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Leselupe.de > Erzählungen
Ein Lebensweg
Eingestellt am 19. 10. 2015 06:46


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Rehcambrok
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jan 2015

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Belustigt wurde sie von der Hilfsschwester, die ihr FSJ in dieser Einrichtung machte,betrachtet. Aus dem Augenwinkel heraus hatte sie bemerkt, das jemand die Zimmertür geöffnet hatte. Der hereinfallende Lichtkegel war bis zu ihrem Bett vor gedrungen. Sie drückte die Stopp Taste ihres antiquierten Kasettenrecorders der siebziger Jahre, nahm den Kopfhörer ab, und wandte dann den Kopf Richtung Zimmertür. Auf dem Namensschild der Schwester, konnte sie Melanie lesen.

„Guten Morgen Schwester Melanie! Es ist alles in Ordnung. Ich hatte heute nur keine Lust zu Frühstücken, da ich später zu einer Beerdigung muss.“

„Nur Melanie bitte. Ich leiste hier mein freiwilliges soziales Jahr. Gestern habe ich angefangen, doch obwohl alles neu ist, fühle ich mich hier wohl.“

„Nun gut Melanie. Was hat Dich an mir so zum Schmunzeln gebracht?“

„Sie haben,“ weiter kam Melanie nicht.

„Nicht sie! Sag einfach Christel zu mir. Das funktioniert seit ich denken kann immer besser, wenn die Distanz herausgenommen wird.“

Melanie lächelte sie jetzt noch freundlicher an, wenn das bei ihrer Art überhaupt möglich war.

„Danke Christel. Aber mir kommt das so Respektlos vor. In zwei Wochen werde ich erst neunzehn, und Du bist,“ wieder kam sie nicht weiter.

„Siebzig Jahre älter, bis auf ein paar Wochen. Sich hinter einer Anrede verschanzen empfinde ich nicht als Respekt, sondern als Angst vor persönlicherem Umgang!“

Obwohl Melanie weiter freundlich lächelte, konnte man das Rotieren ihrer Gedanken an ihrer Stirn ablesen. Gefühlt war es eine endlose Ruhe, nach etwa einer halben Minute konnte Melanie sich dann artikulieren.

„Ich möchte nächstes Jahr Philosophie studieren. Aber bei Dir habe ich das Gefühl, schon meinen Lehrmeister gefunden zu haben. Christel, bitte ganz ehrlich, ja. Was hast Du beruflich gemacht?“

Die beiden schauten sich jetzt direkt in die Augen. Ohne zu wissen warum, empfand Christel es als einen besonderen Augenblick, diesen Blick in die anderen Augen.

„Ach es war nichts besonderes. Als gelernte Krankenschwester war ich bei einem sehr vornehmen Arzt. Quasi Rundum Patientenbetreuung. Der Doktor war eine Kapazität, die seines gleichen sucht. Aber er konnte es nicht so mit dem persönlichen Kontakt. Das war mein Gebiet. Dadurch habe ich oft wichtige Beiträge zur Anamnese leisten können. Wir waren ein eingespieltes Team. Nur Privatpatienten.“

Melanie schaute auf ihre Uhr. Noch hatte keiner nach ihr gesucht.

„Ich würde gerne mehr von Dir erfahren. Diese Woche habe ich immer bis 14 Uhr Frühdienst. Ich muss mir zwar noch eine richtige Bleibe suchen, aber das wird sich schon finden. Wenn Du Lust hast, kannst Du mich hier auf der Nummer anrufen. Den AB höre ich immer ab.“

Melanie winkte noch mal kurz und entschwand dann aus dem Zimmer. Christel schaute auf den Zettel und verstaute ihn dann wie einen Schatz in ihrem Portmonee.

Wie auch in früheren Jahren, Christel kaute Traubenzucker, bevor sie schwarz anlegte. Diese Kleidung war in den letzten Jahren häufiger zur Anwendung gekommen.

Diesmal hatte es eine Freundin aus Kindertagen getroffen, die sie im laufe der zeit immer wieder in unterschiedlichen abständen getroffen hatte.

'Langsam sollte ich mir jĂĽngere Freundinnen suchen.' Der Gedanke war angebracht, da jetzt nur noch Zissy und sie ĂĽbrig waren. 'Wir sollten Wetten abschlieĂźen, wer von uns ĂĽbrig bleibt.'

Nachdem Leichenschmaus, es war schon später Nachmittag, war sie in ihrer Altersresidenz angekommen. 16:40, also noch Zeit genug sich umzuziehen, den Tod beiseite packen.

Das luftige, dĂĽnne Sommerkleid, war auf der Haut wesentlich angenehmer als das schwarz zuvor.

Mit Sonnencreme Lichtschutzfaktor 30, cremte sie sich ein, um im Liegestuhl der schon kräftigen Sonne zu frönen. Es war Anfang Juni, die Tage wurde länger, die Sonnenstrahlen intensiver und wärmer. Heute war es über Tag 27°, eine für Christel sehr angenehme Temperatur. Noch einmal ließ sie kurz den Blick bis zum Rhein schweifen, dann lehnte sie sich zurück und schlief ein.

Wie immer wenn sie beschwingt war, schlichen ihre Gedanken rückwärtsgewandt, führte sich die schönen Szenen eines fast neunundachtzigjährigen Lebens vor Augen.

Sie dachte an die goldene Opernzeit, als sie immer Freikarten bekam. In der Ära der Rheinoper, hatten sie den Intendanten als Patient. So erhielt sie zu sämtlichen Aufführungen, Abo – Karten für zwei Personen geschenkt. Über zweiundzwanzig Jahre, von 1964 bis 1986 war sie da begünstigt. Auch andere Patienten mit Hintergrund ließen ihr immer wieder Hilfen zukommen. Sei es ein Auto mit Luxusausstattung für das sie nur den um 35% gesenkten Grundpreis zahlte, oder Luxusreisen bekam sie zu runden Geburtstagen. 1966 (40) war es eine Reise nach Rom. 1976 (50) ging es nach Westafrika, von Algier bis nach Dakar, traumhafte drei Wochen. 1986 folgte dann eine Kreuzfahrt, Kapitänsdinner am 1.11. zu ihrem Geburtstag. Die Landgänge auf den griechischen Inseln waren schon ein Erlebnis, Ägypten war ein Traum.

Ein Leben mit viel Arbeit, aber auch genauso viel Vergnügen. Ein großer Bekanntenkreis, indem sie immer und jederzeit willkommen war. Kein lästiger Mann, oder noch schlimmer, quengelnde Kinder. Drei Patenkinder hatte sie, wenn ihr danach war, besuchte sie diese. Immer mitten im Leben konnte sie sich nach belieben zurückziehen. Das war der Vorteil, nicht Eltern zu sein.

Nie hatte sie das Verlangen nach körperlicher Liebe gehabt. Ob es an ihrem Geheimnis gelegen hatte?
Um 19:00 piepte ihr Wecker. Schnell machte sie sich frisch. Kladde unter den Arm, ab zum Gemeinschaftsraum, einen guten Platz sichern. Heute war literarischer Abend. Zunächst wurde eine Passage aus dem Zauberberg vorgelesen. Aber eine Diskussion um das Sanatorium wollte nicht wirklich aufkommen. Mancher fühlte sich hier im Altersstift wohl auch wie in einem Sanatorium, ausgeliefert. Dann stellten die Bewohner ihre eigenen Werke vor. Ob romanähnliche Geschichten oder Persiflagen, alles wirkte unausgereift. Eine beratende Schreibwerkstatt, hätte da den Weg weisen können. Eigentlich hatte Christel nur teilgenommen um zu lernen. Doch dann war sie bereit ihr Gedicht vorzulesen. So schlecht würde es in der Relation zu dem bisher Vorgetragenen sicher nicht abschneiden.

Das Alter
Wenn nach langer Lebensreise,
jemand meint,: „er wäre weise,“
kann ich nur zutiefst bekunden,:
„ob Jahre, Tage oder Stunden,

Fehler muss man im Leben machen,
im Alter kann man darüber lachen.“
Neunzig Jahre bin ich bald,
fĂĽhle mich noch nicht so alt.

Wer seine Lehren daraus zieht,
mal ĂĽber den Tellerrand sieht,
keinen Fehler zweimal macht,
der zur Weisheit hat`s gebracht.

Hatte es den Abend ĂĽber gelegentlich anerkennendes Nicken, oder Tischklopfen gegeben, brach nun tosender Applaus aus. Solch eine Begeisterung hatte es hier noch nie gegeben, wurde ihr mitgeteilt.
Am nächsten Morgen blieb sie, obwohl ihr Magen knurrte, im Bett. Heute las sie allerdings ein Buch, daher hörte sie Klopfen und wenig später das Aufschließen mittels Zimmerschlüssel. Wie erhofft war es Melanie, die ins Zimmer trat.

„Guten Morgen Christel! Wird das Frühstück versäumen jetzt zur Tagesroutine? Wie geht es Dir?“

Melanie lächelte sie wieder so freundlich an, es ging ihr wieder unter die Haut.

„Hallo Melanie. Ich wollte Dich nur einfach sehen und fragen, ob Du heute Nachmittag Zeit hast? Ob Du bei der Wohnungssuche schon weiter bist?“

So wie man es vielleicht von einer Enkelin erwarten wĂĽrde, setzte Melanie sich einfach auf die Bettkante zu Christel.

„Nein, mit den Wohnungen hatte ich keinen Erfolg. Alles viel zu teuer. Selbst WG Zimmer kosten mehr als die von mir geplanten 180 Euro. Da ich aber nur 330 Euro im Monat als Aufwandsentschädigung erhalte, geht nicht mehr. Zeit hätte ich heute Nachmittag, aber leider kein Geld. Daher bitte nichts, wobei ich Geld benötige!“

Christel tätschelte ihr leicht auf die Hände.

„Natürlich bist Du eingeladen. Ab 15:00 im Kaufhausrestaurant bei Karstadt. Danach möchte ich Dir etwas zeigen. Hast Du eine Fahrkarte?“

Christel wollte schon in ihrem Portmonee nach einem Vierfahrtenausweis greifen, aber Melanie zeigte ihr, ihr Sozialticket.

„Also gut, bis drei müsste ich schaffen. Aber bitte nichts bestellen.“

„Keine Angst, da kommt kein Kellner, da ist Selbstbedienung. Ich möchte Dich und Dein fröhliches Wesen einfach nur besser kennenlernen.“

Sie nickten sich zu, dann stand Melanie auf und verschwand mit einem kurzen Winken.
14:45, Christel wanderte durch die Kurzwarenabteilung, die an das Restaurant grenzt. Aber hier gab es nichts, was sie auf Anhieb begeistert hätte. Immer den Eingang des Restaurants im Blick, stöberte sie weiter.

Fünf Minuten vor der Zeit, ist des Soldaten Pünktlichkeit. Gestreng dem Motto ihres Elternhauses, blickte sich Melanie um. Dann trafen sich ihre Blicke und beiden stieg ein lächeln ins Gesicht.

„Hallo Melanie! Das Kaufhausrestaurant ist nichts besonderes, aber um die Zeit fast leer. Da kann man sich ungezwungener unterhalten. Holen wir uns etwas zu trinken?“

Ohne auf eine Antwort zu warten, schob Christel ihre junge Bekannte in den SB – Bereich. Nach dem Christel bezahlt hatte, setzten sie sich an einen der Fensterplätze. Zunächst war es ein oberflächliches Gespräch, was ein wenig dahin plätscherte. Aber die Rhetorische Schulung aus über vierzig Jahren Arztpraxis, lies Christel das Gespräch steuern. An den Reaktionen von Melanie konnte sie das wachsende Vertrauen ausmachen.

„Das freiwillige soziale Jahr war ein Kompromiss, den meine Mutter ihrem Lebensgefährten abgerungen hat. Ich solle Erfahrungen sammeln, die nicht auf häuslicher Gewalt beruhen. Mein Vater hat sich vor sechs Jahren in einer Nacht und Nebelaktion, abgesetzt. Er hatte Mutter und mich das eine mal zu viel geschlagen. Er hat wohl die wartende Polizei gesehen, wart seit dem nicht mehr gesehen.“

Mit ihrem ganzen Einfühlungsvermögen wandelte Christel in zwei Sätzen das Thema.
Sie gingen zur Rolltreppe und fuhren bis zum Erdgeschoss. Mit der StraĂźenbahn ging es dann zu einem alten Haus, nicht weit von der Haltestelle. Christel schloss die TĂĽr auf, zielstrebig ging sie hinauf in die zweite Etage.

„Hier das Miniappartement habe ich mir erhalten. Wenn du magst, kannst du hier wohnen. Nur den Schrank hier, darfst du nicht benutzen. Da ist mein Leben drin.“

Melanie hatte sich schnell umgesehen, dieses Luxusappartement war ca.35qm. Eine kleine Junggesellenküche und ein größeres Bad mit Dusche und Wanne, waren darin enthalten.

„Aber das kann ich doch gar nicht bezahlen. Selbst hier im Vorort dürfte das locker 500 Euro kosten.“

Christel musste den Arm recken, da Melanie fast zwei Köpfe größer war, um ihr einen Finger auf den Mund zu legen.

„Keine Angst Melanie. Das gehört mir. Ich zahle hier keine Miete. Wie gesagt, bis auf diesen Schrank, darfst du alles benutzen. Nur Wasser und Strom musst du dann selbst bezahlen. Aber mit Heizung dürfte das im Monat keine hundert Euro ausmachen.“

Melanies Augen leuchteten, ihre GefĂĽhle fuhren Achterbahn. Sollte Christel gemerkt haben, dass sie, das junge Ding, sich in eine alte Dame verliebt hatte. War Christel immer so groĂźzĂĽgig?

„Bitte, ganz ehrlich. Was erwartest Du von mir. Wir kennen uns kaum, aber Du bietest mir diesen Luxus umsonst an. Das hat doch einen Haken, oder?“

Melanie schaute in Christels Augen, ohne auf eine Antwort zu warten, nahm sie Christel in den Arm und kĂĽsste sie. Christel lieĂź alles geschehen, war sie doch erstmals in ihrem langen Leben verliebt. Nachdem sie sich bis zu einem Zungenkuss durchgearbeitet hatten, trennten sich ihre Lippen.

„Ich hatte es in Deinen Augen gesehen. Und Du hast es in meinen alten Augen gesehen. Noch nie im Leben hatte ich dieses Gefühl. Liebe war immer etwas für andere.“

Melanie hatte aufmerksam zugehört, streichelte Christel schon die ganze Zeit, während sie sie, langsam entkleidete.


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Wer Frieden auf der Welt will muss bei den Kindern anfangen .

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