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Leselupe.de > Kindergeschichten
Ein Schiff wird kommen
Eingestellt am 08. 09. 2002 20:39


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flammarion
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Ein Schiff wird kommen

An einem fernen, w√ľsten Gestade hatte ein Zauberer sein Schloss erbaut. Ein Schloss, sch√∂ner als irgend sonst etwas auf der Welt. Hohe, schlanke S√§ulen - eine jegliche aus einem St√ľck gefertigt! - zierten die Vorderfront, all √ľberall zwischen den S√§ulen waren Bl√ľtenranken aus edelstem Porzellan angebracht, und die Fenster waren vielfarbige Bilder aus Bleiglas, welches im Sonnenlicht funkelte - golden in der Morgensonne, blitzend in der Mittagssonne und blutrot in der Abendsonne. Den Giebel trugen Atlanten und Atlantiden, jede Skulptur eine Augenweide carrarischen Marmors. Das Dach war aus purem Gold, selbst die Regenrinne wurde von goldenen Tiergestalten gehalten.
Vor langer Zeit hatte sich der Zauberer in eine wundersch√∂ne Prinzessin namens Azelina verliebt. Er umwarb sie mit vielerlei kostbaren Geschenken. Sie aber sagte: "Mein Vater ist auch ein sehr reicher Mann, Puppen, Kleider, Naschwerk - das alles habe ich l√§ngst zur Gen√ľge genossen. Wenn schon Reichtum, dann w√ľnsche ich mir Reichtum des Herzens bei dem Mann, den ich heirate!" Der Zauberer war √ľber diese Worte arg verdrossen und nannte das M√§dchen innerlich eine dumme Gans, die Werte nicht zu sch√§tzen wei√ü. Aber er liebte sie noch immer und schickte einen S√§nger unter ihr Fenster, dass er ihr eine sch√∂ne, gef√ľhlvolle Serenade singe. Darauf sagte das M√§dchen: "Wenn weder die Worte noch die Melodie von dir, o Freier, stammen, dann solltest du zumindest selber singen!" Das verdross den Zauberer noch mehr. Er erkannte endlich, dass er das M√§dchen gar nicht liebte, sondern nur begehrte. So begann er, sie zu erpressen: "Wenn du mich nicht erh√∂rst, verwandele ich deine Eltern in Delphine!" Das M√§dchen glaubte nicht daran, dass der Zauberer so herzlos sein k√∂nnte und lachte ihn aus. Kurz darauf w√§lzten sich zwei gro√üe Delphine schwerf√§llig zum Schlosstor hinaus und in den Schlossgraben hinein. Die Prinzessin weinte bitterlich und flehte den Zauberer an, ihre Eltern wieder zur√ľckzuverwandeln. Er aber sprach: "F√ľge dich mir, dann werde ich es vielleicht tun!" Die Prinzessin erwiderte stolz: "Alles, was ich jetzt noch habe, ist meine Ehre, und die sollst du, o Fremdling, mir nicht beflecken!" Nun ergriff den Zauberer ein heilloser Zorn. Er verwandelte die Maid in eine goldene Taube, dass sie k√ľnftighin neben all den anderen Tiergestalten die Regenrinne festzuhalten habe. Da versammelten sich alle V√∂gel des Himmels um das Schloss des Zauberers und berieten sich: "Soll die K√∂nigstochter, die stets lieb und gut zu allem Lebenden war, nun als goldene Taube enden? Nein! Der B√∂sewicht muss ein Wort festlegen, durch welches die Prinzessin erl√∂st werden kann, und sei es erst in hundert Jahren!" Sie flogen in das Schloss hinein und pickten und zwackten den Zauberer, bis er sich geschlagen gab und schrie: "Ja, ja, ich setze ein Wort fest, ich schreibe es sogar in goldenen Lettern auf das Schlossdach, aber nur der wird es lesen k√∂nnen, der dem Geschmack dieser dummen Gans entspricht!" Da lie√üen die V√∂gel von ihm ab, blieben aber in der N√§he, um zu sehen, ob er sein Versprechen auch halten werde. Und nur wegen dieser Pr√§senz hielt er es. Das Schlossdach trug nun ein Ornament aus funkelnden Diamanten, die derartig vielfarbige Blitze schleuderten, dass man sie schon aus weiter Ferne gewahrte. Wer sich tags√ľber dem Schloss n√§herte, musste die Augen bedecken, um nicht von dem glei√üenden Schein geblendet zu werden.
Der Hauslehrer der Prinzessin hatte inzwischen festgestellt, dass seine Sch√ľlerin nebst ihren Eltern nicht mehr in der Residenz weilte und er glaubte, dass sie die seit langem geplante Reise angetreten haben und vergessen hatten, ihn davon in Kenntnis zu setzen. So ging er spazieren und entdeckte die Delphine im Schlossgraben. Er sah, dass die Tiere dort nicht mehr lange w√ľrden leben k√∂nnen und veranlasste einen Bauern, die Tiere auf seinem Heuwagen zum Meer zu schaffen. Etliche Stallburschen und Schweizer mussten kr√§ftig mit anpacken, um die schweren, glitschigen Gesch√∂pfe auf den Wagen zu hieven, den der Hauslehrer vorsorglich mit k√ľhlen Leinenplanen ausgelegt hatte. W√§hrend der langen, rasanten Fahrt begoss er die Delphine in regelm√§√üigen Zeitabst√§nden, damit sie keinen Schaden n√§hmen. Er redete ihnen gut zu und versprach ihnen ein gro√ües Gew√§sser, in welchem sie endlos schwimmen und viel zu fressen finden k√∂nnten. Dass die beiden bei "zu fressen" zuckten, fiel ihm nicht weiter auf, denn sie hatten auf der langen Fahrt schon oft gezuckt. Der gute Mann wusste ja nicht, wen er kutschierte. Einer Majest√§t h√§tte er niemals etwas "zu fressen" angeboten!
Die verwunschenen Majest√§ten wussten die Bem√ľhungen ihres Angestellten zu sch√§tzen. und waren ihm sehr dankbar, konnten sich aber nicht verst√§ndlich machen. Endlich im Meer angekommen, schwammen sie hin und her und kreuz und quer, besahen und bestaunten die Unterwasserwelt und f√ľhlten sich beinahe wohl in ihrer neuen Gestalt. Sie verstanden inzwischen auch die Sprache der Tiere und h√∂rten eines Tages das Gespr√§ch eines M√∂wenp√§rchens: "Der Zauberer, dieser schlechte Mensch, hat uns betrogen! Niemals wird jemand die liebliche Azelina erl√∂sen k√∂nnen, denn die Schrift auf dem Schlossdach blendet viel zu sehr!" - "Wir k√∂nnten jedes Mal, wenn sich ein Schiff n√§hert, einen Schatten auf die Schrift werfen, aber nur, wenn der ganze Schwarm dar√ľber kreist." - "Wie willst du den ganzen Schwarm dazu bewegen? Die sind doch alle viel zu besch√§ftigt! Der eine mit Fressen, der andere mit Zeugen, der dritte mit der Brutpflege und anderen Dingen! Nein, ich f√ľrchte, die Prinzessin ist verloren!"
Die Delphine sahen einander an und wussten, was zu tun war. Sie fragten die M√∂wen, wo sich das Schloss befindet und machten sich auf den Weg. Sie sp√§hten die Regenrinne hinauf und hinunter und erkannten ihre Tochter in der einzigen Taube in der Phalanx der Tiergestalten. Schon weit vor der K√ľste hatten sie die diamantene Schrift auf dem Dach gelesen, aber sie glaubten dass sie das nur konnten, weil sie durch das Wasser hindurch sahen, w√§ren sie √ľber dem Wasser, w√ľrden sie geblendet wie jeder andere. Das Wort war f√ľr einen Delphin unaussprechbar, sie konnten es niemandem √ľbermitteln. Sie schleppten jeden Kahn, den sie finden konnten, in der D√§mmerung zum Schloss. Die Insassen wehrten sich, aber das K√∂nigspaar war gewitzt, sie lie√üen sich nicht harpunieren. Sie f√ľhrten den Fischern den Tanz auf ihren Schw√§nzen vor, lachten sie an mit dem den Delphinen eigenen L√§cheln und zeigten sich auch ansonsten sehr menschenfreundlich und verst√§ndig. Die Fischer lie√üen sich bis vor das Schloss locken und waren gefesselt beim Anblick des wundersch√∂nen Geb√§udes. Sie fuhren aus eigener Kraft n√§her heran, um diese Sch√∂nheit zu genie√üen. Jeder blickte hinauf und hinunter und bestaunte das vollkommene Kunstwerk. Ja, auch das diamantene Ornament auf dem Dach fanden sie wundersch√∂n. Die Delphine dachten: "Ihr Trottel! K√∂nnt ihr nicht lesen? Seht ihr denn nicht, dass da ein Wort geschrieben steht?“ Und sie zogen aus, um weitere Schiffer zu der Schrift zu f√ľhren. Abend f√ľr Abend und Morgen f√ľr Morgen schleppten sie Schiffe dorthin, denn nur bei D√§mmerung war man nicht geblendet von den Diamanten.
So ging es viele Jahre. Jeder Mensch sah nur die Vollkommenheit der Architektur, keiner erkannte das Wort. Doch die Delphine lie√üen sich nicht entmutigen. Sie konnten nur aus ihrer Tiergestalt erl√∂st werden, wenn ihre Tochter erl√∂st wird. So schleppten sie weiterhin jeden Kahn, der in ihre Reichweite kam, zum Schloss. Da erwischte die K√∂nigin einmal ein Unterwasserboot. Es war leckgeschlagen und von der Regierung bereits aufgegeben worden. Aber die H√§lfte der Mannschaft war noch am Leben. Die M√§nner freuten sich, als das Schiff pl√∂tzlich wieder Fahrt aufnahm. Sie wussten, dass die Maschine defekt war, dass sie also gezogen wurden. Sie erblickten den Delphin und h√§tten ihn am liebsten gek√ľsst!
Kurz vorher hatten sie noch sondiert, wer am entbehrlichsten war. Um den zur Atmung n√∂tigen Sauerstoff zu strecken, hatten sie beschlossen, den Wissenschaftler, der zur Erforschung der Meereswelt an Bord war, den Fischen zum Fra√ü vorzuwerfen, denn er hatte ja keine Ahnung von den Feinheiten ihres Bootes. Nun lie√üen sie ab von ihm und jubelten ihrem neuen F√ľhrer zu.
Die Delphinin, die nicht wusste, aus welchem Dilemma sie das Boot befreite, machte die publikumswirksamen Faxen, die sie sich inzwischen antrainiert hatte. Sie wollte die Männer bei Laune halten und verhindern, dass sie beschossen wird. Sie konnte ja nicht ahnen, wie knapp der Sauerstoff in diesem U-Boot war! Die Männer begannen, sie anzufeuern, aber sie hörte die Rufe nicht. Da das Fahrtempo sich nicht änderte, begannen einige aus der Mannschaft, den Retter zu beschimpfen.
Ein Delphin muss von Zeit zu Zeit an die Oberfl√§che, so stie√ü auch endlich das U-Boot nach oben. Frische Luft, wie kostbar! Einmal tief durchatmen, und schon zog die Delphinin das Boot weiter, hin zu jenem Gestade, wo das Schloss des Zauberers prangte. Die Mannschaft jubelte: "Festland! Festland!" Und alle st√ľrmten auf den Strand. Der Wissenschaftler - ein vertr√§umter junger Mann, der lieber auf seiner Geige spielte, anstatt mit den Matrosen Karten zu spielen - hatte einen Schriftzug auf dem Dach zu sehen gemeint. Er trat ein paar Schritte zur√ľck und las es deutlich, er sprach das Wort unbewusst aus, und schon flatterte eine goldene Taube vom Dach herab und verwandelte sich in eine sch√∂ne Jungfrau. Sie dankte anmutig ihrem Retter und wandte sich dann zornig gegen das Schloss: "Du verruchter Zauberer, ich will meine Eltern! Verwandle sie zur√ľck! Sofort!" Da sank ein giftiger Rauchschwaden aus einem der Schlossfenster herab, in welchem die Riesengestalt des Zauberers drohend die F√§uste schwang: "Verschwinde! Deine Eltern hast du selbst verwirkt! Sie sind Vergangenheit, es gibt kein Zur√ľck f√ľr sie! Sei froh, dass du erl√∂st wurdest!"
Die Delphine hatten alles geh√∂rt und die Angst ihrer Tochter und die ihres Retters gesehen. Sie f√ľgten sich und lebten noch viele Jahre im Ozean, immer in der Hoffnung, eines Tages ihren Enkeln zu begegnen . . .


__________________
Old Icke

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Liebe flammarion,

ein sch√∂nes, sehr malerisch geschriebenes M√§rchen, finde ich. Es hat allerdings eine Eigenschaft, die m.E. M√§rchen √∂fter mal haben, n√§mlich da√ü es nicht so recht f√ľr Kinder ist. Du verwendest an mehreren Stellen W√∂rter, die Kinder nicht ohne Weiteres verstehen k√∂nnen (z.B. Atlanten und Atlantiden, carrarischer Marmor, Pr√§senz u.√§.). Au√üerdem glaube ich, da√ü ein Kind kaum den Unterschied zwischen lieben und begehren verstehen kann, selbst wenn man ihn erkl√§ren w√ľrde. Und die Themen Ehre beflecken und Zeugen sind auch irgendwie f√ľr eine Kindergeschichte unpassend.(Meine 12-j√§hrige Tochter sitzt hier gerade im Hintergrund und hat meine Meinung noch bevor ich sie aufgeschrieben oder ausgesprochen hatte in ihren eigenen Worten ausgedr√ľckt).
Deine Sprache ist schillernd und kraftvoll. Was mir ganz besonders gut gefallen hat ist die Stelle:

quote:
Bilder aus Bleiglas, welches im Sonnenlicht funkelte - golden in der Morgensonne, blitzend in der Mittagssonne und blutrot in der Abendsonne

Schön!

Liebe Gr√ľ√üe

Natalie

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flammarion
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ja,

vielen dank f√ľr deine meinung. du hast vollkommen recht. ich hab das hier reingestellt, weil ich die rubrik mit "M√§rchen" verwechselt habe. nicht jedes m√§rchen ist f√ľr kinder. ganz lieb gr√ľ√üt
__________________
Old Icke

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niclas van schuir
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Hallo Liebe,
eine schöne Geschichte hast du geschrieben in einer schillernden, packenden Sprache, die eine hohe Bewertung verdient.
Ob nun jeden Wort "kinder"gerecht ausgefallen ist, sollten wir nicht von neuem diskutieren. Ich schlage mich mit dem gleichen Problem herum und bleibe bei meiner Meinung, dass wir Kinder nur an einen gehobenen Sprachschatz heranf√ľhren k√∂nnen, wenn wir ihn benutzen. Dann m√ľssen wir "Gro√üen" eben erkl√§ren und mit den Kindern reden!
Liebe Gr√ľ√üe, Nic

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Schakim

Wird mal Schriftsteller

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schönes Märchen!

Hallo flammarion!

Auch mir hat Deine Geschichte gefallen. Kannst Du mir aber noch erklären, was ich unter "etliche Stallburschen und Schweizer verstehen muss?

VG
Schakim

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Parsifal
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Ein Schiff wird kommen

Hallo flammarion,

ich freue mich immer, wenn ich mal wieder M√§rchen lese, die nicht "aus der Kniebeuge" geschrieben wurden, wie Erich K√§stner das nannte. Sie d√ľrfen durchaus Wunderbares enthalten; Kinder sind gar nicht so dumm, wie manche Erwachsene glauben. Zudem sind M√§rchen am sch√∂nsten, wenn sie vorgelesen oder erz√§hlt werden. Als Kind war ich fasziniert, da√ü die K√∂nigstochter ein Bilderbuch besa√ü, das "das halbe K√∂nigreich gekostet hatte" und in dem Menschen und Tiere sich bewegten. Aber so etwas mu√ü im Kopf geschehen und auch dort bleiben! Wie grauenhaft kitschig sind diese Java-Sachen, in denen nackte M√§dchen auf Felsen sitzen (nackte M√§dchen sitzen immer auf Felsen, so stellt sich der kleine Moritz das vor) und sich im unter ihnen wabbelnden Wasser spiegeln. Das erinnert mich an Georg Kreisler:
"Armes einäugiges Elschen, schöne blonde Fee,
sitzt auf nacktem Felschen, ach, wie tut das weh!"

Einen klitzekleinen Einwand habe ich aber: wie wäre es, wenn Du aus der "jungfräulichen Schönheit" eine wunderschöne Jungfrau machtest? Das paßt besser in den Märchenton.

Liebe Gr√ľ√üe
Parsifal

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