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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ein Strauß Astern
Eingestellt am 25. 05. 2015 15:41


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Hyazinthe
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„Ihr Kind?“
Marlene zuckte zusammen. Sie hatte die alte Frau nicht bemerkt, die neben sie an den Rand der schmalen Grabstelle getreten war.
„Ja“, antwortete sie. Sie warf der Frau einen kurzen Blick zu. Ein freundliches, uraltes Gesicht mit unzähligen Runzeln, dünne weiße Haare unter einem wollenem Kopftuch, eine magere, gebeugte Gestalt in einem dicken Mantel, der für diesen noch warmen Herbsttag viel zu winterlich schien.
„Es ist nicht recht, wenn die Kinder vor ihren Eltern sterben“, sagte die Alte mit einer überraschend selbstbewussten Stimme. „Die Natur hat es so nicht vorgesehen.“
„Ja“, sagte Marlene, „das ist wohl wahr.“ Eigentlich war ihr nicht nach einer Unterhaltung zumute, aber sie wollte nicht unhöflich sein. Sie bückte sich und nahm die halb verwelkten Nelken, die unter dem Regen der letzten Tage gelitten hatten, aus der bronzenen Friedhofsvase und legte sie beiseite. Dann wickelte sie den üppigen Strauß Astern, den sie mitgebracht hatte, aus dem Papier und ordnete die Blumen in der Vase gefällig an. Die milde Oktobersonne ließ das Rot, Gelb, Orange und Violett der Blüten aufleuchten, so dass sie einen kräftigen Kontrast bildeten zu den weißen Kieselsteinen, die die Flächen zwischen den Buchsbaumreihen ausfüllten.
„Der Engel ist schön“, sagte die alte Frau, „er passt gut zu dem Grab eines Kindes.“
„Ja, das finde ich auch.“
Erst letzte Woche hatte Marlene die Grabfigur mit dem Tuch, das sie dafür immer mitbrachte, sorgfältig gesäubert, jetzt brauchte sie es wegen des Regens nur kurz abzuwischen. Zu kitschig, hatte Jürgen gesagt, als sie sich die Grabsteine für Kinder angesehen hatten, und so melodramatisch. Aber sie hatte darauf bestanden den trauernden Engel zu kaufen. Die kniende Figur mit dem zarten Kindergesicht und den kleinen Flügeln am Rücken bestand aus teurem weißen Marmor. Sie schien ihr angemessen für ihr kleines Mädchen. Nicht dass der Engel Ähnlichkeit gehabt hätte mit Susanne, dafür war er viel zu stark idealisiert. Aber sie hatte deutlich machen wollen, dass hier ein Kind begraben lag.
„Wie war sie denn so, Ihre Kleine?“
Seltsamerweise war die Neugier der Alten Marlene nicht unangenehm, im Gegenteil: Sie fand es wohltuend, von Susanne sprechen zu können.
„Sie war ein so lebhaftes und fröhliches Kind, unsere kleine Susanne. Sie liebte Tiere. Später wollte sie Tierärztin werden. Nächste Woche hätte sie Geburtstag gehabt. Dann wäre sie elf Jahre alt geworden.“ Sie verstummte, weil ihr plötzlich ein Kloß in der Kehle saß.
„Schön, die Blumen“, sagte die Alte, als ob sie nicht bemerkt hätte, dass Marlene mit den Tränen kämpfte. "So schön bunt. Und lebendig.“
„Ja“, sagte Marlene, als sie sich wieder gefangen hatte. „Astern waren Susannes Lieblingsblumen. Sie sagte immer, sie hätten so coole dicke Blüten.“ Sie musste lächeln über diesen Ausdruck. Das Gesicht der Alten legte sich in noch mehr Falten, als sie ebenfalls schmunzelte.
„Was ist passiert? Ein Unfall? Oder war es eine Krankheit?“
Das Lächeln auf Marlenes Gesicht verschwand.
„Ein ... Unglück“, brachte sie schließlich heraus. Plötzlich wünschte sie, die Alte möge verschwinden und sie in Ruhe lassen.
„Ja, das Leben ist manchmal sehr grausam zu uns, nicht wahr?“ Die alte Frau lächelte weise. „Ich habe meinen Mann und drei Söhne verloren. Aber ich bin immer noch da.“ Sie strich Marlene in einer tröstenden Geste sanft über den Arm, drehte sich um und ging langsam, gestützt auf einen altmodischen Handstock, davon. Marlene blickte der kleinen gebückten Gestalt lange nach. Dann schüttelte sie unwillig den Kopf. Was wusste diese alte Frau schon von der Last, die sie zu tragen hatte!
Nachdenklich warf Marlene einen letzten Blick auf das kleine Grab. Die bunten Blumen leuchteten vor dem vielen Weiß. Alles sah sauber und frisch aus. Langsam ging sie den geraden Pfad durch die ordentlichen Reihen der Gräber zurück zu ihrem Auto. Sie hatte es nicht eilig, nach Hause zu kommen.

2
Wie eine achtlos liegen gelassene Puppe hatte Susanne dagelegen. Auf ihrem Bett mit den Hello-Kitty-Bezügen, ganz still und regungslos. Marlene hatte sie eine ganze Weile angestarrt, bevor sie begriff, dass sie nicht mehr atmete. Nie würde sie den Anblick vergessen, als die Leichenträger den kleinen Sarg mit ihrer Tochter aus dem Haus trugen.
Später war ihr die schreckliche Unordnung im Zimmer aufgefallen. Sofort, nachdem die Spurensicherung der Kriminalpolizei das Zimmer freigegeben hatte, ging Marlene daran, aufzuräumen. Zuerst das Bett: Sie schüttelte das Kopfkissen auf, zog das Laken gerade und glättete sorgfältig das Deckbett. Dann sammelte sie die Plüschtiere ein und setzte sie in der richtigen Reihenfolge auf den Rand des Bettes, so dass sie aufrecht an der Wand lehnten. Jedes einzelne davon hatte Susanne geliebt. Das Schaf ganz besonders, es war das Kuscheltier gewesen, ohne das sie als Kleinkind nicht einschlafen konnte. Als nächstes hob Marlene die Kleidungsstücke vom Boden auf, legte sie sorgfältig zusammen und ordnete sie zurück in den Kleiderschrank. Zuletzt räumte sie die Bücher, die Schulsachen und die restlichen Dinge wieder an ihren Platz. Nichts sollte mehr an das erinnern, was hier geschehen war. Es musste alles unberührt und wie immer aussehen. Susanne war ein ordentliches, gewissenhaftes Mädchen gewesen.
Danach hatte Marlene die Rollläden herunter gelassen, so dass das Zimmer im Dunkeln lag. Jeden Tag kam sie seitdem hierher, schaltete das Nachtlicht ein, das an der Decke den Mond und die Sterne kreisen ließ, und setzte sich auf den kleinen Plüschsessel. Verrückt, hatte Jürgen gesagt, du machst dich doch vollkommen verrückt damit. Er hatte nicht verstanden, dass sie ihrer Tochter auf diese Weise nahe sein wollte. Sie wusste, auch er hatte getrauert, auch er hatte unter dem gewaltsamen Tod seiner Tochter gelitten. Aber dann hatte er sich wieder dem Alltag zugewandt, war zur Arbeit gegangen, hatte weitergelebt. Doch sie konnte ihm darin nicht folgen. „Lass mir Zeit“, hatte sie zu ihm gesagt, „ich brauche nur etwas mehr Zeit“.


3
Marlene ging nach ihrem Friedhofsbesuch in die Küche ihrer Wohnung und bereitete sich einen starken schwarzen Tee zu. Sie süßte das heiße Getränk mit zwei Löffeln Zucker und nahm den Becher mit in ihr Arbeitszimmer. An ihrem Schreibtisch öffnete sie die rechte Schublade. Ein Stapel ungeöffneter Briefe lag darin. Sie nahm die Briefe heraus und breitete sie vor sich auf der sauber aufgeräumten Schreibtischplatte aus. Zehn Briefe. Für jeden Monat einen. Ihr Blick verharrte auf der Anschrift. Ihr Name und ihre Adresse. Sie kannte die Schrift: kleine, steile Buchstaben. Sollte sie nicht endlich einen der Briefe öffnen? Sie müsste sich der Wahrheit stellen, hatte ihr Therapeut gesagt, sonst würde die Wunde nie heilen.
Die Wahrheit. Wusste sie nicht schon genug von der Wahrheit? Musste sie noch mehr wissen? Ihre Hände ordneten die gleichförmigen weißen Umschläge zu einer Doppelreihe von je fünf Briefen. Sie trank ihren Tee in kleinen Schlucken und starrte auf die Briefe. Das Weiß des Papiers ...
Wie bunt die Astern geleuchtet hatten, vor dem Weiß der Kieselsteine und des Engels! So lebendig und fröhlich!
Coole dicke Blüten.
Marlene atmete tief ein. Sie fasste einen Entschluss. Sie würde den für heute vereinbarten Termin wahrnehmen. Irgendwann musste sie diesen Schritt doch tun. Sie schob die Briefe mit einer energischen Handbewegung zu einem Stapel zusammen und legte sie zurück in die Schublade. Sie straffte die Schultern und stand auf. Ja, sie musste der Wahrheit ins Gesicht blicken. Mit festen Schritten ging sie in den Flur, zog ihre Jacke an, nahm ihren Schlüsselbund und verließ die Wohnung.
Nach einer Stunde Fahrt stellte sie ihr Auto vor der Justizvollzugsanstalt auf dem Parkplatz für Besucher ab. Sie starrte durch die Windschutzscheibe auf das graue Gebäude, das von einer hohen Mauer aus roten Ziegelsteinen umgeben war. Der gerollte Stacheldraht oben auf der Mauer und die Wachtürme ließen keinen Zweifel an der Funktion des Gebäudes. Noch konnte sie umkehren, dachte sie. Niemand konnte sie zwingen zu diesem Besuch. Sie spürte, wie sich alles in ihr dagegen sträubte. Was sollte sie zu ihm sagen? Was würde er sagen? Würde er sich freuen?
Der Regen hatte nachgelassen, zwischen den Wolken kam zögernd die Sonne zum Vorschein. Die bunten Astern auf dem Grab. Wieso musste sie dauernd an diese Blumen denken?
Marlene gab sich einen Ruck. Sie stieg aus. Ihre Knie zitterten ein wenig, als sie auf den geschlossenen Eingang zuging. Nachdem sie ihr Anliegen geäußert, ihren Ausweis vorgezeigt hatte und ihre Handtasche kontrolliert worden war, führte der Beamte sie in den Besuchsraum und bat sie zu warten. Sie setzte sich auf einen der Holzstühle und faltete die Hände vor sich auf den Tisch. Ihr Herz klopfte heftig, fast schmerzhaft. Ihr Mund fühlte sich ganz trocken an, gerne hätte sie einen Schluck Wasser getrunken. Sie atmete tief durch und setzte sich gerade hin. Die Tür ging auf und der Beamte trat ins Zimmer. Hinter ihm Tobias.
„Hallo Mama!, sagte er.

4
Es war unerträglich! Er konnte es einfach nicht mehr aushalten! Er brauchte was! Sofort! Sonst würde er sterben, das wusste er. Er hatte gewartet, bis er seine Mutter aus dem Haus kommen sah. Jetzt war Susanne allein zu Hause. Mit langen Schritten näherte er sich dem Haus und klingelte. Er schlang beide Arme um seinen Oberkörper, um das unkontrollierte Zittern zu verbergen. Susanne öffnete die Tür einen Spalt.
„Lässt du mich bitte herein, Susi?“ Er versuchte, seine Stimme nicht allzu verzweifelt klingen zu lassen. Er wusste, seine Schwester war von den Sozialarbeitern eingehend belehrt worden, wie sie sich ihm gegenüber zu verhalten hatte, genau wie seine Eltern. Unter keinen Umständen durften sie seine Sucht unterstützen, indem sie ihm Geld gaben oder sonst wie halfen, hatte man ihnen eingeprägt.
„Ich darf dich nicht herein lassen, Tobias, das weißt du doch!“, sagte sie. Ängstlich lugte sie durch den Spalt. Ihre großen braunen Augen musterten ihren Bruder misstrauisch.
„Ach komm, Kleines, sei doch nicht so. Ich will nur etwas zu essen und einen Schluck Milch. Das ist doch nicht zu viel verlangt, oder?“ Er sah, dass sie unschlüssig wurde. Schließlich war er ihr großer Bruder, den sie liebte. Sie öffnete die Tür ein kleines Stück weiter, und Tobias schlüpfte ins Haus.
„Tobias, du musst in die Beratungsstelle gehen, wenn du was brauchst. Wir dürfen dir nichts geben.“
„Ich will mich nur ein bisschen aufwärmen“, sagte er, „es ist gar nicht mehr so warm draußen. Und ich habe vergessen, mir eine Jacke anzuziehen.“ Er tat, als ob er fröstelte.
„Mama und Papa sind nicht zu Hause, oder?“, fragte er. Zwar nahm er an, dass sein Vater zur Arbeit, aber er wollte sichergehen.
„Nein, um diese Zeit arbeitet Papa doch. Und Mama ist einkaufen“, bestätigte Susanne. „Soll ich dir ein Brot machen? Oder willst du was anderes essen?“
„Ein Brot wäre schön“, antwortete er. Während Susanne in der Küche beschäftigt war, konnte er sich in der Wohnung nach Geld umsehen. Vielleicht hatte seine Mutter ja irgendwo ein bisschen Haushaltsgeld liegenlassen. Schnell durchsuchte er die Schubladen und Fächer der Schränke im Wohnzimmer und im Flur. Nichts! Natürlich nicht. Wer ließ denn auch schon Geld herum liegen. Unruhig lief er hin und her. Er brauchte was! Es tat schon richtig weh. Er musste unbedingt an Geld für Stoff kommen! Ohne Geld gab es nichts.
Susanne kam zurück mit einem Tablett, darauf ein Teller mit einem Schinkenbrot und ein Glas Milch.
„Hier“, sagte sie, „iss erst mal was. Dann geht es dir gleich besser.“ Sie stellte das Tablett vor ihn auf den Tisch. 'Wie ihre Mutter', dachte er spöttisch. 'Immer so nett und fürsorglich'. Aber es war nicht der Hunger, der ihn quälte. Er brauchte Geld! Genervt sah er Susanne an. Seine ach so vorbildliche kleine Schwester! Mamas und Papas Liebling! Susanne hatte doch ein Sparbuch, fiel ihm plötzlich ein. Sie sparte doch immer so fleißig. Sie wollte sich an einem Pony vom Reiterhof beteiligen. Sicher hatte sie schon eine ganze Stange Geld zurück gelegt.
„Susi, sag mal, ich brauche unbedingt ein bisschen Geld. Kannst du mir nicht etwas leihen? Du bekommst es auch ganz bestimmt zurück!“
„Ich hab nur noch drei Euro von meinem Taschengeld für diese Woche. Aber ich darf dir doch kein Geld geben, Tobias!“
Er ignorierte ihren Einwand.
„Aber du hast doch noch dein Sparbuch, oder? Da ist bestimmt ganz schön viel Geld drauf. Bitte, Susanne, gib mir dein Sparbuch. Ich brauche es unbedingt! Es geht mir so schlecht, weißt du? Diese Schmerzen! Ich kann es kaum noch aushalten! Bitte, Susanne! Du bist doch meine Schwester!“
Susanne sah ihn mit schreckgeweiteten Augen an. Tobias wusste, er machte ihr Angst. Aber er musste sie dazu bringen, ihm ihr Sparbuch zu geben.
„Wo hast du es , Susanne? Zeig mir, wo du es versteckt hast!“
Seine Stimme hatte ihren schmeichlerischen Ton verloren, war drängend, fast schon drohend geworden. Voller Angst sprang sie auf und lief zur Tür. Wenn sie sich in ihr Zimmer einschloss, konnte er nicht mehr an das Geld heran, fuhr es ihm durch den Kopf. Mit ein paar Schritten war er bei ihr, packte sie am Arm und zerrte das Mädchen mit sich.
„Wir gehen jetzt in dein Zimmer und du gibst mir dein Sparbuch, hast du verstanden?“
„Nein, Tobias, das ist mein Geld! Ich habe es für das Pony gespart. Du darfst es mir nicht wegnehmen!“ Sie fing an zu weinen. Er packte sie an den Oberarmen und schüttelte sie. Ihr Kopf flog hin und her. Sie fing an zu kreischen und zu schreien. Plötzlich hatte er Angst, jemand könnte sie hören, die Nachbarn oder Leute, die draußen vor dem Haus vorbeigingen. Er umfasste ihren Hals. Wie dünn er war! Warum konnte sie nicht still sein! Er drückte fester zu. Sie verdrehte die Augen und ihr Körper erschlaffte. Bewusstlos. Er ließ sie auf ihr Bett fallen.
Wo hatte sie ihr Sparbuch versteckt? Irgendwo musste es doch sein! Rasend schnell durchsuchte er das kleine Zimmer. Er fand es in einem Band der „Drei Fragezeichen“, ihrer Lieblingsbuchserie. Mit zitternden Händen schlug er es auf. 376,90 Euro! Genug, um Stoff für die nächsten Tage zu kaufen! Gott sei Dank! Jetzt aber schnell weg, bevor seine Mutter heimkam! Tobias warf noch einen Blick auf das reglose Mädchen. Sie wird sicher gleich aufwachen, dachte er. Schnell verließ er das Haus.


5
Eigentlich sieht er gut aus, dachte Marlene. Gesund. Ob er sich schon rasierte? Sein Gesicht war glatt und voller als sie es in Erinnerung hatte. War er noch gewachsen? Das blonde Haar war kurz geschnitten, sein Körper war nicht mehr so ausgemergelt wie damals, als sie ihn zuletzt gesehen hatte. Das war vor Gericht gewesen, als der Jugendrichter ihn zu acht Jahren Jugendhaft verurteilt hatte wegen Totschlags an seiner Schwester. Und ihm eine Zwangstherapie verordnet hatte, damit er von dem Heroin loskäme. Marlene war plötzlich ganz ruhig.
„Wie geht es dir?“, fragte sie.
„Es geht mir ganz gut jetzt“, sagte Tobias. Seine Stimme klang aufgeregt, aber fest. Ganz anders, als früher. Nicht mehr so gehetzt, so weinerlich.
„Der Entzug zuerst war hart, aber jetzt geht es mir gut.“
„Was machst du den ganzen Tag?“, fragte Marlene. Seine blauen Augen sahen sie überrascht an. Ach ja, die Briefe.
„Hast du meine Briefe nicht bekommen? Ich habe dir doch alles geschrieben. Allerdings hast du nie geantwortet.“
Marlene erstarrte. Wagte er es etwa, ihr einen Vorwurf zu machen?
„ Ich habe deine Briefe nicht gelesen“, sagte sie. Ihre Stimme klang spröde.
Tobias senkte die Augen und nickte. Dann schaute er auf und sagte: „Ich mache eine Schreinerlehre, schon seit einem halben Jahr. Die Arbeit mit Holz macht mir richtig Spaß. Dann habe ich später einen guten Beruf, haben sie gesagt. Der Meister in der Werkstatt sagt, ich hätte eine gute Hand dafür.“
Marlene sah erstaunt, dass Tobias Augen angefangen hatten zu leuchten. Es geht ihm tatsächlich gut, dachte sie. Er hat sich gefangen, hat sich von seiner Sucht befreit. Er lernt und arbeitet. Er lebt. Marlene spürte wieder die eisige Kälte in ihrem Inneren. Er lebte, während Susanne in ihrem kalten weißen Grab lag. Nie mehr atmen würde.
Ein lastendes Schweigen war entstanden nach Tobias' Worten.
Marlene wartete.
„Es tut mir so unendlich leid, Mama“, sagte Tobias endlich. Seine Stimme war kaum zu hören, Marlene musste sich anstrengen, ihn zu verstehen.
„Ich habe das nicht gewollt, das weißt du doch, oder? Ich werde es mir nie verzeihen, glaub mir bitte. Niemals.“ Er hatte seine Hände auf den Tisch gelegt, der zwischen ihnen stand, und knetete unruhig seine Finger. Marlene starrte auf diese Hände. Sie waren sauber und kräftig, die Nägel kurz geschnitten, man sah ihnen die handwerkliche Arbeit an. Damit hatte er seine kleine Schwester umgebracht. Verzeihen, dachte sie. Ja, davon hatten sie geredet, der Psychologe, der sie betreute, und auch Jürgen hatte davon gesprochen. Man müsste verstehen, wie es zu dieser Tat hatte kommen können, und man müsste letztendlich verzeihen können. Nicht vergessen, natürlich nicht, soweit wollte man nicht gehen, aber verzeihen.
„Sag doch was, Mama!“ Tobias' Stimme klang flehend. Seine Hände tasteten auf dem Tisch nach ihren. Nein, sie wollte ihn nicht berühren! Sie konnte nicht. Es war zu früh. Viel zu früh.
Unversehens schob sich ein anderes Bild vor ihre Augen. Ein Junge mit der Schultüte im Arm und dem viel zu großen Schulranzen auf dem schmalen Rücken. Der erste Schultag. Die vielen anderen Kinder mit ihren Eltern. Der Schulhof und das riesige Schulgebäude. Eine kleine Hand, die sich unauffällig in ihre schob. Große blaue Augen unter den blonden Locken, die ein wenig ängstlich, aber voller Vertrauen zu ihr aufschauten.
Marlene sah Tobias an. Es waren dieselben blonden Haare, dieselben blauen Augen, die sie vor sich sah. Ihr Sohn. Er war ihr Sohn. Ihre Hand schwebte über der seinen. Nein, sie konnte es nicht. Noch nicht. Sie stand auf und zog ihre Jacke an.
Seine Stimme holte sie an der Tür ein. Sie klang bittend, zaghaft.
„Kommst du mich mal wieder besuchen, Mama?“
Sie drehte sich um. Zwang sich zu einem Lächeln. Er war ihr Sohn.
„Ja“, sagte sie.

6
Zu Hause ging Marlene sofort in das Zimmer ihrer Tochter. Sie setzte sich in den Plüschsessel, knipste die Nachtleuchte an und betrachtete die an der Decke langsam vorbei ziehenden Sterne. Nach einer Weile wurde sie unruhig. Sie stand auf, zögerte einen Moment, dann ging sie zum Fenster und zog die Rollläden hoch. Draußen schien die Sonne. Ein Strahl fiel auf das kleine weiße Schaf.





























__________________
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aligaga
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Hallo @Hyazinthe,

das Nacherzählen familiärer Katastrophen an sich macht noch keine Literatur; es erweckt nicht recht viel mehr "Betroffenheit" als ein Zeitungsbericht.

Was beabsichtigst du mit Texten wie diesen? Du schilderst den Sachvorgang und, mehr oder weniger umständlich, dass die Mutter unter dem Verlust ihrer Tochter litte, was nicht besonders überrascht.

Das war's dann aber auch schon. Welchen Zwiespalt die Mutter wirklich mit sich herumtragen muss, vor allem, dass sie nicht verhindern konnte, was geschah, das erfahren wir nicht. Dabei wäre es der einzige wirklich interessante Aspekt an dieser Nummer. Wer Kinder hat, die zu Verbrechern wurden, nota bene Mördern, gibt sich, wenn er nicht vollkommen gefühlsarm ist, eine Mitschuld, von der er sich nie befreien kann.

Wer mit solchen Situationen schon mal näher zu tun hatte, weiß auch, dass die "Begegnung" mit dem Täter und die Aufarbeitung des Geschehens nicht so erfolgt, wie geschildert, sondern in aller Regel wesentlich früher - während der Ermittlungen, während der Untersuchungshaft und, vor allem, während des meist mehrtägigen Prozesses.

Die Mordmerkmale niedrige Beweggründe, Arglist und Grausamkeit sind alle drei gegeben; "Totschlag" wäre ein glattes Fehlurteil gewesen. Bei Mord gibt's keine "mildernden Umstände", sondern lebenslänglich bei Erwachsenen und mindestens zehn Jahre bei Jugendlichen; im vorliegenden Falle wären's wohl eher 15.

Unrealistisch auch der geschilderte "Spontanbesuch". Bei Mördern, auch bei jugendlichen, kann man nicht "mal eben" in der JVA verbeigucken, sondern braucht eine vorherige, streng geregelte Besuchserlaubnis. Sonderbar auch, dass der Ehemann die Frau allein hingehen lässt.

Fazit: Eine Kriminalgeschichte, die kaum Betroffenheit beim Leser auslöst, obwohl alle möglichen Klischees bedient werden, und die eine ganze Reihe von Fragen offen lässt. Die "Vorlage" würde eine wesentlich interessantere, facettenreichere Durchführung möglich machen.

So aber bleibt sie leider ziemlich flach.

Gruß

aligaga

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DocSchneider
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Hallo Hyazinthe,

die Auflösung der Geschichte ist viel zu glatt. Der Ehemann ist sofort über alles froh und sie werden darüber sprechen? Unglaubwürdig.

Leider auch die ganze Geschichte. Eine Mutter, die ein Kind im Gefängnis und eines auf dem Friedhof hat - das ist so dramatisch, da könnte man wirklich etwas draus machen. Oder gar nichts, weil das viel zu schrecklich ist.

LG DS
__________________
Manchmal denke ich, der Himmel besteht aus ununterbrochenem, niemals ermüdendem Lesen. (Virgina Woolf)

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FrankK
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Hallo, Hyazinthe

Ich finde in diesem Text eine sanfte, unaufgeregte Sprache, mit der die Situation im Raum jenseits der Dramatik einen angemessenen Rahmen erhält.

Ein Zeitrahmen von 10 Monaten sind für Ermittlung, Prozess, Entzug und Lehrbeginn vielleicht etwas knapp gegriffen, aber es mag gehen, undefiniert ist der Zeitraum, bis er angefangen hat, jeden Monat zu schreiben.
Es wird auch nicht sehr deutlich, wie lange die Mutter schon in ihrer Trauer feststeckt, das verleiht dem Leser Spielraum für eigene Vorstellungen / Erfahrungen.
Zum Ende bemerke ich als Leser aber den beginnenden Heilungsprozess. Das finde ich gut.

Lass mich ein paar Dinge, die mein Empfinden in der Geschichte stören, anmerken:
Abschnitt 1:

quote:
Langsam ging sie den geraden Pfad durch die ordentlichen Reihen der Gräber zurück zu ihrem Auto, das sie auf dem gepflasterten Parkplatz vor der Friedhofskapelle geparkt hatte. Sie hatte es nicht eilig, nach Hause zu kommen.

Es ist belanglos, wo das Auto steht und wie es dort aussieht. Überflüssige Ablenkung.

Abschnitt 2:
quote:
Susanne hatte ausgesehen wie eine Puppe, die jemand achtlos in die Ecke geworden hatte. Auf ihrem Bett mit den Hello-Kitty-Bezügen hatte sie gelegen, ganz still und regungslos.

Dieses Bild hängt irgendwie schief im Kopfkino. „In die Ecke geworfen“ und „auf dem Bett liegend“ beißen sich für mein Empfinden. Ich kann nur ahnen, worauf Du hinauswillst, eine wie beiläufig erscheinende Situation:
„Wie eine belanglos liegen gelassene Puppe hatte sie da gelegen. Auf ihrem Bett mit den Hello-Kitty-Bezügen, ganz still und regungslos.“


quote:
Marlene hatte sie eine ganze Weile angestarrt, bevor sie begriff, dass sie nicht mehr lebte.

Etwas zu starke Prägung, vielleicht besser „atmete“.

quote:
Nie würde sie den Augenblick vergessen, als die Leichenträger den kleinen Sarg aus dem Haus trugen.

Statt „Augenblick“ würde ich „Anblick“ wählen.
Den „kleinen Sarg“ muß man nicht extra betonen. Allerdings: Aus Sicht der Mutter würde ich eher „ihre Tochter“ an diese Stelle setzen.
Statt „trugen“ würde ich ein „brachten“ wählen, harmoniert, glaube ich, besser mit den Leichenträgern.

quote:
Dann war ihr die schreckliche Unordnung im Zimmer aufgefallen.

Besser: „Später“

quote:
Sofort, nachdem man die Leiche des Kindes abtransportiert hatte und die Spurensicherung der Kriminalpolizei das Zimmer freigegeben hatte, ging Marlene daran, aufzuräumen.

Den Abtransport hatte wir schon, „die Leiche des Kindes“ wirkt für die Mutter zu kühl distanziert.

quote:
Dann sammelte sie die Plüschtiere ein und setzte sie in der richtigen Reihenfolge auf den Rand des Bettes, so dass sie aufrecht an der Wand lehnten. Jedes einzelne davon hatte Susanne geliebt: den Eisbären mit dem Jungtier im Arm, den Affen, den Elefanten, den Hund, der einem Beagle ähnelte, und das Schaf. Das Schaf ganz besonders, es war das Kuscheltier gewesen, ohne das sie als Kleinkind nicht einschlafen konnte.

Die Aufzälung der Kuscheltiere ist zu Ablenkend und wirkt eher kitschig als notwendig.
Einzig das Schaf – dem könnte man stattdessen einen Platz im letzten Abschnitt einräumen, indem Marlene es Beispielsweise von der Bettkante auf die Fensterbank in die Sonne versetzt.
Zum letzten Kapitel hätte ich aber noch eine andere Idee.

quote:
Doch sie konnte ihm darin nicht folgen. „Lass mir Zeit“, hatte sie zu ihm gesagt, „ich brauche nur etwas mehr Zeit“, obwohl sie nicht daran glaubte.

Angenehmer empfände ich. „Doch sie konnte ihm noch nicht folgen.“
Ich kann mir nur sehr schwer vorstellen, dass sie selbst nicht daran glaubt.

Abschnitt 3:
quote:
Wie bunt die Astern geleuchtet hatten, vor dem Weiß der Kieselsteine und des Engels! So lebendig und fröhlich! Coole dicke Blüten.

Vor „Coole ...“ würde ich einen Zeilenumbruch setzen, damit die „Coole dicke Blüten“ deutlicher hervortreten. (Wie eine Art „Zoom“ im Kopfkino)

quote:
Das Navigationsgerät hatte ihr den Weg zur Justizvollzugsanstalt genau beschrieben, und nach einer Stunde Fahrt stellte sie ihr Auto auf dem Parkplatz für Besucher ab. Sie zögerte. Sie starrte durch die Windschutzscheibe auf das graue Gebäude, das von einer hohen Mauer aus roten Ziegelsteinen umgeben war.

Das Navi ist überflüssig und von der Emotionalität dieser Szene eher ablenkend.
Einfacher geschrieben:
„Eine Stunde später starrte sie durch die Windschutzscheibe auf das graue Gebäude, das von einer hohen Mauer aus roten Ziegelsteinen umgeben war.“
Ihr „zögern“ wird durch die nachfolgenden Ansichten auf Gebäde, Mauer und Stacheldraht ersichtlich.

quote:
Die Tür ging auf und der Beamte trat ins Zimmer. Hinter ihm Tobias.
„Hallo Mama!, sagte er.

Gänsefüßchen vergessen.
Der Übergang zum nächsten Kapitel ist nicht flüssig, hier erfolgt ein drastischer Bruch im Szenenablauf. Im gesamten nächsten Kapitel erfolgt die Schilderung aus der Vergangenheit von Tobias. Die Sicht auf die Ereignisse erfolgt nicht mehr aus Marlenes Blickrichtung.
Ein Übergang, damit ich als Leser mitgenommen, geführt werde:

„Hallo Mama!“, brachte er mühsam hervor.
Tobias sah seine Mutter heute zum ersten mal seit der Verhandlung. Sie ging noch gebeugter als damals, war noch blasser.
Was hatte er seiner Familie nur angetan.


(Was auch noch Deutungsspielraum zulässt: Seit seinem Entzug bereut er)

Abschnitt 4:
quote:
Er wusste, seine Schwester war von den Drogenleuten eingehend belehrt worden, wie sie sich ihm gegenüber zu verhalten hatte, genau wie seine Eltern.

„Drogenleute“ könnten auch die Dealer sein, oder die Hersteller. Insgesamt ist der ganze Satzkonstrukt etwas holprig geraten:
„Er wusste, seine Schwester war genau wie seine Eltern (von den Sozialarbeitern) eingehend belehrt worden, wie sie sich ihm gegenüber zu verhalten hatten.“

quote:
Er umfasste ihren Hals. Wie dünn er war! Er brauchte nur ein klein wenig zu drücken, und sie war still. Bewusstlos.

Mit dieser Szene habe ich Bauchschmerzen. Jemanden bis zur Bewusstlosigkeit zu würgen bedarf einer angemessenen Konzentration, es dauert seine Zeit und bedingt einen gewissen Vorsatz. Sowas passiert nicht „versehentlich“.
Sie schreit – er hält ihr den Mund zu und dabei auch – versehenlich die Nase.
Als ihr Körper erschlafft, hält er sie im Entzugswahn lediglich für bewusstlos und legt sie auf ihr Bett. Klänge für mich schlüssiger.

Schau mal durch dieses Kapitel, vielleicht findest Du selbst noch ein paar Stellen zum komprimieren.

Abschnitt 5:
Ich habe nichts zu kritisieren, der längst notwendige Heilungsprozess setzt ein. Die Mutter setzt sich mit dem Täter auseinander.
Schön und wichtig: Du hast auf das Klischee der Frage nach dem „Warum“ verzichtet.

Abschnitt 6:
Hier könnte sie, wie bereits erwähnt, zum Schluß reflektierend das Schaf betrachten und es dann auf die sonnige Fensterbank stellen.

Als alternatives Ende könnte ich mir aber auch vorstellen, dass sie von der Vollzugsanstalt nicht nach Hause, sondern zum Friedhof zurückkehrt, um dort Zwiesprache mit ihrer Tochter zu halten. Sie könnte ihr erzählen, dass sie ihren Bruder besucht hatte, wie es ihm geht und dass sie ihn vielleicht am kommenden Wochenende nocheinmal, zusammen mit dem Vater, besuchen würde. So wäre der Kreis geschlossen.

Oder ist Dir dieser Schluss zu kitschig?


Alle meine Vorschläge und Anregungen bleiben Dir natürlich frei überlassen. Ich erhebe keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit.


Viele anregende Grüße aus Westfalen
Frank

__________________
Leben und leben lassen.

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