Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5563
Themen:   95501
Momentan online:
493 Gäste und 12 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Humor und Satire
Ein Tag ohne TV oder Der Niedergang eines Mannes
Eingestellt am 13. 03. 2001 02:10


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Yossarian
Hobbydichter
Registriert: Oct 2000

Werke: 14
Kommentare: 71
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Das Entsetzen stand Paul noch immer ins Gesicht geschrieben, als er sich einer schrecklichen Wahrheit bewusst zu werden begann: Durch den heutigen Tag wĂŒrde er sich ohne Fernseher quĂ€len mĂŒssen.
Sein geliebter Partner fĂŒr alle FĂ€lle war kaputt und
er am Boden zerstört, denn dieses schreckliche Ereignis ereignete sich ausgerechnet an seinem freien Tag. Ausdruckslos starrte er auf die schweigende schwarze Bildröhre. In diesem Moment lief der Nachmittagstalk voller hĂ€sslicher MĂ€dchen mit zu kleiner oder großer Brust, fetten Hausfrauen mit DiĂ€tproblemen, die sich rundum glĂŒcklich fĂŒhlten und Machos mit hinterwĂ€ldlerischen, frauenfeindlichen Meinungen, die nur zur Sendung gekommen waren um sich von feministischen, neunmalklugen Zicken ausbuhen zu lassen.
TĂ€glich lachte und fieberte Paul mit diesen Menschen, schimpfte ĂŒber ihre Dummheit und empörte sich ĂŒber die sinnfreien GesprĂ€che.
Nicht heute, dachte Paul verdrießt und seufzte voller lethargischer Deprimiertheit. WĂ€hrend die Stunden dahinschlichen, redete er sich stĂ€ndig ein, dass die Themen doch ohnehin immer die gleichen seien, doch gegen das GefĂŒhl der Leere wollten ihm diese Gedanken nicht helfen. Die Fernbedienung ruhte in seiner Hand,
immer wieder drĂŒckte er wie von Sinnen auf den Zahlen herum, oder versuchte den Kasten manuell zum Flimmern zu bringen. Es half nichts und seine innere Unruhe wuchs bestĂ€ndig, als er daran dachte,
dass inzwischen die Zeit der sagenhaft lustigen amerikanischen Lachshows begonnen hatte.
Wie gern hĂ€tte er seinen Beitrag zum GelĂ€chter im Hintergrund der Shows gegeben. Er liebte diese Lachhilfen, dann brauchte er nicht selber darĂŒber nachdenken, welcher Spruch genau eigentlich lustig gemeint war,
denn das herauszufinden, war bei den stĂ€ndig gleichen konservativ-prĂŒden, ungemein platten Dialogen keine Leichtigkeit.
Die NervositĂ€t war nun entgĂŒltig in ihm ausgebrochen,
wie ein gefangener Löwe rannte er vor dem TV-GerÀt auf und ab, dachte mit Sorge daran, dass seine Seifenoper schon zur HÀlfe gelaufen war.
Nun wĂŒrde er nie erfahren, ob Nick wirklich das Krankenbett von Manuela manipuliert hatte, wodurch dieses bei einem vorgetĂ€uschten Unfall die Treppe hinuntergerollt war.
Wer hĂ€tte auch ahnen können, dass Nick, in den ja Frida unglĂŒcklich verliebt war,
seine HomosexualitÀt endlich erkannt hatte und sich ungestört an den Freund von Manuela heranmachen wollte.
Es verzehrte Paul regelrecht, dass er die nun kommenden Ereignisse verpasst hatte.
Viel schlimmer war jedoch die Tatsache, dass ihm auch die Nachrichten entgehen wĂŒrden, in denen ja glĂŒcklicherweise nicht von Politik, Sport und Wirtschaft berichtet wurde, was schließlich ohnehin Niemanden interessierte,
sondern von Popstars, gequÀlten Hundebabys und
den neuesten Modetrends.
Paul stieß einen schmachvollen Schmerzesschrei aus,
schlug unaufhörlich mit dem Kopf gegen die Wand und krĂŒmmte sich leidend auf dem Teppichboden.
Big Brother hatte angefangen.
Er konnte die Bewohner, welche fĂŒr ihn schon gute Freunde geworden waren, geradezu vor Augen sehen.
Wie sie in dem kleinen Mehrfamilienhaus herumtollten, stritten, hochphilosophische und im höchsten Maße tiefsinnige GesprĂ€che fĂŒhrten und sich aufgrund teilweise recht dramatischer und ergreifender Probleme die Seele aus dem Leib weinten.
Er vermisste sie schrecklich und es zerriss ihm das Herz sie ungesehen vorĂŒberziehen lassen zu mĂŒssen.
Doch mehr als sich in schmerzverzehrten KrÀmpfen am Boden zu wÀlzen konnte er nicht tun.
Sein nĂ€chster RĂŒckschlag manifestierte sich in seiner wöchentlichen Arztserie, in der die Doktoren Kaffeeklatsch am Operationstisch hielten und alle ein wirklich gutes Herz hatten. Was Paul ziemlich realistisch fand, denn auch er hatte die Erfahrung gemacht, das Ärzte grundsĂ€tzlich niemals Arrogant oder Eingebildet sind und sich besonders um mittellose Bettler scheren.
Ein weiterer RĂŒckschlag stellte ein wirklich weiterbildendes Magazin dar.
Darin ging es zumeist um verkrĂŒppelte Menschen,
die zu wundervoll trauriger Musik ihre Sorgen klagten.
Jedoch auch um bedrohliche Krankheiten,
die bevorzugt entweder lebensgefÀhrlich waren oder zumindest den Genitalbereich betrafen.
Manchmal zeigte man auch einfach nur Ratten und anderes Ungeziefer, um die Zeit zwischen den Werbepausen zu fĂŒllen. Paul hatte inzwischen sĂ€mtliche FingernĂ€gel abgekaut,
auch die meisten Haare lagen bereits verstreut im Raum und Zigaretten hatte er ohnehin keine mehr.
Er telefonierte mit Freunden und Bekannten,
mit dem Vorwand sie besuchen zu wollen,
wurde aber aufgrund der spÀten Stunde abgewiesen und
so musste Paul seine schlimmste Niederlage erleiden.
TV Total hatte begonnen.
In dieser Sendung beleidigte und verarschte ein Mann mit seltsamer QuÀkstimme dumme Leute,
zeigte lange Latten und pralle Titten.
Manchmal auch krachende Gliedmaßen,
aufgeschnittene Genitalien und
andere sehr lustige Leckereien.
Dieser Moderator war deshalb so beliebt, weil er vor Niemanden RĂŒcksicht nahm, selten etwas neues zu bieten hatte und dieses dann unzĂ€hlige Male wiederholte.
Als schließlich die Zeit der stilsicheren, ideenreichen und dialogschweren Van Damme Dramen angebrochen hatte,
wimmerte Paul lĂ€ngst nur noch wehmĂŒtig wie ein geschlagener Hund vor sich hin, seine Umwelt nahm er lĂ€ngst nicht mehr war. In den letzten AtemzĂŒgen lag er jedoch erst, als ihm auch die erotisch angehauchten Tragikkomödien mit ihren theaterreifen Darstellern entgangen waren,
die durch ihre klugen und unvorhersehbaren HandlungsstrÀnge gezielt auf den Intellekt des Zuschauers zielten und
ihn gespannt auf die Lösung der Konflikte in körperbetonten Duellen warten ließ.
Als zur nÀchtlichen Stunde die Wiederholungen der Nachmittagtalks begannen,
war Paul lÀngst durch das Fehlen wichtiger Grundnahrungsstoffe gestorben.

by Yossarian

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Tanshee
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Jan 2001

Werke: 20
Kommentare: 89
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Hi, Yossarian!

schwungvoll geschrieben (kein TV-Fan?! Oder eben gerade!?),
nur eine kleine Bitte: bei dem Absatz "Nicht heute, dachte Paul verdrießt" - wenn Du da noch "verdrossen" draus machen könntest -
dann paßt's hundertprozentig!

Liebe GrĂŒĂŸe,
Tanshee

Bearbeiten/Löschen    


ZurĂŒck zu:  Humor und Satire Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung