sieht ĂŒberhaupt nicht verĂ€rgert aus, eher amĂŒsiert. Mit diesem Schuss Charme kanzelt sie mich hier ab. Bevor ich protestieren kann, kommt ihre ErklĂ€rung: „Werbung? Das könnte ich mir in meinem Beruf ĂŒberhaupt nicht erlauben. Sie mĂŒssen sich ein anderes Opfer suchen. Und tschĂŒss, ich muss weiter!“

So schnell bin ich noch nie rausgekickt worden. UnverschĂ€mt war ich nicht, verspĂŒre Betroffenheit.
Habe ich sie verjagt? Planlos lĂ€uft sie auf die viel befahrene Straße. Reifenquietschen, ein weißer Lieferwagen kommt kurz vor ihr quer zum Stehen. Sie steht wie hypnotisiert, bewegt sich nicht und ich renne: „Ist was passiert? Haben Sie sich verletzt?“
„Nein, alles gut. Danke, dass Sie sich Sorgen machen!“, da ist es, dieses LĂ€cheln, von dem ich nicht weiß, was es fĂŒr mich bedeuten soll. Bevor ich sie fragen kann, ist sie in der Menschenmenge verschwunden.

Nicht mehr daran denken, ist meine Devise, als ich am Donnerstagmorgen meinen PC hochfahre. Ein letzter Blick auf die Werbeseite kann nicht schaden.
Was ist das?
Wie ist das möglich? Ihr Gesicht zeigt dieses charmante Schmunzeln, mit dem sie mich gestern abgekanzelt hat. Wer treibt hier ein Spielchen mit mir?

„Frage an alle, wer macht die Werbung fĂŒr die Cityplus Bank?“, fĂŒr lange ErklĂ€rungen habe ich jetzt keine Zeit. Lukas aus der Grafikabteilung weiß es: „Das ist die Vierpunktzwei Marketing Agentur, die sitzt in Berlin!“ Na also, da kenne ich jemanden und persönliche Kontakte in unserer Branche zahlen sich aus.

Nein, das Bild wĂ€re nicht geĂ€ndert worden, seit drei Wochen wĂŒrde die gleiche Frau den Betrachter ansehen. Tim möchte mich noch aufziehen: „Kommt mit eurem Laden nicht auf den schĂ€bigen Gedanken, unseren Stil imitieren zu wollen. Ihren Namen kriegst du auch nicht, Firmengeheimnis. Gib zu, ein ĂŒberzeugendes Gesicht. Unseres!“





Es fÀllt mir schwer, die Seite nicht anzuklicken, meine Arbeit wartet.
Zur Sicherheit noch einen letzten Screenshot ausdrucken und in die oberste Schublade zu meinen aktuellen Projekten legen.
Schaden sollte das auf keinen Fall.

Meine Besuche bei CharlyŽs sind hÀufiger geworden. Samstag und Montag war ich dort und das ausgedruckte Bild brannte in meiner Jackentasche. Sie sollte es unbedingt sehen, war aber nicht da. Ungeduldig warte ich auf den Mittwoch.

Um einen klaren Kopf zu behalten, bestelle ich Alkoholfreies. Sie kommt erst um sieben und ich winke heftig mit beiden Armen.

„Ähnlichkeit ist vorhanden, aber ich schwöre, ich bin es nicht!“, ihr LĂ€cheln ist ĂŒberzeugend. Eine Entschuldigung wird fĂ€llig: „Es ist beĂ€ngstigend. Sie und dieses Bild haben sich seit einer Woche in meinem Kopf eingebrannt!“ Als ich mich ihr vorstelle und die Sache mit dem Wechsel der Mimik in der Werbung erklĂ€re, scheint das Eis gebrochen.

„Ich bin Sophie und seit einem Jahr Lehrerin am Goethe-Gymnasium. Wenn die Ähnlichkeit mit dem Bild dort bekannt wird, steht die gesamte Schule Kopf. NebeneinkĂŒnfte als Model fĂŒr Werbefotos mĂŒssen sicherlich genehmigt werden. Halte das bitte vertraulich, sonst gibt es unangenehmes Gerede!“

Als sie mir zum Abschied mit spitzen Lippen einen Kuss auf die Wange gibt, möchte ich sie zurĂŒckzuhalten, bleibe aber leicht verstört auf dem Barhocker sitzen und schaue ihr nach.
Das gibt es nicht!
Sie rennt ĂŒber die Straße, ohne auf den Verkehr zu achten. Leider muss ich Neuankömmlinge an der EingangstĂŒr unhöflich zur Seite drĂ€ngen, um sie rechtzeitig erreichen zu können. Mehrere Autos hupen. Da ist er wieder! Der weiße Lieferwagen hĂ€lt direkt auf sie zu.
„Was machst du nur fĂŒr Sachen?“, im letzten Moment ziehe ich sie auf den BĂŒrgersteig zurĂŒck.

„He, du passt tatsĂ€chlich auf mich auf? Die Weißen werden noch mein Untergang. Danke fĂŒr die Rettung, es ist das letzte Mal, versprochen!“, gebannt sehe ich auf ihre schelmisch gespitzten Lippen, die sich warm auf meine Wange drĂŒcken.

Nein, ich werde die Seite nicht anklicken!

Diesmal hat Wolfgang mir als Auftrag drei harte Brocken auf den Tisch gelegt. Nach dem ersten Eindruck scheint es aussichtslos, alle haben VertrÀge mit hochrangigen Werbefirmen. Wie kann ich die knacken? Hilft es, wenn ich mir ihr Bild ansehe?

Es ist ein GefĂŒhl, als ob ein heftiger Herzschlag von den Fußsohlen bis zur SchĂ€deldecke durchschlĂ€gt. Der Monitor zeigt ihr spöttisches Gesicht mit zum Kuss gespitzte Lippen! Was passiert hier? Wer will mich reinlegen? Tim von Vierpunktzwei Marketing werde ich mal gehörig meine Meinung geigen. Das lasse ich mit mir nicht machen!

Ihr Bild wĂ€re nicht geĂ€ndert. Weil es so gut ankommen wĂŒrde, hĂ€tten sie es seit vier Wochen stehen gelassen. Zum ersten Mal bin ich am Telefon so laut geworden, dass Lukas aus der Grafikabteilung hereinschaut: „Alles in Ordnung bei dir? Oh, das ist die Werbung von Vierpunktzwei. Das mit dem Gesichtsausdruck ist eine tolle Idee, das sollten wir uns merken!“
Auf meinen unbeherrschten Wutausbruch reagiert er mit Schulterzucken und mitleidsvollem Blick.

GlĂŒcklicherweise habe ich die Screenshots.
Ha, die werden sich dort in Berlin wundern, wenn ich ihnen die Beweise direkt auf ihren PC liefere.

Obwohl ich ihn beschimpft habe, bleibt Tim am Telefon ruhig: „Dein Problem scheint grĂ¶ĂŸer zu sein, als du glaubst. Allerdings weiß ich nicht, was du von mir willst. Gib dir einen Ruck und gestehe, dass unsere Werbeideen besser sind als eure und lass mich mit deinem Verfolgungswahn in Ruhe!“

Verfolgungswahn?
Sollte bei mir im OberstĂŒbchen etwas nicht stimmen?
Meine Beweise?
Vor mir liegen Ausdrucke des schelmischen LĂ€chelns und daneben der herausfordernde Kussmund.

Die Wange brennt.
An der Stelle, auf die sie mich zweimal gekĂŒsst hat, ist eine leichte Hautrötung zu erkennen.

So ein Vorgehen sollte fĂŒr eine seriöse Werbeagentur tabu sein: Mit ihrem hochauflösenden Ausdruck auf Fotopapier werde ich die erste Firma aufsuchen, die auf Wolfgangs Liste steht. Das mit der Cityplus Bank mĂŒssen die ja nicht wissen.
Es ist mein Model, meins ganz allein!

Die visuellen Wahrnehmungen verwirren mich immer mehr. StĂŒndlich klicke ich die Seite an und achte auf ihren Mund. FĂŒnf Ausdrucke liegen zum Vergleich nebeneinander und ich bin mir sicher, dass sich ihre gespitzten Lippen geöffnet haben.
FĂŒr mich!

Es ist sinnlos, CharlyÂŽs aufzusuchen, es wĂŒrde mich noch mehr destabilisieren.
Mittwoch wird sie dort sein.
Die Zeit nutze ich, um im Internet ĂŒber mögliche Ursachen einer Paranoia zu recherchieren. Optische Halluzinationen und Wahrnehmungsstörung heißt das Krankheitsbild. Meine Wange brennt so stark, dass ich mir eine Kortisonsalbe draufgeschmiert habe.

Northern Limited war von ihrem Bild begeistert und wir haben einen Probeauftrag bekommen. Unerlaubter Gebrauch, Verletzung des Urheberrechts!
Es wird nicht einfach werden, Sophie darauf anzusprechen, ob sie Fotos erlauben wird.
FĂŒr mich.
Mittwoch frage ich sie!

Tim darf ich nicht anrufen.
Ihr Mund ist jetzt leicht geöffnet und das Gesicht auf dem Monitor ein kleines StĂŒckchen nĂ€her gerĂŒckt.
StĂŒndlich drucke ich aus.
Beweise!
Versucht jemand in der Firma, mich in den Wahnsinn zu treiben?
Woher bekommt er die Bilder?

Es fĂ€llt mir schwer, am Telefon ruhig zu bleiben und mich bei Tim zu entschuldigen. Ihr Name sei Claudia und sie lebt in New York. Mehr wisse er nicht, denn er wĂŒrde alle Bilder ĂŒber die Fotoagentur „Starface“ besorgen. Habe ich mich geirrt? In der Firma laufe ich durch alle BĂŒros, achte argwöhnisch auf heimliche VorgĂ€nge, die mit dem sich Ă€ndernden Werbebild zu tun haben könnten.

Am Sonntag habe ich sie gekĂŒsst.
Privat verfĂŒge ich ĂŒber einen lĂ€cherlich kleinen 19-Zoll-Monitor. Ihre Lippen erschienen flach gedrĂŒckt auf dem Glas des Bildschirms, ihr Mund greifbar nah. Sie sollte sich nicht weiter demĂŒtigen. Nicht fĂŒr mich!
Meine Aufgabe war offensichtlich.
Es wurde warm und weich mit einer sanften Feuchtigkeit und dem leichten Geschmack von Himbeere.
Es macht mir nichts aus, die Kontrolle verloren zu haben.
Mein Mund muss auf ihrem liegen, eine Stunde, den ganzen Tag.
Dieser Sonntag gehört uns!

Am Montag werde ich eine Praxis suchen, bei der ich professionelle Hilfe finden kann. Mir wird bewusst, dass ich die dringend benötige. Krawatten trage ich seit Tagen nicht mehr. Sie benötigt auch keine Designerklamotten, denn das schönste Model der ganzen Welt hat so etwas nicht nötig. Mein Beweisstapel an Sceenshots ist auf eine Höhe von 9 Zentimetern angewachsen. Seitdem ich sie gekĂŒsst habe, sieht sie mich gleichbleibend mit dem vertrauenswĂŒrdigen Blick an, der mich zu unserer Stunde Null magisch angezogen hatte.

Der Mittwoch kommt zu langsam.
„Sophie, Sophie, du wirst es nicht glauben, am Sonntag habe ich dich gekĂŒsst!“, obwohl mir bewusst wird, borderline zu wirken, kann ich nicht verhindern, dass es aus mir heraussprudelt. Sie nimmt es mir nicht ĂŒbel, lacht und strahlt ĂŒber das ganze Gesicht: „Das wĂŒsste ich, mein Lieber! Was du sagst, tut mir gut. Im Moment habe ich Aufmunterung dringend nötig. Hier hast du deinen Kuss!“

Meine SpontanitĂ€t und die Reaktionen haben in den letzten Tagen stark gelitten. So nehme ich sie erst in den Arm, als ihre HĂ€nde meinen Kopf nah zu sich herangezogen haben und ihre Lippen sich auf meinem vor VerblĂŒffung noch leicht geöffnetem Mund drĂŒcken. Es fĂŒhlt sich warm und weich an, mit einer sanften Feuchtigkeit und dem hintergrĂŒndigen Geschmack von Himbeere. Als ich ihre Zunge zwischen meinen Lippen spĂŒre, weiß ich nicht, wie ich das erwidern soll. Seit drei Wochen bin ich hoffnungslos in sie verliebt und jetzt fehlt mir jede SpontanitĂ€t.
„Verspreche dir nicht zu viel, es ist nur dieses eine Mal!“, weil sie mit dem schönsten LĂ€cheln der Welt zu mir spricht, glaube ich ihr nicht.

Es ist mir peinlich, als sie in meiner Wohnung den Monitor sieht, der das Bild zeigt. Den Energiesparmodus halte ich seit Tagen ausgeschaltet, um jederzeit neue Änderungen erkennen zu können.
„Du scheinst sie zu lieben. Das ist gut!“, dankbar nehme ich zur Kenntnis, dass sie mich nicht fĂŒr durchgeknallt hĂ€lt, doch ich muss es richtigstellen: „Du bist es, die ich liebe, vom ersten Augenblick an!“
Sie verschließt meinen Mund mit ihren Lippen und knöpft mein Hemd auf.

Es ist angenehm, dass sie die FĂŒhrung ĂŒbernimmt, denn ich bin in meinem ĂŒberschwĂ€nglichen GlĂŒcksgefĂŒhl gefangen und schwimme auf einer Welle der ErfĂŒllung all meiner WĂŒnsche. Es ist nicht pure Fleischeslust, sondern die Verwirklichung meiner TrĂ€ume der letzten Wochen. Jede Initiative ist mir entglitten, da wir zusammen Sachen anstellen, die ich vorher weder gekannt noch geahnt hatte. Es macht sĂŒchtig, sich eng an ihre warme Haut zu pressen und an ihren Körper geschmiegt all die Anreize zu verspĂŒren, die fĂŒr die endlose FortfĂŒhrung unserer Vereinigung benötigt werden.

„Bleiben wir jetzt zusammen?“, ist meine Ă€ngstliche Frage, als sie in der FrĂŒhe in meinen Armen aufwacht.
Wieso wirkt sie bedrĂŒckt?
„Das ist unmöglich. Ich habe dir doch erklĂ€rt, es ist nur dieses eine Mal!“
Mit einem Kloß im Hals bleibt mir der banale Satz: „Ich liebe dich so sehr!“
„Nein, du liebst sie! Die Frau auf deinem Computer, du musst sie finden. Dann sagst du ihr, ich hĂ€tte dich geschickt, weil du der Richtige fĂŒr sie bist!“
Als ich in ihre Augen sehe, erkenne ich, dass in diesem Moment weitere Argumente sinnlos wÀren. Meine einzige Hoffnung besteht darin, dass sie mich anruft, mir sagt, was ich hören möchte und mich niemals verlÀsst.

Sie ruft nicht an.
Am Mittwoch kommt sie nicht in CharlyÂŽs, obwohl ich dort bis 23 Uhr gewartet habe, die Woche danach auch nicht. Meine Stimmung wird angespannter, die von meinem Chef Wolfgang ebenfalls: „Irgendetwas stimmt mit dir nicht. Seit Tagen blĂ€tterst du in diesem Stapel von 42 Ausdrucken, die alle das gleiche Bild zeigen, und meinst, darin etwas Bestimmtes erkennen zu können? Du musst dringend deinen Resturlaub nehmen. Hast du ĂŒberhaupt verstanden, was ich gesagt habe?“

Meine hoffnungslose Lage ist mir seit Tagen bewusst.
Alle Beweise, der Stapel mit den Screenshots, jedes Blatt zeigt das gleiche Bild: ihr Gesicht zur Stunde Null.
Wahrnehmungsstörungen?
Wenn die sich jetzt noch auf die Erlebnisse dieser einen Nacht beziehen, dann steht es tatsĂ€chlich schlimmer um mich, als befĂŒrchtet und ich gehöre dringend in Behandlung. Von Tim habe ich keine Hilfe zu erwarten: „Ich schwöre dir, wir haben nur dieses eine Foto erworben und ich weiß nicht, wie sie tatsĂ€chlich heißt. Claudia aus New York. Wenn du sie dort suchen willst, viel GlĂŒck!“

Es gibt noch eine Chance, sie zu finden: Goethe-Gymnasium, dort ist sie schließlich Lehrerin.

„Es ist merkwĂŒrdig, dass Sie mir dieses Bild gerade heute zeigen. Sie ist es zwar nicht, aber ich weiß, wen Sie meinen: Sophie Keller. Sophie war bei uns Lehrerin und wir haben gerade im Kollegenkreis eine kleine Gedenkminute fĂŒr sie abgehalten. Heute genau vor einem Jahr ist sie gestorben. Es war ein Autounfall. Ein Lieferwagen hatte sie auf der Berliner Straße erfasst, als sie diese ĂŒberqueren wollte“, die Direktorin sieht besorgt auf meine zitternde Hand, in der ich das einzige Foto halte, das mir von ihr geblieben ist.

Nach der Farbe des Lieferwagens brauche ich nicht zu fragen, ich kenne sie. Die Direktorin sieht meine Betroffenheit, meinen abgrundtiefen Schmerz und möchte mich trösten: „Das Bild zeigt ĂŒbrigens nicht Sophie, sondern ihre Zwillingsschwester Claudia Keller. Soweit ich weiß, ist sie nach dem Tod ihrer Schwester nach New York gezogen und arbeitet dort als Fotomodel. Sonderbar, beim Abschied sagte sie noch, sie wĂŒrde ĂŒber ihre Fotos weiter mit Sophie in Verbindung stehen!“

Die vergangenen sieben Wochen ziehen wie im Zeitraffer vor meinen Augen vorĂŒber: Aufrichtig, amĂŒsierter Blick, gespitzte Lippen, heiße KĂŒsse auf dem Monitor, Treffen in CharlyÂŽs, die Nacht mit ihr.
Wie war das alles möglich?
Sophies letzte Worte fallen mir ein: „Du musst sie finden. Dann sagst du ihr, ich hĂ€tte dich geschickt, weil du der Richtige fĂŒr sie bist!“

Jetzt weiß ich, was zu tun ist!


***



__________________
Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt.

Albert Einstein

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Susi M. Paul
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Jo Phantasie macht einen Ausflug ins Mystery-Genre. Und weißt du was, es ist dir tatsĂ€chlich gelungen. War allerdings auch zu erwarten. Respekt!

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Es kann doch gar nicht wahr sein, dass nur so wenig Leute die Geschichte lesen. Du erlaubst, dass ich sie hiermit strategisch und marktschreierisch anpreise? Leute, lest, ja, diese hier!

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