Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92225
Momentan online:
147 Gäste und 7 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Ein Roman wie ein Schrei, eine verzweifelte Anklage von Zuständen in unserem Land
Eingestellt am 15. 08. 2011 11:30


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Winfried Stanzick
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2011

Werke: 255
Kommentare: 116
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Winfried Stanzick eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Rezension von:
Tina Uebel, Last Exit Volksdorf, C.H. Beck 2011, ISBN 978-3-406-62477-3


In vielen Büchern, auch in Romanen, stellen die Autoren ihrem Buch einen Satz voran, einen Aphorismus oder sonst irgendein Wort aus Geschichte oder Gegenwart, das sie beschäftigt hat im Zusammenhang mit ihrem Buch. Als ich die Neuauflage des vorliegenden Romans von Tina Uebel aufschlug, nahm mich ein solcher Satz gefangen, wie es selten zuvor der Fall gewesen war. Tina Uebel zitiert einen Satz des amerikanischen Schriftstellers Hubert Selby jr., des Autors von „Last Exit to Brooklyn“, eines in den USA berühmten Buches, dessen Verfilmung auch hier in Deutschland erfolgreich war, und das sie wohl zum Titel ihres eigenen Romans inspiriert hat:

„Sometimes we have the absolute certainty, that there`s something inside us that`s so hideous und monstrous that if we ever search it out we won`t be able to stand looking at it. But it`s when we`re willing to come face to face with that demon that we face the angel.“

Doch schon bald stellt sich beim Lesen heraus, und im weiteren Verlauf wird es mit jeder Seite schmerzhafter und unerträglicher deutlich: die Protagonisten dieses Romans, Mitglieder einer wohl situierten und bildungsorientierten Mittelschicht im Hamburger Stadtteil Volksdorf sehen weder ihrem Dämon ins Gesicht, noch können sie an irgendeiner Stelle ihres Lebens etwas entdecken, was auch nur annähernd so aussähe oder sich so anfühlen würde wie ein Engel.

Da werden erwachsene Menschen beschrieben, die vor lauter Esoterik und Orientierung an Bildungserfolgen ihre eigenen Kinder übersehen und wie diese dann in einen immer dunkleren Abgrund stürzen. Hat man schon im ersten Drittel des Buches, wo die Figuren in ihrem spießerhaft geschilderten „Glück“ vorgestellt und eingeführt werden, das bange Gefühl, das da auf recht dünnem Eis gelebt, sich selbstverwirklicht, gevögelt, gegessen und getrunken wird, kommt dann mit der weiteren Handlung, in der die einzelnen Personen abwechselnd zu Wort kommen, eine Unerträglichkeit in die Figuren und ihr Schicksal, das in seiner Summe schon fast wieder unwahrscheinlich ist.

Denn Tina Uebel hat sich mit einer Sprache, die bitterböse und sarkastisch ist, dabei doch an vielen Stellen mit ihren Protagonisten sehr sensibel umgeht, ihren Frust über das Leben in den reichen Hamburger Vorort, in dem sie aufgewachsen ist, von der Seele geschrieben, fast war ich geneigt zu schreiben: geschrien.

Denn was die handelnden Personen da veranstalten mit ihrem Leben, wie sowohl die Erwachsenen als auch die Kinder langsam vor die Hunde gehen, das ist ein Schrei nach Hilfe, ein existentieller Notschrei. Ob Tina Uebel, der man unterstellen muss, dass sie ihr eigenen Gefühle und die Übertragung beim Schreiben nicht immer reflektiert hat, das auch so sieht, weiß ich nicht. Ich lese das Buch aber so. Bei aller Verwerflichkeit ihres Handelns: da sind Menschen, die ihre Kinder wohlstandsverwahrlosen lassen, die ihr eigenes Leben nicht im Griff haben, obwohl sie das ständig ihrer Umwelt und sich selbst vorgaukeln.

Am Ende des sich immer weiter zuspitzenden Dramas, in dem die Geschichten der beiden Jugendlichen Natalie und Joshua die erschütternsten sind, sind zwei Figuren gestorben und einer kommt in die Psychiatrie.
Dazwischen will ein anderer Schüler, der nicht so recht klar kommt mit seiner homosexuellen Identität, sich mit Aids anstecken um bei seinen großen schwulen Freunden dazuzugehören. Natalie, das schüchterne Mädchen hört, von der Mutter völlig unbemerkt, auf, Herzchen in ihr Tagebuch zu malen, und lässt sich unter Drogen von jedem Jungen benutzen. Das ist die verzweifelte Reaktion ihrer zarten Mädchenseele, nachdem Mitschüler sie mit einem Hammer vergewaltigt und dann die davon gemachten Fotos per Mail an der ganzen Schule öffentlich gemacht haben.

Es war nicht angenehm diesen Roman zu lesen. Man kommt sich vor wie ein Stalker, der durch die Fenster schaut und Dinge sieht, die ihn eigentlich nichts angehen. Doch weil sie uns etwas angehen, hat Tina Uebel diesen Roman geschrieben. Ein Roman, der sein Beispiel Volksdorf wie eine Parabel versteht auf eine Verrohung und Missachtung von Emotionen und von Mitmenschlichkeit und Fürsorge in der ganzen Gesellschaft.

Ein Roman wie ein Schrei, eine verzweifelte Anklage von Zuständen mitten in unserem Land, die das Zusammenleben von Menschen und vor allen Dingen die Zukunft der Kinder und Jugendlichen zum Grauen machen.

Ich wünsche der jungen Autorin, dass sie in ihrem Leben auch andere Erfahrungen machen darf und diese dann in einem anderen Buch beschreibt. „But it`s when we`re willing to come face to face with that demon that we face the angel.“

So ist es.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


1 ausgeblendete Kommentare sind nur für Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zurück zu:  Essays, Rezensionen, Kolumnen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!