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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ein Wiedersehen
Eingestellt am 15. 08. 2014 20:09


Autor
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James Blond
???
Registriert: Aug 2014

Werke: 451
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Die Messe war mehr als gut besucht. Ein endloser Strom von Besuchern schob sich durch die Hallen und staute sich vor den St├Ąnden. Es schien, als reiche die Luft nicht mehr zum Atmen. Nach einigen durchquerten Hallen brannten uns Hals und Augen. Ich versprach meiner Frau, etwas Trinkbares zu besorgen und dr├Ąngte zum Ausgang.

Als ich mich in einer langen Warteschlange vor einem Erfrischungsstand wiederfand, fiel der Blick auf einen Besucher, der an einem der winzigen Tischchen sa├č. Etwas an ihm schien mir seltsam vertraut. Ich musterte die hagere Gestalt, verfolgte ihre etwas schlaksigen Gesten, betrachtete die leicht abstehenden Ohren und erhaschte einen kurzen Blick auf das schmale Gesicht zwischen den silbernen Str├Ąhnen. Tats├Ąchlich: Das war Heinz-Dieter! Die Jahre hatten die vertrauten Gesichtsz├╝ge nicht zu entstellen vermocht.

Wir hatten die gesamte Schulzeit gemeinsam durchlaufen, als Einzige von der ersten Klasse bis zum Abitur. Heinz-Dieter war der Begabtere und seine Versetzung war nie gef├Ąhrdet gewesen. Das Abi machte er mit Bravour. Sein Vater war Studienrat und hatte stets ein wachsames Auge auf die schulischen Leistungen des Sohnes, die Mutter, eine anthroposophische Erscheinung, buk st├Ąndig Kuchen; es roch danach im ganzen Haus.

Heinz-Dieter war musisch begabt und spielte im Schulorchester. Das hielt ihn aber nicht davon ab, gemeinsam mit mir jede Menge Unsinn zu fabrizieren. Oft sah ich Panik in den elterlichen Gesichtern, wenn ich nach Heinz-Dieter fragte; oft hie├č es auch, er habe keine Zeit. Nach dem Abitur hatten wir uns aus den Augen verloren.

Vierzig Jahre sp├Ąter sa├č er tats├Ąchlich vor mir, ohne es zu ahnen. Mit der erworbenen Wasserflasche in der Hand baute ich mich vor ihm auf und sagte unvermittelt: "Was h├Ątte M├Âlli wohl zu einem solchen Auflauf gesagt? Die Masse 'Mensch' in h├Âchster Verdichtung?" ├ťberrascht blickte er auf und sah mich zun├Ąchst etwas ratlos an. Mit "M├Âlli" war M├Âllenhoff gemeint, unser Deutschlehrer in der Oberstufe. Der Spitzname sollte ihn auf die richtige Spur f├╝hren. Tats├Ąchlich leuchteten seine Augen nach einer Weile auf: "M├Âlli? - - J├Ârn?" Ich nickte und l├Ąchelte etwas verlegen, sagte aber nichts. Er l├Ąchelte, sichtlich ├╝berrascht und schwieg ebenfalls. So betrachteten wir uns eine Weile, bis wir die passenden Worte hervorgekramt hatten. "Wahnsinn!" - "Hier? Echt verr├╝ckt..." - "Wie lang ist das jetzt her?"

Bevor es ans Erz├Ąhlen ging, fiel mir meine Frau ein, die inzwischen halb verdurstet sein musste. Ich deutete auf meine Wasserflasche und dr├Ąngelte mich mit einem hastigen "Ich bin sofort zur├╝ck!" in die Menschenmenge. Als ich nach kurzer Zeit zur├╝ck kam, sa├č auf seinem Platz jemand anderes. Ich blickte mich um, konnte ihn aber nirgends mehr entdecken.

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Sebahoma
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Apr 2013

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Hallo James Blond,

mir gef├Ąllt der Stil des Textes sehr gut und ich habe ihn gerne gelesen. Besonders gelungen finde ich die kurzen Beschreibungen, bei denen ich sofort ein Bild im Kopf hatte. Zum Beispiel im ersten Absatz die Menschenmasse auf der Messe oder im zweiten, wenn der alte Freund wiedererkannt wird. Das finde ich gut gemacht.

Dass er den alten Freund so anspricht, finde ich auch sehr passend. Allerdings h├Ątte ich erwartet, dass die W├Ârter "Masse" und "Verdichtung" die des Chemielehrers gewesen sind.
Aber das ist nur eine Kleinigkeit.

Gelungen finde ich dann wieder den Schluss, wenn der alte Freund weg ist. Bei mir l├Âste das Gedanken aus, warum er wohl nicht mehr da ist, was dem Text zus├Ątzliche W├╝rze gibt. Vielleicht k├Ânnte man im Text noch mehr andeuten, als dass er ein ausgezeichnetes Abi und trotzdem gerne Unsinn gemacht hat. Ich wei├č aber nicht, ob das dann nicht zu viel w├Ąre.

Gru├č, Sebahoma

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USch
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo James,
nette kleine story. Hier w├╝rde ich noch mal nachdenken:

quote:
... die Mutter, eine anthroposophische Erscheinung,
Was ist eine anthroposophische Erscheinung? Eine in selbstgestricktem Pullover herumlaufende Person ohne Fernseher? (das meine ich ironisch).
W├╝rde ich durch was anderes ersetzen, da das Wesen der A. wohl nicht jedem gel├Ąufig ist. Ich wei├č ├╝ber Anthroposophie bescheid, doch ich finde diese Charakterisierung nicht klar genug und nicht zielf├╝hrend f├╝r die story.
LG USch

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James Blond
???
Registriert: Aug 2014

Werke: 451
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Vielen Dank, liebe Sebahoma,

dass Du diese recht undramatische Geschichte so einf├╝hlsam und ausf├╝hrlich kommentiert hast. Und Deinen Tipp mit dem Chemielehrer finde ich ausgezeichnet. Unser Deutschlehrer war ein Fan des Philosophen Ortega y Gasset und hatte uns seinerzeit viel ├╝ber den Massenmenschen der Moderne vorgetragen.

Abi mit Bravour:
Sehr gute Schulleistungen, doch kein Streber: genau das wollte ich ausdr├╝cken.

Sch├Ân, dass Dir der Schluss gef├Ąllt, denn der ist zweifellos frustierend: Das muss man erst einmal verdauen k├Ânnen! Und genau das ist beabsichtigt: Der Leser bleibt (wie der Autor) am Ende ratlos zur├╝ck und beginnt zu gr├╝beln. Das Gemeine: Es kann ganz verschiedene Gr├╝nde haben: Vielleicht ist er gefl├╝chtet, vielleicht hielt er mein Verschwinden nur f├╝r eine Ausrede. Aber that's life: Es passiert einiges, das wir uns nicht befriedigend deuten k├Ânnen und wir m├╝ssen zusehen, wie wir mit der verbliebenen Ungewissheit klar kommen.


Hi lieber Uwe,
danke f├╝r Dein feedback!

Was die "anthroposophische Erscheinung" anbelangt, lagst Du mit deiner Vermutung goldrichtig. Es ging mir dabei um das wohlbeh├╝tende Elternhaus. Dabei spielt das Wesen der A. weniger eine Rolle als die heimelige und f├╝r mich zugleich etwas fremdartige Athmosph├Ąre, die sich auch an der (f├╝r mich damals) ungew├Âhnlichen Ern├Ąhrung zeigte. Zielf├╝hrend insofern, als dass sich die Geruchserinnerungen als erstes melden: Wie ich ihn da sitzen sah, hatte ich sofort wieder den typischen Geruch seines Elternhauses in der Nase.


LG JB

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USch
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo James,
ich w├╝rde das Wort anthroposophisch trotzdem streichen oder ersetzen. Immer mehr, auch moderne Eltern schicken heute ihre Kinder auf Steiner- oder Montessori-Schulen, weil das Musische in den Staatsschulen viel zu kurz kommt. Auch die Eurythmie der Steiner-Schulen macht Sinn, weil Bewegung im h├Ąufig ausfallenden Sportunterricht im allgemeinbildenden Schulsystem oft zu kurz kommt, die Stunden immer mehr zusammengestrichen werden.
Du k├Ânntest da mit dem Wort in die Irre f├╝hren, wenn du die alte verstaubte Version der Steinerschulen meinst. Es werden nicht viele wissen, was damals war und heute Sache ist.
LG USch

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James Blond
???
Registriert: Aug 2014

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Lieber Uwe,

ich denke nicht daran, den Begriff "anthroposophische Erscheinung" wegzunehmen, ungeachtet der Tatsache, dass mein eigenes Kind in einem von Anthroposophen gef├╝hrten Kindergarten gegangen ist.

Ich habe den Begriff nicht abwertend gebraucht, sondern charakterisierend und Du selbst hast zu erkennen gegeben, dass Du genau verstehst, was gemeint ist.

So what?

Vielleicht sollten wir abwarten, bis die Irregef├╝hrten sich melden.


LG JB

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