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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Ein Roman,den man nachdenklich und stellenweise verstört wieder aus der Hand legt
Eingestellt am 12. 12. 2011 11:11


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Winfried Stanzick
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2011

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Rezension zu:

Julia Franck, Rücken an Rücken, S. Fischer 2011, ISBN 978-3-10022605-1

Nachdem Julia Franck in ihrem mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnete Roman „Die Mittagsfrau“ sich mit der Geschichte ihres Vaters befasste, wendet sie sich in ihrem neuen Roman „Rücken an Rücken“ wie in einer Art tragischem Märchen der Familie der Mutter zu.

Die Handlung des Romans erstreckt sich zwischen den Jahren 1954 und 1962. Es ist die Geschichte der politisch voll auf Parteilinie sich bewegenden Bildhauerin Käthe und ihrer beiden Kinder Ella und Thomas. Käthe, anerkannt und erfolgreich, vernachlässigt ihre beiden Kinder, die „Rücken an Rücken“ sitzen, um sich gegenseitig durch ihr trostloses und einsames Leben zu schützen. Denn die Mutter verweigert konsequent jede Form von Zuneigung; sie dürfen sie nicht Mutter nennen. Sie lässt zu Beginn des Romans ihre beiden gerade mal zehn und elf Jahre alten Kinder zwei Wochen allein zu Hause. Das sind sie gewohnt, und tagelang arbeiten die beiden Kinder ununterbrochen, um vor der Rückkehr der Mutter das Haus und den Garten auf Vordermann zu bringen. Sogar eine von ihnen gekochte Linsensuppe steht auf dem Tisch der blitzblank geputzten Küche, als die Mutter heimkommt. Doch die nimmt von all dem keinerlei Notiz und hängt sofort wieder am Telefon.

Aus Wut und Enttäuschung beschließen die Geschwister wegzulaufen, doch selbst eine zweitägige Abwesenheit der Kinder fällt der linientreuen Kommunistin nicht auf. Wenn der von dieser ersten Szene schon ziemlich erschütterte und an Angelika Klüssendorfs „Das Mädchen“ sich erinnernde Leser denkt, diese Szene wäre nicht mehr zu steigern, sieht er sich im Fortgang des Roman getäuscht.
Immer wieder sitzen die beiden Geschwister „Rücken an Rücken“ und denken sich Geschichten aus über ihren Vater, der starb, als sie noch ganz klein waren.

Abwechselnd erzählen die Kapitel aus der Perspektive von Ella und dann wieder von Thomas. Es kommt heraus, dass Käthe selbst mit einer schweren Vergangenheit zu kämpfen hat, die sie überspielt. Sie war als Jüdin 1939 aus der Meisterklasse entlassen worden, und hat auf Sizilien und später in der Schweiz die Shoah überlebt. Doch sie stellt sich dem nicht, überspielt alles „mit ihrer knüppelharten Fröhlichkeit“, vor der sich die Kinder immer mehr in eine eigene Welt zurückziehen. Ella, die von Eduard, dem Mann , den Käthe nach dem Krieg heiratete, missbraucht wird, genauso wie später von einem bei der Stasi beschäftigten Untermieter, geht nicht mehr in die Schule und leidet an Magersucht. Thomas, der ein guter Schüler ist, und nach seinem Abitur in einem Steinbruch schwer arbeiten muss, findet Trost in seinen Gedichten.

Irgendwann darf er als Vorbereitung auf sein Medizinstudium im Krankenhaus ein Praktikum machen, und lernt dort die Krankenschwester Marie kennen. Doch es ist ihm genauso wenig Glück beschert wie seiner Schwester.

Es ist eine dunkle Familiengeschichte, die Julia Franck da aufblättert und mit der sie literarisch abrechnet. Sie erzählt von der Angst und der existentiellen Verlassenheit ihrer Protagonisten in einem Land, aus dem es spätestens nach dem Mauerbau keinen Ausweg mehr gab, eine Zäsur, die das Leben und Handeln der Romanpersonen auch nachhaltig bestimmt.

Ein Roman, der ein weiteres Teilstück darstellt einer literarischen Aufarbeitung des Lebens in der DDR und den man nachdenklich und stellenweise verstört wieder aus der Hand legt, nachdem man ihn fast atemlos gelesen hat.

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