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Leselupe.de > Anonymus
Ein Tag im Leben des Dichters H.
Eingestellt am 07. 03. 2007 11:51


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Anonymous
Unbekannter Verfasser
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W√§hrend H. vor sich hinstarrte, r√ľhrte er mechanisch in der Buchstabensuppe. Die misslungenen Zeilen seines letzten Textes flirrten durch seinen Kopf: ‚ÄěTrage mir, Suse, das Raten des vielignorierten H., welcher so schwer verwirrt, nach nicht noch l√§nger ‚Äď er war nie ein S√§nger...‚Äú
H. suchte nach einem kr√§ftigen Fluchwort, merkw√ľrdigerweise fiel ihm wieder keins ein. Das passierte ihm in letzter Zeit h√§ufiger. Er hatte sich ver√§ndert.

Drei Jahre war er nun hier, im Metaphernbruch. Keine lange Zeit, wenn man bedachte: er hatte lebensl√§nglich. Schwer ertr√§glich die Vorstellung, sein ganzes Leben zwischen diesen Idioten ‚Äď da war eins der gesuchten Worte! ‚Äď zu verbringen. Zwischen lauter K√ľnstlern! (Da war schon wieder eines. Er glaubte f√ľr einen Moment, ein schwacher Hauch von Stolz auf die unergr√ľndlichen Tiefen seines ph√§nomenalen Ged√§chtnisses wehe ihn an wie ein Gru√ü aus vergangenen Zeiten. Ergriffen hielt er inne. Aber er war wohl einer T√§uschung erlegen. Oder einem Wunsch.)

Zufrieden mit sich, aus den tr√ľben Tiefen seines Schimpfwortschatzt√ľmpels doch noch diesen oder jenen Unflat angeln zu k√∂nnen, lehnte er sich zur√ľck. Sein Blick fiel auf die T√ľrme, die Wachen. Wut schlug hoch. Die M√§nner tr√§umten und d√∂sten in der Sonne scheinbar friedlich und harmlos vor sich hin. Aber auch das t√§uschte. Sie hatten sich l√§ngst auf ihn eingeschossen. Beim kleinsten Stirnrunzeln br√§chen sie in w√ľste Schreiereien aus: ‚ÄěJambus Hinkefu√ü, nun denke schneller!‚Äú Oder: ‚ÄěWas holpert, was stolpert, fliegt nicht, frisst kein Gras? Des Pegasus Esel, er tr√§umt vom Versma√ü!‚Äú
Er spuckte in seine Buchstabensuppe, ohne die Stirn in Falten zu ziehen, denn er beherrschte es mittlerweile perfekt, sich den Anschein des Nichtdenkens zu geben. (Vielleicht dachte er auch schon nicht mehr, manchmal war er sich unsicher, wo Verstellung endete und Wahrheit begann.)
Er starrte wieder in die Buchstabensuppe, sah seinen Rotz darin schwimmen. Nickte. Eines Tages w√ľrde er es denen zeigen! In einem selbstgebauten Gleichnis w√ľrde er davonfliegen. Weit hinein nach Fantasia. Bis dahin musste er noch ausharren.

Aus einer pl√∂tzlichen Eingebung heraus tauchte er seinen L√∂ffel in die verrotzte Buchstabensuppe, verr√ľhrte alles, f√ľllte den L√∂ffel, nahm ihn hoch. Be√§ugte den Inhalt. Phlegmatisch schwammen ein E und ein A nebeneinander. War das E der abgebrochene Anfang des Wortes Erfolg? Er wusste es nicht. Das A erinnerte ihn an eine h√§ufig gebrauchte Injurie, sie entzog sich offenbar momentan seiner Wortangel, fl√ľchtete in die entlegensten, tiefsten Tiefen des erw√§hnten T√ľmpels .
War sie √ľberhaupt noch da? Er dachte nach. Es war gut m√∂glich, dass sie sich infolge des exzessiven Gebrauchs abgeschliffen, aufgebraucht oder aufgel√∂st hatte.
Oder selbständig geworden war, ihn verlassen hatte und nun in den schwarzen Nestern anderer Mäuler nistete. Um immer wieder ausnehmend auffällig, unerwartet und dumpf daraus hervorzuspringen...
Ein gro√ües I und ein kleines i ber√ľhrten sich zart und fast rechtwinklig. Waren die beiden einst ein gl√ľckliches Paar? Bildeten sie selig ein L, das der Kochvorgang auf der Herdplatte des Lebens voneinander riss?

Ja, das ewige Kochen und Brutzeln und Ineinanderr√ľhren der bekannten Stoffe und Themen, das dauernde Zitatemelken und Modew√ľrzen mit Schockparolen...
Er suchte den ganzen Löffelsee aufmerksam nach einem Punkt ab. Fand aber keinen. Nicht einen!
Nun, es ging auch ohne Punkt. Wer macht schon gerne Schluss.
Vor seinen Augen tanzten mehrere Ausrufezeichen, tauchten auf und nieder, warfen Bl√§schen. Vom einger√ľhrten Rotz her?
Wild entschlossen schluckte er die √§rgerlich eigenst√§ndige F√ľllung des L√∂ffels hinunter. Geschmacklos war die Suppe, eindeutig. Und daraus sollte nun die Welt gemacht sein? Aus Buchstaben?
Er korrigierte: Aus Buchstaben und Rotz. Voller Einverst√§ndnis mit dieser Definition nickte er sich selbst zu, √§ngstlich bem√ľht, auf seiner Stirn nicht die kleinste Falte des Denkens entstehen zu lassen. Die Wachen √§ugten interessierter...

Er selbst hatte sich die Suppe eingebrockt, die ganze. Er wusste: er musste sie ausl√∂ffeln, l√∂ffelweise, und er w√ľrde das nie schaffen. Die Suppe, der Rotz, der L√∂ffel: sie w√ľrden ihn begleiten und sie, die Wachen, w√ľrden ihn beobachten, bis Gelegenheit w√§re, den L√∂ffel abzugeben. Oder mit seinem Gleichnis davonzufliegen. Wenn es denn flog.

Der Suppentopf war riesig.

Ein paarmal in letzter Zeit war ihm schon der Gedanke gekommen, auszubrechen. Einfach die festgef√ľgte Form des Lagers verlassen! Einfach loslaufen, locker, selbstbewusst, den eigenen Gedanken und Tr√§umen hingegeben. Aber ‚Äď sie w√ľrden schie√üen. Von den Wacht√ľrmen der Interpretationshoheit w√ľrden sie schie√üen, die wachen Kritiker und Rezensenten, mit schwerem Geschw√§tz, mit hohlen Phrasen von hassgl√ľhenden Federn.... Und alle Kl√§ffer und K√∂ter w√ľrden sie von der Leine lassen. Sie w√ľrden ihm den L√∂ffel wegrei√üen und ihn zerfleischen; den Teller schl√ľge man ihm auf den Sch√§del. Die Reste seines K√∂rpers k√§men in den gro√üen Suppentopf. Das war auch kein sch√∂nes Ende.

Oder sollte man mit seinen Händen einfach in den Elektrozaun der anerkannten Bedeutungen greifen und getroffen zu Boden sinken? In seiner Vorstellung starb er einen Heldentod vor seinen Feinden, selbstbewusst die letzten Gedichte reklamierend, während sie aus Tintenpatronen gezielt Scheisse verspritzten.

Er sah sich unauff√§llig nach seinem Kumpel um, das war der Dramatiker O.; der litt schon l√§nger hier im Lager. Ein besonders tragischer Fall. Erstarrt schon zehnmal in f√ľnf Akten. Der Arme. O. hatte gehofft, sie w√ľrden ihn irgendwann aufgeben und er k√∂nne als Denkmal auf dem Innenhof des Lagers sein Gnadenbrot in Ruhe genie√üen. Denkste! Immer wieder klopften ihn die unerbittlichen Wachen mit Lobeshymnen munter, die eigentlich Beschimpfungen und Erniedrigungen waren, wenn man richtig hinh√∂rte. Aber welcher Dichter h√∂rt schon richtig hin, von einem Dramatiker ganz zu schweigen. Dramatiker sind schon nach ganz wenig Drama von den vielen lauten O!‚Äôs taub. Ein Drama neben den Dramen, ja.
Funktionierte die moralische Zuckerpeitsche nicht mehr, gaben ihm die Wachleute Infusionen in Form von h√∂her dotierten Preisen. Was man im Lager allerdings mit dem Geld machen sollte, war schleierhaft. Bestellte man sich ein paar der irdischen Gen√ľsse von drau√üen, ein paar Huren, ein paar Drinks, oder leistete sich gar eine Meinungs√§nderung, gabs sofort Quarant√§ne, Einzelhaft.

Der Dramatiker O. r√ľhrte sich noch immer nicht. H. beschlich ein ungutes Gef√ľhl. Irgendwas stimmte hier nicht. Es hatte zwar noch nie alles hier und mit O. und mit ihm selbst gestimmt, aber jetzt war noch etwas hinzugekommen. Langsam schob H. den Teller mit der verrotzten Buchstabensuppe zur Seite, rutschte an O. heran. Stie√ü ihm den Finger zwischen die Rippen. Ein leises Zischen, lauwarme, √ľbelriechende Luft entwich. Der K√∂rper von O. sackte in sich zusammen wie ein Luftballon mit Loch. O. war also gar nicht mehr hier. Er hatte nur seinen K√∂rper zur√ľckgelassen, der Gl√ľckliche.
H. l√∂ste den Blick angewidert von O.‚Äôs traurigen Resten, sah versonnen in den blauen Himmel. Einzelne Wolken zogen vor√ľber, formten sich zu Buchstaben. Nein, dahin war O. nicht gegangen, sicher nicht. Er zog die Stirn in Falten, begann nachzudenken. Offensichtlich...

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