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Leselupe.de > Humor und Satire
Ein Tag ohne TV oder Der Niedergang eines Mannes
Eingestellt am 13. 03. 2001 02:10


Autor
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Yossarian
Hobbydichter
Registriert: Oct 2000

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Kommentare: 71
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Das Entsetzen stand Paul noch immer ins Gesicht geschrieben, als er sich einer schrecklichen Wahrheit bewusst zu werden begann: Durch den heutigen Tag w√ľrde er sich ohne Fernseher qu√§len m√ľssen.
Sein geliebter Partner f√ľr alle F√§lle war kaputt und
er am Boden zerst√∂rt, denn dieses schreckliche Ereignis ereignete sich ausgerechnet an seinem freien Tag. Ausdruckslos starrte er auf die schweigende schwarze Bildr√∂hre. In diesem Moment lief der Nachmittagstalk voller h√§sslicher M√§dchen mit zu kleiner oder gro√üer Brust, fetten Hausfrauen mit Di√§tproblemen, die sich rundum gl√ľcklich f√ľhlten und Machos mit hinterw√§ldlerischen, frauenfeindlichen Meinungen, die nur zur Sendung gekommen waren um sich von feministischen, neunmalklugen Zicken ausbuhen zu lassen.
T√§glich lachte und fieberte Paul mit diesen Menschen, schimpfte √ľber ihre Dummheit und emp√∂rte sich √ľber die sinnfreien Gespr√§che.
Nicht heute, dachte Paul verdrie√üt und seufzte voller lethargischer Deprimiertheit. W√§hrend die Stunden dahinschlichen, redete er sich st√§ndig ein, dass die Themen doch ohnehin immer die gleichen seien, doch gegen das Gef√ľhl der Leere wollten ihm diese Gedanken nicht helfen. Die Fernbedienung ruhte in seiner Hand,
immer wieder dr√ľckte er wie von Sinnen auf den Zahlen herum, oder versuchte den Kasten manuell zum Flimmern zu bringen. Es half nichts und seine innere Unruhe wuchs best√§ndig, als er daran dachte,
dass inzwischen die Zeit der sagenhaft lustigen amerikanischen Lachshows begonnen hatte.
Wie gern h√§tte er seinen Beitrag zum Gel√§chter im Hintergrund der Shows gegeben. Er liebte diese Lachhilfen, dann brauchte er nicht selber dar√ľber nachdenken, welcher Spruch genau eigentlich lustig gemeint war,
denn das herauszufinden, war bei den st√§ndig gleichen konservativ-pr√ľden, ungemein platten Dialogen keine Leichtigkeit.
Die Nervosit√§t war nun entg√ľltig in ihm ausgebrochen,
wie ein gefangener Löwe rannte er vor dem TV-Gerät auf und ab, dachte mit Sorge daran, dass seine Seifenoper schon zur Hälfe gelaufen war.
Nun w√ľrde er nie erfahren, ob Nick wirklich das Krankenbett von Manuela manipuliert hatte, wodurch dieses bei einem vorget√§uschten Unfall die Treppe hinuntergerollt war.
Wer h√§tte auch ahnen k√∂nnen, dass Nick, in den ja Frida ungl√ľcklich verliebt war,
seine Homosexualität endlich erkannt hatte und sich ungestört an den Freund von Manuela heranmachen wollte.
Es verzehrte Paul regelrecht, dass er die nun kommenden Ereignisse verpasst hatte.
Viel schlimmer war jedoch die Tatsache, dass ihm auch die Nachrichten entgehen w√ľrden, in denen ja gl√ľcklicherweise nicht von Politik, Sport und Wirtschaft berichtet wurde, was schlie√ülich ohnehin Niemanden interessierte,
sondern von Popstars, gequälten Hundebabys und
den neuesten Modetrends.
Paul stieß einen schmachvollen Schmerzesschrei aus,
schlug unaufh√∂rlich mit dem Kopf gegen die Wand und kr√ľmmte sich leidend auf dem Teppichboden.
Big Brother hatte angefangen.
Er konnte die Bewohner, welche f√ľr ihn schon gute Freunde geworden waren, geradezu vor Augen sehen.
Wie sie in dem kleinen Mehrfamilienhaus herumtollten, stritten, hochphilosophische und im h√∂chsten Ma√üe tiefsinnige Gespr√§che f√ľhrten und sich aufgrund teilweise recht dramatischer und ergreifender Probleme die Seele aus dem Leib weinten.
Er vermisste sie schrecklich und es zerriss ihm das Herz sie ungesehen vor√ľberziehen lassen zu m√ľssen.
Doch mehr als sich in schmerzverzehrten Krämpfen am Boden zu wälzen konnte er nicht tun.
Sein n√§chster R√ľckschlag manifestierte sich in seiner w√∂chentlichen Arztserie, in der die Doktoren Kaffeeklatsch am Operationstisch hielten und alle ein wirklich gutes Herz hatten. Was Paul ziemlich realistisch fand, denn auch er hatte die Erfahrung gemacht, das √Ąrzte grunds√§tzlich niemals Arrogant oder Eingebildet sind und sich besonders um mittellose Bettler scheren.
Ein weiterer R√ľckschlag stellte ein wirklich weiterbildendes Magazin dar.
Darin ging es zumeist um verkr√ľppelte Menschen,
die zu wundervoll trauriger Musik ihre Sorgen klagten.
Jedoch auch um bedrohliche Krankheiten,
die bevorzugt entweder lebensgefährlich waren oder zumindest den Genitalbereich betrafen.
Manchmal zeigte man auch einfach nur Ratten und anderes Ungeziefer, um die Zeit zwischen den Werbepausen zu f√ľllen. Paul hatte inzwischen s√§mtliche Fingern√§gel abgekaut,
auch die meisten Haare lagen bereits verstreut im Raum und Zigaretten hatte er ohnehin keine mehr.
Er telefonierte mit Freunden und Bekannten,
mit dem Vorwand sie besuchen zu wollen,
wurde aber aufgrund der späten Stunde abgewiesen und
so musste Paul seine schlimmste Niederlage erleiden.
TV Total hatte begonnen.
In dieser Sendung beleidigte und verarschte ein Mann mit seltsamer Quäkstimme dumme Leute,
zeigte lange Latten und pralle Titten.
Manchmal auch krachende Gliedmaßen,
aufgeschnittene Genitalien und
andere sehr lustige Leckereien.
Dieser Moderator war deshalb so beliebt, weil er vor Niemanden R√ľcksicht nahm, selten etwas neues zu bieten hatte und dieses dann unz√§hlige Male wiederholte.
Als schließlich die Zeit der stilsicheren, ideenreichen und dialogschweren Van Damme Dramen angebrochen hatte,
wimmerte Paul l√§ngst nur noch wehm√ľtig wie ein geschlagener Hund vor sich hin, seine Umwelt nahm er l√§ngst nicht mehr war. In den letzten Atemz√ľgen lag er jedoch erst, als ihm auch die erotisch angehauchten Tragikkom√∂dien mit ihren theaterreifen Darstellern entgangen waren,
die durch ihre klugen und unvorhersehbaren Handlungsstränge gezielt auf den Intellekt des Zuschauers zielten und
ihn gespannt auf die Lösung der Konflikte in körperbetonten Duellen warten ließ.
Als zur nächtlichen Stunde die Wiederholungen der Nachmittagtalks begannen,
war Paul längst durch das Fehlen wichtiger Grundnahrungsstoffe gestorben.

by Yossarian

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Tanshee
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Jan 2001

Werke: 20
Kommentare: 89
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Hi, Yossarian!

schwungvoll geschrieben (kein TV-Fan?! Oder eben gerade!?),
nur eine kleine Bitte: bei dem Absatz "Nicht heute, dachte Paul verdrießt" - wenn Du da noch "verdrossen" draus machen könntest -
dann paßt's hundertprozentig!

Liebe Gr√ľ√üe,
Tanshee

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