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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ein Tag mit Boris
Eingestellt am 05. 04. 2012 18:58


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Gonzo Gonzales
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Mar 2003

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Ein Tag mit Boris


von Gonzo Gonzales



Es klopft an der Tür. Die Mutter tritt ins Zimmer und sagt: >> Los jetzt Boris, steh bitte auf! Das Frühstück wartet schon. Ach - und nimm bitte das Gewand von gestern!<<
Hecktisch fügt sie noch hinzu:>> Beeil dich Boris, der Bus wird sicher nicht auf dich warten!!!<<
Bevor sie eilig das Zimmer verlässt hört Boris noch ein standardisiertes:>> Bussi, bis zum Abend...<<
Zunächst wischt sich Boris den Schlaf aus den Augen, erhebt sich langsam und tapst mit unbeholfenen Schritten in das Badezimmer. Boris ist nun 7 Jahre alt.
Schwer gelingt es ihm sich in sein schon etwas zu enges Gewand zu zwängen. Die Mutter hat ihm natürlich versprochen ihm schon bald passendere Kleidung zu besorgen.
Nach dem ungründlichen Zähneputzen und dem nicht ausgeführten "Gesichtwaschen" steht Boris nun in der Küche. Mit Grausen stellt er fest, dass seine Lieblingsfrühstücksflocken schon wieder einmal aufgebraucht sind. Stattdessen liegen zwei Scheiben getrocknetes Brot auf einem lieblos bereitgestellten Teller. "Nutella" gibt es auch keines mehr, nur Butter. Mit wirklich übler Laune setzt Boris sich an den Frühstückstisch. Der erste Schluck vom lauwarmen Kakao wird gleich wieder in die Tasse gespuckt.
>> Wähhh, das ist ja ranzig!!!<<, tönt es aus Boris Mund.
Und auf trockenes Brot mit Butter hat er nun sowieso überhaupt keine Lust mehr. Somit beschließt Boris ohne Frühstück in den Tag zu starten. Bei einem beiläufigen Blick auf die große Digitaluhr oberhalb der Küchentür fällt ihm auf, dass es jetzt bald nötig wird sich auf den Weg zum Bus zu machen. Hungrig und ausgesprochen übel gelaunt krallt er sich die 5 Euro Jausengeld vom Tisch, hängt sich den Wohnungsschlüssel um den Hals und schlüpft hastig in seine billigen Diskonterturnschuhe wegen die er ständig gehänselt wird und macht sich schleunigst auf den Weg.
Den Bus erreicht er nur mit Müh und Not. Die Straße die er zuvor überqueren muss, meistert er nur mit Hilfe eines besonders eifrigen Schutzengels. Vor lauter Hast schaut er nämlich nur nach links bevor er losrennt.
Ein von rechts kommendes Auto verpasst ihn nur knapp.
Im Bus schaut Boris schüchtern auf den Boden. So vermeidet er den Blick ganz bestimmter Kinder zu kreuzen. Doch das nützt ihm leider nicht viel. Ehe er sich versieht haben sich zwei seiner ganz speziellen Freunde links und rechts neben ihm in Stellung gebracht und beginnen sich wieder einmal über seine "stylischen" Turnschuhe lustig zu machen. Boris kann darüber nicht lachen. Die Hälfte der Kinder im vorderen Busteil schon. Obwohl sich Boris wirklich sehr zusammennimmt, kullert ihm eine einzelne Träne über die Wange hinab. Seine beiden Spezialfreunde finden das natürlich noch viel lustiger als jene Sache mit seinen von jedermann ach so hochgeschätzten Turnschuhen.
>>Määääädchen, Määädchenn...hahahah!!!<<, grölen sie im Duett.

Ein wenig später...

Endlich in der Schule angekommen bemüht sich Boris die tückische Garderobe ehestmöglich hinter sich zu lassen und versucht mit gehetztem Gesichtsausdruck unbeschadet das rettende Klassenzimmer zu erreichen. Zu seinem Glück ist die Klassenlehrerin schon anwesend und die folgenden vier Unterrichtsstunden vergehen relativ ereignislos. Mit Ausnahme der Pause in der sich Boris, welcher zu dieser Zeit schon einen riesengroßen Appetit verspürt, in der Schulkantine eine Nussschnecke, ein Cola und zwei Schokoriegel organisiert. Letztere werden ihm einige Augenblicke später auf dem Rückweg ins Klassenzimmer von seinen beiden schon erwähnten Spezialfreunden als Wegzoll abgenommen. Das Cola wollen diese nicht und die Nussschnecke ist schon zur Hälfte aufgegessen.
In der Mittagspause geht Boris gemeinsam mit den anderen Kindern deren Eltern berufstätig sind und die am Nachmittag weiterbetreut werden müssen in die Aula, um unter Aufsicht das Mittagessen einzunehmen. Heute gibt es Spaghetti mit Tomatensauce und eine Gemüsesuppe als Vorspeise. Gierig und dankbar schlürft Boris die Suppe und beobachtet verschüchtert die Kinder am Nebentisch welche offensichtlich alle beste Freunde sind und eine Menge Spass haben. Nur Boris hat keinen Spass, Boris hat keine Freunde...

Während der Nachmittagsbetreuung...

>> Und du hast wirklich nichts mehr zu tun?<<, fragt die Nachmittagsbetreuerin erstaunt. Boris entgegnet, dass er meisten keine Hausaufgaben bekommt und somit eigentlich umsonst bis 16:00 hier rumsitzen muss. Er gehe ja erst in die 1.Klasse...
>>Das kann ich nicht glauben Boris, jetzt ist erst 14:10 und die anderen Kinder aus deiner Klasse haben schon Hausaufgaben.<<
Boris sagt, dass die eben viel langsamer sind als er. Die Betreuerin zieht die Augenbrauen hoch und weist Boris darauf hin, dass er noch nicht einmal 10 Minuten an seinem Tisch sitzt und sie bemerkt hat, dass Boris noch gar nichts getan hat.
>>Nimm deine Schulsachen raus Boris!<<, zischt sie bestimmend.
Boris sieht nun ein, dass es keinen Zweck mehr hat Widerstand zu leisten. Also greift er ausgesprochen unwillig in seine Schultasche nimmt sich wahllos irgendein Heft und knallt es auf den Tisch.
>> Ein wenig mehr Motivation, wenn ich bitten darf...<<, haucht eine nunmehr halbwegs zufriedene Betreuerin und wendet sich von Boris ab.
>>Ja, ja...<<
Die Nachmittagsstunden ziehen sich extrem, obwohl Boris ständig damit beschäftigt ist, der Betreuerin vorzuspielen hoch beschäftigt zu sein. Das gelingt ihm indem er Schreibbewegungen nachahmt - die Betreuerin nimmt nichts Verdächtiges wahr und lässt Boris unbehelligt.
Um Punkt 16:00 verlässt ein schon sehr deprimierter Boris der eigentlich nicht deprimierter ist als sonst die so verhasste Schule. Auf dem Weg zum Bus geht er im Gedanken noch einmal alle Stationen des vergangenen Schultages durch und denkt sich am Schluss: >>So wie immer...<<
Im Schulbus hat er das Glück beinahe alleine zu sein und auch seine Spezialfreunde sind nirgends auszumachen.
Als er endlich vor der Wohnungstüre steht und seine billigen Diskonterturnschuhe in die Ecke knallt, den Schlüssel vom Hals nimmt und die Türe aufsperrt ist Boris endlich und zum ersten Mal an diesem Tag so etwas ähnliches wie zufrieden - beinahe zufrieden könnte man sagen. Als er auf dem Weg ins Wohnzimmer seine Schultasche achtlos auf den Boden fallen lässt verspürt er vollwertige Erleichterung. Eine Last ist ihm von den Schultern genommen.
Die nächsten Bewegungsabläufe machen Boris so richtig seelig. Zeigefinger zum Einschalter des Fernsehers - Zeigefinger zum Einschalter der Spielekonsole - beide Hände an den Controller und los...
So vergeht die nächste Stunde im wahrsten Sinne des Wortes spielerisch. Die Schule ist vergessen, der Tag ist vergessen - auch der ranzige Frühstückskakao und das Brot welche sich noch immer in der Küche auf dem Tisch befinden.
Boris hat alle Schotten dicht gemacht. Das einzige was er noch in sehr großer Entfernung registriert ist, dass seine Mutter in s Wohnzimmer tritt und zu sprechen beginnt: >> Hi Schatz! Hattest du einen schönen Tag?<<
>>Ja, Mama...<<

__________________
jeder mensch wird als original geboren,
aber die meisten sterben als kopie

Version vom 05. 04. 2012 18:58
Version vom 05. 04. 2012 19:51

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