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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ein Neujahrsbrief
Eingestellt am 12. 05. 2012 11:16


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Lady Paloma
Hobbydichter
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Ein Neujahrsbrief
01.01.2011, 03:20 Uhr
Liebe Monika, lieber Andreas,
ich hoffe, ihr wundert euch nicht zu sehr, dass eure Mutter euch zu dieser ungew├Âhnlichen Zeit einen Brief schreibt. Obwohl M├╝tter das eigentlich immer tun d├╝rfen, ihren Kindern schreiben, wenn ihnen danach ist. Nun, mir ist ziemlich selten danach, deshalb bitte w├╝rdigt dieses Ereignis geb├╝hrend.
Ich komme eben von der Silvesterparty hier in diesem sch├Ânen Hotel hoch ins Zimmer. Mit Sicherheit habe ich viel zu viel Sekt und Ros├ę intus, verteilt ├╝ber den ganzen Abend, von halb acht im letzten Jahr bis drei Uhr fr├╝h an diesem Neujahrsmorgen. So viel Alkohol bin ich nicht gew├Âhnt, schon gar nicht in meinem reifen Alter. Da sollte man eigentlich Vorbild sein, vor allem, wenn man wie ich seit ein paar Monaten Gro├čmutter ist.
Sicherlich hat der Alkohol auch zu dieser sentimentalen Stimmung beigetragen, die mich den ganzen Abend begleitet hat. Obwohl es eine wirklich gelungene Party war. Ein tolles Buffet, eindrucksvolle Showeinlagen, nette Leute, viel Smalltalk. Eigentlich h├Ątte ich rundherum damit besch├Ąftigt gewesen sein m├╝ssen, die Party zu genie├čen. Stattdessen hat sich dieses komische Gef├╝hl breitgemacht in meinem Bauch. St├Ąndig musste ich an euch beide denken, und ich glaube, ich werde nicht einschlafen k├Ânnen, bevor ich nicht diesen Brief an euch geschrieben habe.
Der Alkohol ist schuld daran, dass ich hier sitze, aber auch der Fakt, dass die Stadt, in der sich dieses Hotel befindet, die Geburtsstadt eures Vaters ist. Das ist mir erst aufgegangen, als ich schon im Saal war, genauer gesagt, als ich das erste Mal mit meinem Teller in der Hand in der Schlange vor dem Vorspeisenbuffet stand.
Vieles ist passiert im letzten Jahr. Das Wichtigste aber ist die Tatsache, dass du, liebe Monika, mich mit meinen 51 Jahren zur Gro├čmutter gemacht hast. Deine kleine Tochter ist das Wertvollste und Vollkommenste, das ich jemals von dir bekommen habe. Gut, immerhin bist du nun schon 25, h├Ąttest dir noch ein paar J├Ąhrchen Zeit lassen k├Ânnen mit dem ersten Kind, aber andererseits, ich war 26, als du kamst. Und ich konnte mein Gl├╝ck nicht fassen.
Knapp zwei Jahre sp├Ąter kamst du auf die Welt, Andreas. 23 Jahre wirst du alt in diesem Jahr 2011. Du wirst vermutlich noch etwas warten mit dem Vaterwerden, selbst wenn du umgehend damit anfangen w├╝rdest, so w├╝rdest du deinen Vater nicht mehr einholen. Denn sein erster Sohn wurde geboren, als er 22 Jahre alt war.
Das ist Jean Michel, euer ├Ąltester Bruder. Eins von drei Kindern aus der ersten Ehe eures Vaters. Von der Frau, der ich ihn weggenommen habe. So sagen es viele Menschen, die glauben, bei der ganzen Geschichte damals hautnah dabeigewesen zu sein. Ich sehe das anders.
Jean Michel ist nur wenige Jahre j├╝nger als ich. Manager einer gro├čen Versicherung ist er heute, und ziemlich pummelig. Er hat immer schon zu ├ťbergewicht geneigt. Ganz im Gegensatz zu Marcus, seinem j├╝ngeren Bruder, das ist der K├╝nstlertyp in unserer Familie. Er ist Regisseur, arbeitet meist im Ausland und dreht Filme, die intellektuell f├╝r mich viel zu anspruchsvoll sind. Ich mag es einfacher, direkter. Mag nicht zuviel nachdenken m├╝ssen ├╝ber das, was ich sehe. Man sieht ja, was dabei herauskommt, wenn ich zu viel nachdenke.
Dann gibt es noch eure Schwester Amelie, sie war zw├Âlf, als euer Vater sich von seiner ersten Frau trennte. F├╝r sie war es am schwersten, sie war genauso ein Papakind wie du es bist, Monika. Sie hat einige Jahre gebraucht, um das Auseinanderbrechen ihrer Familie zu verwinden und ihren eigenen Weg zu gehen.
Ich war damals eine Angestellte eures Vaters. Genauer gesagt ich war seine wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut f├╝r mittelalterliche europ├Ąische Geschichte. Und bis ├╝ber beide Ohren verliebt in meinen Chef. Der genau 20 Jahre ├Ąlter war als ich, ein etablierter und renommierter Wissenschaftler von internationaler Bedeutung, und von daher eigentlich v├Âllig unerreichbar f├╝r mich, die kleine unscheinbare Assistentin, die erst k├╝rzlich ihr Examen gemacht hatte. Die ihr Studium allerdings in Rekordzeit durchgezogen hat, eine Tatsache, die schon auf eine gewisse intellektuelle Qualit├Ąt hindeutet.
Vor dem Examen arbeitete ich zehn Stunden die Woche als studentische Hilfskraft an seinem Lehrstuhl. Durfte Unterlagen f├╝r seine Seminare und Vorlesungen kopieren, Anwesenheitslisten schreiben und unz├Ąhlige Male in die Zentralbibliothek unserer Universit├Ąt laufen, um B├╝cher und Zeitschriften zu bestellen, abzuholen und zur├╝ckzubringen, die er f├╝r seine wissenschaftlichen Abhandlungen brauchte. Nach dem Examen blieb ich an seinem Seminar, jetzt als wissenschaftliche Assistentin mit 19 Stunden und einem erweiterten und anspruchsvolleren Aufgabengebiet. Parallel zur Arbeit am Institut bereitete ich meine Dissertation vor.
Und blieb trotzdem die kleine unscheinbare Exstudentin, die ihren Prof aus der Ferne anhimmelte und gl├╝cklich war, wenn er das Wort an sie richtete. Das ├Ąnderte sich, als ich ihn auf einer Vortragsreise nach Florenz begleiten durfte. Wir besuchten einen internationalen Historikerkongre├č und hielten gemeinsam einen Vortrag. Das hei├čt, er hielt ihn und ich musste daf├╝r sorgen, dass er alles hatte, was er brauchte. Daf├╝r stand ich aber namentlich als Co-Autorin in allen Verzeichnissen und wurde auch in der Presse erw├Ąhnt.
Als wir aus Florenz zur├╝ckkamen, hatten wir eine Aff├Ąre. F├╝r mich war es die Erf├╝llung des Traums von der gro├čen Liebe. Was es f├╝r ihn war, wei├č ich nicht. Niemals hatte ich den Eindruck gehabt, in seiner Ehe k├Ânne es nicht stimmen. Sie waren eine Vorzeigefamilie, Vater, Mutter, die drei Kinder. Und doch war es mir gelungen, einen Teil seines Herzens zu erobern. F├╝r ihn war ich ein Jungbrunnen, hat er immer gesagt.
Wir flogen auf. Irgendwann, nach ein paar Monaten. Ich zog mich zur├╝ck und rechnete damit, dass er mir nahe legen w├╝rde, meine Doktorarbeit an einem anderen Institut, am besten an einer anderen Uni zu schreiben. Aus seinem Leben zu verschwinden. Mir brach schon bei dem Gedanken daran das Herz.
Es kam anders, wie ihr beide wisst. Euer Vater stand eines Abends vor der T├╝r meines Zimmers im Studentenwohnheim, das ich immer noch hatte. Er hatte sich f├╝r mich entschieden. Und wir wohnten tats├Ąchlich ein paar Wochen lang gemeinsam in diesem Zimmer. Es war der Himmel auf Erden.
In dieser Zeit bist du entstanden, Monika.
W├Ąhrend der Schwangerschaft zogen wir um, zun├Ąchst in eine Dreizimmerwohnung, denn das gro├če Haus behielt seine Frau mit euren drei Geschwistern. Jean Michel war zwar zu der Zeit schon ausgezogen und Marcus absolvierte einen USA-Aufenthalt, aber es sollte die Heimat seiner ersten Familie bleiben.
Mit der Dissertation ging es nat├╝rlich erst einmal nicht weiter. Ich war viel zu besch├Ąftigt mit meinem Status als Frau an seiner Seite, die auch noch sein Kind erwartete.
Und die er sehr schnell heiratete. Wenn schon, denn schon, war seine Devise. Seine Frau hatte sofort in die Scheidung eingewilligt, der Beginn des Trennungsjahres wurde einvernehmlich vorverlegt, und so bist du, Monika, ehelich auf die Welt gekommen.
Ich habe mich in den ersten Jahren ganz auf dich, und sp├Ąter dann auf euch beide konzentriert. Wie es f├╝r euren Vater war, ob sein Renommee als Wissenschaftler darunter gelitten hat, seine Studentin geheiratet zu haben, die ihm intellektuell weit unterlegen war, ich wei├č es nicht. Seine Kollegen, die Professoren, f├╝r die ich ebenfalls Unterlagen kopiert und B├╝cher aus der Bibliothek geholt hatte, waren nun pl├Âtzlich die Kollegen meines Mannes. Was sie von mir hielten, ob sie hinter meinem, unseren R├╝cken ├╝ber uns redeten, unser Verh├Ąltnis bel├Ąchelten, das Ganze ins L├Ącherliche zogen, ich wei├č es nicht. Seine erste Frau war ebenfalls Wissenschafterin, Medizinerin, sicherlich in den Augen der Kollegen eine ernstzunehmende Partnerin. Im Gegensatz zu mir.
Wir zogen in ein recht gro├čes Haus, ein paar Kilometer von der Uni entfernt. Wie euer Vater das finanziell alles managte, wei├č ich nicht. Die andere Familie war schlie├člich auch noch da. Und er hat eure Geschwister niemals finanziell benachteiligt. Was er hatte, gab er zu gleichen Teilen an sie und an euch.
Wenn ich euch vor meinem inneren Auge sehe, dann ist es immer das gleiche Bild: du, Monika, bist etwa f├╝nf, ein bildh├╝bsches M├Ądchen mit lockigen braunen Haaren, im Bl├╝mchenkleid spielst du auf dem Rasen in unserem Garten. Einen kleinen braunen Hund haben wir auch noch. Und du, Andreas, bist ein ernsthafter kleiner Junge mit deinen drei Jahren, wie du im Sandkasten sitzt und Burgen baust.
Ich komme auch vor in diesem Bild. Es sind G├Ąste da, Kollegen eures Vaters. Im Garten ist eine gro├če Kaffeetafel aufgebaut, ich bin die strahlend sch├Âne Frau an seiner Seite, die Mutter dieser beiden reizenden Kinder.
Ihr seid ├Ąlter geworden seit damals. Seid euren Weg gegangen. Schule, Gymnasium nat├╝rlich, etwas anderes w├Ąre undenkbar gewesen, zum Gl├╝ck seid ihr beide intelligent genug gewesen. Ein Jahr USA, als ihr 16 wart, auch das war ein Mu├č in unserer Familie. Ihr solltet selbst├Ąndig und unabh├Ąngig werden.
Heute seid ihr selber erwachsen. Du, Monika, hast eine eigene Familie. Andreas, du hast eine feste Freundin, irgendwann werdet ihr heiraten und auch Kinder bekommen.
Ich danke euch, dass ihr da wart, dass ich an Abenden wie heute an euch denken darf. Meine beiden Kinder. Die einzigen, die ich je gehabt habe.
Nun werde ich schlafen gehen k├Ânnen. Ich dr├╝cke und k├╝sse euch und w├╝nsche euch f├╝r 2011 und ├╝berhaupt alles alles Gute.
Eure Mama
P.S.: Ich wei├č, dass ihr mir nicht antworten werdet. Weder per Brief noch per Email oder SMS. Das ist nicht schlimm, ich bin nicht traurig dar├╝ber. Denn es gibt euch in Wirklichkeit gar nicht. Ich habe euch erfunden. Mir ausgedacht. Nicht heute. Sondern damals, vor mehr als 25 Jahren. Euren Vater, den hat es gegeben. Und ich denke, er lebt auch heute noch. Ist schlie├člich mal gerade Anfang 70. Auch seine Familie hat es gegeben, so wie ich sie geschildert habe. Aber er w├Ąre niemals auf den Gedanken gekommen, sich von seiner Frau zu trennen. Wegen mir schon mal gar nicht. Und ich h├Ątte es auch gar nicht wirklich gewollt. Weder die Aff├Ąre mit ihm, noch die Ehe. Nur in meiner Phantasie, in der Gewissheit, dass all das sowieso niemals passieren w├╝rde, habe ich mir manchmal diese ganze Geschichte vorgestellt. Denn ich war nichts weiter als eine kleine dumme wissenschaftliche Assistentin, die unschuldig und rein platonisch f├╝r ihren Chef schw├Ąrmte und sich manchmal vorstellte, was w├Ąre wennÔÇŽ.

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