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Leselupe.de > Lange Texte
18. Ein Schultag
Eingestellt am 11. 08. 2014 22:31


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molly
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Ein besonderer Schultag

Die Mutter weckte Michael und Nele: „Guten Morgen, Kinder, heute Nacht hat es geschneit!“ Im Nu sprangen die Beiden aus den Betten, denn schon lange warteten sie auf den ersten Schnee. Beim FrĂŒhstĂŒck ĂŒberlegten sie, was sie heute alles tun konnten. Aber Michael musste zur Schule und die Mutter ließ ihm keine Zeit zum TrĂ€umen. Sie drĂ€ngte zum Aufbruch, band ihm den Schal fest um den Hals und scheuchte ihn mit vielen lieben Worten aus dem Haus. Nur wenig Autos hatten ihre Spuren im Schnee hinterlassen. Er entdeckte ein paar riesige Fußstapfen. Die gehörten sicher Herrn MĂŒller, der in aller FrĂŒh die Zeitung brachte. Jetzt tapste Michael in den frischen Schnee und betrachtete den Abdruck seiner Stiefel. Neben Herrn MĂŒllers Spur sah seine winzig aus. Arme Prinzessin! Sie konnte den ersten Schnee nicht genießen, denn sie lag seit einigen Tagen krank im Bett.

„Bummle nicht herum“, rief die Mutter ihm nach. Nun lief Michael los, hielt erst bei Davids Haus wieder an. David wollte sich im Laden noch eine Brezel kaufen und so strebte Michael alleine weiter. Beim Rathaus flogen ihm die ersten SchneebĂ€lle um die Ohren. Er suchte schleunigst Deckung hinter dem Rathausbrunnen. Schon donnerten zwei SchneebĂ€lle an die Rathauswand, zerbarsten und der Schnee fiel ihm ins Gesicht. Reinhard hatte sich versteckt und ihm mit den SchneebĂ€llen aufgelauert. Michael landete gerade einen Treffer auf seinem RĂŒcken, als sie von der Schule die Glocke hörten.
In fĂŒnf Minuten begann der Unterricht. Aber sie hatten nicht mehr weit und stĂŒrmten in ihr Klassenzimmer. Dort fanden sie nur die Lehrerin und einen fremden Herrn vor. Sie begrĂŒĂŸten die beiden mit einem Murmeln und setzten sich auf die PlĂ€tze.
Frau Albi stellte sich ans Fenster und schaute hinaus. Michael lief zu ihr und blickte mit ihr in die herrliche Schneelandschaft. Eben schlenderte Peter ĂŒber den Schulhof. Er stupste vorsichtig mit einem Stöckchen gegen einen Strauch und lachte, als Schnee dabei herunter rieselte. Er ließ noch ein paar Schneeflocken auf die Hand und in den Mund fallen, ehe er ins Klassenzimmer kam. Der fremde Herr empfing ihn nicht gerade freundlich. „Wo kommst du denn jetzt her, so nass und voller Schnee? brummte er Peter an.
„Ich?“, fragte der erstaunt. „Ja, du", antwortete der Fremde.
„Ich komme von daheim!" sagte Peter und setzte sich auf seinen Platz. Der Mann runzelte die Stirne und schaute auf seine Uhr.
„Bist du immer so spĂ€t dran?" fragte er
„Meinst du mich?" erkundigte sich Peter.
„Ja, natĂŒrlich", antwortete der Fremde.
„Ich komme nie zu spĂ€t“, beteuerte Peter, „du bist zu frĂŒh!"
David betrat mit einem lauten Hallo das Klassenzimmer.
„Wo kommst du denn her?" wollte der Mann wissen.
„Ich"? fragte David erstaunt.
„Ja, du", sagte der Unbekannte streng.
„Ich komme aus dem Laden", erklĂ€rte David. Der fremde Herr schĂŒttelte den Kopf und David setzte sich schleunigst an seinen Platz. Zum GlĂŒck fuhr der Schulbus in den Schulhof, der ausgerechnet an diesem Morgen etwas VerspĂ€tung hatte, und das Klassenzimmer fĂŒllte sich.

Der Herr stellte sich vor die Klasse und fragte die Kinder, wer er wohl sei. Michael ahnte, dass dies nicht die letzte Frage war. Doch niemand kannten ihn und die Kinder blickten hilfesuchend zu Frau Albi. Sie deutete vorsichtig mit einem Finger auf das Lesebuch und nun wussten sie Bescheid.
„Du bist der Mann der die neuen SchulbĂŒcher bringt!" rief Reinhard freudig aus. Frau Albi hatte davon erzĂ€hlt und sie erwarteten die BĂŒcher schon voll Ungeduld.
„Aber nein, Kinder. Ich komme von einem Amt. Wisst ihr jetzt, wer ich bin?" fragte der Mann. Wieder schauten sich die Kinder ratlos an, zuckten mit den Schultern und schĂŒttelten die Köpfe.
Peter antwortete fĂŒr alle: „Nein, Herr, wir wissen nicht, wer du bist. Wir gehen auf kein Amt!" Der Fremde holte tief Luft und sagte: „Ich bin der Schulrat. Wer weiß denn, wie die Mehrzahl von Schulrat heißt?"
„SchulrĂ€der!" rief Reinhard. „Nein", stöhnte der Schulrat. David meldete sich und sagte: „Die Mehrzahl von Schulrat sind Schulratten!"
Der Schulrat schlug die HĂ€nde vors Gesicht und murmelte: „Genug!" Dann schaute er die Kinder wieder an und sagte: „Schulrat, Schul-rĂ€-te, so heißt das! Nun möchte ich einmal hören, was ihr bei Frau Albi gelernt habt!"
Das hĂ€tte er doch wirklich gleich sagen können! Sie hatten gelernt, wie wichtig die Wimpern fĂŒr ihre Augen waren und Michael erzĂ€hlte das dem Schulrat noch einmal. „Gut, Junge, das reicht", unterbrach ihn der Schulrat. „Weiß einer von euch, was an unserem Körper ĂŒberflĂŒssig ist?"
„Ich glaube, du meinst das Blut!" antwortete David. Der Schulrat schlug sich mit der Hand auf die Stirn und sagte: „Ich meinte doch nicht flĂŒssig, sondern ĂŒ- ber- flĂŒs sig, ĂŒ-ber-flĂŒs-sig“, betonte er noch einmal.
Keines dieser Kinder hat das Wort je wieder vergessen.
Nun meldete sich Peter. Der Schulrat lĂ€chelte erfreut. „Nun, sag uns, was ĂŒberflĂŒssig ist“, ermunterte er Peter. „Vielleicht meinst du deinen Bauch?" fragte Peter und deutete mit dem Finger auf den rundlichen Bauch des Schulrats. Der hatte jetzt genug gehört. Hastig verabschiedete er sich von Frau AIbi und richtete seine letzte Frage an die Kinder: „Wisst ihr eigentlich nicht, dass ihr zu den Erwachsenen „Sie" sagen mĂŒsst?" Er erwartete jedoch keine Antwort mehr, sondern eilte aus dem Zimmer.

Frau Albi setzte sich an ihren Schreibtisch und ein Beben durchzuckte ihren Körper. Ihre geliebte Frau Albi musste wegen diesem Schulmann vom Amt weinen, nein, das durfte nicht sein! Die Kinder eilten zu ihr, um sie zu trösten. Doch sie weinte nicht. Sie lachte so sehr, dass ihr dabei die TrĂ€nen ĂŒbers Gesicht kullerten. Alle stimmten in ihr Lachen ein, bis sie die TrĂ€nen mit dem HandrĂŒcken weg wischte und die Hand hob. „Seid bitte wieder leise", bat sie und Michael ergĂ€nzte: „Sonst kommt der Herr Schulrat und fragt, warum wir lachen!"
Frau Albi gab ihnen, wie an allen besonderen Tagen, keine Schularbeiten auf, dazu zÀhlte der erste Schneefall auch. Sie gingen gleich nach dem Mittagessen hinaus in den Schnee.

Ein Jahr spĂ€ter besuchte der Schulrat wieder diese Klasse. Zum GlĂŒck hatte es nicht geschneit, alle waren pĂŒnktlich. Die Kinder erkannten ihn sofort wieder.
Sie erwĂ€hnten auch seinen Bauch mit keinem Wort. Dieses Mal verschonte er sie mit Fragen. Er schaute sich dafĂŒr die Hausaufgaben an. Die Kinder duzten ihn auch nicht mehr und beim Abschied lobte er sie: „Ihr habt wirklich viel gelernt, Kinder, macht weiter so!" Er gab Frau Albi die Hand, nannte sie "Frau Kollegin“ und rauschte aus dem Zimmer. Er war nun kein Fremder mehr. Er gehörte zu ihrem Leben und wĂŒrde wieder kommen, ĂŒberraschend, wie der erste Schnee.


Version vom 11. 08. 2014 22:31
Version vom 24. 09. 2014 16:21
Version vom 24. 09. 2014 16:50
Version vom 11. 03. 2018 16:17
Version vom 24. 04. 2018 17:32

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