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Leselupe.de > Kurzprosa
Ein Requiem
Eingestellt am 11. 08. 2005 19:54


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Horstingo
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Aug 2005

Werke: 4
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Die alte Eiche auf dem Kirchplatz
(Ein Requiem)
Mein lieber, treuer Freund, der Du mir seit frĂŒhester Kindheit tĂ€glich begegnetest. Wenn ich frĂŒhmorgens mein Haus verließ, markiertest Du fast genau die HĂ€lfte meines Schulweges. Niemals hĂ€tte ich an Dir vorbeigehen können, ohne daß meine Hand Dich zum Gruß berĂŒhrte. Auch am Mittag eilte ich zu Dir, um Dir zu sagen, daß die Schule endlich vorĂŒber ist. Manchmal glaubte ich, daß auch Du aufatmetest.
Obwohl die deutsche Sprache sagt, daß Du feminin bist, so warst Du doch mein Freund, nicht meine Freundin. Die Beziehungen zu meinen Freundinnen hatten einen anderen Charakter. Sie waren triebhaft-einseitig und deswegen oberflĂ€chlich, flach und unharmonisch. Es waren keine Freundschaften. Auch die Liebe zu meiner Ehefrau und zu meinen Kindern unterscheidet sich sehr von dem VerhĂ€lt­nis, das ich zu Dir hatte und immer noch habe. Freund­schaft und Liebe liegen eng beieinander und sind doch weit voneinander entfernt. Freundschaften zu meinen Geschlechtsgenossen waren Kameradschaften und Sport­freundschaften. Manchmal auch Durchausfreundschaften, KollegialitĂ€ten, die Wettbewerbe oder Überlegenheitsbe­werbe waren, bei denen ich dann und wann auch unterlag. Bei Dir verlor ich nie. Ich gewann.
GeschĂ€ftsfreundschaften sind Wertfreundschaften ohne Wert. Eine Freundschaft ist wertfrei, gleichzeitig jedoch ist ihr Wert unschĂ€tzbar. Freundschaft duldet keinen Widerspruch, obwohl sie davon lebt. Freundschaf­ten zwischen Menschen, auch zwischenmenschliche Bezie­hungen genannt, sind oft wechselhaft und wenig bestĂ€n­dig. Sie unterliegen vielfĂ€ltigen VerĂ€nderungen, denen sie nicht widerstehen können. Sie sind dann nur ver­meintliche Freundschaften. Man kann mit ihnen nicht rechnen. Sie sind oft unberechenbar und enttĂ€uschend. Wo das Element des Vertrauens fehlt kann keine Freund­schaft entstehen. Zu Dir konnte ich Vertrauen haben. Du warst stetig. Unsere Freundschaft war unerschĂŒtterlich, weil Du unerschĂŒtterlich warst. Nur einmal wurdest Du erschĂŒt­tert, von der Natur, obwohl Du ein Teil davon warst. Sie hat nach Deinem Leben getrachtet und Dich beinahe getötet. Wir, Deine Freunde, pflegten Deine Wunde. Ein Balsam aus Erde ließ Dich gesunden. Wir umgaben Dich mit einem Fundament aus Stein, was Dich sicher einen­gte, Dir aber Halt gab, denn Du solltest leben. Obwohl Du schon ĂŒber 200 Jahre alt warst, ließen wir Dich nicht gehen. Wir brauchten Dich. Du spendetest uns Schatten. Du warst eine StĂŒtze voller Lebenskraft und das Tagebuch unserer Namen. Du warst Zeuge fĂŒr Verspre­chen und GestĂ€ndnisse, fĂŒr Wahrheit und LĂŒge. Unter Dir und an Dir wurden BĂŒnde geschlossen und gelöst. Du kanntest unsere Freude und Trauer. Dir vertrauten wir unsere Geheimnisse an.
Mein VerhÀltnis zu Dir, war so, wie ich es gerne zu meinem Vater oder zu einem Patenonkel gehabt hÀtte. An Dich konnte ich mich anlehnen. Du schenktest mir Trost und neue Energie.
Du warst nicht nur die Zierde des Kirchplatzes und des nahen Gotteshauses. Du warst auch ein Symbol fĂŒr Be­stĂ€ndigkeit, Treue und Glauben.
Den vorchristlichen Germanen warst Du, die Eiche, heilig. Du bist entstanden, als das KirchengebĂ€ude entstand. Das Herz muß Dir geblutet haben, als Du spĂŒrtest, daß Du den Christenmenschen im Wege warst. Du wurdest der Ehre Gottes geopfert, sagten sie. Die Christenmenschen, die Frevler, opferten Dich. Sie töteten Dich auf die gleiche Weise, wie Heiden ihrem Götzen ein Blutopfer brachten, bevor sie einen Tempel bauten. So opferten Dich die Christenmenschen, um auf Deinem Platz ihr Gemeindehaus zu errichten.
Mein guter, treuer Freund, der Du unsere Kindheit und Jugend warst, der Du uns kanntest, wie uns keiner kannte. Du warst einer von uns, der uns genommen wurde. Mit Deinem Tod ist ein Teil von uns gestorben.

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alles rein energetisch!

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