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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ein Selbstmord
Eingestellt am 17. 08. 2010 11:26


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MĂ€uschen
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Ein Selbstmord

„Viele Glitzersteine!“, hatte ich als Kind gerufen, als ich zum ersten Mal das Meer sah. Und auch jetzt traf die Beschreibung zu. Der blutrote Sonnenuntergang ließ das azurblaue Wasser diamanten funkeln und nahm keine RĂŒcksicht auf mangelnde Zuschauer. Selbst auf dieser verlassenen, steilen Klippe, die so weit abgelegen vom Hotel war, bot sie mir diesen herrlichen Anblick.
Zum letzten Mal.
Ich wĂŒrde nie mehr ans Meer zurĂŒckkehren. Nie wieder.
Eine leichte Brise umspielte meine HaarstrĂ€hne und hielt sie davon ab, mir stĂ€ndig ins Gesicht zu fallen. Plötzlich schien mir alles viel klarer zu sein, viel schĂ€rfer, als es mein ganzes Leben bisher gewesen war. Die Einsamkeit hatte ich hier gesucht und die Einsamkeit wĂŒrde ich hier wieder finden.
Ich tat einen Schritt zu auf die Endlosigkeit des Horizonts.
Noch einen Schritt.
Noch einen.
Ich hatte eine gute Stelle ausgesucht. Keine HĂ€user, keine Straße, keine Touristen, kein GelĂ€nder.
Ein weiterer Schritt.
Ich sah, ohne den Kopf zu neigen, auf die spitzen Felsen unter mir. Tosend brachen sich die Wellen an ihnen und schĂ€umten. Ich hatte einst auch geschĂ€umt. Vor Wut. Aber diese Wut war nun einer Ruhe gewichen wie das Meer weit draußen. Und mit der Ruhe kam ein Entschluss. Ein eiserner Entschluss, so hart wie der Stein, auf dem ich stand.
Noch ein Schritt.
Und ein zweiter.
Ich breitete langsam die Arme aus und musste plötzlich lÀcheln. Mir kam ein Film in den Sinn, in dem die gleiche Szene vorkam. Nur ein Mann stand statt meiner an diesem Platz. Ich wusste noch, dass ich den Mann nicht gemocht hatte, aber ob es am Schauspieler oder an der Rolle lag... Ich wusste es nicht mehr. Mein weites Oberteil wurde von der Brise erfasst und kitzelte leicht meine nackte Haut. Ein weiterer Grund zu lÀcheln.
Mein letzter Schritt.
Ich balancierte nun am Klippenrand. Die Tiefe zog mich hinunter... Nein, das war nur eine Metapher, die man so dahinsagte.
Nichts zog.
Vielleicht erfasste mich eine Windböe und ich wĂŒrde das Gleichgewicht verlieren... Nein, das wĂŒrde nicht gesehehen.
Nichts stieß.
Ich schloss die Augen und dachte daran, dass alles hÀtte anders laufen können. Aber jetzt war ich ja hier, um aus dem Kreis auszubrechen, mein Leben auf die Bahn eines Anderen zu lenken. Mein Zentrum zu wechseln.
Ich atmete tief aus und lehnte mich nach vorn.
„Hör auf mit dem Schwachsinn!“ Seine große Hand packte mich grob am rechten Unterarm und zerrte mich vom Abgrund weg.
Richtig. Ich war nicht allein.
„Du bist doch nicht etwa mit mir hierher gefahren, um dich jetzt da hinunter zu stĂŒrzen, oder?! Du hast wohl zu viel TV gesehen. Oder Titanic hat dir den Kopf verdreht...“
Richtig. Ich musste mich wieder daran erinnern, weshalb ich hier war. Ich wollte die Einsamkeit finden.
Deshalb war ich hier. Deshalb war er hier.
Mein Zentrum, um das sich seit jeher meine Lebensbahn gewunden hat. Er erinnerte mich an den Mann aus dem Film. Ich mochte ihn nicht. Vielleicht, weil ich das GefĂŒhl habe, dass ich nicht der Mittelpunkt seines Lebens bin. Vielleicht, weil ich ĂŒberhaupt kein GefĂŒhl habe. Ich weiß es nicht.
Jetzt ist es auch egal.
Der eiserne Entschluss kam mir wieder in den Sinn. So hart wie Stein.
„Wie wĂŒrdest du dich denn fĂŒhlen, wenn ich hier stehen wĂŒrde wie du?“ Er ließ endlich meinen Arm los und hörte auf, wie wild mit der freien Hand zu gestikulieren. Stattdessen ging er einen Schritt auf den Abgrund zu und breitete die Arme aus. „Na, was wĂ€re dann? Wie wĂŒrdest du dich denn fĂŒhlen, wenn ich nicht mehr hier wĂ€re, wenn ich springen wĂŒrde?“
„Einsam“, antwortete ich.
Noch ehe er den eisernen Entschluss in meinen Augen ablesen konnte, der sich seit Jahren aus den StrĂ€ngen der VernachlĂ€ssigung, der KĂ€lte und der LĂŒgen gewebt hatte, spĂŒrte er meine Hand fĂŒr einen kurzen Moment in seinem RĂŒcken.
Ich hatte meine Einsamkeit gefunden. Endlich, nach langen Jahren.
Nichts deutete auf einen Unfall hin. Er war gesprungen. Ein Selbstmord. Es war offiziell. Ein Selbstmord.
Nur ein Selbstmord.

__________________
Wenn Augen der Spiegel zur Seele sind, zerschlage ich ihn dann mit meinen Taten und spucke mit meinen Worten die Scherben aus?

Version vom 17. 08. 2010 11:26

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KaGeb
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo MĂ€uschen,

herzlich willkommen in der Leselupe. Viel Spass und Inspiration wĂŒnsche ich.

Zum Text selbst: Das Motiv der Prot. ist m.M.n. nicht ausreichend. Außerdem ist die Wendung in ihrem GefĂŒhlschaos zu krass. Einerseits will sie sich umbringen, um Absolution durch die ewige Ruhe zu erhalten, andererseits findet sie schlussendlich gerade diesen Frieden im Mord an diesem Mann. Geradeaus gesagt: Der WEchsel von Suizidgedanken zur Mörderin funktioniert auf die von dir beschriebene Art (bei mir jedenfalls) nicht glaubhaft.

LG KaGeb

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MĂ€uschen
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GrĂŒĂŸ dich =)
Danke, ich hab jetzt schon meine Freude an dieser Seite ^^

Hmm.. Ja, ich dachte mir schon, dass ich etwas zu ausschweifend wurde^^ Sie hatte nie vor, sich umzubringen. Diese "Absolution der Einsamkeit" wollte sie von Anfang an durch den Mord erlangen. Dieses Zugehen auf den Abgrund, das Schritt-FĂŒr-Schritt-Motiv war mehr eine spontane Reaktion auf die herrschende AtmosphĂ€re. Allerdings hast du recht, dass das nicht so rĂŒberkommt. Ich werde es nochmal durchgehen.

Danke dir fĂŒr die Kritik =)
__________________
Wenn Augen der Spiegel zur Seele sind, zerschlage ich ihn dann mit meinen Taten und spucke mit meinen Worten die Scherben aus?

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Retep
Manchmal gelesener Autor
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Morgen mÀuschen,

dein Text hat geringen Umfang, einen personalen ErzĂ€hler,keine Einleitung und einen ĂŒberraschenden Schluss. Es handelt sich um einen entscheidenden Einschnitt, von dem du berichtest, um eine konfliktreiche Situation, geprĂ€gt von Emotionen. Dein Text zeigt wenig Handlung, die Sprache ist einfach, passt zum Inhalt.
Alles Kennzeichen einer gelungenen Kurzgeschichte.

Mir wurde zum Schluss klar, dass die Protagonistin sich nie umbringen wollte.
(Einige SĂ€tze, die in diese Richtung zeigen, wĂŒrde ich streichen.)

Ein paar kleine (teilweise subjektive) Anmerkungen zum Text:

quote:
„Viele Glitzersteine!“(Komma) hatte ich als Kind gerufen,

quote:
und hinderte sie an ihrer Gewohnheit, mir stÀndig ins Gesicht zu fallen.
- anders (einfacher) formulieren?

quote:
Mir kam ein Drama in den Sinn in der die gleiche Szene vorkam. Nur ein Mann stand statt meiner an diesem Platz. Ich wusste noch, dass ich den Mann nicht gemocht hatte, aber ob es am Schauspieler oder an der Rolle lag... Ich wusste es nicht mehr. War das jetzt ĂŒberhaupt wichtig? Nein.
quote:
mein Leben auf die Bahn eines Anderen zu lenken.
- streichen?

quote:
Ich wartete darauf, dass mich eine Windböe erfasste und ich das Gleichgewicht verlor... Aber ich wartete vergebens. Kein leichter Stoß, gar nichts.
Nichts stieß.
- streichen?

quote:
Und er war auch hier.
- Aber er war auch hier?

quote:
Mein Zentrum, um das sich seit jeher meine Lebensbahn gewunden hat.

quote:
wenn ich hier stehen wĂŒrde,(kein Komma) wie du?“

Gerne gelesen.

Retep
__________________
>Die Kritiker nehmen eine Kartoffel, schneiden sie zurecht, bis sie die Form einer Birne haben, dann beißen sie hinein und sagen: „Schmeckt gar nicht wie Birne.“< (Max Frisch)

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MĂ€uschen
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Hallo Retep,

Auch dir danke fĂŒr deinen Kommentar. Ich bin vielen deiner Anregungen nachgegangen (v.a. was Kommata betrifft... dumdidum...). Inhaltlich habe ich einige SĂ€tze umformuliert, so dass ihre Suizidgedanken weniger durchdringen, dafĂŒr ihre Mordgedanken deutlicher werden.


quote:Mir kam ein Drama in den Sinn in der die gleiche Szene vorkam. Nur ein Mann stand statt meiner an diesem Platz. Ich wusste noch, dass ich den Mann nicht gemocht hatte, aber ob es am Schauspieler oder an der Rolle lag... Ich wusste es nicht mehr. War das jetzt ĂŒberhaupt wichtig? Nein.

quote:mein Leben auf die Bahn eines Anderen zu lenken.

- streichen?

--> Ich habe die obere Textstelle umformuliert, dennoch halte ich den Vergleich Schauspieler - Ihr Mann, der gegen Ende aufgegriffen wird, doch fĂŒr wichtig. Er zeigt, wie sehr sie sich von ihm schon abstrahiert hat.

quote:Ich wartete darauf, dass mich eine Windböe erfasste und ich das Gleichgewicht verlor... Aber ich wartete vergebens. Kein leichter Stoß, gar nichts.
Nichts stieß.

- streichen?

--> Auch umformuliert. Obwohl sie nichts in die Tiefe zog oder stieß, sprang sie dennoch nicht. Aber sie "wartet" jetzt nicht mehr darauf ^^

quote:Und er war auch hier.

- Aber er war auch hier?

--> Toll, dass das jemandem aufgefallen ist^^ Ich habe absichtlich nicht "Aber" geschrieben, denn das hÀtte ja ihren Suizidgedanken deutlich gemacht (sie will sich umbringen, aber ihr Mann ist ja anwesend). Daher ein "Und", da ihr Entschluss sich ja nur um ihn dreht. Allerdings ist das ziemlich holprig, daher habe ich es umformuliert. (GefÀllt mir jetzt seeeehr viel besser. Danke ^^)

quote:Mein Zentrum, um das sich seit jeher meine Lebensbahn gewunden hat.

--> War auch absicht. "den" statt "das" sollte auf ihren Mann anspielen... Aber hört sich einfach nur sprachlich unkorrekt an. Ausgebessert.


Danke dir =)

__________________
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Ralf Langer
Routinierter Autor
Registriert: Sep 2009

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hallo mÀuschen,
nachdem du die geschichte umgestellt hast und die motive besser heraus gearbeitest hast, gefÀllt sie mir.
jetzt kann ich den abgrĂŒnden in deiner protagonistin folgen.

eins nur:
denk mal darĂŒber nach abrupter aufzuhören.
ich wĂŒrde aufhören mit:
(inkl. kleiner umstellung)

endlich hatte ich meine einsamkeit gefunden.

ob mord, selbstmord, schuld oder unschuld. all dies gehört fĂŒr mich nicht mehr zu dieser geschichte.

lg
ralf
__________________
RL

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