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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Ein Mensch brennt
Eingestellt am 29. 11. 2017 09:22


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Winfried Stanzick
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2011

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Rezension zu:
Nicol Ljubic, Ein Mensch brennt, DTV 2017, ISBN 978-3-423-28130-0

Der Autor des vorliegenden Romans, Nicol Ljubic, schaffte es nach mehreren Auszeichnungen f├╝r seine Reportagen im Jahr 2011 mit seinem Roman ÔÇ×MeeresstilleÔÇť auf die Longlist f├╝r den Deutschen Buchpreis. Danach h├Ârte man lange wenig von ihm. Das lag daran, dass er insgesamt 5 lange Jahre an dem nun erschienenen Roman ÔÇ×Ein Mensch brenntÔÇť gearbeitet hat, ein Roman, der zwischen 1975 und 1977 spielt, auf dem Hintergrund der Zeit, die man sp├Ąter als den Deutschen Herbst bezeichnete und der anhand einer Familiengeschichte das Leben des Umweltaktivisten Hartmut Gr├╝ndler schildert. Der Rezensent kann sich selbst noch sehr gut nicht nur an jene bleiernen Jahre erinnern, sondern auch an Hartmut Gr├╝ndler selbst, dessen Aktionen in der noch jungen Umwelt- und B├╝rgerinitiativbewegung nicht immer unumstritten waren.

Erz├Ąhlt wird die Geschichte von dem mittlerweile 44 j├Ąhrigen Hanno Kelsterberg. Schon seit langer Zeit in therapeutischer Behandlung, versucht er Jahrzehnte sp├Ąter, jener dramatischen Geschichte auf die Spur zu kommen, die sein Leben nicht nur ver├Ąndert hat, sondern beinahe vollkommen zerst├Ârt h├Ątte.

Hanno Kelsterberg war 1975 gerade einmal zehn Jahre alt, als seine Eltern dem T├╝binger Lehrer Hartmut Gr├╝ndler ein Zimmer in ihrem Haus vermieteten. Schon bald sollte dieser Einzug das Leben der Familie ver├Ąndern. Denn besonders Hannos Mutter wird schnell vom Denken Gr├╝ndlers beeinflusst. Sie stellt die Ern├Ąhrung der Familie auf die von Gr├╝ndler bevorzugte Waerland-Kost um und kommt zum ersten Mal in ihrem Leben mit Politik und der Umweltschutzbewegung in Verbindung.

Und weil sie sich schon bald insgeheim in den fanatischen Umweltaktivisten verliebt, tut sie alles f├╝r ihn und entfremdet sich ihrer Familie. Dass sie auch noch ├╝ber 3 Jahrzehnte nach Gr├╝ndlers Selbstverbrennung am Bu├č- und Bettag 1977 in Hamburg ihn verteidigt und verbissen sein Andenken hochh├Ąlt, muss der ├╝ber sein Leben schreibende Hanno ersch├╝ttert feststellen, als er im Rahmen seiner Recherche seine sterbende Mutter besucht und in Sachen Gr├╝ndler nach wie vor keinen Zugang zu ihr findet.

Es ist die Katastrophe von Fukushima, die 2011 den Autor Ljubic und damit seinen Ich-Erz├Ąhler Hanno Kelsterberg auf die Idee kommen l├Ąsst, auf dem Hintergrund des Deutschen Herbstes mit seinen dramatischen im Buch alle beschriebenen Vorkommnissen (RAF, Mogadishu, Schleyer-Entf├╝hrung usw.) sich auf die Spurensuche nach Hartmut Gr├╝ndler zu begeben, eingebettet in eine ├╝berzeugend erz├Ąhlte Familiengeschichte. Er schildert das, was im kleinen Hanno in den Jahren 1975 -1977 vorgeht genauso ├╝berzeugend, wie die Suche des erwachsenen Hanno nach seiner Geschichte und der Bedeutung der Person Gr├╝ndlers.
Hanno versucht durch den R├╝ckblick letztlich das ganze Buch hindurch zu verstehen, wie die schillernde Figur des Umweltaktivisten Hartmut Gr├╝ndler mitverantwortlich war f├╝r das ihn und seine Kindheit zerst├Ârende Ende der Ehe seiner Eltern.

Obwohl Ljubics Roman haupts├Ąchlich in der Vergangenheit spielt, hat er doch angesichts der nach wie vor bestehenden Bedrohungen der Umwelt durch Atomkraft und andere Gef├Ąhrdungen und der intensiven Debatten, wie man sich dem entgegenstellen kann und welche Mittel dabei legitim sind eine aktuelle Bedeutung. Wieviel sind Menschen zu opfern bereit, um einer Idee zu folgen? Z├Ąhlt das Wohl Einzelner, wenn das ganze Gemeinwohl auf dem Spiel steht?

Alte und immer noch sehr aktuelle Fragen, die Ljubic zwischen den Zeilen aufwirft und die seinen Roman nicht nur zu einem lehrreichen Zeitzeugnis machen, sondern auch zu einem gelungenen literarischen Beitrag ├╝ber die Bedeutung und die Grenzen politischen Engagements.

Ein auch sprachlich ansprechender Roman, den ich gerne empfehle. Er hat mich zur├╝ckgef├╝hrt in mein eigenes Denken und Handeln in jenen Jahren, als ich als Student auch in der damals noch jungen B├╝rgerinitiativbewegung aktiv war.



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