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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Ein Tag wie jeder andere
Eingestellt am 06. 01. 2003 16:49


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kevin3
Hobbydichter
Registriert: Jan 2003

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Ein Tag wie jeder andere 6.12.2001

1

Es war k├╝hl hier oben, auf dem Dach des sechsst├Âckigen Hochhauses, in dem Dennis mit seiner Familie lebte. Ein leichter Wind ging. Dunkle Wolken verdeckten die abendliche Sonne. Es roch nach Regen. Dennis stand am Gel├Ąnder und betrachte den leeren Hinterhof unter ihm. Nur ein paar
M├╝lltonnen, sonst Nichts. Obwohl er eine dicke Jacke trug, fror er. Seine H├Ąnde umklammerten fest das Gel├Ąnder. Es war Donnerstag, der 5. November. Ein Tag wie jeder andere. So beschissen wie jeder andere, und so sinnlos wie jeder andere zuvor. Nur mit einem Unterschied. Einem gewaltigen. Es w├╝rde
der letzte sein. Nicht f├╝r diese l├Ąngst verlorene Welt, sondern f├╝r ihn. Bald w├╝rde Dennis Geschichte sein. Niemand w├╝rde ihn vermissen. Bis auf seine Mutter. Sie war der einzigste Mensch der ihm etwas bedeutete. Sie w├╝rde um ihn trauern, jeden Tag sein Grab besuchen, bis sie selbst auf dem Friedhof liegen w├╝rde. Dennis bekam ein schlechtes Gewissen.
Er w├╝rde ihr weh tun. Sie tief verletzen. Aber es ging nicht anders. Er konnte nicht mehr.
Dies w├╝rde sein letzter Tag auf dieser Erde sein. Endg├╝ltig. Unwiderruflich.
Aus seiner Hosentasche holte er eine Packung Lucky Strike heraus, und ein Feuerzeug. Er rauchte seit drei Jahren. Erst eine Kippe am Tag, mittlerweile waren es fast zwei Schachteln. Er hatte einmal versucht aufzuh├Âren, aber es machte nicht viel Sinn. Schon damals, vor einem knappen Jahr, wusste er, das er bald sterben w├╝rde. Er w├╝rde dem Krebs zuvorkommen. Er holte eine Zigarette aus der Schachtel und z├╝ndete sie sich an. Dann steckte er die Schachtel wieder zur├╝ck in die Hosentasche. Er schaute sich die Kippe eine Zeitlang an.Es w├╝rde seine letzte sein. Seine Gedanken schweiften ab.

2


Dieser Tag hatte begonnen wie jeder andere. Morgens um sechs Uhr war er m├╝hsam aufgestanden. Er hatte die Nacht davor schlecht geschlafen. Er hatte geduscht und sich seine besten Klamotten angezogen. Er machte sich seine Haare ( was ihm heute sinnlos vorkam) und packte seinen Schulranzen.
Als n├Ąchstes machte er seine Stereoanlage an. Harter Gitarrensound dr├Âhnte aus den Boxen. Es war Master of Puppets von Metallica. Eins seiner Lieblingslieder. Er hatte die CD zu seinem Geburtstag, von seiner Mutter, bekommen. Es war nicht all zu lange her, aber es kam ihm wie eine Ewigkeit vor. Beim Gedanken daran traten Tr├Ąnen in seine Augen. Es war vielleicht nicht das teuerste Geschenk, das er je bekommen hatte, aber es war das sch├Ânste, und das, was ihm am meisten gefreut hatte. Er erinnerte sich wie gl├╝cklich er an jenem Tag war. Damals hatte er das Gef├╝hl gehabt, es w├╝rde sich alles zum Guten wenden. Er w├╝rde es schaffen, sich ver├Ąndern. Damals.
Dennis fing an zu weinen. Warme Tr├Ąnen flossen an seinen Wangen herunter und sammelten sich an seinem Kinn. Er steckte sich noch eine Kippe an und verlies dann die Wohnung. Bis zur Bushaltestelle brauchte er eine knappe Viertelstunde. Er lies sich Zeit. Sonst brauchte er nur zehn Minuten. Aber was spielte es f├╝r eine Rolle, ob er den Bus verpasste, oder nicht. Im Grunde genommen war es schei├čegal. Dennis war aber noch rechtseitig da. Der Bus kam sp├Ąter als sonst. Viele kleine Gruppen standen an der
Haltestelle.
Ein paar kleinere Kinder, und Jugendliche ungef├Ąhr in seinem Alter. Sie beachteten ihn nicht. Das hatten sie noch nie getan. Dennis blieb allein f├╝r sich.
Er war froh, wenn man ihn in Ruhe lies. Das war an diesem Morgen zum Gl├╝ck der Fall. Manchmal machten ihn welche an, oder nahmen ihm sogar sein Geld weg. Heute schienen sie noch nicht einmal zu bemerken, dass er anwesend war.
Die Schule war ein weiterer Ort der Erniedrigung f├╝r Dennis. Er hasste die Schule seit dem ersten Tag. Er ging auf eine Realschule ganz in der N├Ąhe seines Hauses. Mit dem Bus war er in zwanzig Minuten da. Als er die T├╝r zu seinem Klassenzimmer ├Âffnete, begr├╝├čte ihn Tom, einer seiner Klassenkammeraden.
>> Na, Schwuchtel. Wie geht’s? << Rief er. Ein paar M├Ądchen, die in der N├Ąhe standen, fingen an zu kichern.
>> Lass mich in Frieden, << sagte Dennis und versuchte so gelassen wie m├Âglich zu klingen. Tom ging auf ihn zu. Er war mindestens einen Kopf gr├Â├čer als Dennis und hatte ein verdammt breites Kreuz. Er packte Dennis am Kragen seiner Jacke und dr├╝ckte ihn gegen die Wand.
>> Willst du mir sagen was ich zu machen habe, kleiner Schei├čer. Willst du das? << Fragte er und dr├╝ckte noch fester zu. Dennis brachte kein Wort heraus. Seine Knie zitterten.
Es klingelte und der Lehrer kam ins Klassenzimmer.Tom lies ihn los.
Der Lehrer, Herr M├╝ller, war ein alter, gebrochener Mann, der auf seine Pension wartete, und der die letzten zwei Jahre seiner Karriere keinen ├ärger mehr bekommen wollte. Er tat so, als h├Ątte er nichts gesehen. Dennis atmete tief durch und ging dann zu seinem Platz in der letzten Reihe. Sofort wurde es still.
>> Guten Morgen, << sagte Herr M├╝ller und ├Âffnete seinen Aktenkoffer.
Von drau├čen h├Ąmmerte der Regen gegen die Fensterscheiben.
Der Unterricht war langweilig, und zu schwer f├╝r Dennis. Er kam nicht mit.
Genau genommen war er noch nie mitgekommen, aber damals hatte er sich wenigstens bem├╝ht. Zum Gl├╝ck hatten sie heute nur f├╝nf Stunden.
In der letzten Stunde hatten sie Englisch. Das langweiligste Fach von allen.
Zehn Minuten, bevor es klingeln w├╝rde und er dieses verfluchte Geb├Ąude nicht mehr betreten musste, meldete er sich und fragte, ob er auf die Toilette gehen d├╝rfe. Frau Ronnstein willigte ein. Dennis schritt mitten durch den Klassenraum, vorbei an kicherten M├Ądchen, die nach seiner Meinung alle als heroins├╝chtige Nutten enden w├╝rden, und hasserf├╝llten Blicken von Vollidioten. Einer versuchte ihm sogar das Bein zustellen.
Aber l├Ąssig stieg Dennis dr├╝ber. Heute nicht, dachte er und verlies die Klasse. Der Flur war nur schwach beleuchtet und verlassen. Es passte zu Dennis Stimmung. Langsam schlenderte er weiter. Die Toiletten waren in der untersten Etage. ├ťberall lagen ausgetretene Zigarettenstummeln auf dem Boden. An den W├Ąnden waren Graffitis. Es stank f├╝rchterlich nach pisse. Hier war Dennis oft zusammengeschlagen worden. Meist waren sie mit zu viert oder zu f├╝nft auf ihn zugekommen. Zwei hatten seine Arme festgehalten, einer passte auf, dass sie nicht gesehen wurden und einer schlug auf ihn ein. Manchmal, weil sie Geld wollten, oder aber einfach nur so zum Spa├č, wenn sie sich abreagieren wollten, wenn sie schlechte Noten geschrieben hatten. Schei├če, wie er dieser Wichser hasste! Es waren meist ├ältere und er hatte keine Chance sich irgendwie zu wehren. W├Ąre er zu einem Lehrer gegangen, w├Ąre alles nur noch schlimmer geworden, vielleicht h├Ątten sie ihn sogar umgebracht. Au├čerdem machten die Lehrer nichts. Sie hatten selber Angst. Es kam fast jede Woche vor, dass ein Lehrer geschlagen oder mit einer Waffe bedroht wurde. Dennis versuchte an was anderes zu denken und steckte sich eine Zigarette an. Er hatte noch nie in der Schule geraucht.
Aber heute w├╝rde es keine Rolle spielen, ob er erwischt wurde oder nicht.
Pl├Âtzlich sah er Lisa vor seinem geistigen Auge. Er hatte sie lange nicht mehr gesehen. Es war seine erste gro├če Liebe gewesen. Sie hatte langes, braunes Haar gehabt und noch l├Ąngere Beine. Aber sie war letzten Sommer weggezogen. Raus aus Berlin. Irgendwo aufs Land. Sie war so was wie eine Freundin f├╝r Dennis gewesen. Sie hatte gesagt sie w├╝rde ihm schreiben, aber das hatte sie nicht getan. Monate hatte Dennis sehns├╝chtig auf einen Brief von ihr gewartet, und jeden Tag wurde er entt├Ąuscht. Fahr zur H├Âlle, dachte er und sp├╝rte das Hass in ihm aufstieg. Das Gef├╝hl des Verlusts, das er versp├╝rt hatte, war l├Ąngst verschwunden. Jetzt hatte er nur noch Wut auf sie. Mehr nicht, nur erbitterte Wut. Dennis zog an seiner Zigarette. Er musste zur├╝ck in die Klasse. Es w├╝rde bald klingeln. Also warf er die Kippe weg und beeilte sich.
Gerade als er angekommen war und er die T├╝r ├Âffnete l├Ąutete es. Er packte schnell seine Sachen zusammen und folgte dann den anderen Sch├╝lern aus dem Geb├Ąude. So ging sein letzter Schultag zu Ende. Es hatte mittlerweile aufgeh├Ârt zu regnen, es nieselte nur noch
Ein bisschen. Um zwei Uhr kam Dennis nach Hause.
Es war still. Verd├Ąchtig still. Der Fernseher ( der normal immer lief) war nicht eingeschaltet. Im Flur blieb er bei einem Bild stehen. Es stach jedem Besucher
Sofort ins Auge. Es war gr├Â├čer als die anderen Gem├Ąlde und war alles andere
Als farbenfroh. Es entsprach normalerweise nicht dem Stil seiner Mutter.
Dennis fiel auf, dass er zwar unz├Ąhlige Male an diesem Bild vorbeigegangen
War, es aber noch nie richtig betrachtet hatte. Es hatte keine Aussage f├╝r ihn gehabt. Das war in diesem Moment schlagartig anders. Das Bild zeigte eine Reihe von M├Ąnnern, allesamt in M├Ąnteln und mit Hut ( was Dennis darauf schlie├čen lies, das es aus den 20. oder 30. Jahren stammte ), die alle in einer Reihe standen. Ihre Gesichter sah man nicht, weil sie dem Betrachter den R├╝cken zukehrten. Alle bis auf zwei M├Ąnnern. Der eine schaute zur Seite, und ein Mann hatte sich komplett umgedreht. Mit einem fragenden Gesicht blickte er Dennis jetzt an. Der Hintergrund des Gem├Ąldes war dunkel, wie auch die Kleidung der M├Ąnner. Der erste Gedanke, der Dennis durch den Kopf ging lautete Konzentrationslager.
Und die M├Ąnner erinnerten ihn an die Juden.
Diese M├Ąnner werden, wie die Juden damals, wie L├Ąmmer zur Schlachtbank gef├╝hrt. Und alle lassen sich ohne Widerstand dorthin f├╝hren. Manche wissen noch nicht einmal was sie erwarten wird. Wenn sie es wissen, wird es zu sp├Ąt sein. Nur die beiden M├Ąnner erkannten die Gefahr, aber zum umkehren war es bereits zu sp├Ąt. Genauso erging es ihm, Dennis. Er sah die Gefahr in dieser Welt, die von Medien und falschen Idealen gelenkt wurde. Er hatte so lange wie m├Âglich versucht gegen diesen Strom von Korruption, L├╝gen und Angst anzuschwimmen, doch er hatte genauso wenig Erfolg damit gehabt, wie der Mann auf dem Bild, der ihn mit traurigen, ver├Ąngstigten Augen anschaute ( Dennis fand mehr, dass er ihn regelrecht anflehte).
Er ging in die K├╝che, um sich etwas zu Essen zu machen. Im Schrank fand er noch eine T├╝tensuppe. Im war jetzt nach etwas Warmen. Er setzte Wasser auf und deckte den Tisch. Um sich die Zeit zu vertreiben las er in der Zeitung. Ein kleines M├Ądchen wurde seit drei Tagen vermisst, eine Rentnerin wurde von einem Kampfhund angegriffen. Nichts neues also. Das Selbe wie jeden Tag. In seinen Augen sammelten sich Tr├Ąnen. Seine Kehle f├╝hlte sich auf einmal wie zugeschn├╝rt an. Mit M├╝he unterdr├╝ckte er seine Gef├╝hle. Wie so oft.
Als die Suppe endlich fertig war, hatte er sich wieder beruhigt. Er hatte Hunger und die Suppe schmeckte relativ gut. Der Begriff Henkersmahlzeit kam ihm in den Sinn. Na und, was soll’s, dachte er sich.
Nachdem er fertig gegessen hatte, ging er ins Wohnzimmer. Noch ein letztes Mal wollte er sich mit der Droge Fernsehen befassen. Im wurde bewusst, wie viel Zeit er mit ihr verschwendet hatte. Beschissenes Geschwafel von Talkshowmoderatoren und gestellte Interviews. Jetzt, wo er dar├╝ber nachdachte, mussten es mindestens drei bis vier Stunden am Tag gewesen sein.
An manchen auch mehr. Als er den Fernseher einschaltete wurde er nicht entt├Ąuscht. Wieder eine dieser elenden Talkshows, in denen Verr├╝ckte zu noch verr├╝ckteren Zuschauern sprachen. Einer von diesen Zuschauern war Dennis, aber er war aufgewacht. Er hatte erkannt was es f├╝r ein Schwachsinn war. F├╝r einen kurzen Moment war er daf├╝r dankbar. Er verbrachte die n├Ąchste halbe Stunde auf Coach. Dann wollte er noch einmal die wenigen Freuden des Lebens genie├čen. Er ging schnellen Schrittes in die Vorratskammer. Der Raum war dunkel und k├╝hl. W├╝rste hingen von der Decke runter. Es roch nach F├Ąulnis. ├ťberall waren Spinnweben. Leichter Ekel ├╝berkam ihn. In der Vorratskammer bewarten sie auch die Getr├Ąnke auf. Hinter dem Mineralwasserkasten, in der hintersten Ecke, fand Dennis wo nach er suchte. Bier. Er nahm sich zwei Flaschen und ging damit in sein Zimmer. Seine Mutter w├╝rde ausflippen, wenn sie bemerken w├╝rde, dass er sich Bier klaute und es auch noch in der Wohnung trank.
Er setzte sich an seinen Schreibtisch und versuchte seine Mutter aus seinen Gedanken zu verdr├Ąngen. Er steckte sich eine Zigarette an. Nach dem ersten tiefen Zug musste er husten. Aber das Nikotin beruhigte ihn. Er bemerkte, dass seine H├Ąnde etwas zitterten.
Jetzt brauchte er noch etwas harte Musik. Also machte seine Anlage an. Die Boxen begannen zu vibrieren. Auf dem Schreibtisch fand er einen Collageblock. Er riss eine, noch unbeschriebene, Seite heraus. Es sollte ein Abschiedsbrief werden. Das Schreiben fiel ihm leicht. Er bedankte sich bei seinen Eltern, weil sie versucht hatten, ihm das Bestm├Âgliche zu bieten. Dies waren die letzten Worte, die er niederschrieb.
Irgendwann am Nachmittag rief seine Mutter an, und sagte ihm, dass sie erst sp├Ąter nach Hause kommen w├╝rde, weil sie erst noch einkaufen musste.
Von seinem Vater h├Ârte er nichts mehr. Wahrscheinlich w├╝rde er in einer stinkenden Kneipe abh├Ąngen und mit den Leuten, die er seine Freunde nannte, Poker spielen. Irgendwann nachts, w├╝rde er dann nach Hause kommen, stockbesoffen und stinkend.

3

Es war an der Zeit. Jetzt w├╝rde in nichts mehr aufhalten. Erl├Âsung. Seine H├Ąnde klammerten sich noch fester um das Gel├Ąnder. In wenigen Augenblicken w├╝rde sein K├Ârper zermatscht auf der Stra├če liegen.
Vielleicht w├╝rde ihn irgend ein Penner noch in dieser Nacht finden, wahrscheinlicher war aber, das man ihn erst Morgenfr├╝h fand. Ein Kind aus der Nachbarschaft w├╝rde die grausige Enddeckung machen. Dennis Augen funkelten, als er daran dachte. Es befriedigte ihn. Aber erst mal musste er es tun. Er musste auf das Gel├Ąnder steigen und springen.
Was kommt nach dem Tod? Dieser Gedanke schoss ihn pl├Âtzlich durch den Kopf. Gab es einen Gott? Einen Himmel und eine H├Âlle, und wenn ja, w├╝rde er in Gottes Reich kommen? Dennis war zwar katholisch, war aber selten in die Kirche gegangen. Meist nur an Weihnachten und Ostern. Schei├č drauf, sagte er sich. Er stieg auf das Gel├Ąnder. Wieder musste er an das Bild mit den M├Ąnnern denken, Es gab ihm den n├Âtigen Impuls.
Hitze durchflutete seinen K├Ârper. Er hatte ein kribbelndes Gef├╝hl im Bauch. Der Wind fuhr ihm durchs Haar. Er atmete tief ein und aus. Mit der Hoffnung auf ein besseres Leben nach dem Tod, sprang er.
Er schrie nicht. In der Luft breitete er die Arme aus. Er sah aus, wie ein Engel der vom Himmel fiel. Noch bevor er auf dem harten Asphalt aufschlug, war er bewusstlos.





ENDE


__________________
Mein Name ist Zweifel, ist Gier, ist die L├╝ge,
Ich bin auch in dir, sieh wie ich mich vergn├╝ge!
Kleines Hirn, kleiner Geist, dunkle Seele, die nichts wei├č.

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flammarion
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und,

denkst du, die spatzenhirne, die dennis verhauen hatten, kommen durch seinen freitod zur vernunft? tststs
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Old Icke

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kaffeehausintellektuelle
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es muss zwar nicht immer ein happy end sein, aber irgendwie mag ich ├╝berraschende wendungen in der geschichte.
ein bisschen zu lang war sie mir, muss ich gestehen, aber vielleicht ist das einfach meine ungeduld. und ein kleiner tipp von einer rechtschreibfetischistin (obwohl wir schon gelernt haben, dass es v├Âllig uncool ist, das zu sein). Ein bisschen weniger fehler w├╝rden deinen text noch besser machen. lie├č und verlie├č, z.b. das kommt ziemlich oft vor. man muss ja aber auch beim selbstmord ziemlich viel lassen und verlassen.

die stimmung in dem jungen mann, die verzweiflung und die leere, die hast du gut r├╝bergebracht. nur manchmal wurde ich ein bisschen rausgerissen, zwischen derber wortwahl kam dann z.b. das wort "toilette". denken jugendliche heute wirklich "toilette"?
20er Jahre, ├╝brigens, sonst glaubt man zwanzigstes jahr. und noch was wundert mich. dass sich jemand aus der no-future generation tats├Ąchlich die frage "was kommt nach dem tod" stellt. in diesem fall ein bissl sp├Ąt f├╝r eine positive antwort.

und dann h├Ątte mich noch interessiert, wie das gem├Ąlde hei├čt und von wem es ist.

liebe gr├╝├če
die kaffeehausintellektuelle

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kevin3
Hobbydichter
Registriert: Jan 2003

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Hi Kaffehausintelektuelle!

Danke f├╝rs Lesen, mit den Rechtschreibfehlern hast du nat├╝rlich recht.
Zur L├Ąnge: Diese Geschichte ist einer meiner k├╝rzesten!
Meine l├Ąngste Kurzgeschichte hat die bescheidene L├Ąnge von 23 Seiten!

Zum Rest deiner Kritik m├Âchte ich sagen, dass diese Geschichte stark autobiografisch ist, und ja, in meinem Wortschatz kommt das Wort "Toilette" zwischen "Titten" und "Tunte" auch vor!
Und ich w├╝rde mich mit meinen 17 Jahren auch als Jugendlicher bezeichnen. Oder hast du eine Abneigung gegen diese Gesellschaftsschicht? Und besonders die Frage, was nach dem Tod ist, bewegt mich und bringt mich des├Âfteren um den Schlaf.

Wie das Gem├Ąlde hei├čt und von wem es ist, wei├č ich ├╝brigens selbst nicht. Das Bild hat uns mal unsere Lehrerin gezeigt. ├ťbrigens glaube ich auch nicht, dass es sich bei den M├Ąnnern um Juden im 3. Reich handelte, obwohl ich es nicht ausschlie├čen kann.

Freut mich, dass du die Leere und Verzweiflung nachvollziehen konntest!

Gru├č Kev3!

@Flammarion

H├Ą├Ą├Ą├Ą├Ą├Ą├Ą├Ą???

N├Â, dass denk ich eigentlich nicht!
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Dominik Klama
Guest
Registriert: Not Yet

Das ist die Antwort

Bei dem Gem├Ąlde handelt es sich wohl um Folgendes:

Hier klicken

Richard Oelze: ÔÇ×Die ErwartungÔÇť (von 1935 bzw. 1936). Oelze war ein deutscher Maler, der in Paris lebte. Dieses ist sein ber├╝hmtestes und eines der legend├Ąren Bilder des zwanzigsten Jahrhunderts. Um Juden handelt es sich gewiss nicht, deren Vernichtung wurde erst ab 1938 bzw. 1941 aktuell. Oelze war auch keiner. Aber das Bild ist nat├╝rlich immer wieder als geniale Vorausahnung kommenden Unheils, des Zweiten Kriegs und der deutschen Katastrophe gedeutet worden. Typisch f├╝r Oelze sind die beunruhigenden Formen der Pflanzen, sie erinnern an Max Ernst, auch Oelze kann dem Surrealismus zugerechnet werden, wenn er, wie man hier ja sieht, auch von Neuer Sachlichkeit viel noch hatte. Das Bild entstand nach dem Prinzip der Collage, welche zwischen den Kriegen von K├╝nstlern allenthalben angewandt wurde. Die M├Ąnner sind nach einem eher belanglosen Zeitungsfoto gemalt, das Stra├čenpublikum bei einem ├Âffentlichen Ereignis zeigte. Vielleicht typisch f├╝r unseren Autor kevin3 ist, dass er die beiden Frauen auf dem Bild, von denen eine sogar vorn im verlorenen Profil zu sehen ist und mit den roten Blumen einen der wenigen Farbakzente ins Bild bringt, ganz vergessen hat.

Hm, ich fange schon fast an, mir Sorgen zu machen, ob ich kevins ÔÇ×Der nette MannÔÇť zu lieblos abgeurteilt habe. Jenes ist eine w├╝ste Vergewaltigungs- und Schlachterszene aus dem Keller eines Serienm├Ârders. Unter anderem hatte ich dem Autor verdr├Ąngte Sexfantasien aus der homosexuell masochistischen Richtung unterstellt. Dass er jung und Horror-Fan war, das war klar, ebenso, dass er Probleme mit der deutschen Orthografie hat. Aber damals wusste ich noch nicht, dass der Schreiber seinerzeit erst siebzehn gewesen ist und nur einen Monat lang (f├╝r f├╝nf Werke) hier in der Leselupe zu Gast. Er wird sich doch nichts angetan haben?

Nun, na ja, das glaube ich nicht. W├Ąre aber wohl interessant, ihn mit 25 wiederzutreffen, zu schauen, was aus ihm geworden ist, wie er zur├╝ckschaut auf seine damaligen Gef├╝hle.

Suppe Essen, auf der Couch liegen, Zeitung lesen, fernsehen, mit der Mutter telefonieren, rauchen, Bier trinken... na so stelle ich mir die letzten Stunden eines Suizid-Sch├╝lers nicht vor. Auch dass er, wieder, wie er sagt, zu weinen anf├Ąngt, weil alles jeden Tag gleich ist, sich dann sofort anstrengt, die Tr├Ąnen zu unterdr├╝cken und normal auszusehen, obwohl ihn keiner sehen kann. Kurz vor dem t├Âdlichen Sprung h├Ątte er das wohl anders gemacht. Er h├Ątte wahrscheinlich nicht geweint.

Nee, klingt jetzt vielleicht nicht so, aber dieser Junge hier, von dem der Autor sagt, weithin sei er das selbst, der wuchs mir ziemlich ans Herz beim Lesen. Inklusive seiner Rechtschreibschw├Ąche. Ich stelle auch immer wieder mal fest, dass all diese Goth- und Metal- und Horror-Knaben und ÔÇôM├Ądel meist einen ziemlich butterweichen Kern haben. Dass es eher drum geht, sich gepanzert aufzustellen, weil man in Folge gewisser ungem├╝tlicher Kindheits- und Jugenderfahrungen nur zu gut wei├č, wie schwach man im Grunde ist. Schad irgendwie, dass er weg ist, er mit seinen Metallica (kreisch!) und seinem schwulen Sexkiller (ÔÇ×Der nette MannÔÇť) und nicht mehr diskutieren kann mit mir, dem alten Schwulen mit dem Faible f├╝rs junge Gem├╝se.

Was halt irgendwie das Problem ist bei diesem Text: Dass mehr oder weniger alle Jugendlichen in dem Alter sich v├Âllig fehl am Platz auf der Welt f├╝hlen, mit dem Gedanken an Selbstmord flirten, sich ungeliebt glauben und wenigstens dann, wenigstens, wenn sie dann tot sind, wird es allen anderen mal richtig Leid tun, dass sie sie falsch verstanden und nie geliebt haben.

Das ist eine so landl├Ąufige Bewusstseinslage in diesem Alter, dass es schon x mal aufgeschrieben wurde und dass man schon schwer was drauf haben muss, auch und gerade was H├Ąrte und R├╝cksichtslosigkeit gegen├╝ber sich selbst angeht, das so ergreifend schreiben zu k├Ânnen, dass es so alte S├Ącke wie ich dann noch besonders ernst nehmen.

Er wuchert da ein wenig mit den dramatischen sozialen Umst├Ąnden in dieser Berliner Randwelt dieses Jungen:

> ÔÇ×Es kam fast jede Woche vor, dass ein Lehrer geschlagen oder mit einer Waffe bedroht wurde.ÔÇť

Na ja, ich wohne im friedlichen S├╝ddeutschland, wo Fuchs und Has sich gute Nacht sagen, aber DAS glaub ich nun nicht, dass in Berlin die Lehrer von nicht sehr weit f├╝hrenden Schulen w├Âchentlich von ihren Sch├╝lern geschlagen und mit t├Âdlichen Waffen bedroht werden. (Noch nicht. Das kommt erst noch, wenn die Politik noch zehn, zwanzig Jahre so weiter macht wie die zehn letzten.)

Wie man so einen Sozialwohnungsblock- und S├Ąufervater- und Immer-verpr├╝gelt-Werden-Horror ziemlich packend und ├╝berzeugend beschreibt, das, ich sagÔÇÖs schon zum dritten Mal, liest man am besten schnell mal nach in ÔÇ×So finster die NachtÔÇť, Roman von John Ajvide Lindqvist (Bastei-Taschenbuch, zirka 9 Euro). Und kevin, h├Ątt ich ihn noch erreicht, h├Ątte ich geraten, sich mehr mit den eigenen Fehlern und Schw├Ąchen auseinander zu setzen, einfach mal zu erz├Ąhlen, was da wirklich so geschieht. Aha, sie verpr├╝geln ihn? Wie l├Ąuft das ab? Wie hat das damals angefangen? Warum passiert ihm das immer wieder? Warum wissen die, dass sie es machen k├Ânnen mit ihm?

Tut irgendwie mehr weh, so etwas zu schreiben, als: dass man sterben m├Âchte.
F├╝hrt aber weiter.

(Tja, ich poste dann gleich noch ne Antwort. Da steht aber nur der Text noch mal drin. N├Ąmlich die Version davon, die ich mir hier in Word gebastelt habe, damit ich es in Ruhe lesen kann, ohne st├Ąndig an irgendwelchen Fehlern h├Ąngen zu bleiben. Also das lesen, wer es hier zuf├Ąllig sieht. Steht alles drin, was oben auch steht, blo├č paar Satzzeichen und scharfe S mehr.)

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Dominik Klama
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STORY MIT WENIGER FEHLERN (lesefreundliche Version)

1
Es war k├╝hl hier oben auf dem Dach des sechsst├Âckigen Hochhauses, in dem Dennis mit seiner Familie lebte. Ein leichter Wind ging. Dunkle Wolken verdeckten die abendliche Sonne. Es roch nach Regen. Dennis stand am Gel├Ąnder und betrachte den leeren Hinterhof unter ihm. Nur ein paar M├╝lltonnen, sonst nichts. Obwohl er eine dicke Jacke trug, fror er. Seine H├Ąnde umklammerten fest das Gel├Ąnder. Es war Donnerstag, der 5. November. Ein Tag wie jeder andere. So beschissen wie jeder andere, und so sinnlos wie jeder andere zuvor. Nur mit einem Unterschied. Einem gewaltigen. Es w├╝rde der letzte sein. Nicht f├╝r diese l├Ąngst verlorene Welt, sondern f├╝r ihn. Bald w├╝rde Dennis Geschichte sein. Niemand w├╝rde ihn vermissen. Bis auf seine Mutter. Sie war der einzige Mensch, der ihm etwas bedeutete. Sie w├╝rde um ihn trauern, jeden Tag sein Grab besuchen, bis sie selbst auf dem Friedhof liegen w├╝rde. Dennis bekam ein schlechtes Gewissen. Er w├╝rde ihr weh tun. Sie tief verletzen. Aber es ging nicht anders. Er konnte nicht mehr. Dies w├╝rde sein letzter Tag auf dieser Erde sein. Endg├╝ltig. Unwiderruflich.

Aus seiner Hosentasche holte er eine Packung Lucky Strike und ein Feuerzeug. Er rauchte seit drei Jahren. Erst eine Kippe am Tag, mittlerweile waren es fast zwei Schachteln. Er hatte einmal versucht aufzuh├Âren, aber es machte nicht viel Sinn. Schon damals, vor einem knappen Jahr, wusste er, das er bald sterben w├╝rde. Er w├╝rde dem Krebs zuvorkommen. Er holte eine Zigarette aus der Schachtel und z├╝ndete sie sich an. Dann steckte er die Schachtel wieder zur├╝ck in die Hosentasche. Er schaute sich die Kippe eine Zeitlang an. Es w├╝rde seine letzte sein. Seine Gedanken schweiften ab.




2
Dieser Tag hatte begonnen wie jeder andere. Morgens um sechs Uhr war er m├╝hsam aufgestanden. Er hatte die Nacht davor schlecht geschlafen. Er hatte geduscht und sich seine besten Klamotten angezogen. Er machte sich seine Haare (was ihm heute sinnlos vorkam) und packte seinen Schulranzen.

Als N├Ąchstes machte er seine Stereoanlage an. Harter Gitarrensound dr├Âhnte aus den Boxen. Es war Master of Puppets von Metallica. Eins seiner Lieblingslieder. Er hatte die CD zu seinem Geburtstag, von seiner Mutter, bekommen. Es war nicht allzu lange her, aber es kam ihm wie eine Ewigkeit vor. Beim Gedanken daran traten Tr├Ąnen in seine Augen. Es war vielleicht nicht das teuerste Geschenk, das er je bekommen hatte, aber es war das sch├Ânste und das, was ihm am meisten gefreut hatte. Er erinnerte sich wie gl├╝cklich er an jenem Tag war. Damals hatte er das Gef├╝hl gehabt, es w├╝rde sich alles zum Guten wenden. Er w├╝rde es schaffen, sich ver├Ąndern. Damals.

Dennis fing an zu weinen. Warme Tr├Ąnen flossen an seinen Wangen herunter und sammelten sich an seinem Kinn. Er steckte sich noch eine Kippe an und verlie├č die Wohnung. Bis zur Bushaltestelle brauchte er eine knappe Viertelstunde. Er lie├č sich Zeit. Sonst brauchte er nur zehn Minuten. Aber was spielte es f├╝r eine Rolle, ob er den Bus verpasste oder nicht. Im Grunde genommen war es schei├čegal. Dennis war aber noch rechtzeitig da. Der Bus kam sp├Ąter als sonst. Viele kleine Gruppen standen an der Haltestelle. Ein paar kleinere Kinder und Jugendliche ungef├Ąhr in seinem Alter. Sie beachteten ihn nicht. Das hatten sie noch nie getan. Dennis blieb allein f├╝r sich.

Er war froh, wenn man ihn in Ruhe lie├č. Das war an diesem Morgen zum Gl├╝ck der Fall. Manchmal machten ihn welche an oder nahmen ihm sein Geld weg. Heute schienen sie noch nicht einmal zu bemerken, dass er anwesend war.

Die Schule war ein weiterer Ort der Erniedrigung. Er hasste die Schule seit dem ersten Tag. Er ging auf eine Realschule ganz in der N├Ąhe seines Hauses. Mit dem Bus war er in zwanzig Minuten da. Als er die T├╝r zu seinem Klassenzimmer ├Âffnete, begr├╝├čte ihn Tom, einer seiner Klassenkammeraden.

ÔÇ×Na, Schwuchtel. Wie gehtÔÇÖs?ÔÇť, rief er. Ein paar M├Ądchen, die in der N├Ąhe standen, fingen an zu kichern.

ÔÇ×Lass mich in FriedenÔÇť, sagte Dennis und versuchte, so gelassen wie m├Âglich zu klingen. Tom ging auf ihn zu. Er war mindestens einen Kopf gr├Â├čer als Dennis und hatte ein verdammt breites Kreuz. Er packte Dennis am Kragen seiner Jacke und dr├╝ckte ihn gegen die Wand.

ÔÇ×Willst du mir sagen, was ich zu machen habe, kleiner Schei├čer? Willst du das?ÔÇť, fragte er und dr├╝ckte fester zu. Dennis brachte kein Wort heraus. Seine Knie zitterten. Es klingelte und der Lehrer kam ins Klassenzimmer. Tom lie├č ihn los.

Der Lehrer, Herr M├╝ller, war ein alter, gebrochener Mann, der auf seine Pension wartete und die letzten zwei Jahre keinen ├ärger mehr bekommen wollte. Er tat so, als h├Ątte er nichts gesehen. Dennis atmete tief durch und ging zu seinem Platz in der letzten Reihe. Sofort wurde es still.

ÔÇ×Guten MorgenÔÇť, sagte Herr M├╝ller und ├Âffnete seinen Aktenkoffer.

Von drau├čen h├Ąmmerte der Regen gegen die Fensterscheiben. Der Unterricht war langweilig und zu schwer f├╝r Dennis. Er kam nicht mit. Genau genommen war er noch nie mitgekommen, aber damals hatte er sich wenigstens bem├╝ht. Zum Gl├╝ck hatten sie nur f├╝nf Stunden. In der letzten Stunde hatten sie Englisch. Das langweiligste Fach von allen.

Zehn Minuten, bevor es klingeln w├╝rde und er dieses verfluchte Geb├Ąude nicht mehr betreten musste, meldete er sich und fragte, ob er auf die Toilette gehen d├╝rfe. Frau Ronnstein willigte ein. Dennis schritt mitten durch den Klassenraum, vorbei an kichernden M├Ądchen, die als heroins├╝chtige Nutten enden w├╝rden, an hasserf├╝llten Blicken von Vollidioten. Einer versuchte, ihm das Bein zustellen.

Aber l├Ąssig stieg Dennis dr├╝ber. Heute nicht, dachte er und verlie├č die Klasse. Der Flur war nur schwach beleuchtet und verlassen. Es passte zu DennisÔÇÖ Stimmung. Langsam schlenderte er weiter. Die Toiletten waren in der untersten Etage. ├ťberall lagen ausgetretene Zigarettenstummel auf dem Boden. An den W├Ąnden waren Graffitis. Es stank nach Pisse. Hier war Dennis oft zusammengeschlagen worden. Meist waren sie zu viert oder zu f├╝nft auf ihn zugekommen. Zwei hatten seine Arme festgehalten, einer passte auf, dass sie nicht gesehen wurden und einer schlug auf ihn ein. Manchmal, weil sie Geld wollten, oder aber einfach nur so zum Spa├č, wenn sie sich abreagieren wollten, wenn sie schlechte Noten geschrieben hatten. Schei├če, wie er dieser Wichser hasste! Es waren meist ├ältere und er hatte keine Chance sich irgendwie zu wehren. W├Ąre er zu einem Lehrer gegangen, w├Ąre alles nur noch schlimmer geworden, vielleicht h├Ątten sie ihn sogar umgebracht. Au├čerdem machten die Lehrer nichts. Sie hatten selber Angst. Es kam fast jede Woche vor, dass ein Lehrer geschlagen oder mit einer Waffe bedroht wurde. Dennis versuchte an was anderes zu denken und steckte sich eine Zigarette an. Er hatte noch nie in der Schule geraucht. Aber heute w├╝rde es keine Rolle spielen, ob er erwischt wurde oder nicht.

Pl├Âtzlich sah er Lisa vor seinem geistigen Auge. Er hatte sie lange nicht mehr gesehen. Es war seine erste gro├če Liebe gewesen. Sie hatte langes, braunes Haar gehabt und noch l├Ąngere Beine. Aber sie war letzten Sommer weggezogen. Raus aus Berlin. Irgendwo aufs Land. Sie war so was wie eine Freundin f├╝r Dennis gewesen. Sie hatte gesagt sie w├╝rde ihm schreiben, aber das hatte sie nicht getan. Monate hatte Dennis sehns├╝chtig auf einen Brief von ihr gewartet, jeden Tag wurde er entt├Ąuscht. Fahr zur H├Âlle, dachte er und sp├╝rte Hass aufsteigen. Das Gef├╝hl des Verlusts, das er versp├╝rt hatte, war l├Ąngst verschwunden. Jetzt hatte er nur noch Wut. Mehr nicht, nur erbitterte Wut. Dennis zog an seiner Zigarette. Er musste zur├╝ck in die Klasse. Es w├╝rde bald klingeln. Also warf er die Kippe weg und beeilte sich.

Gerade, als er die T├╝r ├Âffnete, l├Ąutete es. Er packte schnell seine Sachen zusammen und folgte den anderen aus dem Geb├Ąude. So ging sein letzter Schultag zu Ende. Es hatte aufgeh├Ârt zu regnen, es nieselte ein bisschen.

Um zwei Uhr kam Dennis nach Hause. Es war still. Verd├Ąchtig still. Der Fernseher, der normal lief, war nicht eingeschaltet. Im Flur blieb er bei einem Bild stehen. Es stach jedem Besucher sofort ins Auge. Es war gr├Â├čer als die anderen Gem├Ąlde und war alles andere als farbenfroh. Es entsprach nicht dem Stil seiner Mutter. Dennis fiel auf, dass er zwar unz├Ąhlige Male an diesem Bild vorbeigegangen war, es aber noch nie richtig betrachtet hatte. Es hatte keine Aussage f├╝r ihn gehabt. Das war in diesem Moment schlagartig anders. Das Bild zeigte eine Reihe von M├Ąnnern, allesamt in M├Ąnteln und mit Hut, was Dennis darauf schlie├čen lies, dass es aus den 20-iger oder 30-iger Jahren stammte, die alle in einer Reihe standen. Ihre Gesichter sah man nicht, weil sie dem Betrachter den R├╝cken zukehrten. Alle bis auf zwei M├Ąnner. Der eine schaute zur Seite und ein Mann hatte sich komplett umgedreht. Mit einem fragenden Gesicht blickte er Dennis jetzt an. Der Hintergrund des Gem├Ąldes war dunkel, wie auch die Kleidung der M├Ąnner. Der erste Gedanke, der Dennis durch den Kopf ging lautete Konzentrationslager. Und die M├Ąnner erinnerten ihn an die Juden.

Diese M├Ąnner werden, wie die Juden damals, wie L├Ąmmer zur Schlachtbank gef├╝hrt. Und alle lassen sich ohne Widerstand dorthin f├╝hren. Manche wissen noch nicht einmal was sie erwarten wird. Wenn sie es wissen, wird es zu sp├Ąt sein. Nur die beiden M├Ąnner erkannten die Gefahr, aber zum umkehren war es bereits zu sp├Ąt. Genauso erging es ihm, Dennis. Er sah die Gefahr in dieser Welt, die von Medien und falschen Idealen gelenkt wurde. Er hatte so lange wie m├Âglich versucht, gegen diesen Strom von Korruption, L├╝gen und Angst anzuschwimmen, doch er hatte genauso wenig Erfolg gehabt wie der Mann auf dem Bild, der ihn mit traurigen, ver├Ąngstigten Augen anschaute. Dennis fand mehr, dass er ihn regelrecht anflehte.

Er ging in die K├╝che, um sich etwas zu Essen zu machen. Im Schrank fand er noch eine T├╝tensuppe. Ihm war jetzt nach etwas Warmen. Er setzte Wasser auf und deckte den Tisch. Um sich die Zeit zu vertreiben, las er in der Zeitung. Ein kleines M├Ądchen wurde seit drei Tagen vermisst, eine Rentnerin wurde von einem Kampfhund angegriffen. Nichts Neues also. Dasselbe wie jeden Tag. In seinen Augen sammelten sich Tr├Ąnen. Seine Kehle f├╝hlte sich auf einmal wie zugeschn├╝rt an. Mit M├╝he unterdr├╝ckte er seine Gef├╝hle. Wie so oft.

Als die Suppe endlich fertig war, hatte er sich wieder beruhigt. Er hatte Hunger und die Suppe schmeckte relativ gut. Der Begriff Henkersmahlzeit kam ihm in den Sinn. Na und, was sollÔÇÖs, dachte er.

Nachdem er fertig gegessen hatte, ging er ins Wohnzimmer. Noch ein letztes Mal wollte er sich mit der Droge Fernsehen befassen. Ihm wurde bewusst, wie viel Zeit er mit ihr verschwendet hatte. Beschissenes Geschwafel von Talkshowmoderatoren und gestellte Interviews. Jetzt, wo er dar├╝ber nachdachte, mussten es mindestens drei bis vier Stunden am Tag gewesen sein.

An manchen auch mehr. Als er den Fernseher einschaltete, wurde er nicht entt├Ąuscht. Wieder eine dieser elenden Talkshows, in denen Verr├╝ckte zu noch verr├╝ckteren Zuschauern sprachen. Einer von diesen Zuschauern war Dennis, aber er war aufgewacht. Er hatte erkannt, was es f├╝r ein Schwachsinn war. F├╝r einen kurzen Moment war er daf├╝r dankbar. Er verbrachte die n├Ąchste halbe Stunde auf der Couch. Dann wollte er noch einmal die wenigen Freuden des Lebens genie├čen. Er ging schnellen Schrittes in die Vorratskammer. Der Raum war dunkel und k├╝hl. W├╝rste hingen von der Decke runter. Es roch nach F├Ąulnis. ├ťberall waren Spinnweben. Leichter Ekel ├╝berkam ihn. In der Vorratskammer bewahrten sie auch die Getr├Ąnke auf. Hinter dem Mineralwasserkasten, in der hintersten Ecke, fand Dennis, wonach er suchte. Bier. Er nahm sich zwei Flaschen und ging damit in sein Zimmer. Seine Mutter w├╝rde ausflippen, wenn sie bemerken w├╝rde, dass er sich Bier klaute und es auch noch in der Wohnung trank.

Er setzte sich an seinen Schreibtisch und versuchte, seine Mutter aus seinen Gedanken zu verdr├Ąngen. Er steckte sich eine Zigarette an. Nach dem ersten tiefen Zug musste er husten. Aber das Nikotin beruhigte ihn. Er bemerkte, dass seine H├Ąnde etwas zitterten.

Jetzt brauchte er noch etwas harte Musik. Also machte er seine Anlage an. Die Boxen begannen zu vibrieren. Auf dem Schreibtisch fand er einen Collageblock. Er riss eine noch unbeschriebene Seite heraus. Es sollte ein Abschiedsbrief werden. Das Schreiben fiel ihm leicht. Er bedankte sich bei seinen Eltern, weil sie versucht hatten, ihm das Bestm├Âgliche zu bieten. Dies waren die letzten Worte, die er schrieb.

Irgendwann am Nachmittag rief seine Mutter an und sagte ihm, dass sie erst sp├Ąter nach Hause kommen w├╝rde, weil sie erst noch einkaufen musste.

Von seinem Vater h├Ârte er nichts mehr. Wahrscheinlich w├╝rde er in einer stinkenden Kneipe abh├Ąngen und mit den Leuten, die er seine Freunde nannte, Poker spielen. Irgendwann nachts w├╝rde er nach Hause kommen, stockbesoffen und stinkend.



3
Es war an der Zeit. Jetzt w├╝rde ihn nichts mehr aufhalten. Erl├Âsung. Seine H├Ąnde klammerten sich noch fester um das Gel├Ąnder. In wenigen Augenblicken w├╝rde sein K├Ârper zermatscht auf der Stra├če liegen.

Vielleicht w├╝rde ihn irgendein Penner noch in dieser Nacht finden, wahrscheinlicher war aber, dass man ihn erst Morgen fand. Ein Kind aus der Nachbarschaft w├╝rde die grausige Entdeckung machen. Dennis Augen funkelten, als er daran dachte. Es befriedigte ihn. Aber erst mal musste er es tun. Er musste auf das Gel├Ąnder steigen und springen.

Was kommt nach dem Tod? Dieser Gedanke schoss ihn pl├Âtzlich durch den Kopf. Gab es einen Gott? Einen Himmel und eine H├Âlle und wenn ja, w├╝rde er in Gottes Reich kommen? Dennis war zwar katholisch, war aber selten in die Kirche gegangen. Meist nur an Weihnachten und Ostern. Schei├č drauf, sagte er sich. Er stieg auf das Gel├Ąnder. Wieder musste er an das Bild mit den M├Ąnnern denken. Es gab den n├Âtigen Impuls.

Hitze durchflutete seinen K├Ârper. Er hatte ein kribbelndes Gef├╝hl im Bauch. Der Wind fuhr ihm durchs Haar. Er atmete tief ein und aus. Mit der Hoffnung auf ein besseres Leben nach dem Tod sprang er. Er schrie nicht. In der Luft breitete er die Arme aus. Es sah aus wie ein Engel, der vom Himmel fiel. Bevor er auf dem Asphalt aufschlug, wurde er bewusstlos.



P.S:

Noch ein Zitat:

> ÔÇ×Nach dem ersten tiefen Zug musste er husten.ÔÇť

Wenn man t├Ąglich zwei Schachteln Zigaretten raucht, hustet man nicht mehr beim ersten Lungenzug. Man hustet manchmal, weil sich Schleim in den Bronchien angesammelt hatte, der zusammen mit dem eindringenden Rauch ein Verlangen nach Abhusten ausl├Âst.


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